Bei den Beduinen im Sinai stationiert und dank Opium wie ein Derwisch durch die Wüste geritten

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Der Dromedartrip am Golf von Akaba von Sharm el Sheikh nach Dahab und weiter hoch war aufregend. Bild: GMC

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62) reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus Politthriller, Reiseberichten und voll abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

Egypt: Pilgrims and tourists at sunrise on top of Mount Moses in the Sinai desert. Bild: Gerd M. Müller/GMC Photopress

Im Sinai, genauer gesagt in Sharm el Sheikh angekommen, sah die Situation dann ganz anders aus. als in Brasilien, wo ich zuvor als Resident Manager und Reiseleiter stationiert war. Hier hatte ich rund 700 Gäste pro Woche mit diversen Flügen an fast allen Tagen und täglich dutzendweise Ausflüge zu managen und das unter erschwerten Bedingungen. Das war eine echte Herausforderung und in etwa so, wie in London 1987.  Erstens war der lokale Tour Operator lausig und unfähig, worauf ich die Zusammenarbeit nach zwei Vorwarnungen sistierte und mich neu organisierte.

Das hatte ich schon in Brasilien innert Kürze getan und in beiden Fällen die richtige Entscheidung getroffen, die ich mir dann auch zu Nutze machte. Handkehrum hatte ich natürlich etliche troubles mit den abgehalfteten Kooperationspartner und die Aufregung in der Reisezentrale. Da ich aber schon mein Talent in Brasilien bewiesen hatte, vertrauten sie mir und dieses Vertrauen wurde nie entäuscht. Operationell war ich ein Ass und ein Meister der Improvisation. Hatte ich doch einen unbestritten sehr krisenerprobten Background, den sie aber natürlich nicht kannten.

Egypt: A camel is overlooking the Blue hole diving spot near Dahab in the Sinai desert at the Gulf of Akaba

Die vielen Reisen durch Konfliktregionen und die unwirtlichsten Orte der Welt in weit über 50 Ländern, haben meinen ausgeprägten Spürsinn und meine Adleraugen geschärft, das Feingefühl  und die Intuition bis hin zur Gedankenübertragung verfeinert. Dank meinen analytischen und taktisch-strategischen Fähigkeiten gepaart mit Schlagfertigkeit, rhetorische Dominanz, Sachverstand, einer guten Portion Frechheit aus den 80er Jahren und das volle Vertrauen in meine Schutzengel, habe ich immer wieder Aussergewöhliches gewagt. All dies hilft bei Behörden und lokalen Partnern entsprechend aufzutreten.

Nur zu viert waren wir unterwegs durch die Sinai-Wüste. Ein Luxus in Zeiten von Over-Tourismus. Bild: GMC

Die ersten zwei Monate als Resident Manager in Sharm el Sheikh, lebte ich im „Radission Hotel“ mit allen touristischen Annehmlichkeiten und guter Infrastruktur, nettem Ambiente aber auch immer mit Touristen-Kontakten. Dann wurde ich in einen spartasichen Betonblock für die Reiseleiter am Rande der Wüste verfrachtet, worauf ich mir beim Generalgouverneur für die militärischen Sperrbezirke im Sinai (aufgrund der UN-Friedensmission nach dem Sechs-Tage Krieg) eine Sondergenehmigung besorgte, damit ich auch Nachts in die Sperrgebiete in der Wüste ausserhalb von Sharm el Sheikh fahren durfte. Denn gleich hinter Sharm el Sheikhs letztem Hotel bei einer kleinen Moschee ist der Checkpoint, der Abends um 18.00 Uhr schliesst.

Das War auch der Check-Point zum militärischen Sperrgebiet im Nabq Nationalpark hinter Sharm el Sheikh.

Was war die Idee dahinter? Was wollte ich dort? Nun wie immer Zugang zum Lokalkolorit platt ausgedrückt oder zu den lokalen human Resources ausserhalb der Touristen-Hotspots. In diesem Fall Zugang zum Leben der Beduinen im Sinai. Und da hatte ich schon Bekanntschaft mit „Farad“ Beim Maria Schroeder Schiffswrack beim im Nabq Nationalpark Gemacht. Nun konnte ich jederzeit zu ihm in die Wüste raus, dem touristischen Trubel entfliehend, ein paar spirituelle und poetische stunden pflegend.

Das war aber gar nicht so einfach, denn die 35 km durch die Wüste und Sanddünnen legte ich mit dem normalen Dienstfahrzeug, einem herkömmlichen PKW zurück. In stockdunkler Umgebung hiess es mit vollem Karacho durch zu fahren ohne einmal ins Stocken zu geraten, denn ohne 4-Rad Antrieb war hier normalerweise nichts zu machen. Aber ich fand meine Idealstrecke und bretterte zwei Mal pro Woche nachts in die Wüste rein um unter freiem Himmel mit dem jungen Beduinen zu parlieren, zu philosophieren und die funkelnden Sterne ohne zivilisatorische Lichtverschmutzung zu geniessen.

Ein Handschlag zwischen dem Beduinen-Jungen und einem amerikanischen Militärbeobachter. Bild: Gerd Müller

Uebrigens habe ich da auch den Eintritt der letzten Raumfähre in die Erdatmosphäre in einem unvergesslich glühenden Spektakel am Firmament gesehen. Während etwa eineinhalb Minuten schwirrte der leuchtende Erdtrabanten-Komet und Lichtpunkt mit einem Feuerschweif, der wohl mehrere Hundert Kilometer lang gewesen sein musste, über den Erdball hinweg und entschwand am Horizont am Zielort.  Das war auch ohne Opium ein erleuchtendes Spektakel.

Dort lernte ich dann auch Opium kennen, dass die Beduinen essen, um so durch die Wüste zu kommen. Das hilft wirklich enorm, wenn man auf dem Kamel den Sinai oder andere Wüsten durchquert. Ich habe das dann auch gemacht mit „dem Beduine und dessen Bruder, die beim Maria Schröder Sschiffswrack lebten. Von Sharm el Sheikh über Dahab bis zum Kloster in St. Catherine am Fusse des Mount Moses ging die schaukelnde Reise auf dem Dromedar. Bei über 45 Grad im Schatten. Das war hart. Doch dann mit ein wenig Opium wurden wir richtig beschwingt und beflügelt. Das muss wohl ähnlich powerfull gewirkt haben, wie das «Pervertin, das den Nazis den Durchmarsch in Frankreich erlaubte und auch ian der Kriegsfront im Osten auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurde.

Drei Terroranschläge im Sinai miterlebt

Hier beim Maria Schröder Schiffswrack verbrachte ich viele Nächte mit meinem Beduinen-Freund. Bild: GMC

In der Zeit, in der ich im Sinai war, gab es drei Terror-Anschläge. Der erste war in Taba, der zweite in Sharm el Sheikh, der dritte in Dahab. Zum Glück geschah keinem meiner Gäste etwas. Aber dir Furcht war gross und die Sicherheitsmassnahmen vor jedem Hotel rigoros. Jeder Wagen wurde bei der Einfahrt gespiegelt und gefilzt.

Am Abend des 24. April 2006 wurde in Dahab ein Terroranschlag verübt, bei dem drei Splitterbomben gezündet wurden. Die erste detonierte an einer belebten Kreuzung vor dem Supermarkt Ghazala gegenüber der Polizeistation. Zwei weitere explodierten kurze Zeit darauf. Bei dem Anschlag verloren um die 30 Menschen, fast alle Ägypter, ihr Leben. Viele weitere Personen wurden schwer verletzt. Ähnliche Anschläge hatte es jedoch bereits im Oktober 2004 in Taba und im Juli 2005 in Sharm El-Sheikh gegeben. Beim Terroranschlag in Sharm el-Sheikh am 23. Juli 2005 wurden bei mehreren Sprengsätzen mindestens 88 Menschen getötet und über 100 verletzt.

Egypt : Two Bedouines next to the Observation Point of t the Multi National Forces and Peace Troops in the Sinai desert

Damals herrschte Hochalarm im Sinai in die Militärkontrollen nahmen zu. Auch die «MFO»-Truppen waren in höchster Alarmbereitschaft. Also auch hier konnte ich mich über mangelnde action am Rande der Weltwpolitik und bei meiner Reiseleiter-Tätigkeit nicht beklagen.

Umso beeindruckender war denn auch die Reise mit zwei Fahrzeugen und sieben verrückten Schweizer Touristen, die unbedingt mit mir einen Trip nach Cairo im Auto machen wollten. Und zwar durch den ganzen Sinai von der Südspitze Sharm el-Sheikh in einem Tag nach Cairo inklusive Rückfahrt mit über 1000 KM Strecke und mehr als 30 Militärsperren.

Wer im Sinai die geeterten Strassen verlässt muss ein geübter Fahrer sein und sich auskennen. Bild: Gerd M. Müller

Mein Beifahrer und ich haben das Kunststück bewältigt und dazu 30 Stunden gebraucht. Drei Stunden länger, als geplant und zwar weil wir erst durch einen Autounfall mit mehreren Toten aufgehalten wurden und ich dann die vorletzte Militärsperre in meiner Müdigkeit nach über 24 h am Steuer übersah und mit ca. 80 Stundenkilometern durchgebraust war. Und mein Begleitfahrer hinter mir dasselbe tat.

Daraufhin mussten wir zur Sicherheit nach etwa 10 KM von der Strasse in die Wüste abbiegen und einen Weg durch die Sanddünden bis nach Sharm el Sheikh finden, weil wir sonst an der über Funk verständigten Sperre Endstation gewesen wäre. Also auch da waren meine Schutzengel, von der ich eine ganze Fachtruppe habe, im Einsatz.

Eher selten, dass man grünes Gebüsch in der Sinai-Wüste sieht. Also muss hier eine Wasserader sein. Bild: GMC

Ansonsten vermisse ich ausser den Sternstunden mit den Beduinen und dem Kameltrip nichts. Die Kultur der Aegypter ist mir fremd geblieben. Auch hier wohl in erster Linie ein Sprachproblem. Könnte ich arabisch, sähe das schon anders aus. Und auch der Pasha Club, in den es Tausende zog, konnte mir gestohlen bleiben. Auf Techno stehe ich überhaupt nicht.

Ein Graus, der Touristenmüllhaufen Canyon nahe Sharm el Sheikh. Bild. Gerd M. Müller /GMC Photpress

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