Archiv der Kategorie: News

Reportagen und Berichte von Gerd Müller/GMC Photopress

BIO SLOW FOOD VOM ZÜRCHER-SEEFELD

Im Zürcher Seefeld beim Bahnhof Tiefenbrunnen gibt es seit dem 1. Juli dieses Jahres einen kleinen Bio Slow Food Anbieter, der sich bewusst an die Nachbarn in der Umgebung des Kreis 8 richtet. So sollen die Bio-Kräuter und Salate ohne weitere CO2-Emmissionen täglich frisch zu den Kunden gebracht werden. Man kann sich die Bio-Kräuter auch in Portionen nach Hause oder zum Grilleren an den See bestellen und einen Treffpunkt vereinbaren.

Bio Slow Food aus Zürich-Seefeld: Holen sie sich täglich frisch gesundes Essen auf den Tisch
Steckling Kopfsalat gross (20 cm breite, runde, braune Plastiktöpfe) à Fr. 9.-
Rosemarintopf gross (30 cm breite, runde braune massive Plastik-Töpfe) für Fr. 28.-
oder frisch geschnittene Grill-Portionen à 25 gr. für Fr. 3.80
Jerry-Tomaten-Stecklinge klein (10 – 14 cm runde , braune Töpfe) à Fr. 9.50
Salbei-Stecklinge klein (8 cm breite, schwarze, rechteckige Plastiktöpfe) à Fr. 6.50
Roter Salat Stecklinge klein (14 cm runde Töpfe braun) à Fr. 9.50
Grüner Kopfsalat Stecklinge klein ( 8 cm Plastiktöpfe rechteckig schwarz) à Fr. 6.50
Thymian-Stecklinge klein (14 cm runde braune Töpfe) à Fr. 9.50
Pepperoni kleine Stecklinge à Fr. 5.50

Radieschen / Radish Stecklinge à Fr. 4.50

Der Bio Slow Food Herbal Garden ist im Kreis 8 und das Büro an der Seefeldstrasse 255, direkt beim Bahnhof Tiefenbrunnen (S6, Tram 2/4) und unter der Email-Adresse gmc1@gmx.ch erreichbar (noch kein Ladenlokal – daher Voranmeldung nötig).

Hauslieferungen im Quartier (Kreis 8) sind gegen Aufpreis auch an Wochenden und Abends bis 20.00 Uhr mit einem Lieferzuschlag von Fr. 10.- möglich. In diesem Fall wählen Sie bitte die Tel. Nr. 076 612 19 62. Besten Dank für Ihr Interesse. En guete mitenand.

Schweizer Agrarhandelsplatz hat massive Menschenrechtsprobleme

Acht Jahre nach dem bahnbrechenden Rohstoffbuch über „unsere“ Öl- und Kohlehändler publiziert Public Eye eine Pionieranalyse der Schweiz als Drehscheibe im globalen Agrarrohstoffhandel. Demnach wird heute die Hälfte des weltweiten Getreides, 40 Prozent des Zuckers und jede dritte Kakao- sowie Kaffeebohne über am Genfersee oder in der Zentralschweiz domizilierte Firmen gehandelt. Deren zunehmende Marktmacht und ihre Ausdehnung in den Anbau von Agrarrohstoffen hat Hungerlöhne, Landraub oder Korruption zur Folge. Immer wieder kommt es auch zu undurchsichtigen Deals wie dem Public Eye vorliegenden „Memorandum of Understanding“, mittels welchem der Kanton Genf 2017 COFCO, den staatlichen Agrarhandelsarm von China, nach Genf lockte.
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat sich die Schweiz in den letzten Jahrzehnten zum führenden Handelsplatz für Agrarrohstoffe entwickelt. Von den rund 500 zwischen Genfer- und Zugersee domizilierten Rohstoffhändlern haben sich etwa 150 entweder auf Landwirtschaftsprodukte spezialisiert oder führen diese zumindest im Portfolio. Glencore und Trafigura sind inzwischen – auch dank Public Eye – keine Unbekannten mehr, doch wer hat schon von ADM, Bunge, Cargill oder gar COFCO gehört? Dabei erzielen diese Handelsriesen fast ebenso grosse Umsätze und verschulden in der Produktion von Soja, Kaffee, Baumwolle oder Zucker auch diverse Menschenrechtsverletzungen. Die Lieferketten der ehemals reinen Handelshäuser reichen mittlerweile «vom Acker bis auf den Teller», und viele besitzen gar eigenes Anbauland.

Damit mutieren sie zunehmend zu «Global Value Chain Managers». Ihre Marktmacht und Gewinnoptimierung führen vielerorts zu Menschenrechtsverletzungen. Entlang globaler Wertschöpfungsketten bestimmen die Handelskonzerne, was unter welchen Bedingungen angebaut und wie viel dafür bezahlt wird. Den Menschen, die diese Produkte anbauen, fehlen hingegen jegliche Mittel zur Durchsetzung fairer Vertrags- und Arbeitsbedingungen. Diese Asymmetrie hat gravierende Folgen, die von Zwangs- und Kinderarbeit über Gesundheitsgefahren durch Pestizide und die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Abholzung oder Landaneignungen bis hin zu Steuervergehen und Korruption reichen. Mehrere Dutzend Fälle betreffen Schweizer Agrarhändler.

Dies zeigt der Bericht «Agricultural Commodity Traders in Switzerland: Benefitting from Misery?». Die Pionieranalyse durchleuchtet die Strukturen und Aktivitäten von 16 Branchenführern, die entweder ihren Hauptsitz oder zentrale Handelsabteilungen in der Schweiz haben und durch Zukäufe oder Fusionen zu integrierten Agrarkonglomeraten geworden sind. Zu den Faktoren, welche die Schweiz auch für diese Branche attraktiv machen, gehören neben der fehlenden Regulierung bezüglich Transparenz und Menschenrechtsschutz im Ausland auch diskrete Steuerdeals. Ein solcher steht auch im Zentrum des von Public Eye mittels Öffentlichkeitsrecht erwirkten «Memorandum of Understanding» (MoU) zwischen dem Kanton Genf und der COFCO-Gruppe, Chinas grösstem und staatlich kontrollierten Lebensmittelkonzern mit Hauptsitz in Peking. Dort unterzeichnete der umstrittene Genfer Staatsrat Pierre Maudet am 13. Mai 2017 ein MoU, welches COFCO die «aktive Unterstützung im Dialog mit unseren Steuerbehörden» zusichert. Im Gegenzug eröffnete COFCO seinen globalen Handelshauptsitz in Genf.

Die Ansiedlung des mit fast 40 Milliarden Franken Umsatz bereits fünftgrössten «Schweizer» Agrarhändlers unterstreicht nicht nur die handelspolitische und geostrategische Bedeutung des Schweizer Rohstoffplatzes. Der Aufstieg via Genf von Akteuren wie COFCO, deren undurchsichtige Geschäfte und diversen Menschenrechtsverletzungen besonders hellhörig machen müssten, zeigt, dass Transparenz und eine Sorgfaltsprüfungspflicht, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative verlangt, auch in diesem Sektor nötig ist. Die Schweiz als Sitzstaat vieler der weltweit wichtigsten Agrarhändler ist hier besonders gefordert. Quelle: Public Eye

Hitzewellen von menschgemachtem Klimawandel verursacht

Ohne den vom Menschen ausgelösten Klimawandel hätte es eine so grosse Fläche, die gleichzeitig von Hitze betroffen war wie im letzten Sommer, nicht gegeben. Das schliessen Klimaforscherinnen der ETH Zürich aus Beobachtungs- und Modelldaten.

Von Peter Rüegg.

Der vergangene Sommer bleibt vielen Menschen in Erinnerung, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in weiten Teilen Europas, Nordamerikas und Asiens. Vielerorts war es gleichzeitig so heiss, dass Menschen an Hitzeschlägen starben, die Stromproduktion gesenkt werden musste, Schienen und Strassen schmolzen und Wälder in Flammen aufgingen. Das Gravierende: Nicht nur ein Gebiet wie der Mittelmeerraum war von Hitze betroffen, sondern viele Regionen gleichzeitig, in den gemässigten Breiten und dem hohen Norden.

ETH-Forschende kommen nun zum Schluss: Solche gleichzeitig über mehrere Monate von Hitze betroffene Gebiete sind nur aufgrund des vom Menschen in Gang gesetzten Klimawandels möglich. Dies zeigt eine aktuelle Studie, die die ETH-Klimaforscherin Martha Vogel heute in Wien an einer Pressekonferenz der European Geosciences Union vorgestellt hat. Die dazugehörende wissenschaftliche Publikation ist derzeit noch in Begutachtung bei einer Fachzeitschrift.

Modelle und Beobachtungen analysiert

In dieser Studie befasste sich Vogel aus dem Team von ETH-Professorin Sonia Seneviratne mit der Hitzeperiode, die von Mai bis Juli 2018 weite Teile der Nordhalbkugel nördlich des 30. Breitengrades heimsuchte. Die Forschenden konzentrierten sich auf die Schlüsselregionen für die Landwirtschaft oder dicht besiedelte Gebiete. Ausserdem untersuchten sie, wie sich grossflächige Hitzewellen im Zuge der Klimaerwärmung entwickeln könnten.

Dazu analysierten die Forscherinnen und Forscher beobachtungsbasierte Daten von 1958 bis 2018. Weiter simulierten sie die geografische Ausdehnung, die Hitzewellen bis Ende des Jahrhunderts bei weiter steigenden Temperaturen erreichen könnten.

Hitzefläche breitete sich massiv aus

Die Auswertung der Daten aus dem letzten Hitzesommer zeigt, dass zwischen Mai und Juli im Tagesdurchschnitt 22 Prozent der besiedelten oder landwirtschaftlich genutzten Fläche der Nordhemisphäre gleichzeitig von extrem hohen Temperaturen betroffen waren. Die Hitze betraf mindestens 17 Länder, von Kanada über die USA bis Russland, Japan und Südkorea.

Die Messdaten zeigten den Forscherinnen, dass solch grossflächige Hitzewellen in der Nordhemisphäre erstmals 2010 auftraten, dann wieder 2012, und nun 2018. Davor jedoch registrierten Forschende keine solch grossen Gebiete, die zeitgleich von Hitze betroffen waren.

Grossflächige Hitzeextreme immer wahrscheinlicher

Modellrechnungen bestätigen diesen Trend. Grossflächige Hitzeextreme werden immer wahrscheinlicher, je wärmer es auf der Erde wird. Die Flächen in den landwirtschaftlichen Schlüsselregionen oder dicht besiedelten Gebieten der nördlichen Hemisphäre, die gleichzeitig von Hitze betroffen sind, werden laut Modellprojektionen um 16 Prozent pro Grad globale Temperaturerhöhung zunehmen. Nimmt die globale Erwärmung weiter zu und erreicht 1,5 Grad Celsius mehr gegenüber der vorindustriellen Zeit, dann wird für einen Viertel der Nordhemisphäre jeder zweite Sommer so heiss wie 2018. Bei einer globalen Erwärmung von 2 Grad liegt die Wahrscheinlichkeit für so ein Hitzeereignis bei nahezu 100 Prozent. Das heisst, dass fast jedes Jahr eine Fläche wie jene von 2018 von extremer Hitze betroffen sein würde.

«Ohne den vom Menschen angestossenen Klimawandel wäre nicht eine so grosse Fläche gleichzeitig von Hitze betroffen wie in 2018», sagt Martha Vogel. Sie findet die Tatsache, dass bei 2 Grad globaler Erwärmung fast jährlich eine solch grosse Fläche wie im vergangenen Sommer von Hitzeextremen betroffen sein könnten, alarmierend: «Wenn künftig mehr und mehr Flächen in landwirtschaftlichen Schlüsselregionen und dicht besiedelten Regionen gleichzeitig von Hitze betroffen sind, kann das gravierende Konsequenzen haben.»

Hitze gefährdet Ernährungssicherheit

«Sind gleichzeitig mehrere Länder von solchen Naturkatastrophen betroffen, ist keine gegenseitige Hilfe mehr möglich», ergänzt Sonia Seneviratne. Dies hätten die Waldbrände 2018 in Schweden aufgezeigt: Noch konnten mehrere Länder mit Infrastruktur zur Brandbekämpfung aushelfen. Kämpfen jedoch gleichzeitig mehrere Nationen gegen grosse Waldbrände, dann könnten sie andere betroffene Länder nicht mehr unterstützen.

Kritisch könnte es auch für die Ernährungslage werden. Sind weite für die Landwirtschaft zentrale Regionen von Hitze betroffen, könnten Erträge grossflächig einbrechen und Lebensmittel massiv verteuern. Dass dies keine allzu pessimistischen Annahmen sind, darauf weist die Hitzewelle von 2010 in Russland und der Ukraine hin. Damals stellte Russland den Export von Weizen komplett ein. Auf dem Weltmarkt stiegen die Weizenpreise an. In Pakistan, einer der Hauptimporteure für russischen Weizen, stieg der Weizenpreis um 16 Prozent. Weil gleichzeitig die pakistanische Regierung Verbilligungen von Lebensmitteln reduzierte, nahm gemäss einem Bericht der Hilfsorganisation Oxfam die Armut zwischenzeitlich um 1,6 Prozent zu.

«Solche Vorkommnisse lassen sich nicht auf der Ebene einzelner Länder lösen. Letztlich könnten grossflächige Extremereignisse die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch von uns hier in der Schweiz gefährden», betont Seneviratne.

Der Klimawandel stabilisiere sich nicht, wenn wir uns nicht sehr anstrengten, sagt sie weiter. Im Moment steuern wir auf eine Drei-Grad-Erwärmung zu. Das Pariser Abkommen strebt eine Obergrenze von 1,5 Grad an. «Und bereits von dem einen Grad, um das die globale Durchschnittstemperatur seit vorindustrieller Zeit gestiegen ist, sind die Konsequenzen deutlich spürbar», sagt die ETH-Professorin.

Literaturhinweis

Vogel MM, Zscheischler J, Wartenburger R, Dee D, Seneviratne SI. Concurrent 2018 hot extremes across Northern Hemisphere due to human-induced climate change. Earth’s Future, in review. 

Warum es die Konzernverantwortungsinitiative braucht

Glencore vergiftet Flüsse in Kolumbien und die Luft in Sambia. Der Basler Konzern Syngenta verkauft tödliche Pestizide, die bei uns schon lange verboten sind. Und der Zementriese LafargeHolcim geschäftete mit der Terrormiliz IS. Auch in der Goldbranche kommen immer wieder dreckige und menschenverachtende Geschäftspraktiken zu Tage wie das Beispiel MKS in Genf zeigt. Immer wieder verletzen Konzerne mit Sitz in der Schweiz die Menschenrechte und ignorieren minimale Umweltstandards. Die Konzernverantwortungsinitiative verhindert, dass dies weiterhin passiert und die Umwelt zerstört wird. Am 29. Juni ist der 2. Nationale Aktionstag.

Es gibt Konzerne mit Sitz in der Schweiz, die Menschenrechte und internationale Umweltstandards verletzen. So zum Beispiel in die in Genf ansässige MKS, der weltweit tätigen MKS Pamp-Gruppe mit Sitz in Amsterdam. Der Konzern mit Schweizer Wurzeln veredelt dreckiges Gold aus Tansania. Das Sicherheitspersonal des Minenbetreibers Acacia und die lokale Polizei erschossen nach Angaben und Dokumenten der kanadischen Nichtregierungsorganisation Mining Watch 22 Personen in den letzten zwei Jahren.

Ein weiteres Problem ist das Abwasser der Mine: Die Zyanid- und Arsenkonzentration im Grundwasser sei schädlich hielt die Universität in Dar es Salam schon vor zehn Jahren fest. Geschehen ist wenig. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth bezeichnet in seinem neuen Buch „Goldwäsche – die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandels“ die Prüfungen als „reine Papiertiger“.

Auch Glencore vergiftet Flüsse in Kolumbien, vertreibt mit Gewalt indigene Bäuerinnen in Peru und schädigt Menschen in Sambia mit ätzenden Schwefeldioxidwolken – ohne Konsequenzen befürchten. So betreibt Glencore in Cerrejón eine der weltweit grössten Kohleminen im Tagebau. Der Kohleabbau auf 70‘000 Hektaren (dreifache Fläche des Kantons Zug) führt zu hoher Feinstaubbelastung und Industrieabwasser verschmutzt den Fluss Ranchería. Dieser versorgt rund 450‘000 Menschen mit Wasser. Die hohen Schwermetallkonzentrationen schädigen vor allem die indigenen Wayuu-Gemeinschaften. Lokale Ärzt/innen beobachten viele Fälle von Brust- und Lungenkrebs.

Auch das Kupferschmelzwerk von Mopani ist immer wieder in den Schlagzeilen, weil seine Abgase das hoch giftige Schwefeldioxid enthalten. Die «SRF Rundschau» hat mehrere Todesfälle dokumentiert, welche Ärzte auf das Glencore-Werk zurückführen. Dank Druck auf Glencore hat sich die Situation etwas verbessert, aber auch heute überschreiten die Abgase die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO immer wieder. Bewohner/innen der Minenstadt schildern, wie giftige Wolken durch die angrenzenden Quartiere wabern.

Die Liste der Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung lässt sich beliebig fortsetzen und am Ende dieses Berichtes sind weitere Beispiele erwähnt. Die Manager grosser Konzerne wissen genau, wo ihre Geschäfte mit den Menschenrechten in Konflikt stehen. Doch manche von ihnen gewichten den Profit höher als den Schutz von Mensch und Umwelt. Deshalb braucht es die Konzernverantwortungsinitiative.

Die Initiative kommt bei rund 1500 Konzernen zur Anwendung. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU bis 250 Mitarbeiter/innen) sind von der Initiative ausgenommen, ausser sie sind in Hochrisiko-Sektoren tätig (z.B. Goldhandel). Diese Ausnahme für KMU ergibt Sinn, denn eine Schweizer Bäckerei oder der Schuhmacher verletzen keine Menschenrechte oder Umweltstandards.

Wie funktioniert die Initiative und für wen gilt sie?

Wer einen Schaden anrichtet, soll dafür geradestehen. Deshalb sollen Menschen, die im Ausland von Konzernen geschädigt wurden, hier in der Schweiz eine Klage einreichen können. Die Konzerne müssen neu für Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverschmutzung ihrer Tochterfirmen haften. Einfache Zulieferer sind ausgenommen. Mit der Initiative können Betroffene in der Schweiz vor einem Zivilgericht auf Schadenersatz klagen und eine finanzielle Kompensation für den erlittenen Schaden einfordern. Die Beweislast liegt dabei bei der geschädigten Person. Sie muss aufzeigen, dass sie einen Schaden erlitten hat, dieser widerrechtlich (Verstoss gegen Menschenrechte oder internationale Umweltstandards) entstanden ist, der Konzern dafür verantwortlich ist und der Konzern die entsprechende Tochterfirma kontrolliert. Kann die geschädigte Person alle diese Punkte nachweisen,  bleibt dem Konzern die Möglichkeit, sich aus der Haftung zu befreien. Er muss nachweisen, dass er die Verantwortung gegenüber seiner Tochterfirma wahrgenommen hat, also alle nötigen Instruktionen und Kontrollen durchführte. Bereits heute sind Zivilprozesse mit Auslandbezug für Schweizer Gerichte an der Tagesordnung, die Initiative greift mit der zivilrechtlichen Haftung also auf ein bewährtes Mittel zurück. Die Hürden für Zivilklagen sind ziemlich hoch. Es ist deshalb klar, dass Geschädigte Hilfe von NGOs und Anwält/innen brauchen. Wie können geschädigte Opfer Wiedergutmachung erlangen?

Wer unterstützt die Initiative?

Die Konzernverantwortungsinitiative wird von 114 Hilfswerken, Frauen-, Menschenrechts- und Umweltorganisationen, kirchlichen, genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Vereinigungen sowie Aktionärsverbänden unterstützt. Zudem stehen das «Wirtschaftskomitee für verantwortungsvolle Unternehmen» und die Plattform «Kirche für Konzernverantwortung» hinter der Initiative.

«Der von der Initiative geforderte Haftungsmechanismus ist nichts Exotisches, in diversen Ländern ist es bereits möglich, Unternehmen für Machenschaften im Ausland haftbar zu machen.»  von Giusep Nay, alt Bundesgerichtspräsident und Mitglied des Initiativkomitees der Konzernverantwortungsinitiative

«Wegen der Schwäche der lokalen Gerichte bleiben schwere Menschenrechtsverletzungen und Umweltverbrechen von Konzernen und ihren Tochterfirmen meist ohne jegliche Sanktionen. Deshalb braucht es die Konzernverantwortungsinitiative.» Dick Marty, alt Ständerat FDP und Co-Präsident Initiativkomitee

Wie können geschädigte Wiedergutmachung erlangen?

Mit der Initiative können Betroffene in der Schweiz vor einem Zivilgericht auf Schadenersatz klagen und eine finanzielle Kompensation für den erlittenen Schaden einfordern. Die Beweislast liegt dabei bei der geschädigten Person. Sie muss aufzeigen, dass sie einen Schaden erlitten hat, dieser widerrechtlich (Verstoss gegen Menschenrechte oder internationale Umweltstandards) entstanden ist, der Konzern dafür verantwortlich ist und der Konzern die entsprechende Tochterfirma kontrolliert.

Kann die geschädigte Person alle diese Punkte nachweisen, bleibt dem Konzern die Möglichkeit, sich aus der Haftung zu befreien. Er muss nachweisen, dass er die Verantwortung gegenüber seiner Tochterfirma wahrgenommen hat, also alle nötigen Instruktionen und Kontrollen durchführte. Bereits heute sind Zivilprozesse mit Auslandbezug für Schweizer Gerichte an der Tagesordnung, die Initiative greift mit der zivilrechtlichen Haftung also auf ein bewährtes Mittel zurück. Die Hürden für Zivilklagen sind ziemlich hoch. Es ist deshalb klar, dass Geschädigte Hilfe von NGOs und Anwält/innen brauchen.

Weitere Beispiele von Missständen

Gewalt in Peru Verstörende Filmaufnahmen aus Peru zeigen, wie Glencore-Wachmänner 2018 über die Weihnachtstage indigene Bäuerinnen mit Steinen bewarfen, um sie von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Es handelt sich um die gleiche Mine, die bereits im April 2018 in den Schlagzeilen war: Schon damals vertrieben Polizisten und Glencore-Angestellte peruanische Frauen mit Gewalt, um ihre Kupfer-Mine zu vergrössern – koste es was es wolle.

Rund 800 Landarbeiter wurden vergiftet, als sie auf Baumwollfeldern Pestizide ausbrachten. Über zwanzig von ihnen starben. Ein dafür mitverantwortliches Insektizid stammt aus der Schweiz: Syngenta exportierte 126,5 Tonnen des Pestizids «Polo», das im Wallis hergestellt wird. Dieses enthält den Wirkstoff Diafenthurion, der hierzulande wegen seiner Gefährlichkeit für Gesundheit und Umwelt längst verboten ist.

LafargeHolcim finanzierte die Terrormiliz IS Die französische Justiz ermittelt wegen Terrorfinanzierung gegen den Konzern. Dieser finanzierte zwischen 2012 und 2015 die Terrormiliz «Islamischer Staat», um ein Zementwerk in Jalabiya, im Nordosten Syriens, aufrechterhalten zu können. Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass einige Manager sogar inmitten von Kriegsgebieten den Profit höher gewichten als ein Mindestmass an Verantwortung.

Interholco holzt intakten  Regenwald ab Interholco, ein internationaler Holzkonzern mit Sitz im Kanton Zug verfügt im Norden der Republik Kongo über eine riesige Holzschlag-Konzession. Das Konzessionsgebiet der Tochterfirma IFO entspricht mehr als einem Viertel der Fläche der Schweiz. Interholco schlägt für Tropenhölzer Strassen in den intakten Regenwald und gefährdet den vom Aussterben bedrohten Flachlandgorilla. Die Strassen mitten durch den vorher unberührten Regenwald führen zu einem Anstieg der Wilderei und zu riesigen Waldbränden.

Die Rundschau des Schweizer Fernsehens hat neue, erschütternde Enthüllungen veröffentlicht: Seit fast 20 Jahren vergiftet Glencore die Bevölkerung rund um ihre Mine in Mufulira (Sambia) mit ätzendem Schwefeldioxid.

Swiss Deluxe Hotels steigern Logiernächte und Umsatz im Jahr 2018

Zürich, 21. März 2019 – Nach den bereits stark angestiegenen Übernachtungszahlen in den Swiss Deluxe Hotels im Jahr 2017 konnte im letzten Jahr erneut ein Wachstum von 3.45 Prozent auf total 1’229’448 Logiernächte verzeichnet werden. Das Wachstum zieht sich durch alle Schlüsselmärkte, wenn auch moderater und ausgeglichener als im Vorjahr. Der Schweizer Heimmarkt – nach wie vor der mit Abstand grösste Markt – bleibt stabil und hat die sehr guten Vorjahreszahlen bestätigt. Erneut kräftig zugelegt haben die USA inkl. Kanada sowie die Staaten der Golfregion. Der konsolidierte Umsatz über die ganze Gruppe stieg um 4.55 Prozent auf CHF 1.52 Mrd. an .

Die Swiss Deluxe Hotels weisen für das Jahr 2018 ein Total von 1’229’448 Logiernächten aus, was einem Netto-Wachstum von 3.45 Prozent entspricht. Dabei wurde berücksichtigt, dass im Jahr 2018 die beiden Hotels Palace Luzern und Eden au Lac in Zürich wegen Umbauarbeiten geschlossen blieben. Das heisst, die Zahlen der beiden Hotels wurden bei den Berechnungen der Differenz zu 2017 nicht mit einbezogen. Der Gesamtmarkt der Hotellerie in der Schweiz hat im ähnlichen Umfang – nämlich um plus 3.8 Prozent – zugelegt. Die Schweizer Hotellerie erreichte damit 2018 mit insgesamt 38.8 Millionen Logiernächten einen Rekordstand.

Schweizer Heimmarkt und Deutschland wachsen moderat Damit konnten die Swiss Deluxe Hotels im vergangenen Jahr ein moderates, aber dennoch stabiles Wachstum über fast alle Schlüsselmärkte erzielen. Die Gäste aus der Schweiz sind mit über 357’000 Logiernächten immer noch für knapp 30 Prozent der Logiernächte verantwortlich, und die Anzahl Übernachtungen ist nochmals um 1.7 Prozent gestiegen. Das ist eine erfreulich stabile Entwicklung, die die Bedeutung des heimischen Marktes unterstreicht. Deutschland hat 2017 mit plus 22 Prozent ein grosses Comeback gefeiert. Letztes Jahr fiel das Wachstum mit plus 1.6 Prozent wieder deutlich moderater aus. Aber auch das zeigt eine stabile und gesunde Entwicklung, die weiter nach oben zeigt.

USA und Golfregion mit konstantem Wachstum Die USA legen mit 8.6 Prozent erneut stark zu und behaupten ihre Position als grösster ausländischer Markt. Auch wenn die konjunkturelle und wirtschaftspolitische Stimmung in den Vereinigten Staaten nicht mehr ganz so hoch einzustufen ist, hat die touristische Nachfrage in den Swiss Deluxe Hotels noch nicht im grossen Stil nachgelassen. Im Windschatten der USA hat auch Kanada spektakulär zugelegt im letzten Jahr.

Die Länder aus der Golfregion (GCC) setzen ihr konstantes Wachstum fort. Dies trotz anhaltender politischer Unruhen in der Region. China (+15.7%) weist wieder ein deutlich zweistelliges Wachstum aus und schliesst an die Dynamik des Vorjahres an. Das restliche Asien hat sich nach dem Exploit von 2017 wieder etwas normalisiert und steigt nochmals um 1.4 Prozent an. Der russische Markt zeichnet sich in den letzten Jahren durch sehr unstete Bewegungen aus und ist einer der wenigen rückläufigen Märkte in der Berichtsperiode.

Generell ist das Wachstum auf breiter Basis und auf verschiedene Märkte abgestützt. Das heisst, es lässt sich nicht an einem spezifischen Merkmal wie zum Beispiel der Wechselkursentwicklung festmachen. Auch wenn der wieder etwas erstarkte Schweizer Franken sicher geholfen hat.

Grosse Investitionen und Renovationen Auch im letzten Jahr haben die Mitglieder der Swiss Deluxe Hotels stetig an der Verbesserung ihres Produktes gearbeitet. So investieren sie jedes Jahr zwischen CHF 250 und 400 Mio. in die Infrastruktur. Derzeit sind zudem drei Totalsanierungen und -umbauten im Gang. Das Palace Luzern, das Eden au Lac in Zürich und das Grand Hotel Quellenhof & Spa Suites in Bad Ragaz sind zurzeit geschlossen und werden dieses oder nächstes Jahr im neuen Glanz wiedereröffnet.

Aber auch andere Mitglieder der Swiss Deluxe Hotels sind laufend daran, Zimmer und andere Bereiche des Hotels zu renovieren. Zum Start in die Wintersaison 2018/2019 wartete das Kulm Hotel St. Moritz mit 40 neu gestalteten Zimmern und Suiten im historischen Gebäudeteil Mittelkulm auf. Bei der grössten Renovierungsoffensive seit Hotelbestehen vertraute das Traditionshaus erneut auf die fachkundige Unterstützung des französischen Star-Architekten Pierre-Yves Rochon.

Das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa in Interlaken investierte in den letzten vierzehn Monaten etwa CHF 14 Mio. in die Neugestaltung von rund siebzig Zimmern und Suiten. Nachdem bereits 2017 ein Teil der Räumlichkeiten im Victoria-Flügel umgestaltet wurde, umfasste die Modernisierung der letzten Monate weitere 42 Zimmer und Suiten.

Erneut Top-Rangierungen der Gourmet-Gastronomie Die Positionierung der Swiss Deluxe Hotels als offene, moderne und trendbewusste Häuser geschieht immer stärker auch über die Gastronomie. Und ein Blick in die aktuellsten Gourmetführer GaultMillau und Guide Michelin zeigen, dass auch im letzten Jahr wieder viele Chefs in den Swiss Deluxe Hotels Grossartiges geleistet haben und in der Bewertung ihrer Arbeit einen grossen Schritt vorwärts gegangen sind. Hier einige der Highlights:

• Bei der Verleihung von GaultMillau wurde Chef Fine Dining Heiko Nieder als «Koch des Jahres 2019» ausgezeichnet und erhielt den 19. Punkt für seine Kochkunst.

• Laurent Eperon, Chef im Restaurant Pavillon im Baur au Lac in Zürich hat kürzlich den zweiten Michelin-Stern verliehen bekommen. Dies nachdem er 2017 von GaultMillau als Aufsteiger des Jahres und mit 18 Punkten ausgezeichnet wurde.

• Tim Raue im Restaurant “The K” im Kulm Hotel St. Moritz wurde erst vor kurzem mit 17 GaultMillauPunkten ausgezeichnet, der Guide Michelin krönt die Zusammenarbeit des Berliners mit dem Kulm Hotel St. Moritz nun mit einem Stern.

• Das Park Hotel Vitznau ist wieder mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Patrick Mahler bekommt im Restaurant focus auf Anhieb zwei Sterne. Der 34-jährige Aargauer war zuvor als Küchenchef im Restaurant Prisma tätig (ein Michelin-Stern) und übernahm im Frühjahr 2018 das Fine Dining im Park Hotel Vitznau. Philipp Heid, sein Nachfolger im Restaurant Prisma, übernahm nahtlos. Er setzt auf eine Fusion Cuisine und wird gleich im ersten Jahr mit einem Stern ausgezeichnet.

Ausblick optimistisch, aber mit wirtschaftspolitischen Herausforderungen Das Jahr 2019 hat für die Swiss Deluxe Hotels im Allgemeinen sehr gut angefangen. Die Wintersaison 2018/2019 lief sehr gut, dank gutem Wetter und besten Schneeverhältnissen. Auch die Stadthotels vermelden einen guten Start ins Jahr und sind optimistisch, was das laufende Jahr betrifft. Es bestehen aber weiterhin grosse Herausforderungen für die Branche, wie zum Beispiel die Rekrutierung von genügend Fachkräften oder das wirtschaftspolitische Umfeld, das mit Entscheidungen und Entwicklungen aufwartet, die sich stark auf die Hotel- und Tourismusbranche auswirken werden. Als aktuelles Beispiel ist hier die Abstimmung zum EU-Waffenrecht vom 19. Mai 2019 zu nennen: Sollte das revidierte Waffengesetz an der Urne abgelehnt werden, droht der Schweiz der Ausschluss aus dem Schengen-Abkommen. Als SchengenMitglied ist die Schweiz Teil des europäischen Visaverbunds. Mit einem Wegfall des Schengen-Abkommens würden demnach die liberalen Visa-Bestimmungen hinfällig. Darunter würde der Tourismus massiv leiden. Ein Ja zum revidierten Waffengesetz erhält hingegen den Status quo und somit die vielen Vorteile von Schengen/Dublin. Die Swiss Deluxe Hotels werden sich in diesem Abstimmungskampf zusammen mit dem Branchenverband hotelleriesuisse für die Interessen des Tourismuslandes Schweiz einsetzen.

Gut, dass sich die Jugendlichen einmischen

Jugendliche streiken fürs Klima, nun unterstützen Forschende ihre Anliegen. Reto Knutti über eine unerwartete Wende in der Klimadebatte und die gesellschaftliche Rolle der Wissenschaft.

Die Wissenschaft verfasst einen Klimabericht nach dem anderen, die Politik debattiert endlos über mögliche Massnahmen, doch passieren tut wenig. Dann provoziert die schwedische Schülerin Greta Thunberg weltweite Streiks für Klimaschutz. Und nun unterschreiben über 12’000 Wissenschaftler einen Appell zum Handeln, den Klimaforschende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinsam verfasst haben1. Warum mischen wir uns ein?

Die Fakten sind klar

Der Klimawandel ist real, der dominante Anteil menschgemacht, die Auswirkungen sind heute schon deutlich, viele sind nicht rückgängig zu machen. In einer idealen Welt liefert die Wissenschaft die faktischen Grundlagen, und die Gesellschaft entscheidet über die besten Massnahmen. Die Realität ist jedoch weit davon entfernt.

Erstens produzieren einflussreiche Netzwerke alternative Fakten, um Zweifel zu streuen und Politik und Gesellschaft zu beeinflussen2. Zweitens folgen die Handlungen nicht eindeutig aus den Fakten – entscheidend sind Werte. Ist die beste Schweiz diejenige mit hoher Biodiversität, jene mit intaktem Klima oder die mit einem hohen Bruttosozialprodukt?

Was man tun «muss», ist abhängig vom Wert, den man der Welt gibt, die unsere Kinder und Grosskinder erleben werden: Will man in den nächsten paar Jahren lediglich den Profit optimieren, dann sind Klima oder Biodiversität egal. Nicht aber, wenn man die Lebensgrundlagen langfristig sichern will. Die international akzeptierten Ziele der nachhaltigen Entwicklung sind als Grundprinzipien auch in der Schweizer Bundesverfassung verankert. Auch alles auf die anderen abschieben geht nicht: Es gilt laut UNO Rahmenkonvention das Prinzip der «gemeinsamen aber differenzierten Verantwortung und Möglichkeiten»3.

Rein faktenbasierte Entscheidungen gibt es also kaum4. Es braucht dazu Kontext, eine Einordnung, Optionen und eine Diskussion der Prioritäten. Das gilt insbesondere für so genannte «verzwickte Problemen» wie Klima, Migration oder sozialer Gerechtigkeit, wo alles gleichzeitig Ursache und Wirkung ist und viele Akteure und Interessen mitspielen.

Beim Klima müssen wir handeln

Wer nun argumentiert, man könne in solchen Fällen gar nichts begründen oder entscheiden, irrt sich: Die Schweiz und andere Staaten haben sich darauf geeinigt, einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden5. Was gefährlich ist, war 1992 noch nicht definiert, aber mit dem Pariser Abkommen hat die internationale Politik ein klares Ziel von deutlich unter zwei Grad Erwärmung vorgegeben, mit Anstrengungen für 1.5 Grad.

Nur: Wir sind nicht auf Kurs. Darum braucht es ambitionierte Massnahmen. Selbst bei Fragen, in denen es wissenschaftliche Unsicherheit gibt, empfiehlt die UNO-Rahmenkonvention, dass vorkehrende Massnahmen angesichts drohender oder irreversibler Schäden nicht verzögert werden sollten5.

«Als Forschende müssen wir darauf hinweisen, wenn Fakten verzerrt werden, Wissenschaft instrumentalisiert wird, oder Massnahmen nicht genügen» , sagt Reto Knutti

Welche Massnahmen genau zu treffen sind, ist Gegenstand des politischen Aushandlungsprozesses, den die Wissenschaft weder vorgeben kann noch soll. Als Forschende müssen wir aber darauf hinweisen, wenn Fakten verzerrt werden, Wissenschaft instrumentalisiert wird, oder Massnahmen nicht genügen. Dann ist die Wissenschaftsgemeinde gefordert, die Fakten in Erinnerung zu rufen und darzulegen, dass es zwingend grössere Anstrengungen braucht, um die Ziele von Paris zu erreichen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Wissenschaft unterstellt wird, sie sei politisch nicht neutral.

Berechtigte Anliegen

Grössere Anstrengungen sind tatsächlich notwendig. Genau das fordert die heute publizierte Stellungnahme der Wissenschaft1. Darin attestieren wir, dass die Anliegen der klimastreikenden Jugend aus wissenschaftlicher Sicht berechtigt sind. An Universitäten entwickeln wir nicht nur Grundlagen und Lösungen, sondern bilden auch junge Menschen aus, kritisch über die Welt zu reflektieren. Den Streik per se heissen wir nicht gut. Aber wir unterstützen die Schüler und Studierenden in ihrem Willen, sich in die politische Diskussion einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam nach konstruktiven Wegen zu suchen, wie wir die Schweiz und die Welt für die nächsten Generationen gestalten6.

Das Engagement der Jugendlichen fordert uns Ältere zum Handeln auf. Als Privatperson sowie als Wissenschaftler bin ich der Auffassung, dass man die Klimajugend ernst nehmen sollte. Auf jeden Fall ist die Zeit reif für ein gesellschaftliches Umdenken. Vielleicht braucht es dafür tatsächlich, wie oft in der Geschichte, eine Bewegung von unten – von den Jungen, die noch unbelastet vom Status-quo und leichten Herzens das Terrain für Veränderungen ebnen.

Referenzen

1 Unter der Bezeichnung «Scientists4Future» haben Klimaforschende der Schweiz, Deutschlands und Österreichs einen Handlungsappell publiziert, den bis dato über 12’000 Wissenschaftler unterschrieben haben, davon 1700 allein in der Schweiz. Die Stellungnahme kann noch bis 14. März hier unterschrieben werden.

2 Beitrag «Im Netz der Klimaleugner» in der NNZ am Sonntag.

3 UNFCC: UN Convention on Climate Change.

4 Stirling, 2010: Keep it complex.

5 UNFCC: UN Convention on Climate Change.

6 Kirchner, 2017: Science, politics, and rationality in a partisan era.

HANF-ANALTIK UND CBD- DECARBOYILIERUNG

Die Analyse von Hanfprodukten ist ein weites Feld und beruht auf Untersuchungen der Cannabinoide, Terpene, Mykotoxine, Schwermetalle, Pestizide und Lösungsmittelrückstände.  Darüber hinaus stehen Labors vor verschiedenen Heruasforderungen, um die einzelnen Cannabinoide für medizinische Zwecke präzise zu analysieren.

Zunächst einmal steht fest, dass die Cannabigerolsäure (CBGA) die Mutter aller Cannabinoide ist. Aus ihr werden alle Enzyme und die verschiedenen Cannabinoide gebildet. Die Bestimmung von CBGA ist daher sowohl im Anfangsstadium als auch im finalen Stadium essentiell. Es zeigt, ob und wie das volle Potential der Pflanze ausgeschöpft wurde. Die neutrale also decarboxilierte Form von CBGA ist das Cannabigerol (CBG). Auch dieser Anteil muss differenziert geprüft werden.

Die beiden Cannabinoide CBG (Cannabigerol) und CBD (Cannabinol) haben ähnliche chemische und physische Strukturen aber eine andere Wirkung im menschlichen Körper. Während die Cannabigerolsäure (CBGA) also am Anfang aller Cannabinoid-Prozesse steht, ist das Cannabinol (CBN) sozusagen das Fertigprodukt am Ende des Prozesses.

Weitere Cannabinoide, die es Wert sind, analysiert zu werden sind die Cannabidivarinsäure (CBDVA), das Cannabicyclol (CBL), die Cannabicyclolsäure (CBLA),  Cannabinol (CBN) und Cannabigerol (CBG). Darüber hinaus bei THC/CBD-Präparaten auch die 9-THC und 8THC Werte.

Zur Decarboxylierung der Cannabinoide einer Pflanze eignet sich Methanol, aber wenn man versucht CBD mit Methanol zu verarbeiten , führt dies zu falschen Analyseergebnissen. Noch difficiler wird die Analyse von Zwischenprodukten und Extrakten innerhalb der Hanfölproduktion. Offensichtlich ist, dass ein mit 20 % angereicherte CBD Rohextrakt nicht mit einer Outdoor-Pflanze mit einem CBDA-Gehalt von 1,5% verglichen werden kann.

Auch bei der Analyse der einzelnen Extrakte stellen sich verschiedene Probleme. So benötigt ein Labor immer eine Portion der von der gesuchten Substanz in höchster Reinheitsform zur Kalibrierung des Messverfahrens in einer zertifizierten Konzentration. Ein Milliliter (ccm) zertifiziertes Material kostet je nach Substanz zwischen 50 und 500 Euro und kann nur mit einer Ausnahme-genehmigung zur Suchtmittelverordnung (Suchtgiftlizenz) verbunden analysiert oder weiter verarbeitet werden.

Die Decarboxilierung, also der übergang von Säuren (THCA, CBDA, CBGA) in neutrale Formen (THC, CBD, CBG) ist zwar ein bei Cannabisprodukten erwünschter Prozess, aber nicht im Labor. Dort will man die Produkte so analysieren, wie diese letztlich sind. Zunächst sollte ein Labor also die Cannabinoide mittels Flüssigchromotografie (HPLC) analysieren können. Das Verfahren läuft bei einer Temperatur von ca 60 Grad ab.  Bei der Analyse mit Gaschromotografie kommen hingegen Temperaturen bis 250 Grad zum Einsatz, wodurch die Cannabinoide explosionsartig decarboxylieren. Daher kann nur die Summe aus der Säure und der neutralen Form bestimmt werden.

Ein weiterer Faktor ist die Trocknung der Blüten. Zwar wird oft 80 Grad als Decarboxilierungstemperatur angegeben, in Wahrheit reichen schon 60 Grad um binnen 24 Stunden sich die Hälfte der Säuren in neutrale Formen umgewandelt haben. Grower geben dem bei ca. 15-20 Grad gelagerten Grass ca. 2 Monate Reifezeit. Dann ist die Decarboxilierung ebenfalls bei niedrigen Temperaturen erreicht.  Ferner bestehen Abweichungen schon bei ein und derselben Pflanze von der Blütenspitze über das Mittelfeld bis zu den niedrigen Blüten hinunter.

Um das Potential einer Pflanze für einen bestimmten Wirkstoff in einer neutralen Form abschätzen zu können, wird ein internationaler Standard angewendet. Der Stellt das Verhältnis der Molekulargewichte fdar (z.B. CBD zu CBDA). Für CBD und THC ist dieser Faktor bei 0,877, für CBG 0,878. Es gilt also: (Analyseergebnis Säureform x 0,877) + Analyseergebnis neutrale Form = Summe des Wirkstoffpotentials. Im Detail sieht das so aus: (THCA x 0,877) + d9-THC + d8-THC = Summe von THC. Bei (CBDA x 0,877) + CBD = Summe CBD derweil bei (CBGA x 0.878) + CBG = Summe CBG gilt.

Inhaftierte saudische Frauenrechtlerinnen: Ist die Schweizer Humanität verstummt?

Reto Rufer, Kampagnenverantwortlicher für den Nahen Osten bei der Schweizer Sektion von Amnesty International, kommentiert die schweizerische Position wie folgt:  «Das Abseitsstehen der Schweiz und die Weigerung, sich in Genf öffentlich für die Freilassung der saudischen Aktivistinnen einzusetzen, ist zutiefst enttäuschend und wird dem Ansehen der Schweiz als Vorkämpferin für die Menschenrechte erneut schweren Schaden zufügen.»

«Bereits am WEF in Davos hatte Bundespräsident Ueli Maurer die Weltgemeinschaft mit seinen Aussagen, die Beziehungen zu Saudi-Arabien nach der Ermordung des Journalisten Khashoggi <normalisieren> zu wollen, irritiert. Wenn eine Normalisierung bedeutet, dass die Schweiz nun auch zu willkürlich verhafteten und gefolterten Frauenrechtlerinnen schweigt, wäre das ein schwerer Rückschlag für die Menschenrechte».

Hintergrundinformationen

Die Frauenrechtlerinnen Loujain al-Hathloul, Iman al-Nafjan und Aziza al-Yousef werden bereits seit Mitte Mai 2018 ohne Anklage von den saudi-arabischen Behörden in Haft gehalten. Die drei Feministinnen sind prominente Gegnerinnen des Fahrverbots für Frauen, das 2018 auf ihre Initiative hin endlich aufgehoben wurde. Kurz darauf inhaftierte man sie unter fadenscheinigen Anschuldigungen, die sich auf ihr frauenrechtliches Engagement bezogen. Die drei Aktivistinnen setzen sich für ein Ende der Diskriminierung von Frauen und die Abschaffung der männlichen Vormundschaft in Saudi-Arabien ein.

Die fünf inhaftierten Frauenrechtlerinnen sollen während der Verhöre sexuell belästigt, gefoltert und in anderer Weise misshandelt worden sein. Amnesty International ist aus drei Quellen darüber informiert worden, dass mehrere inhaftierte AktivistInnen in saudischer Haft wiederholt durch Elektroschocks und Stockhiebe gefoltert wurden, sodass sie weder laufen noch richtig stehen konnten. Eine der Frauen wurde einer Zeugenaussage zufolge beim Verhör durch maskierte Personen sexuell belästigt. Die Gefängnisbehörden sollen die inhaftierten Aktivistinnen zudem davor gewarnt haben, gegenüber Familienangehörigen irgendetwas über Folter oder andere Misshandlungen im Gefängnis verlauten zu lassen.

Amnesty International befürchtet, dass Loujain al-Hathloul, Iman al-Nafjan, Aziza al-Yousef, Samar Badawi und Nassima al-Sada vor das berüchtigte Sonderstrafgericht SCC gestellt werden könnten, dessen Verfahren oft nicht den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren entsprechen und das in der Vergangenheit bereits dazu benutzt wurde, MenschenrechtsverteidigerInnen zu sehr langen Gefängnisstrafen zu verurteilen.

Quelle: Amnesty International

Wie reziprok ist internationale Klimapolitik?

Das Pariser Abkommen beruht auf freiwilligen und somit eher schwachen Verpflichtungen. Anders als oft angenommen untergräbt das damit verbundene Trittbrettfahren der einen Länder das Engagement anderer nicht, schreibt Thomas Bernauer.

Wenn Du Dich an die Regeln hältst, halte ich mich auch daran – verletzt Du sie, pfeif ich ebenfalls darauf. In vielen gesellschaftlichen Bereichen verhalten wir uns nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit (auch Reziprozität genannt). Es verlangt ein wechselseitiges Geben-und-Nehmen.

Auch auf der internationalen Ebene spielt Reziprozität eine wichtige Rolle. Zum Beispiel in der Aussenhandelspolitik. Dort verpflichten sich Länder meist nur dann zur Marktöffnung, wenn das andere Länder ebenfalls tun. Es gibt aber auch Bereiche, wo sich Staaten mehrheitlich nicht-reziprok verhalten. Ein Beispiel ist die Uno Konvention gegen die Folter. Kaum ein Land wird diese Konvention kündigen oder verletzen und die Folter wieder einführen, nur weil sich andere Länder nicht an das Abkommen halten.

Die Klimapolitik, so die vorherrschende Meinung, folgt eher dem Muster der Handelspolitik als der Folter-Konvention. Viele Aussagen von Politikerinnen und Politikern deuten in diese Richtung, auch in der Schweiz. Die Argumente sind typischerweise: Nicht vorwärtsmachen, solange andere nicht handeln. Denn CO2 reduzieren verursacht hohe Kosten. Wenn andere Länder nicht mitziehen, entsteht ein Wettbewerbsnachteil, Jobs gehen verloren und die globalen Klimaziele werden trotzdem nicht erreicht.

Dass viele Länder zu wenig für den Klimaschutz tun, ist unbestritten. Doch schmälert dieser Umstand tatsächlich die Unterstützung für die Klimapolitik in anderen Ländern, also den politischen Willen ihrer Bürger und Regierungen, selber Emissionen zu reduzieren? Wenn die internationale Klimapolitik tatsächlich stark auf Gegenseitigkeit beruhte, stünden die Aussichten für das Pariser Klimaschutzabkommen, das grösstenteils auf freiwilligen und bislang unzureichenden Verpflichtungen der Mitgliedsstaaten beruht, jedenfalls schlecht.

Klima schützen, auch wenn andere es nicht tun

Wir haben genau dieses Problem im Rahmen von repräsentativen Befragungen und Entscheidungsexperimenten mit mehreren Tausend Teilnehmenden in den USA und China untersucht1. Diese beiden Länder verursachen rund die Hälfte der globalen Emissionen.

Das Hauptergebnis, das mit Blick auf die Argumentation in der Klimadebatte erstaunt: Die Haltung der Menschen zur Klimapolitik folgt weitgehend nicht-reziproken Mustern. Sie unterscheiden sich zwar in ihren Ansichten dazu, ob und wie stark die Politik die Emissionen des eigenen Landes reduzieren sollte. Diese Haltungen sind jedoch kaum davon beeinflusst, was andere Länder tun.

Wider das lähmende Trittbrettfahrer-Argument

Was können wir aus diesen Resultaten schliessen? Aus Sicht des Klimaschutzes positiv zu werten ist, dass die Architektur des Pariser Abkommens in Bezug auf die Gegenseitigkeit und das Problem des Trittbrettfahrens keine Fehlkonstruktion ist. Das Abkommen schreibt zwar den Staaten keine konkreten Verpflichtungen zur Emissionsreduktion vor und erlaubt es damit, dass etliche Staaten ungestraft nichts oder zu wenig für den Klimaschutz tun. Dennoch unterminieren diese Trittbrettfahrer die öffentliche Unterstützung für ambitiöse Klimapolitik in klimafreundlicheren Staaten nicht.

Auch die Rhetorik von Klimaschutzskeptikern, die mit Verweis auf das Trittbrettfahren anderer Staaten den Klimaschutz im eigenen Land auszubremsen versuchen, scheint bei der breiten Bevölkerung wenig zu verfangen. Das deutet darauf hin, dass die Kommunikationsarbeit des Weltklimarates und vieler anderer Institutionen trotz allem greift. Die meisten Menschen erachten es für richtig und wichtig, im eigenen Land Emissionen zu senken – unabhängig vom Verhalten anderer Staaten.

Generationen-Aufgabe bleibt

Dennoch: Auch wenn die Bremswirkung der zweifellos sehr umständlichen und schleppenden globalen Klimakooperation auf die nationale Klimapolitik geringer ist als vermutet, bleibt eine nahezu vollständige Reduktion der Emissionen in den kommenden Jahrzehnten eine Herkulesaufgabe. Viele Leute sind denn auch noch nicht bereit, Kosten und Einschränkungen auf sich zu nehmen um die nächsten Generationen vor Klimaschäden im eigenen Land und weltweit zu schützen – egal was andere Länder tun.

Thomas Bernauer hat diesen Beitrag zusammen mit Liam Beiser-McGrath verfasst.

Referenzen

1 Beiser-McGrath, L., Bernauer, T. (2019) Commitment-Failures Are Unlikely to Undermine Public Support for the Paris Agreement. Nature Climate Change.

2 McGrath, L., Bernauer, T. (2017) How Strong is Public Support for Unilateral Climate Policy and What Drives it? WIREs Climate Change.

3 Bernauer, T., Dong, L., McGrath, L., Zhang, H. (2016) Unilateral vs Reciprocal Climate Policy: Experimental Evidence from China. Politics and Governance 4/3: 152-171.

4 Bernauer, T., Gampfer, R. (2015): How Robust Is Public Support for Unilateral Climate Policy? Environmental Science & Policy 54: 316–330.

Alltag in Venezuela: Angst, Bestrafung, Folter, Hunger

Unter dem Befehl von Nicolás Maduro haben venezolanische Sicherheitskräfte Menschen ohne Gerichtsverfahren hingerichtet und Demonstrationen mit exzessiver Gewalt unterdrückt. Mit dem Ziel, die Kontrolle über die Bevölkerung sicherzustellen, wurden Hunderte willkürlich inhaftiert, darunter auch Teenager. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchungsmission von Amnesty International, die die Gewalteskalation bei den Protesten Ende Januar untersucht hat.

«Die Behörden unter Nicolás Maduro versuchen mit einer verabscheuungswürdigen Politik der Angst und Bestrafung soziale Kontrolle über diejenigen auszuüben, die in Venezuela einen Regierungswechsel fordern. Maduros Regierung geht gegen die ärmsten Menschen im Land vor. Statt sie zu schützen – wie er behauptet –, bedroht, inhaftiert und ermordet die Regierung diese Menschen», kritisierte Erika Guevara-Rosas, Direktorin der Region Amerikas bei Amnesty International.

Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren Menschenrechtskrise. Der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, die Hyperinflation, Gewalt und politische Unterdrückung haben seit 2015 mehr als drei Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner zur Flucht gezwungen.

Angesichts dieser düsteren Realität gehen Tausende auf die Strasse und fordern einen Regierungswechsel. Zwischen dem 21. und 25. Januar kam es zu zahlreichen Demonstrationen. Viele dieser Proteste fanden in den verarmten Stadtteilen statt, in denen die Forderung nach einem Regierungswechsel bis dahin nicht so sichtbar geworden war wie an anderen Orten. In diesen Gegenden hängen die Bewohner zu einem Grossteil von den zurzeit eingeschränkten staatlichen Nahrungsmittelprogrammen ab und gerade dort sind die Colectivos – bewaffnete zivile Gruppen, die Nicolás Maduro unterstützen – überall präsent.

Dutzende Tote, über 900 Festnahmen

Bei den Protesten starben in nur fünf Tagen mindestens 41 Menschen – alle an Schusswunden. Mehr als 900 Menschen wurden willkürlich festgenommen und allein am 23. Januar – dem Tag der landesweiten Demonstrationen – wurden 770 willkürliche Festnahmen gemeldet.

Die Recherchen von Amnesty International in den Bundesstaaten Lara, Yaracuy, Vargas sowie mehreren Stadtteilen von Caracas bringen ein typisches Muster zutage: Sie zeigen, dass die Behörden der Bundesstaaten zur Kontrolle der Bevölkerung selektiv aussergerichtliche Hinrichtungen durchgeführt haben.

Dabei wurde vor allem die Spezialeinheit FAES (Fuerza de Acciones Especiales) der Nationalpolizei PNB (Policía Nacional Bolivariana) gegen Personen eingesetzt, die sich auf irgendeine Weise an den Protesten beteiligten. Die verarmten Stadtteile von Caracas und andere wirtschaftlich benachteiligte Gegenden im Land sind von dieser Gewalt besonders betroffen. Die Zahl der Opfer ist hier am höchsten und diese werden nun auch noch diffamiert, indem die Toten als «Kriminelle» hingestellt werden, die bei Zusammenstössen mit den Sicherheitskräften zu Tode kamen.

Aussergerichtliche Hinrichtungen

Amnesty International hat sechs aussergerichtliche Hinrichtungen durch die FAES an verschiedenen Orten im ganzen Land dokumentiert. Die Opfer standen mit den Protesten in Verbindung, die in den Vortagen stattgefunden hatten, und die Kritik, die sie an Nicolás Maduro geäussert hatten, war in den Sozialen Medien verbreitet worden. In allen sechs Fällen wurde ähnlich vorgegangen: Alle sechs Opfer waren junge Männer und die Behörden sagten über sie, dass sie bei Zusammenstössen mit der FAES zu Tode gekommen seien. Die FAES manipulierte die Tatorte und stellte die Opfer als Kriminelle dar. Sie liess verlauten, dass mehrere von ihnen schon vorher straffällig geworden seien und versuchte damit, ihren Tod zu rechtfertigen.

 «Wie wir schon viele Male in Venezuela gesehen haben, möchten die Behörden uns weismachen, dass diejenigen, die während der Proteste zu Tode gekommen sind – hauptsächlich junge Menschen aus Gegenden mit geringem Einkommen – Kriminelle waren. Doch ihr einziges Verbrechen war, dass sie es wagten, eine Veränderung und ein Leben in Würde einzufordern», kommentierte Erika Guevara-Rosas.

Bedroht und ermordet

Luis Enrique Ramos Suárez war 29 Jahre alt, als ihn Angehörige der FAES am 24. Januar in der Stadt Carora aussergerichtlich hinrichteten. Am Tag zuvor war eine Audio-Nachricht in den Sozialen Medien verbreitet worden, in der Proteste gegen Nicolás Maduro und das Büro des Bürgermeisters von Carora angekündigt worden waren. In dieser Audio-Nachricht wurde Luis Enrique Ramos Suárez unter seinem Spitznamen als einer der Organisatoren genannt.

Am 24. Januar durchsuchten 20 schwer bewaffnete und überwiegend maskierte Angehörige der FAES rechtswidrig den Haushalt der Familie Ramos Suárez und misshandelten zehn anwesende Familienmitglieder, darunter sechs Kinder. Nachdem sie Luis Enrique Ramos Suárez unter seinem Spitznamen identifiziert hatten, liessen sie ihn in der Mitte des Raums knien. Ein FAES-Angehöriger machte Fotos und andere schlugen ihn.

Sie sperrten die anderen Familienmitglieder in separate Zimmer des Hauses, bedrohten sie und schlugen sie auf verschiedene Körperteile. Dann zwangen sie die Familie, das Haus zu verlassen, und brachten sie mit mehreren Fahrzeugen der Nationalpolizei an einen Ort in zwei Kilometer Entfernung. Wenige Minuten danach schossen sie Luis Enrique Ramos Suárez zweimal in die Brust. Er war auf der Stelle tot.

Gemäss Zeugenaussagen feuerten FAES-Angehörige nach der Hinrichtung von Luis Enrique Ramos Suárez im Haus ihre Waffen ab, um einen Schusswechsel vorzutäuschen. Die FAES-Angehörigen konstruierten Beweismittel und manipulierten darüberhinaus auch den Tatort, indem sie den Leichnam zu einem Fahrzeug zogen und ihn darin schliesslich zum Leichenschauhaus brachten. Mit diesem Vorgehen verstiessen sie gegen jede Regel einer kriminaltechnischen Untersuchung.

Nationalpolizei schoss wahllos auf Demonstranten

Amnesty International dokumentierte ausserdem, dass die Sicherheitskräfte zwei junge Männer erschossen, die an den Protesten teilgenommen hatten. Ein weiterer wurde angeschossen. Sowohl die PNB als auch die Bolivarische Nationalgarde GNB (Guardia Nacional Bolivariana) waren an solchen Operationen beteiligt.

Der 19-jährige Bäcker Alixon Pizani starb am 22. Januar an einer Schussverletzung in der Brust, als er im westlich von Caracas liegenden Catia mit einer Gruppe von Freunden an den Protesten teilnahm. Augenzeugen berichteten später, wie ein Beamter in einer PNB-Uniform von einem Motorrad aus wahllos in die Menge schoss und so zwei Aktivisten schwer verletzte.

Nachdem Alixon Pizani getroffen wurde und keine Ambulanz kam, brachten ihn seine Freunde in ein Gesundheitszentrum. Kurz darauf starb er dort. Seine Familie berichtete, dass Angehörige der Spezialeinheit FAES am Spitaleingang auf sie und Alixon Pizanis Freunde schossen. Sie hätten sich sofort im Inneren des Gebäudes in Sicherheit gebracht. Bisher weist nichts darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet hat.

Willkürliche Inhaftierungen

Nach Angaben der venezolanischen Menschenrechtsorganisation Foro Penal haben die Behörden zwischen dem 21. und 31. Januar im gesamten Land 137 Kinder und Jugendliche festgenommen. Dazu gehört ein von Amnesty International dokumentierter Fall, bei dem sechs Personen, darunter vier Teenager, am 23. Januar festgenommen wurden. Sie hatten an einer Protestveranstaltung teilgenommen bzw. einfach aus der Nähe zugeschaut.

In einem Interview mit Amnesty International gaben sie an, bei der Festnahme von Sicherheitskräften geschlagen und als «guarimberos» (Protestierende, die Gewalt einsetzen) und «Terroristen» beschimpft worden zu sein. Ausserdem habe man sie Reizmitteln ausgesetzt, sie am Schlafen gehindert und gedroht, sie zu töten. Sie erzählten, dass die Beamte, die sie festgenommen hatten, verschiedenen Sicherheitskräften des Bundesstaates angehörten und von Personen in Zivil begleitet wurden.

Misshandlung und Folter von Jugendlichen

«Dass über 100 Jugendliche festgenommen und einer grausamen Behandlung unterzogen wurden, die zum Teil Folter darstellte, zeigt, wie weit die Behörden bereit sind zu gehen, um die Proteste zu stoppen und die Bevölkerung zu unterdrücken», sagte Erika Guevara-Rosas.

Den vier Teenagern werden Straftaten vorgeworfen, die nach venezolanischem Recht nicht mit Haft geahndet werden, trotzdem hat ein Gericht acht Tage Haft verfügt. Vier Tage davon mussten sie in einem Rehabilitationszentrum für Minderjährige verbringen –einer Militäreinrichtung, in der ihnen der Kopf kahlgeschoren wurde und sie gezwungen wurden Lieder wie „Wir sind Chavez‘ Kinder“ zu singen.

Am 29. Januar erklärte eine der für diese Fälle zuständige Richterin, man habe sie angewiesen, die Minderjährigen in Haft zu halten, obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gab. Nachdem sie diese Erklärung abgegeben hatten, wurde sie entlassen und verliess das Land. Den vier Jugendlichen droht nun ein Gerichtsverfahren, und ihre Freiheitsrechte sind nach wie vor eingeschränkt.

Die Jugendlichen haben erläutert, wie frustrierend es für sie ist, in ihrem Alter in einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisensituation zu leben, und dass lernen, essen und sich zu kleiden eine tägliche Herausforderung darstellen. Einige denken darüber nach, Venezuela zu verlassen und in einem anderen Land eine bessere Zukunft zu finden.

Forderungen nach internationaler Strafverfolgung

Die venezolanischen Behörden müssen ihre in den vergangenen Jahren entwickelten Repressionsmassnahmen beenden und ihre Verpflichtung erfüllen, allen Opfern von Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen unter dem Völkerrecht Gerechtigkeit, Wahrheit und Entschädigungen zu gewähren.

«Das venezolanische Justizwesen scheint die Opfer von Menschenrechtsverletzungen komplett im Stich zu lassen. Die wenigen Menschen, die den Mut haben, Anzeige zu erstatten und Beschwerden einzureichen, erhalten keine Unterstützung und bringen sich sogar in Gefahr», sagt Erika Guevara-Rosas.

Amnesty International fordert den Uno-Menschenrechtsrat auf, Massnahmen zu ergreifen, um die in Venezuela herrschende Straflosigkeit zu beenden. Dazu sollte ein unabhängiges Untersuchungsgremium eingerichtet werden, das die Menschenrechtslage in dem Land beobachtet und darüber Bericht erstattet.

Darüber hinaus sollte die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs diese Fakten prüfen und wenn diese als begründet bewertet werden, in die Voruntersuchungen aufzunehmen, die derzeit zu Venezuela laufen.

Schliesslich sollten die Staaten, denen die Menschenrechtslage in Venezuela ein Anliegen ist, prüfen, ob sie das Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit anwenden wollen, damit Betroffenen, denen der Zugang zur Gerechtigkeit in ihrem eigenen Land verwehrt ist, dieser alternative Weg ermöglicht wird.

«Die internationale Gerichtsbarkeit ist die einzige Hoffnung für Betroffene von Menschenrechtsverletzungen in Venezuela. Jetzt müssen alle verfügbaren Mechanismen eingesetzt werden, um weitere Gräueltaten zu verhindern», erklärt Erika Guevara-Rosas.

Quelle: Amnesty International