Mixteken Indios: Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomandenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen titelte ich eine meiner publizistisch erfolgreichsten Reportagen. Bild: Gerd M. Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor (Jg. 62) reiste als Fotojournalist durch mehr als 70 Nationen und lebte in sieben Länder, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und dann im Autonomen Jugendzentrum (AJZ) tätig. Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Oekoprojekte im südlichen Afrika und weltweit. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das Tourismus & Umwelt Forum Schweiz. Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus Politthriller, Reiseberichten und voller abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Lebens eben.

Oacaxa/Mexico: Auf dem Weg der sieben Stationen mit der Virgen de Guadeloupe in den Bergen von Zacantepec

Glanzvoll erstrahlt Mexicos Antlitz in der Wiege archaischer Indio-Hochkulturen. Sowohl die antiken Tempelanlagen als auch die kontrastreichen, prächtigen Kolonialstädte Oaxaca und SanCristobal de las Casas ragen wie Juwelen aus der schillernden Sierra Madre heraus. Die Heimat der Tzotziles, Tzetales, Chamulas und Lacandonen, geben sich die Ureinwohner inetwa so urtümlich wie Walliser oder Bündner Bergler. Und doch sind die Kultur, die Geschichte und die Landschaft der unsrigen nicht gleichzusetzen.

Ich verbrachte einige Tage in Oaxaca, eine prächtige Kolonialstil-Stadt. Auf dem Weg, meine Wäsche abzuholen, schaute ich zufällig in einen Hinterhof rein, in dem eine Frau mit langen, gekrausten Haaren an einer eigentümlichen Maschine stand und eine Arbeit verrichtete, die mich neugierig machte. Sie bemerkte mich und rief mich rein. Jetzt sah ich, was sie tat. Sie stand an einer uralten Lithografie-Anlage aus dem frühen 19. Jahrhundert und bedruckte gerade ein paar Lithos. Ich war unverhofft in das Atelier des berühmten oaxacenischen Malers Tamayo reingelaufen.

Wir kamen ins Gespräch und das über zwei Stunden lang. Sie erzählte mir, dass sie über Ostern in die Berge zu den Indios und ihren Prozessionen über die Osterfesttage fahren wolle, weil sie dem Lehrer einige Schulbücher bringen wollte. Das hörte sich verlockend an. Ich schloss mich ihr umgehend an und so fuhren wir am nächsten Morgen mit dem öffentlichen Bus in die Berge nach Zacantepec auf fast 3000 Meter Höhe. Die gut zehn stündige Fahrt war sehr beschwerlich. Die ganze Zeit oben am Griff festhaltend aufrecht zwischen Säcken, Hühnern, Kindern stehend, ständig hin und her schaukelnd, da der Bus sich über eine enge Geröll-Passstrasse mit grossen, tiefen Löchern in die Berge fauchend hochschraubte. Zwei Mal Rast gab es aufgrund der beiden Reifenwechsel.

Es war einfach total mystisch die Indios innig zu Virgen de Guadeloupe beten zu sehen. Bild: Gerd Müller / GMC Photopress

In der Dunkelheit bei dichtem Nebel kamen wir in dem Zapoteken-Indio Kaff an, das aus drei Steinhäusern, einem Zocalo und einer Kirche mit Wellblechdach bestand. Es gab ein einziges Guesthouse über dem einzigen kleinen Laden, der ausser ein paar Tonbüchsen und Mayonäse-Gläser noch ein paar Pfefferschoten, etwas Kaffee und Mezcal-Schnaps hatte. Eine Woche lang, gab es praktisch nichts zu essen. Schon bald waren Marcela, die bildhübsche Malerin und ich recht mystisch drauf. Und dann kam der Augenblick als aus allen Richtungen  tief verhüllte Indiogestalten aus dem gespenstischen Nebel auftauchten und zur Kirche strömten. Also gingen auch wir hinein. Dort hielt ein Padre in weisser Soutaine vor der Virgen de Guadaloupe, der schwarzen Maria Jungfrau, eine pastorale Rede im Indio-Dialekt. Doch viel faszinierender waren all die von tiefen Furchen geprägten Indiogesichter unter den Rebozas, den bunten Schals, die sie als Kopfbedeckung und über die Schultern trugen.

So buntgekleidetet sahen die Indio-Frauen auf dem Markt von San Cristobal aus. Bild: Gerd M. Müller

Spärliches Kerzenlicht, Kopal Weihrauchschwaden und ein am Boden ausgebreitetes, duftendes Meer fon Fichtennadeln sowie prächtig kostümierte Honoratoren mit silberbeschlagenen Stöcken als Insignien ihrer Würde, verwandeln das Kirchenschiff in eine mystische Welt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht gedacht, die Indios in so einer christlichen Pose zu sehen. Ich hatte eine Winnetou geprägte Vorstellung von den Indianern, obschon ich auch in den USA zuvor welchen begegnet bin.. Dann ging es los, das heisst die Indio Frauen schulterten die Virgen de Guadeloupe und die Männer Jesus Christi auf ihre Schultern und dann zog der ganze Indiotross in die Berge hoch. Sie teilten sich in zwei Gruppen auf. Ich entschloss mich dem Frauen Fakel und Kerzenlichterzug zu folgen. Und so kletterten wir die schmalen, rutschigen Pfade hoch und unterwegs gab es ein paar Kreuzweg-Rituale und bei der 7. Station versammelten sich die beiden Züge auf einer kleinen Lichtung mit einem Platz um die Bannerträger und knienden Frauen mit den Weihrauchgefässen.

Die Indio-Frauen breiteten ihre txtilen Schätze auf dem Markt von San Cristobal aus, die sie selber gestrickt hatten.Bild: GMC

Jetzt hielt der Padre wieder eine Ansprache und in diesem Moment riss der Himmel zum ersten Mal ganz auf und die Sonne erschien wie ein Bannstrahl auf die kleine Indiogemeinde. Auch die Gesänge versetzen mich irgendwie in Trance. Es war aussergewöhnlich diese spirituelle Erfahrung als Einziger Weisser und Ausländer unter den Mixteken Indios zu erleben. Ich verschmolz sozusagen mit Ihnen und Ihren Ahnen.

Da ich versteckt Fotos von der Wiedervereinigung von Jesu Christi und Maria Jungfrau machte, erschrak ich heftig, als sich aus dem Kreis der Würdenträger einer herauslöste und auf mich zu kam. Ich bekam schiss, sie hätten mich beim Fotografieren erwischt und ich würde nun als Opfer dargebracht und an der Lanze aufgespiesst. Die Furcht war nicht unbegründet, denn in Chiapas wurden schon Touristen umgebracht, die die einheimischen Indios fotografierten. Stattdessen wurde ich als Geste der Gastfreundschaft mitten ins Zentrum der Prozession geholt und durfte einen der drei Bannerträger sein. Welch eine Geste und Ehre für mich. Ich war sehr gerührt.

Mexico: Die Kolonialstadt Oaxaca war Ausgangspunkt unserer Reise in die Berge zu den Mixteken in Zacantepec. Bild: GMC

Umso mehr öffnete ich mich nun den Indios und verfiehl in den folgenden Tagen und abgefahrenen Prozessionen auch öfter Mal in Trance. Und das ganz ohne Pilze oder andere Drogen. Nur mit einer halben Flasche Mezcal beruhigte ich den Hunger und die Rache «Montezuma’s». Und infolge des Nahrungsmittelmangels und der Höhe wirkte sich der Alkoholpegel besonders gut auf die rauschartigen Trancezustände aus. Da gab es keine Sprachbarrieren mehr und das universell Verbindende überwand alle kulturellen Grenzen.

Und dank der jungen Malerin aus dem Atelier des berühmten mexikanischen Malers «Tamayo» erfuhr ich mehr und mehr über die Geschichte und Identität der Mixteken. Ich verbrachte mit Marcela noch einige Wochen auf Streifzügen durchs Indio-Land und Jahre später kehrte ich als Journalist nach Mexico zurück, 1994 als in Chiapas die Indio-Aufstände eskalierten und das mexikanische Militär und die Soldaten der Armee in die Region der sechs Dörfer und in San Cristobal de las Casas einmarschierten, um die «MARCOS»-Rebellen zurückzudrängen und den Indio-Aufstand zu zerschlagen.

Der Schweizer Ausland-Journalisten-Crew in Zeiten des Marcos Indioaufstandes in Monte Alban. Bild: GMC

Die sechs Buchstaben «MARCOS» waren die Anfangsbuchstaben der sechs aufständischen Indio-Kommunen in der Umgebung von San Cristobal. «M»argaritas, «A»ltimirano, «R»ancho, «N»uevo, «C»omitan, «O»cosingo und «S»an Cristobal. Zehn Kilometer weiter, liegt San Juan Chamula, dem Dorf der traditionsverhafteten Chamulas, wo am 1.1.1994 der Aufstand begann. Das Juwel und der Kristallisationspunkt der chamulenischen Glaubenswelt, wo Gott und die Göter verschmelzen, Christus vom Kreuz gestiegen ist, um als Sonne wiederaufzuerstehen, ist die barocke Dorfkirche aus dem 17. Jahrhundert.

In Ocosingo flogen uns, als ich mit einer Ernährungsberaterin für Säuglinge einer Hilfsorganisation vor Ort war, die Kugeln nur so um die Ohren und ich hatte Glück, dass mich keine davon traf. Nachdem ich diesem brandgefährlichen Ort wieder entflohen war, erlebte ich dann in Chiapas noch ein schweres Erdbeben und in Yucatan einen Hurrikan. Also Mexico hat nicht mit Eindrücken gespart. Das war ein höllisch heisses Land, mal ganz abgesehen von all den Drogenkartellen, die sich damals gerade bekämpften.

Dank der jungen Malerin Marcela Vera aus dem oaxacenischen Atelier Tamayo erhielt ich Zugang zur Indio-Welt. Bild: GMC

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller     

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Zu den Print Reportagen über Mexico (Links folgen in Kürze):

AT/BT: Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen                                                        

Basler Zeitung: Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen  

Der Bund: Kreuzweg durch die Bergwelt Oaxacas

AT/BT: Von Göttern inspiriertes, von Gott beselltes Indio-Reich  

Aargauer Tagblatt: Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen 

Aargauer Zeitung: Kreuzweg durch die Bergwelt Oacacas  

Sonntags Zeitung: Zukunftsprojekt ohne die Sünden der Vergangenheit      

Brückenbauer: Mexicos wilder Süden                                        

Contruire:L’Etat rebelle du Chiapas   

Sonntags Zeitung: Lockruf eines geschmähten Kontinents

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