Die Jugendunruhen zu Beginn der wilden der 80er

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Das Pendel schlägt zurück» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62), reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur, spannendem Politthriller, gespickt mit abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln sollte und im Lauf der 80-Jahre umpflügen würde. Im Mai desselben Jahres begannen die «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für Junge zur Verfügung stehenden Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligen Beispiel der bevorstehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich.

Zu jener Zeit gab es die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pupertierende Jugendliche gab es überhaupt keine. Einzig ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren. TV, Radio, Nightlife, Internet, Streaming komplett tote Hose. Gute Musik oder Filme absolut rar. Dann kamen Videotheken auf und der «Walkmen» verändert die Musikwelt. Aber ohne Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. war das Leben so trist wie bei den Corona Lockdowns einfach ohne Internet, digitale Medien und Smartphones. Kein Wunder, dass es in der jugendlichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte.

In der Schweiz war es grau und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Die Tristesse war weit verbreitet in Europa. Der «Kalte Krieg», die Mauer und die Bedrohung durch die Kommunisten, der Vietnamkrieg, der immer brutaler und grotesker wurde. Erst die flächendeckenden Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung. Die «Clockwork Orange» Entlaubungsaktionen, die grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern, all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager.

Das Perverseste an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom Kongress abgesegnet war, sondern von der «CIA» finanziert war. Und  wie hat die «CIA» die Kriegskosten bezahlt? Indem sie im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachtete und nach Mexico brachte, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die Haustüre gebracht und den Mexikanern die Drogenkartelle beschert. Bei dieser kafkaesken Operation ist der CIA definitv das «I» komplett abhanden gekommen.

Durch den «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst. Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden. Im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gab. Und später haben die Gebrüder Tinner bewiesen, dass man das Know How auch exportieren kann. Die Schweiz hat nicht nur Pakistan sondern auch Südafrika mit Atom-Know-how versorgt.

Beim Versagen des Kühlsystems eines experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt gab es im Reaktor eine partielle Kernschmelze. Im Mai wurde der Reaktor in Betrieb genommen, aber bald bis wieder abgeschaltet. Während dieses Stillstandes lief Wasser über eine defekte Gebläse-Dichtung in den Kühlkreis des Reaktors. Die aus Magnesium bestehenden Brennstab-Umhüllungsrohre korrodierten. Als der Reaktor im Januar 1969 wieder in Betrieb genommen wurde, behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung. Der Brennstoff überhitzte, die Brennstäbe schmolzen und gerieten in Brand. Das brachte den Moderatortank zum Bersten. Dabei wurden 1100 kg Schweres Wasser geschmolzenes radioaktives Material und Kohlendioxid (Kühlmittel) in die Reaktorkaverne geschleudert.

Doch zurück nach Zürich zur hiesigen Lage: Schon im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit am «Allmendfest», dem jährlich stattfindenden, dreitägigen Pfingstfest in der Allmend mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde für mich die Bedeutung der Hippi-Bewegung so richtig vor Augen geführt. Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68er in der Subkultur unter den Jugendlichen. Da kam dieser Power-Sound gerade zur rechten Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadat strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.

Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizei-Fahrzeuge brannten völlig aus. Auch der Eingang zum Rathaus sah übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dichter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unglaublich, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68er in blanke Wut verwandelte, angestachelt durch die Gewalt der Ordnungskräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest, mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten.

Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autonomen jeweils Mittwoch‘s in den Volksversammlungen («VV‘s») im Volkshaus oder auch Mal auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum!“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden. (Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren schlugen die Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Persiflage die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen jene «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war ich auch verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Georgio Bellini» vor die Brust und in die Kamera. Und verschwanden unerkannt. „Wir haben uns fast zu Tode gegrölt über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“.

Dann gab es noch die Nacktdemos, auch dies ein bisher Undenkbares Ereignis im spiessigen Zürich, einer Stadt, die an Prüderie kaum zu überbieten war, ein Zürich mit einer Sperrstunde ab Mitternacht und einem ganz konservativen kulturellen und musikalischen Korsett. Für Jugendliche und ihre Musik gab es keine Orte, an denen sie sich ohne Konsumationszwang hätten treffen können. Dabei brodelte es schon seit 1968 unter der Betondecke, dieser selbstgefälligen Stadt.

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und das Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden.  Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren und deren Wogen bis zum Hudson River schwappten und von der «New York Times» aufgegriffen wurden. Die beiden geladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen die «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Amsonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Auch ich war zuerst verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Persiflage und die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Legal? Illegal? Scheissegal, so waren wir drauf

Als dann nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Automes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für die gebeutelten Stadtindianer/innen. Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde damals „subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt. Überdies wurde ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippi-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und das waren viele.

Zugegeben, nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos skandiert wurden. Das war damals schon „Landesverrat“ und so wir wurden auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Sympatisanten hingestellt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Und dann kam es auch zu vielen Verstössen und Gewaltexzessen seitens der Polizei.

Einer meiner Freunde verlor ein Auge durch ein Gummigeschoss. Meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum und ihr Gesicht war arg zerschrammt. Auch ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt.

Einige weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war. «Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints und Bongs und die Polizei kam nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuanna «Duftsäckli-Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süsse Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. Nie war die Freiheit lebendiger und grösser, als in den 80er Jahren, einer Zeit, die ich als «Zenit des letzten und dieses Jahrtausends» bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Schwangerschaftsverhütung verschaffte, voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form von Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia». Was darf es denn sein?

Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonimus war unser Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen «One Night» Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten. mit dir das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirerende Zeit.

Kurz gesagt: Die Frauen waren für uns Lichtgestalten. Sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „One man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und ich lief öfters mal mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemaltem Gesicht und flatterndem Haar durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ». Einer der vielen Stadtindianer eben.

Diese ungehemmte Lust an der Befreiung von allen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ-Zeiten aber noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus «Poona» zurück und waren entweder total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, als auch das Stadtbild und zugleich die politische Weltanschauung.

Es war die Zeit der «Rolling Stones», der «Doors», «Deep Purple», von Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Es war die Zeit der «Punks», der Rebellion, der freien Entfaltung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück.

Sex, Drugs oder «Amore et Anarchia»

Als Mitte der 1970er eine Punkszene in New York und folgend in London entstand, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Schnell entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk- und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» mit und der «Club Hey» mit den ersten Punk-Discos.

Im Umfeld verschiedener autonomer Netzwerke wie der Reithalle in Bern oder bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. So findet man zum Beispiel auch in Winterthur politisierte Punks., die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld in der Schweiz verstehen.

Mit dem Piratensender «Radio 24“ von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «M-TV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos und revolutionierte nicht nur die Musikwelt sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen, die nicht zuletzt auch durch die musikalischen Protagonisten unserer Zeit zu denen nebst den «Rolling Stones», «Queens»,, David Bowie Janis Joplin und Jimi Hendrix oder «The Scorpions» auch massgeblich auch durch die «Punk-Bands» angefacht wurde. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den unglaublichen Liberalisierungsschub lieferten. So ausgeflippt und trendy hat man die Stadt Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Andersdenkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Paradiesvögel und der Anarchisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu.

Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen gnadenlosen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern.

In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch». Die Situation verbesserte sich erst, als die Methadon-Abgabe eingeführt wurde und die Fixer und Drogentoten von den Zürcher Strasse verschwanden und sich in den Kontakt- und Methadonabgabestellen wieder trafen.

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico Bilger und Tommy Müller, zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayga» herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar Pfenninger gedruckt wurde. Ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössen Plattenladen von Zürich und er hatte über 900 LPs (Schallplatten) in die WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein musikalisches Universum für uns alle und wir schwebten im Siebten Himmel.

Von da an ging die Post ab. Wir alle waren „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen. Unverheiratete Paare durften damals noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen.

Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei auch Mist aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen,  die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“.

Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir  alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Die Heroinschwemme führte auch zu sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Das war «too much». Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschlich betreut wurden.

Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem «AJZ». Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen.

Radio 24, Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – prägend für viele meiner Generation.

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

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