Schweiz-Südafrika Politik und Mandelas Besuch in Zürich

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Zürich 1994: Nelson Mandela’s speach on his first foreign visit in Switzerland after elected as president and for peace nobel prize winner at the Dolder Hotel in front of the swiss class politique and financial elite. Bild: Gerd M. Müller/GMC Photopress

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62) reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus Politthriller, Reiseberichten und voll abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

Am 5. August 1962 wurde Nelson Mandela und Cecil Williams während einer Autofahrt nahe Howick in Natal unter dem Vorwurf festgenommen, er führe den verbotenen «ANC» im Untergrund an. Die Verhaftung erfolgte, nachdem er knapp eineinhalb Jahre in Freiheit und im politischen Untergrund gearbeitet hatte, unterbrochen von öffentlichen Auftritten für den ANC im Ausland. Der Prozessauftakt wurde auf den 15. Oktober 1962 (zwei Tage vor meiner Geburt) festgesetzt. Die Folge war Mandelas Verurteilung am 7. November 1962 zu fünf Jahren Gefängnis wegen Aufruf zur öffentlichen Unruhe (drei Jahre Haft) und Auslandsreisen ohne Reisepass (zwei Jahre). Er übernahm in dieser Gerichtsverhandlung seine Verteidigung selbst. Nach Verkündigung des Urteils wurde er Ende Mai 1963 auf die Gefängnisinsel Robben Island geschafft, aber schon bald wieder nach Pretoria geholt, nachdem am 11. Juli die übrige «ANC» Führungsspitze festgenommen worden war. Ab dem 7. Oktober 1963 stand Mandela in Pretoria im «Rivonia»-Prozess mit zehn Mitangeklagten wegen «Sabotage und Planung bewaffneten Kampfes» vor Gericht. Am 20. April 1964, dem letzten Prozesstag vor der Urteilsverkündung, begründete Mandela in seiner vierstündigen, vorbereiteten Rede ausführlich die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes, weil die Regierung weder auf Appelle noch auf den gewaltlosen Widerstand der nicht-weißen Bevölkerung in ihrem Bestreben nach Gleichbehandlung eingegangen sei und stattdessen immer repressivere Gesetze erlassen habe.

Am 11. Februar 1990 wurde Mandela aus der Haft entlassen. Staatspräsident Frederik de Klerk hatte dies veranlasst und Tage zuvor das Verbot des «African National Congress» (ANC) aufgehoben. Mandela und de Klerk erhielten 1993 den Friedensnobelpreis. Am Tage seiner Freilassung hielt Mandela eine Rede vom Balkon des Rathauses in Kapstadt, Tage später einer vor 120.000 Zuhörern im Fussballstadion in Johannesburg. Dort stellte er seine Politik der Versöhnung («reconciliation») vor, indem er «alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben», zur Mitarbeit an einem «nichtrassischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle» einlud.

Nelson Mandela signiert sein Buch als frisch gewählter Nobelpreisträger und Präsident Südafrikas. Bild: GMC/Gerd Müller

Im Juli 1992 wurde Mandela einstimmig zum Präsidenten des «ANC» gewählt. So konnte er die Verhandlungen mit der Regierung über die Beseitigung der Apartheid und Schaffung eines neuen Südafrikas an die Hand nehmen. 1994 erschien seine Autobiographie «Der lange Weg zur Freiheit» und schrieb dort:«Während dieser langen, einsamen Jahre der Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz».

Im Februar 1996 begann die von Mandela eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. mit der Aufarbeitung der Verbrechen zur Zeit der Apartheid. Einigen Gruppen gingen die in Mandelas Amtszeit erreichten sozialen Verbesserungen auch in Bezug auf die AIDS-Krise, nicht weit genug. Kritiker auch bemängelten, dass die Verbrechen des Apartheid-Regimes nicht strafrechtlich gesühnt wurden.

Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter erhielten eine kostenlose Gesundheitsfürsorge; 1996 wurde die Gesundheitsfürsorge alle Südafrikaner kostenfrei. Mit dem «Land Restitution Act» (1994) und dem «Land Reform Act 3» (1996) wurden Schritte zu einer Landreform unternommen. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Gesetze der Apartheidzeit widerrufen. Armee und Polizei wurden neu aufgestellt.

Zürich 1994: Der frisch gewählte Präsident Nelson Mandela bei seiner Ansprache an die Classe Politique und die Schweizer Hochfinanz im Hotel The Dolder. Bilder: Gerd Müller/GMC Photopress

Als 1994 der frisch gekürte südafrikanische Präsident und Nobelpreisträger Nelson Mandela in die Schweiz kam und zu Gast im Dolder Hotel vor der hiesigen «class politique» und die wirtschaftliche Elite (Nationalbankpräsident und Bankenvertreter) über seine Vision eines neuen Südafrikas sprach, war auch ich als Fotojournalist eingeladen und machte ein paar Bilder von Mandela. Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass er infolge seines durch die lange Haft eingebüssten Augenlichts durch Blitzlicht geblendet würde und hatte ohne Blitzlicht die falsche Filmempfindlichkeit im Kasten. Als Mandelas Ansprache vor der versammelten Polit- und Wirtschaftselite der Schweiz vorbei war und er sich beim Apero unter die Menge mischte, hielt ich mich eher im Hintergrund auf.

Doch offensichtlich hatte Mandela ein gutes Gedächtnis und sehr aufmerksame Augen, vielleicht erinnerte er sich sogar, wo und wann in Soweto ich in der Menge der Schwarzen stand nach seiner Freilassung. Auf jeden Fall veranlasste ihn das, auf mich zuzutreten und mich darauf anzusprechen, ob wir uns schon mal getroffen haben. Da war ich baff. Und als ich ihm antwortete, reichte ihr mir verblüffender weise die Hände. Das berührte mich sehr. Plötzlich hatte ich das Gefühl, vielleicht echt ein etwas bewirkt zu haben und dafür sozusagen einen prominenten Dank und eine unglaubliche Wertschätzung zu erfahren.

Bürgerkrieg Südafrika 94: IKRK-Einsätze im «ANC-IFP» Bürgerkrieg

Durch den Group Areas Act wurden Millionen von Schwarzen enteignet und zwangsumgesiedelt.

1993begleiteten mich Fotografen-Freund Marcus Baker zu einen Freund von uns, Daniel Sidler, der als IKRK-/Rotkreuz Südafrika-Delegierter in Johannesburg stationiert war, auf seiner Reise in die Flüchtlingslager, um die Lage zu sondieren, den Opfern zu helfen und die Friedensbemühungen zur Stabilisierung des Landes im Hinblick auf eine demokratische Verfassung und Regierung der «Regenbogen-Nation» zu unterstützen. Wir fuhren zu den damaligen Hotspots «Margate» und «Ladysmith», «Ezakhweni» und «Emphangeni», «Mfung» und «Obizo» sowie «Empendle» protokollierten die abgebrannen Häuser und die Toten. Führten Gespräche mit Hinterbliebenen und versuchten zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Eine schwierige, wenn nicht fast aussichtslose Aufgabe. Damals kam es alle 40 Minuten zu einem Mord. 20‘000 pro Jahr insgesamt.

Im Rahmen meines humanitären Engagements in Südafrika konnte ich dank dem Zulu-Heiler Credo Vusama Mutwa auch das Poolsmoor Gefängnis in Kapstadt – in dem Nelson Mandela die letzten Jahre seiner Haft verbrachte – mit einem kanadischen UN-Gesundheitsinspektorenteam besuchen. In dem für 3‘000 Häftlinge konzipierten Gefängnis waren rund 7‘000 Häftlinge inhaftiert. Fast 30% waren damals HIV-positiv. Viele wurden jahrelang ohne Anklage festgehalten. Etliche verstarben. Es waren schlimme Zustände, die wir da antrafen. Und ein Esslöffel Kostprobe in der Gefängnisküche reichte, dass ich hernach Staphylokokken/Streptokokken hatte. Pädagogisch befremdend war auch, dass es im Kinderspielzimmer einzig eine Plastik-Schusswaffe als Spielzeug gab.

Zu dieser einmaligen Mission stiess ich aufgrund einer spirituellen Kapazität in Südafrika. Der Zulu-Sangoma (Heiler), Bantu-Schriftsteller & Historiker Credo Vusama Mutwa. Ihn lernte ich im «Shamwari Game Reserve» kennen zusammen mit Dr. Jan Player, dem Rhinozeros-Retter und «Wilderness-Leadership-School»-Gründer. Die ganze Nacht über erzählte mir der unglaublich gebildete Mensch die spirituellen Geheimnisse und ethnischen Zusammenhänge, die kulturellen Eigenschaften und Besonderheiten der Bantu-Völker von Nord- bis Südafrika. Es war faszinierend und sehr lehrreich. Nur war ich gerade mit meiner zweieinhalb jährigen Tochter Aiala und ihrer Mutter Roberta unterwegs und hatte noch einige Pläne, Termine und Treffen bezüglich anderen Wildlife und Ökoprojekte und konnte nicht einfach hier bleiben und Credo beim Projekt «Kaya Lendaba» helfen.

Er wollte beim «Shamwari Game Reserve» ein Multikulturelles Dorf bauen, in dem alle südafrikanischen Ethnien vertreten sein würden und es sollte als Leuchtpfahl für die Wiedervereinigung der «Regenbogennation» dienen und helfen, die Konflikte zu beenden. Gerne hätte ich die Ausbildung zu einem «Sangoma», also einem Heiler gemacht, da Credo mir die Qualifikationen und die geistig-spirituelle Weltsicht zutraute. Dies erfüllte mich mit Stolz und wäre wohl eine wegweisende Weiche in meinem Leben gewesen. Denn ursprünglich wollte ich als Game Ranger in einem dieser neu entstehenden Wildlife-Reservate arbeiten. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen , als Wildlife Manager in einem intakten und geschützten Umfeld zu arbeiten. Daher reiste ich immer wieder nach Botswana, Südafrika und Namibia.

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Zu den Print Reportagen von Gerd Müller über Südafrika:

Aargauer Zeitung: Der neue Feind heisst Kriminalität

Tages Anzeiger: Südafrika steht ein Bombenjahr bevor

Tages-Anzeiger: Alle 40 Minuten wird ein Mensch getötet

Travel Inside:  Vom ANC-Aktivist zum Tourismuspromotor    

Relax & Style: Ökopioniere und sozial Engagierte 

Südostschweiz: Beim Büffel auf den Baum                               

Sonntags Blick: Tierparks so gross wie die Schweiz                                            

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND ÖKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie dies tun wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Hilfsprojekt-Empfänger/innen.

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Über gmc

1992 gründete der Zürcher Fotojournalist Gerd Müller die Presse- und Bildagentur GMC Photopress und reiste hernach als Agenturfotograf und Fotojournalist in über 80 Länder. Seine Reportagen wurden in zahlreichen Reise- und Spa-Magazinen publiziert.

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