Kuba 1993: Augenschein auf der Insel der Idealisten, die sich von Hoffnung ernähren

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Highlights of a wild life» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Das Capotolio in Havanna zur Periodo especial en tiempo de Paz, im Notstand in Friedenszeiten. BIld: Gerd M. Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor (Jg. 62) reiste als Fotojournalist durch mehr als 70 Nationen und lebte in sieben Länder, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und dann im Autonomen Jugendzentrum (AJZ) tätig. Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Oekoprojekte im südlichen Afrika und weltweit. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das Tourismus & Umwelt Forum Schweiz. Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus Politthriller, Reiseberichten und voller abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Lebens eben.

Cuba: Orange Buick Oldtimer in front of the capitolio in the capital city Havanna

1993 als meine Tochter Aiala gerade drei Monate alt war, flog ich mit ihr und ihrer Mutter Roberta mit Windeln für einen Monat nach Kuba. Es ging um ein Schweizer Filmprojekt mit Fidel Castro und Geraldine Japlin war die Türöffnerin zu den sozialistischen Machthabern. Es war die «Periodo especial en tiempo de paz», die Zeit des Notstandes in Friedenszeiten, als Kuba nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Mauerfall in die wirtschaftliche Krise stürzte und einem drastischen Systemwechsel unterziehen musste. Durch die «Dollarliberalisierung» im sozialistischen Karibikparadies, um von der Zuckerwirtschaft auf den Tourismus umzuschwenken, vollzog sich eine Revolution vom sozialistischen Herz zum kapitalistischen Verstand, wie ich in den Medien schrieb.

Die klassenlose Gesellschaft war nunmehr in zwei Lager aufgespalten: Die mit den grünen US-Scheinen (fulanos) und die mit den wertlosen Pesos, die «esperancejos», den Hoffenden eben. So hat die Jagd nach dem «fula» (schlechten Geld) kafkaeske Formen angenommen. Die staatliche Tourismusorganisation «Cubanacan» rafft auf dem Schwarzmarkt alle Waren zusammen, um sie den mit Dollar zahlenden Touristen anzubieten. Auch die frischen Fische landen nicht auf dem Teller der hungernden Bevölkerung sonder in einem Touristenhotel in Havanna.

Havanna: Die wenigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurden auf dem Schwarzmarkt verkauft

Zu dieser Zeit war vierstöckige Warenhäuser – bis auf ein paar Glasperlen und Plastikringe, ein paar Büchsen, Kartoffel und ein paar landwirtschaftlichen Erzeugnissen – leer. Auf den Bauernmärkten standen die Leute stundenlang für ein paar Eier an. Strom gab es nur selten. Ganze Stadtteile waren stockfinster.

Prostitution und Apartheid-Tourismus – ein Teufelskreislauf

„So einen schockierenden standstill“ hatte ich bisher noch nie gesehen“. Gerade deswegen lief wohl die Propagandamaschine des sozialistischen Castro-Regimes auf Hochtouren, um uns Journalisten von den Vorzügen des sozialistischen Tourismus-Paradieses zu überzeugen. Ueberzeugend waren nur die «Mojitos» und die jungen, sehr hübschen kubanischen Frauen, die sich als sogenannte «jineteras», Reiterinnen der Nacht entpuppten, die sich am Pier von Varadero auf das Touristenschiff drängten und ihr Glück suchten.

Aber als «embedded» Journalist hatte ich Zugang zu aussergewöhnlichen Personen, wie der Gründerin der Frauenorganisation in den 60er Jahren. Da war Kuba uns also weit voraus. Dann die berühmte Onkologin Miranda Martinez, die mir das revolutionäre Gesundheitssystem zeigte und auch deren Schwächen offenbarte. Und auch eine Revolutionärin der ersten Stunde, die mit Fidel Castro Seite an Seite gekämpft hat. Dann besuchte ich Ana Fidelia Quirot, das Olympia-Langstreckenwunder, das einen tragischen Unfall in der Küche mit Petrolium hatte und als Schwangere schwerste Verbrennungen erlitt und dabei ihr Kind von Sotomayor verlor. Ein Exklusivinterview, auf das TV-Stationen schon lange vergeblich warteten.

Die Situation war desolat. Die Bevölkerung hungerte, Wasser und Strom waren knapp. Periodo especial eben. Bild: GMC

Auch ins politische Machtzentrum drangen wir dank Geraldin Japlin vor. Es ging ja um einen Film über Kuba und die «Cuban Stars» mit schweizer und kubanischen Filmemachern. Beim Interview im Hotel «El International» in Havanna, in dem wir auch wohnten, sass mein drei Monate alte Tochter Aiala auf Geraldines Schoss, während wir das Interview führten. Auch sonst war es völlig unkompliziert mit einem Baby in Cuba rumzureisen. Alle kubanischen Frauen stürzten sich sofort auf Aiala und unterhielten sie bestens und fürsorglich. Für «Annabelle», eine führende Frauenzeitschrift in der Schweiz, waren die Frauenportraits aus allen kubanischen Schichten geplant.

Am Schluss unseres Aufenthaltes hat die Sport-Journalistin, die uns das ganze Programm zusammengestellt und die Kontakte mit den Frauen hergestellt hatte, ein Referat vor versammelter kubanischer Presse, Radio und Fernsehen vorgesehen, in dem ich über die Schweizer Medienlandschaft und den Journalismus in der Schweiz halten sollte. Ich hatte dazu nicht viel Zeit, wollte ihr aber den Gefallen nicht abschlagen und überlegte mir gut, was und wie ich es sagen sollte, um nicht allzufest politisch anzuecken. Es war ein Balanceakt der Informationsvermittlung mit leisen kritischen Tönen. Ich übergab das Refereat an Roberta, die ersten besser Spanisch sprach und zweitens, da wir ja im Kontext der Recherchen für eine Frauenreportage nach Kuba gekommen waren.

Ein Zeitungsverträger in Havanna mit dem Parteiorgan Granma. Bild: Gerd Müller/GMC Photopress

Dann wurden wir noch von den Radio-Journalistinnen und Journalisten interviewt und just am nächsten Morgen früh, als wir um 07.00 Uhr schon in einer mechanischen Frauenwerkstatt standen (immer mit Aiala im Snuggli dabei) erstrahlte gerade ein Interview über den staatlichen Sender von unserem gestrigen Referat und Auftritt. Das war lustig und ein geniales Timing und verschaffte uns wiederum viel Sympathie und Hochachtung. Es waren spannende 30 Tage auf der Zuckerinsel, aber auch ein beelendender Zustand des Landes und dem Hunger und der Armut in der
Bevölkerung. Tourismus gab es damals noch sehr wenig. Das änderte sich aber rasch, denn die Kubaner brauchten Geld und das dringend und lockerten die Devisenvorschriften.

Die sozialistische Insel zog mich in der Folge immer wieder mal an und dank der Kooperation mit der Fluggesellschaft «AOM» flog ich zwischen 1993 und 1998 fast jährlich zur Zuckerinsel rüber und wohnte bei einer kubanischen Familie, einem älteren Paar, das in damals höchsten Hochhäuser am Malecon direkt neben dem legendären Hotel «El Nacional» lebte. Dort hatte ich mein Zimmer mit eigenem Zugang und einer Verbindungstür zu ihrer Wohnung. Das war perfekt für den sozialen Austausch mit dem Ehepaar Claris und Nilo und meinen nächtlichen Eskapaden mit den schärfsten kubanischen Mädels von Havanna.

Beim Interviewtermin mit Geraldine Japlin im Hotel El International in Havanna mit ROberta und Tochter Aiala. Bild: GMC

Trotz harscher Kontrollen und Bespitzelung konnte ich meine Liasons pflegen, ja geradezu kultivieren. Ich kaufte mir ein billiges chinesisches Fahrrad und fuhr kreuz und quer durch Alt-Havanna hindurch. Da war Kuba noch kein Ueberlaufenes Touristenparadies. Und ohne Spanisch ging gar nichts. Doch das änderte sich in der Folge recht rasch dank den Bestrebungen des Regimes, das Land für den Tourismus zu öffnen und die ersten touristischen Enklaven zu schaffen.

Zur Publikationsübersicht    https://www.allmytraveltips.ch/?p=29322

Cuba: The US-Embassy in Havanna claims to be under acustic attack

IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

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Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der
COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte
schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die
einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie
dies tun wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch.
Vielen Dank im Namen der Hilfsprojekt-Empfänger/innen.

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