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Die Schweiz als Apartheid-Gehilfe der Buren

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch «POLITISCHE & ÖKOLOGISCHE METAMORPHOSEN» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

FA-18 military jets from Swiss Airforce escorting civil airplaine in the swiss alps. © GMC/Gerd M. Müller

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund, prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend Eine gelungene Mischung aus gehobener Reiseliteratur, globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten und persönlichen Essays – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Der Autor publizierte Hunderte von Reportagen in deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen.

Peter Regli war so einer und als Chef des schweizerischen Nachrichtendienstes 1991 bis 1999 eine illustere, zwielichtige Geheimdienst-Figur. Er organisierte in den frühen 1980er Jahren geheime Pilotenaustausche mit dem Apartheidregime. Laut dem ehemaligen Geheim-dienstchef Südafrikas, Chris Thirion, vereinbarten die Geheimdienste der Schweiz und Südafrikas 1986 auch einen Know-how-Austausch über C-Waffen. Am 25. Januar 1988 traf der Leiter des südafrikanischen ABC-Waffen-Programmes, Wouter Basson, der später als «Doktor Tod» in die Geschichte einging, sowie Polizeigeneral Lothar Neethling mit Vertretern des «AC-Laboratoriums Spiez» in Bern zusammen. Unter dem «Project Coast» wollte der Militärarzt Basson mit B- und C-Waffen damals mögliche Aufstände der schwarzen Bevölkerung im Keim ersticken. „Eine grauenhafte Vorstellung, dass die Schweiz bei diesem teuflischen Plan im geheimen mitgewirkt hat und an der Vernichtung von zehntausenden von Schwarzen hätte beteiligt gewesen sein können.“ Das zeigt die damalige Doktrin und das schablo-nenartige Denken der Geheimdienste. Heute ist das nicht viel besser mit politisch hochstilisierten Feindbildern und Algorhtmen.

Vor Reglis erzwungenen Rücktritt liess er 1999 sämtliche Akten über die nachrichtendienstliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Apartheidregime vernichten. 2003 reichte das (VBS) eine Strafanzeige und leitete eine Administrativuntersuchung gegen ihn im Zusam-menhang mit den umstrittenen Kontakten des Geheimdienstes zum südafrikanischen Apartheid-Regime ein. Obwohl auch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) diese Operation als unrechtmässig bezeichnete, wurde Regli 2007 vom Bundesrat vollständig rehabilitiert.

Die Aktenvernichtungen sei im Interesse der Schweiz gewesen. Reglis Rehabilitierung war allerdings umstritten, sie wurde von Hilfswerken und der politischen Linken (Sozialdemokraten, Partei der Arbeit, Grüne) mit Empörung quittiert. Doch wie kam Regli überhaupt zu diesen hochrangigen ausländischen Kontakten zur «CIA», zum «Mossad» und zum südafrikanischen Geheimdienst? Quellen aus dem «NDB»-Umfeld führen zu den geheimen Sitzungen des «Club de Berne» teilnahm. Diese informelle Organisation wurde während des Kalten Kriegs 1971 in Bern gegründet. Sie vereinigt die Chefs aller Geheimdienste und der Bundespolizeien aus etwa zehn Ländern wie Deutsch-land, den USA, Grossbritannien und der Schweiz und ist auch heute noch operativ tätig. Ziel ist der regelmässige Informationsaustausch zwischen westlichen Geheimdiensten und Bundespolizeikorps über aktuelle Bedrohungen. Zu den Gründungsmitgliedern zählte auch die Schweiz. Auch Israel spielte eine entscheidende Rolle und der Austausch mit dem israelischen Inlandsgeheimdienst «Schin Bet» und dem Auslandpendant «Mossad» war intensiv. Initiator des «Berner Clubs» war der italienische Geheimdienstchef Umberto Federico d’Amato.

Quellen aus dem NDB»-Umfeld führen zu den geheheimen Sitzungen des «Club de Berne» teilnahm. Diese informelle Organisation wurde während des Kalten Kriegs 1971in Bern gegründet. Sie vereinigt die Chefs aller Geheimdienste und der Bundespolizeien aus etwa zehn Ländern wie Deutschland, den USA, Grossbritannien und der Schweiz und ist auch heute noch operativ tätig. Ziel ist der regelmässige Informationsaustausch zwischen westlichen Geheimdiensten und Bundespolizeikorps über aktuelle Bedrohungen.

Ziel war es damals, ein gemeinsames Chiffrier-System aufzubauen, das auch hervorragende Dienste bei der Abhörung fremder Nationen und 2020 zur «Crypto-Affäre» führte.. Mitte der 70er Jahre erhielt der Club eine aktive Rolle beim Vorgehen gegen linke Terrororganisationen wie die «RAF», die Rote Armee Fraktion in Deutschland oder die «Roten Brigaden» in Italien und so wurde ein weiteres, vom ersten getren-ntes Meldesystem aufgebaut. Nach den Terroranschlägen vom 11.September hat der «Club» eine verstärkte Bedeutung als Gremium der politischen Konsultation zwischen Geheim- und Staatsschutzdiensten erhalten. Aus der Organisation ist ein breit abgestütztes internationales bekanntes aber immer noch sehr diskretes Gremium geworden. 2001 initiierte der «Club» die «Counter Terrorism Group» (CTG). Diese soll angeblich seit 2016 ein europäisches Geheimdienstzentrum in Den Haag leiten. Seit 2016 laufen Sondierungen mit Europol, da die «CTG sich mit den polizeilichen Strukturen der EU oder einzelner Mitgliedstaaten vernetzen wollte. 2017 bezeichnete der deutsche Abge-ordneter Andrej Hunko den «Berner Club und dessen informellen Zusammenschluss «CTG» als „kaum kontrollierbar. Er kritisierte auch die zunehmende Vergeheimdienstlichung der Polizeiarbeit. In Österreich wurde der Berner Club im Rahmen der BTV-Affäre in den Medien genannt.  In Deutschland anlässlich der Kontroverse um die Äusserungen von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen zu den Ausschreitungen in Chemnitz 2018  bekannt. Seine Rede vor dem «Berner Club» am 18. Oktober 2018 hatte seine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand zur Folge.

Aviva Guttmann, eine Historikerin am «King’s College» in London, ist eine der Forscherinnen mit Zugang zu den «Club-de-Berne»-Aufzeichnungen der 80er- und 90er-Jahren, die in ausländischen Archiven gelagert sind. Sie sagt, „dass Regli Kraft seines Amts Mitglied gewesen sein muss“ und ist sich sicher ist, „dass Regli stets über einen Wissensschatz verfügte, der weit über seinen Dienstgrad hinausging“,. Durch die Teilnahme am «Club de Berne» erhielt Regli Informationen der «CIA» und vom «Mossad». Ein klassischer Modus Operandi für jeden Nachrichtendienstchef. Doch Regli ist dabei zu weit gegangen, «indem er ein zu hohes Risiko einging, die Sicherheit des Landes und die internationalen Verpflichtungen sowie Neutralität der politischen Schweiz zu gefährden.

Dass Regli sich mit «CIA und «Mossad austauschen konnte, hat auch mit anderen Personen zu tun, die ihm den Rücken frei hielten und Türen öffnete, wie der Leiter des internen Nachrichtendiensts «DAP». Urs von Daeniken und sein Vorgesetzter, Peter Huber, beide Mitglieder im «Club de Berne». Sie fielen nach der «Fichenaffäre» 1989 in Ungnade und wurden aufgrund des öffentlichen Drucks kaltgestellt. Alt-Bundesrat Adolf Ogi erinnert sich und erzählt, dass der Geheimdienstchef für ihn immer mehr zum „Problem geworden sei, weil „Regli zu eng mit Personen aus der Apartheid verbandelt war, die ein chemisch-biologisches Waffenprogramm aufgebaut hatten.“

Carla Del Ponte wollte Regli wegen der damals bekannt gewordenen Südafrika-Affäre sogar verhaften. Doch dazu kam es nicht, erst kam noch die Bellasi-Affäre, benannt nach dem ehemaligen Geheimdienstbuchhalter Dino Bellasi, der von Regli mit 8,9 Millionen Franken ausgestattet und beauftragt wurde, ein geheimes Waffenarsenal aufzubauen. Als Bundesrat Ogi im November 1995 die Leitung des Militärdepartements übernahm und in sein Amt einarbeitete, hoffte er, von seinem Vorgänger, dem FDP-Bundesrat Kaspar Villiger Informa-tionen zu erhalten, doch der liess seinen Nachfolger auflaufen. Er gab ihm keine Informationen über die Abläufe des «SND» oder über die Amtsführung von Peter Regli. So kam es auch, dass Ogi bis zum 12. Februar 2020 nichts von der Kontrolle des «CIA» und «BND» über «Crypto AG» wusste, wie er selber sagt.

Auch beruflich hatte ich zu Beginn der 90er Jahre bei meiner Public Relation Ausbildung und bei der PR-Agentur «Leipziger & Partner» in Zumikon mit dem Militär zu tun, obschon ich als Dienstverweigerer und Befürworter der «Armeeabschaffungs-Inititave» und kein Armee-Freund oder Kriegswaffen-Fetischist war. Mein Chef, Dr. Emil S., war Oberst im Militär, «AUNS»-Mitglied und ein kleiner Nazi und gehörte so betrachtet nicht zu meinen speziellen Freunden oder Vorbildern. Aber beruflich gesehen, war er ein PR-Ass und bestens vernetzt, wodurch ich trotz meiner Aversion gegen Ernst Cincera, Peter Sager und Christoph Blocher viel von seinem Know-How und Kontakten zum militärischen Kader oder zu gemässigten Zivilorganisationen wie «Helvetas» und dem «Europa Institut» profitierte. Bei der PR-Agentur Leipziger & Partner organisierte ich u.a. das «Forum 91» und das «Colloquium Sicherheitspolitik & Medien» mit «NATO»-General Klaus Naumann als Gast, zwei hochpolitische Foren mit hochrangigen Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Medienvertretern.

Da prallten zwei Welten aufeinander: Hier der junge Freak, der Sympathie für die «Armee-Abschaffungs-Initiative» hatte und sich der Rekrutenschule entzog, dafür aber gerne Zivildienst leistete. Einer der auch mit der Anti-AKW-Bewegung sympathisierte! Auf der anderen Seite das bürgerliche Establishment, die Spitze der Schweizer Armee bis hin zum Gastreferenten, «NATO»-General Klaus Naumann, der nur von drei Kantonspolizisten eskortiert in die Aula hereingeführt wurde. Da ich das Sicherheitsdispositiv im Detail kannte, wäre es für mich einfach gewesen, einen Terrorakt zu verüben, bei dem die Schweizer Armeespitze einen empfindlichen Schlag hätte hinnehmen müssen. Insgeheim malte ich mir aus, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die Militärelite mit einem Schlag mit einem der 35mm Flabgeschosse aus meinem früheren Lehrbetrieb «Oerlikon Bührle» oder einem anderen Sprengsatz hätte vernichten können. Da habe ich gemerkt, dass man auch als Pazifist einige abgründige Szenarien in Erwägung ziehen kann, wenn man in militärischen Kategorien denkt, so wie das in Militär- und Spionagekreisen und bei meinem Chef eben alltäglich und branchenüblich war. 

Die 80er Jahre waren also geprägt von grossen politischen Umwälzungen, die die Jugendbewegung ausgelöst hatte und so eine ganze Generation politisiert hat. Denn die innenpolitischen Umwälzungen hatten auch viel mit der internationalen Lage zu tun. Mit den Schematas des Kalten Krieges, dem Vietnam-Krieg, dem Sechs Tage Krieg und Einmarsch Israels in den palästinensischen Gebieten, den Befreiungs-bewegungen in Lateinamerika und dem Kampf der «Roten Armee Fraktion» (RAF) und der «Roten Brigaden» in Italien. Dadurch befeuert waren die jungen Aktivisten auch geneigt, die Armee abzuschaffen und die AKWs abzuschalten (eine Folge auch des Reaktorunfalls von Tschernobyl). Wir schauten also weit über den Tellerrand hinaus und solidarisierten oder engagierten uns mit den Sandinisten in Nicaragua, die sich von Diktator Somoza verabschieden wollten. Auch die imperialistischen Scharmützel der USA in Kuba brachten uns auf. Und so ist es kein Wunder das wir in die Welt hinaus zogen, um Neues zu entdecken und altes abzuschaffen.

Peter Regli wusste, dass «Doktor Tod» die Schwarze Bevölkkerung notfalls mit Mandrax vergiften wollte

In der dunkelsten Zeit der Apartheid in Südafrika, in den 80er-Jahren organisierte Peter Regli, damals Chef der Luftwaffe, einen geheimen, Austausch von Militär-Piloten mit Südafrika. Die Beziehungen der Schweiz zu Südafrika waren politisch, militärisch und rüstungsindustriell in den 1980er Jahren am intensivsten, als die Durchsetzung der südafrikanischen Politik der Rassentrennung (Apartheid) am stärksten und von schweren Menschenrechtsverletzungen sowie offener Gewaltanwendung begleitet war. Die Schweizer Industrie hat das Waffenembargo, das die Uno über Südafrika verhängte, in grossem Stil unterlaufen. Sie verletzte selbst die von der Schweiz definierten Regeln über die Waffenausfuhr, obschon sie weit enger gefasst waren, als jene der Uno. Die Verwaltung war über viele illegale und halblegale Geschäfte informiert. Dies trifft auch auf die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Südafrika zu. Der Austausch nachrichtendienstlicher Informationen trug direkt zur Anbahnung von Rüstungsgeschäften, der Bekämpfung von Apartheidgegnern und zur politischen Propaganda zugunsten der südafrikanischen Regierung bei. In der dunkelsten Zeit der Apartheid in Südafrika: in die 80er Jahren organisierte Peter Regli, damals Chef der Luftwaffe, einen geheimen, Austausch von Militär-Piloten mit Südafrika.

Laut Aussage des ehemaligen Chef des südafrikanischen Geheimdiensts Chris Thirion,, pflegten die schweizerischen und südafrikanischen Dienste einen jahrelangen Informationsaustausch über chemische Waffen. Damals war Wouter Basson Leiter des südafrikanischen Chemiewaffenprogramms. Die südafrikanischen Medien gaben ihm den Übernamen «Doktor Tod». Er leitete die «Operation Coast», ein streng geheimes und tödliches Programm der Apartheidregierung, das an politischen Gegnern und Schwarzafrikanern getestet werden sollte.

All dies ist in einem klassifizierten Bericht von Professor Schweizer und in der Studie «Mit der Apartheid-Regierung gegen den Kommunismus» von Peter Hug festgehalten. Anfang 1988 trafen sich also Wouter Basson und der südafrikanische General Lothar Neethling in Bern mit Vertretern des AC-Labors Spiez. Gemäss Basson wurde das Treffen von Jürg Jacomet arrangiert. Der ominöse Waffenhändler war Reglis «Agent in Südafrika». 1991, ein Jahr nach dem Sturz des Apartheidregimes, statteten Basson und Neethling Bern einen weiteren Besuch ab, diesmal direkt im Büro von Regli.

1992 half Jacomet Basson, eine halbe Tonne «Mandrax zu beschaffen, ein extrem giftiges Lähmungsmittel. Ein Deal, der Regli fädelte. Zwei Jahre später konnte Regli im Gegenzug auf Jacomets Unterstützung beim Kauf von zwei russischen SA-18-Boden-Luft-Raketen zählen. Die «Operation Coast» wurde 1992 abgebrochen. Die parlamentarische Aufarbeitung dieser problematischen Beziehung begann viel zu spät und nur durch Medienberichte ausgelöst.

Nur ein Mitglied des Bundesrats wusste von Reglis Deals, gemäss der parlamentarischen Untersuchung von 2003: Kaspar Villiger. Professor Schweizer, der Villiger ebenfalls befragt hat, zweifelt heute an der Kooperationsbereitschaft des ehemaligen FDP-Bundesrats: «Es gilt als sicher, dass er nicht alles gesagt hat. Für den emeritierten Professor ist der Fall Regli und Südafrika immer noch nicht abgeschlossen. Trotz eindeutiger, äusserst problematischer Kontakte, privater Geschäfte und einiger Kompetenzüberschreitungen konnte ihm schwarz auf weiss keine direkte Beteiligung am «Projekt Coast» nachgewiesen werden. Immerhin hat Regli in Gegenwart seines Anwaltes zugegeben, dass er Wouter Basson, den Leiter des Chemiewaffenprogramms, mindestens sechs Mal getroffen und mit ihm Geschäftliches besprochen habe.

Von den verbrecherischen Forschungen dieses Arztes hatte er also Kenntnis, sagt Schweizer. Aber diese gut dokumentierten Befunde blieben für Regli bisher folgenlos. Das lag vor allem daran, dass Regli sämtliche Akten und Memos über seine Besuche im September 1999 vernichtet hatte. Dort nutzte er die Gelegenheit, alle Dokumente im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten in Südafrika zu vernichten. Er berief sich dabei– ironischerweise – auf den Datenschutz, seine Persönlichkeitsrechte und den «Fichenskandal» der damaligen Bundespolizei.

Südafrika: Flüchtlingskinder spielenSpringseil
Südafrika: Flüchtlingskinder spielenSpringseil

Die Aktenvernichtung sei in den 70er- bis 90er-Jahren eine typische schweizerische Eigenheit gewesen, sagt Geheimdiensthistoriker. Vor allem zu den Kooperationen mit ausländischen Intelligence Services seien Dokumente geschreddert worden, sofern überhaupt etwas schriftlich festgehalten worden sei. „Die Geheimdienste in den USA, Deutschland und England haben das nicht in diesem Ausmass gemacht.“

Zu den «Cryptoleaks». «SRF-Rundschau», «ZDF» und die «Washington Post» hatten gezeigt, dass die Zuger Exportfirma Crypto AG im Dienste des amerikanischen und deutschen Geheimdiensts über lange Jahre hinweg manipulierte Verschlüsselungsgeräte verkauft hatte. Die «Crypto AG» ist nur die Spitze des Eisbergs. Der gesamte Schweizer Nachrichtendienst war in den 1990er-Jahren geprägt von Dünkel, Intrigen und informellen Beziehungen zu westlichen und illusteren Geheimdiensten.

Es gab einen kleinen Zirkel von Insidern an der Spitze, der unbeaufsichtigt von Bundesrat und Parlament den persönlichen Austausch mit amerikanischen, südafrikanischen oder israelischen Spionen pflegte. Dank des 280-seitigen Dokuments namens «Minerva» wurde beweisen, dass der «BND» und die «CIA» zwischen1970 und 1993 ein Geheimbündnis hatten, um rund 100 Staaten auszuspionieren. Auch das Verfahren gegen die «Crypto AG» musste ergebnislos eingestellt werden. In den Medien sind diverse Namen aus dem bürgerlichen Lager aufgetaucht. Der geheime CIA-Bericht «Minerva» nannte als Mitwisser beispielsweise den Zuger FDP-Parlamentarier Georg Stucky, ein Mitglied des Verwaltungsrats von «Crypto AG» und Alt-Bundesrat Kaspar Villiger.

The Iranian Foreign Minister Mohammed Dschawad Sarif was not pleased by the Crypto news. Image: GMC/Gerd Müller

Die Affäre Bühler der 1992 beim Verkauf von Verschlüsselungsgeräten an das iranische Verteidigungsministerium verhaftet wurde. Der Aussendienst-Mitarbeiter wurde der Spionage verdächtigt und sass neun Monate lang in einem iranischen Gefängnis. Der Fall Bühler zwang die Bundesanwaltschaft, eine Untersuchung zur «Crypto AG» durchzuführen.

Diese kam fälschlicherweise zum Schluss, dass es keine Manipulation an Geräten gab. Mehrere Quellen aus dem «NDB»-Umfeld bezeugen aber, wie eng der Ex-Chef des Strategischen Nachrichtendiensts mit den Amerikanern zusammenarbeitete. Sie nannten ihn «den Souffleur» mit engem Draht zum damaligen «CIA»-Direktor William H. Webster, dem israelischen Geheimdienst «Mossad» oder dem südafrikanischen Geheimdienst – alles Protagonisten aus dem «Club de Berne».

Der militärisch ausgerichtete Nachrichtendienst «SND» punktete mit dem Satellitenabhörsystem «Onyx» in Leuk, Zimmerwald und Heimenschwand. Damit gelang es der Schweiz uneingeschränkt alle Datenübertragungen via Fax, E-Mail oder Telefon nach Suchkriterien abzuhören. Zudem gab es den Dienst für Analyse und Prävention (DAP). Dieser wurde nach der Fichenaffäre 1989 gegründet und war beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement angesiedelt.

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POLITISCHE & ÖKOLOGISCHE METAMORPHOSEN

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Vorwort:

Das Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen rund um den Globus. Er beleuchtet das Schicksal indigener Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund und analysiert scharfsichtig und gut informiert die politischen Transformationsprozesse. Müller prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse in einigen Ländern auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend. Eine gelungene Mischung aus globalen Polit-Thrillern, geho-bener Reiseliteratur, gespickt mit sozialkritischen und abenteuerlichen Geschichten sowie persönlichen Essays – den Highlights und der Essenz seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Es erwartet Sie eine Reise durch die epochale Vergangenheit und metamorphorische Phasen vieler exotischer Länder rund um den Globus. Nach der Lektüre dieses Buchs zählen Sie zu den kulturell, ökologisch sowie politisch versierten Globetrotter.

ZUR KAPITELÜBERSICHT

1. Jugendunruhen & Politskandale in den 80er Jahren 

«Legal», illegal, scheissegal, so waren wir drauf

MTV und der Walkman revolutionierten die Musik & Medienwelt                 

Jährlich starben Hunderte an Heroin 

Im Strudel Schweizer Politskandale: «Fichenaffäre» und «P-26

Die Schweiz als Apartheid-Gehilfe der Buren

2. Internationalisierung, Politisierung und Solidarität

Senegal 86: Zwischen den Fronten und in der Welt der Hexer & Heiler

Warschau 86: In Pole Position hinter dem Eisernen Vorhang                       

London 87: Die ersten Kontakte zu «ANC»-Exilanten 

Aufarbeitung eines düsteren Kapitels der Schweiz in Südafrika      

Makabere Waffengeschäfte und Atomdeals gedeckt vom Schweizer Politfilz

3. Südafrika: Im Kampf gegen die Apartheid im Untergrund

86-93: Das Ende der Apartheid, Mandelas Freilassung und sein Besuch in Zürich                         

Bürgerkrieg 93/94: IKRK-Einsätze im «ANC-IFP» Konflikt           

2011: Gadaffis Milliarden in Zumas Händen untergetaucht

2017 Gupta-Leaks: Wie Zuma und indische Kleptokraten Südafrika plündern

Botswana/Namibia: Mit den Khoi San durch die Kalahari gestreift

Afrika: Wegweisende Wildlife Projekte in Botswana, Südafrika

Kenya: Nach ethnischen Konflikten in der IKRK-Mission in Eldoret

Namibia: EZA, HIV-Schule Oa Hera und im Reich der Geparde

Komoren: Die Parfüminseln tauchen aus der Versenkung empor

4. Karibik, Kuba, Karneval und US-Invasoren 

Mexico 84: Die Osterprozessionen der Mixteken-Indios in Oaxaca

Mexico 94: Zeuge der zapatistischen MAROS Aufstände in Chiapas

Kuba 1993: Auf der Insel der Idealisten, die sich von Hoffnung ernähren 

Karibiktörns: Lebenslust und Protest zu Calypsoklängen in Trinidad, London und Zürich

Grenada 92: Zum Frühstück auf dem Flugzeugträger «US John Rodgers»               

Kolumbien 97: Höllentrip im Dienste der Swissair

Frz. Guyana: Bei den Fremdenlegionären im Survival Camp

Highlights in Brasilien und Amazonas Cruise-Expedition

Urwald-Expedition und Amazonas Cruise Trip

5. Asien: magische Highlights und Desasters  

Sri Lanka 1992: Die Perle des Orients nach dem Bürgerkrieg

Malediven 93: Die ersten Anzeichen des Klimawandels                        

Malaysia: Bei den versehrten Orang Utans in Borneo 

Philippines 95: Auf den Spuren der Geistheiler

Vietnam 1993 entwickelte sich schneller als ein Polaroid

Im Reich der liebenden Hände bei den Ayurveda Pionieren in Kerala

Indien 13: Kurz vor Moodis Wahl in Gujarat

6. Orient: Im Sinai, im Libanon und in der iranischen Botschaft

    

Ägypten 2004: Bei den Beduinen im Sinai zwei Terroranschläge miterlebt              

Libanon 2006: In Beirut im Palästinenser-Flüchtlingscamp «Schatila»            

Iran 70er Jahre: Der persische Mohn-Schah und seine diplomatischen Drogenprinzen    

In Zu Gast in der iranischen Botschaft zum 35. Jahrestag der Revolution

8. Spirituelle Reisen und Heilverfahren mit Cannabis & Co.

DieProhibition hat noch nie funktioniert, das medizinische Potenzial wurde kastriert 

Mutlos gescheiterte statt sinnvoll beflügelte Drogenpolitik

7. Klimawandel: Wie begegnen wir dem epochalen Challenge

Politikversäumnisse: Die Chronologie der guten Absichten                

Gesellschaft: Ein radikaler Paradigmenwechsel muss her   

Endzeit: Das sechste Massensterbern hat begonnen, gehen wir mit ihm unter?

Schmetterlingseffekt: Hedge Fonds, Kriege und der Klimawandel

Biodiversität in die Städte zurückholen

Ernährung & Landwirtschaft, Ernährung, Gewässerschutz und Pestizidverbot  

Rohstoffhandel: Freibeuter in die Schranken weisen

Textilindustrie: Menschenunwürdige Dreckschleuder umkrempeln

10. Asoziale Medien und disruptive Medienmogule

Die Rolle der (a)sozialen Medien kritisch hinterfragen und Konsequenzen ziehen 

Whistleblower & Wikileaks: Julian Assange, Edward Snowden & Co.   

9. Sehnsuchtsorte: Australien & Südsee-Perlen

Fraser Island & Cape Tribulation: Wale vor der Evolutionsperle 

Opalsucher in Coober Pedy: «Die Hoffnung lebt im Untergrund» 

Südsee-Highlights: Bora Bora, Huhine, Moorea, Tetiaroa 

1. «Bewegte Zeiten»: Die 80er Jahre Jugendunruhen

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln und im Laufe der 80-Jahre umpflügen sollte. Im Mai desselben Jahres begannen die «Opernhauskrawalle» als Auftakt zu den «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für sie zur Verfügung stehenden Einrichtungen und Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligsten Beispiel der bevor-stehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich. Zu jener Zeit gab es noch die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pubertierende Jugendliche gab es überhaupt keine, nur ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren.

Drei kurze Sätze waren in meiner Jugend prägend: „Das kannst du nicht!“ „Das darfst du nicht!“ Und: „Das geht nicht!“. Das war Motivation pur für eine Revolution nach dem Motto: „Klar geht das!“ Warst du einen Zacken neben der Spur, das heisst abseits der biederen bürger-lichen Norm von Moral und Ordnung, wurdest du gleich eines Aussätzigen behandelt. Radio und TV waren tote Hose damals. In der Schweiz und in ganz Europa war es in den 70er grau Jahren und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Ein Nachtleben, Internet oder Streaming gab es nicht. Gute Musik oder Filme waren rar bis Videotheken aufkamen und der «Walkmen» die Musikwelt veränderte. Aber Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. gab es nicht. Kein Wunder, dass es in der jugend-lichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte.

Die Tristesse war eine Folge der Ölkrise, des «Kalte Krieges», der Mauer und Bedrohung durch die Kommunisten, des Vietnamkrieges, der immer brutaler und grotesker wurde. Erst die flächendeckenden Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung mit den grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern, dann die «Agent Orange» Entlaubungsaktionen, schliesslich all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager. „Einfach nur grauenhaft und sinnlos“. Da schrien Herz, Seele und Verstand nach Gerechtigkeit, wenn nicht gar nach Vergeltung. Unerklärlich an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom US-Kongress abgesegnet sondern von der «CIA» finanziert wurde und die hat die Kriegskosten dadurch bezahlt, indem die US-Truppen im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachteten und nach Mexico brachten, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die eigene Haustüre geschaffen und den Mexikanern ihre Drogenlabore und -kartelle beschert.

Bei dieser kafkaesken Operation ist der «CIA» definitv das «I» also die «Intelligence» abhanden gekommen. Nebst dem «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst. Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden und im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gekom-men. Dann kam es zu dem Reaktorunfall in Tschernobyl und später haben die Gebrüder Tinner skandalträchtigbewiesen, dass man das Atom Know How auch exportieren kann. Und Peter Regli, ein Schweizer Geheimdienst-Offizier, arbeitete mit dem Apartheidregime beim ABC-Waffenprogramm zusammen. Die Schweiz hat also nicht nur ihre politische Kurzsichtigkeit exportiert, sondern auch Südafrika und Pakistan mit Atom-Know-how und Uran versorgt. Dazu kommen wir noch im Detail. Doch zurück nach Zürich zur hiesigen explosiven Lage im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit. Am jährlich stattfindenden «Allmendfest» über Pfingsten mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde mir die Bedeutung der Hippie-Bewegung vor Augen geführt, so nach dem Motto: «Peace, Love, Happiness & Freedom». Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war absolut grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68ern in der Subkultur unter den Jugendlichen und so kam dieser Power-Sound gerade zur richtigen Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen die Wut in meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen. Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadt strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon nach kurzer Zeit zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.  Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizeifahrzeuge brannten völlig aus und auch der Eingang zum Rathaus sah dementsprechend übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dich-ter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unfassbar, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68ern in blanke Wut verwandelte (angestachelt durch die Gewalt der Ordnungs-kräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest), mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten. Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Strassen-Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autono-men jeweils Mittwoch’s in den Volksversammlungen (VV’s) im Volkshaus oder vereinzelt auch auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 spielte sich in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens ab und wurde zum Gesprächsthema Nr. 1 des Landes. Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren, schlugen Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Polit-Persiflage die Hosen runter. Die Protagonisten der Jugend-bewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen die «Krawallanten» vorzugehen, denn zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war auch ich verblüfft, konsterniert und traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte.

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber am 3. Mai 1981 die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Giorgio Bellini» (ein anarchistischer Tessiner Buchhändler, der mit einer Gruppe militanter Autonomer Sprengstoffanschläge auf AKWs verübte und einen Strommasten in die Luft sprengte, weil sie Atomkraftwerk-Gegner waren) vor die Brust und in die Kamera und ver-schwanden unerkannt. „Wir haben uns köstlich amüsiert über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“. Ein paar Details gefällig, wie die spektakuläre TV-Aktion ablief? Insgesamt fünf als PolizistInnen verkleidete Personen, zwei Frauen und drei Männer betraten das Fernsehstudio unter dem Vorwand einer Drogenrazzia, was damals offenbar beim Schweizer Fernsehen kein Stirnrunzeln oder einen Ver-dacht hervor rief. So drangen zwei Personen in den Regieraum ein und sorgten dort für Ablenkung und ein wenig Chaos. Zeitgleich drangen zwei weitere Personen in die Sprecherkabine ein und hielten dem Nachrichtensprecher das Schild frech vor die Nase in die Kamera der Hauptausgabe. Doch es kommt noch besser: Als die beiden Chaoten aus dem Regieraum angehalten und der Polizei übergeben werden sollten, holten die KollegInnen von der Sprecherkabine die beiden ab und sagten, sie nähmen sie gleich mit. So kamen alle fünf unerkannt davon.

Zurück zum Tessiner Giorgio Bellini, der in Zürich einen revolutionären Buchladen an der Engelstrasse betrieb. Als das Schweizer Stimmvolk am 18. Februar 1979 die «Atomschutzinitative» mit einem knappen Anteil von 51,2 Prozent ablehnte machte sich eine kleine Gruppe von militanten AKW-Gegnern auf den Weg ins Fricktal. Die Gruppe «Do it yourself» hatte acht Kilo Sprengstoff im VW-Bus und sprengte damit den Informations-Pavillion beim geplanten KKW Kaiseraugst in die Luft. Personen kamen keine zu Schaden – da legte die Gruppe grössten Wert drauf, doch über den materiellen Schaden hinaus, entzündeten die AktivistInnen eine harsche politische Debatte, denn Sprengstoffanschläge hatten in der Schweiz bis anhin zum Glück Seltenheitswert. Nach dem Sprengstoffanschlag in Kaiseraugst folgten weitere Anschläge auf die AKWs Leibstadt und Gösgen.

Auf die Frage, wie die Gruppe an den Sprengstoff heran kam, sagte Bellini, dass dieser in der Landwirtschaft und auf dem Bau verfügbar war und zu seiner Zeit sowas wie das Spielzeug für „die dem Kindesalter entwachsenen war“. In der Tat kann ich das bestätigen und hinzu fügen, dass wir als Kinder auch mit Armee-Pistolen und anderen Waffen gespielt haben und schon als 14 jährige auf grösseren Motorrädern ohne Helm Jumps in der Kiesgrube übten. Das was damals alles nichts Aussergewöhnliches. Natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Doch welch eine grossartige Freiheit unter vielen weiteren. Kein Vergleich zur heutigen Schisskultur und Risikoarmut. Doch gingen die AktivistInnen sehr professionell vor und lernten vom Klassenfeind und seinen Institutionen. So wurde das berühmte Guerillia-Handbuch eines Schweizer Geheimdienst-Offiziers «Der totale Widerstand – Kriegsanleitung für jedermann» zur Hilfe genommen und bei der Spuren-tilgung half die Fachzeitschrift «Kriminalistik» den militanten AKW-Gegnern weiter. Dann gab es auch noch den zum Bündner «Öko-Terroristen» abgestempelten Marco Camenisch, der 1979 ebenfalls zwei Sprengstoffanschläge auf Strommasten verübte und zu zehn Jahren Zuchthaus verbannt wurde. Die beiden waren aber nicht die einzigen radikalen AKW-Gegner. Einer ging noch weiter, Chaim Nissim, der später für die Grünen im Genfer Kantonsparlament sass, griff 1982 mit einem Raketenwerfer sowjetischer Bauart, Typ RPG-7 den Reaktor Creys-Malville im französischen Rhônetal an, ohne ihn allerdings in die Luft jagen zu wollen.

Dann kam der Aushebungstermin für die Rekrutenschule beim Militär, auf die ich gar nicht erpicht war, denn im Zuge des Vietnamkriegs und des Eisernen Vorhangs, der Europa teilte, war mir nicht danach zu Mute, Teil einer Kriegsmaschine zu werden. Ganz im Gegenteil: Ich war pazifistisch eingestellt und habe auch für die Armee-Abschaffungsinitiative gestimmt, womit ich also ein veritabler Staatsfeind in den Augen von Politik und Militär war. Nichts desto trotz, setzte ich alles daran, nicht eingezogen zu werden. Und der Zufall half mir dabei. Denn kurz vor dem Aushebungstermin fand das Allmendfest statt, einer der ersten Hippi-Events in Zürich. Es war ein sehr heisses Pfingswochenende, sodass ich mit nacktem Oberkörper auf dem Festivalgelände rum lief und einen alten Schulkollegen traf, der mit Siebdruck grosse Cannabisblätter auf die T-Shirts druckte. Da ich keines anhatte, druckte er das Hanfblatt direkt auf meinen Rücken und da ich schnell bräunte war drei Tage später beim Abwaschen der Farbe, das Cannabisblatt viel heller, als der Rest der Rückenhautoberfläche. Das führte dazu, dass ich bei der Musterung in der Reihe stehend auffiehl und sich Gelächter verbreitete, worauf ich sofort zum Aushebungsoffizier überstellt wurde. Als der dann im Fragebogen auch noch las, dass ich Marihuanna täglich konsumiere und auch noch ein paar andere Substanzen aufführte, wurde ich zwei Jahre zurückgestellt und beim zweiten Aushebungstermin dann in Folge unveränderter Situation vom Militärdienst befreit und dem Zivilschutz zugeteilt. Das war einer der glücklichsten und befreiendsten Momente der damaligen Zeit. Auch wenn damit eine Pilotenkarriere ausgeschlossen wurde

Legal? Illegal? „Scheissegal!“, so waren wir drauf

Als nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Autonomes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich zu unserer Freude das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für uns gebeutelte «StadtindianerInnen». Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde daraufhin «subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt und überdies ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippie-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und deren waren viele. Zugegeben: Nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos lauthals skandiert wurden. Das war damals schon «Landesverrat» und so wurden wir Sympatisanten auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Freunde abgestempelt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Es kam auch zu vielen subtilen Verstössen und weniger subtilen Gewaltexzessen seitens der Polizei. Ich erinnere mich an einen Vorfall, bei dem ich mit dem Moped und zwei Mädels vorne und hinten drauf vom Niederdorf zum AJZ rüber fahren wollte, dabei am Polizeiposten Urania vorbei kamen, worauf uns beim Landesmuseum ein Polizeifahrzeug den Weg abschnitt, indem der Fahrer das Auto unmittelbar vor uns quer stellte, halb auf der Strasse und halbwegs auf dem Trottoir schräg zum Stehen kam, worauf drei Türen aufgerissen wurden und drei Polizisten raus sprangen, gerade noch bevor ich mit dem Moped in die hintere, offene Tür rein fuhr. Eine hinreissend filmreife Aktion für drei Jugendliche auf einem lahmen Töffli, die nun wirklich keinen Fluchtweg hatten und doch wie eine hoch kriminelle, schwer bewaffnete Bande überwältigt wurden.

Während den Unruhen verlor einer meiner Freunde durch ein Gummigeschoss ein Auge und meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum bis ihr Gesicht danach arg zerschrammt war. Ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt. Danach freigelassen und später mit Fr. 80.- für die Haft entschädigt. Weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war. «Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints, sodass die Polizei gar nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuana- Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süssliche Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. „Nie war die Freiheit lebendiger, grossartiger, vielfältiger und anarchistischer, als in den 80er Jahren“, einer Zeit, die ich als „Zenit des 20. und des 21. Jahrtausends“ bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die neue Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Möglichkeit zur autonomen Schwangerschaftsverhütung verschaffte voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form der ersten Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia»? Nun, warum die Qual der Wahl? Am besten alles zusammen! Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonismus pur war das Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt auf allen Ebenen experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare damals gesetzlich noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen One Night Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten, die Lust und das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirierende Zeit, die ihres gleichen sucht! Die Frauen waren für uns Lichtgestalten, viele sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „Emanzipation, ja klar, sagten wir uns und führten endlich das Frauenstimmrecht ein. One (wo)man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und liefen öfters mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemalten Gesichter und flatternden Haaren durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ» und haben so auch vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht unterstützt und schliesslich durchgesetzt.

In meiner frühen Jugend war ich begeistert von Pippi Langstrumpf, vom Buch und der TV-Serie. Das freche Mädel war revolutionär und mein anarchistisches, feministisches Vorbild für die „Befreiung von Kinder, Küche und Kirche“ damit vorgespurt. Die autonomeste und frechste Rotzgöre und der erste weibliche Punk, der mir begegnete, hat wohl auch mein Frauenbild geprägt. Sinnlich, frech, unkonventionell, unabhängig und voll geil drauf. Handkehrum waren Tom Sawyer und Huckley Berry Finn meine abenteuerlich, brüderlichen Vorbilder. Ich liebte ihre Lagerfeuer-Romantik und Streiche. Sie waren unsere Vorbilder und die Schreckgespenste unserer Eltern. Doch auch wir betrieben viel Unfug und loteten die Grenzen mächtig aus. Kitas gab es nicht, der Spielplatz war der grosse Wald mit all seinen Bewohnern und Geheimnissen. So verschwand ich den ganzen Tag im Gestrüpp des Zolliker Waldes, verweilte bei den Kaulquappen und Feuersalamander an den Teichen, kletterte bis in die Baumspitzen und baute Baumhütten und Staudämme wie die Biber und kam nur zum Mittagessen und Abends zurück.

Eine Aufsicht gab es nicht, dafür jede Menge Abenteuer bis hin zu Schusswaffengebrauch, frisierten Floretts und Motocross-Töffs mit denen wir die Steilwände in den Kiesgruben hochfuhren und anderen wilden Spielchen. Wir konnten uns irre austoben, etwas was den Jugendlichen heute für die persönliche Entwicklung fehlt, da sie nur noch virtuell am Geschehen teilnehmen und schon da reizüberflutet durchdrehen. Ein weiteres Problem ist auch das abstrakte virtuelle Anbandeln und der digitale Austausch mit dem anderen Geschlecht sowie das heutige Sexual- und Rudelverhalten an sich, dass einerseits wieder ultra konservativ, andererseits extrem egozentrisch geworden ist. Da kommt kein Spass mehr auf, wenn man sich auf ein Rudel Jungs oder eine Mädchen-Traube einlassen muss, um in die Nähe des oder der Auserwählte/n zu kommen.

Zurück in die experimentell sehr bewegten 80er Jahre. Die ungehemmte Lust an der Befreiung von allen sexuellen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte dann vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ»-Zeiten noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus Poona oder von Goa zurück und waren entweder spirituell total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, das Stadtbild und auch die politische Weltanschauung. «Thai-Sticks» und «Acapulco Gold» aus Mexico oder «Durban Poison» aus Südafrika machten die Runde und «Zenzemillia» wurde zum geflügelten Wort in der Kifferszene. Es war die Zeit der Rebellen, der freien Entfaltung, der Politisierung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten, musikalisch untermalt von den «Rolling Stones», «Doors» oder «Deep Purple», die ebenso zu unseren Musikgöttern zählten wie Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron.

Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück. Als Mitte der 1970er die «Punks» erst in New York und dann die Punkszene in London aufkam, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Die Sex Pistols und Talking Heads, Ramones oder under sex zählten zu den heissesten Bands, der damaligen Zeit. Bald entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk– und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» und der «Hey Club», die erste Punk-Disco in Zürich oder die Reithalle in Bern sowie bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. Auch in Winterthur gab es politisierte Punks, die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld also zu den Skinheads in der Schweiz verstanden. Auch in Basel gab es ein «AJZ», indem die Punks und Autonomen sich trafen.

Mit dem Piratensender «Radio 24» von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «MTV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos revolutionierte nicht nur die Musik- und Medienwelt, sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein ge-nialer Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei alternative Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen so auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den un-glaublichen Liberalisierungsschub hinsichtlich kultureller Freiräume lieferten. „So ausgeflippt und trendy hat man die Städte Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen“! Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Anders-denkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Anarchisten und Utopisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern.

Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu. Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern. In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch», der Slang-Name für Heroin. Die Situation verbesserte sich erst, als Emilie Lieberherr, die Frauenrechtsvorkämpferin und spätere Sozialvorsteherin und Stadträtin die Methadon-Abgabe einführte und die Fixer, Dealer und Drogentoten von den Zürcher Strassen verschwanden und die Süchtigen sich in den Kontakt- und Methadon-Abgabestellen wieder trafen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico B. und Tommy M., zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayaga» (russische Hexe) herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar P. gedruckt wurde. Andy, ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössten Plattenladen von Zürich und er hatte seine über 1200 LPs (Schallplatten) umfassende Kollektion in unsere WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein unfassbares musikalisches Universum für uns und wir schwebten musikalisch im siebten Himmel. Von da an ging die Post ab, denn wir waren alle „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen und legten los, die Welt zu verändern. Wie gesagt, durften unverheiratete Paare damals noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht gut 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und jugendlichen Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen. Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging es uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch überall auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei Neues aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und die Aufbruchstimmung führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen, die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“. Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Doch einhergehend mit der Heroinschwemme kam es zu vielen sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Auch Mandy, meine damals ein Jahr jüngere, also 17 jährige  Freundin starb später an einer Überdosis. Ich hatte stets Glück, doch das war zu viel für mich und für die Stadt Zürich. Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen zusammen mit der Stadträtin Emilie Lieberherr die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschenwürdig im Methadon-Programm betreut wurden. Das war ein mutiger Schritt in die richtige Richtung und das Modell wurde auch international kopiert.

Das AJZ war unsere Heimat. Hier traffen wir uns, hier schliefen wir oft, hier engagierten wir uns sehr kreativ. Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem autonomen Jugendzentrum Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen. Radio 24, Roger Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero in Norditalien erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und musikalisch ebenso wie mit Marie-Jane voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – und prägende Momente für viele meiner Generation.“ Auch Bob Marley hat uns im AJZ besucht.

Im Strudel SchweizerPolitskandale

In den 80er Jahren gab es hinreichend gute Jobs. Zuerst arbeitete ich bei der «Brauerei Hürlimann» im Export, danach für kurze Zeit bei einer Handelsfirma, der ich den gesamten Import von Getreidemehl aus Schweden vom Strassenverkehr auf die Bahn verlagerte und so ein erstes ökologisches Ziel umsetzte, das der Firma auch noch viel Geld sparte, da die Bahnlösung erheblich günstiger war. Danach kamen drei Reiseleiter-Einsätze für je drei Monate im Senegal, in Polen und in London. Als ich von den drei Auslandeinsätzen und dem anschliessenden Aufenthalt im Untergrund in Südafrika von dort zurückkehrte, arbeitete ich beim «Media Daten Verlag», der die «Werbewoche» und das «Media Trend Journal» heraus gab und wurde dann Anzeigenleiter der «Neuen Zürcher Zeitung» für die Bereiche Tourismus, Schulen und Institute sowie Verkaufsleiter der «Swiss Review of World Affairs», dem damaligen, hochkarätigen, englisch sprachigen Magazin der «Neuen Zürcher Zeitung» «NZZ». Später produzierte ich die Wälzer, der «Portraits der Schweizer Werbewirtschaft» und «Portraits der Schweizer Kommunikationswirtschaft» beim «Bertschi-Verlag». Durch die Verlagstätigkeit rückte ich dem Journalismus immer näher und beschloss das Handwerk über eine PR-Ausbildung am «SAWI» zu erlernen.

Im Oktober 1989 nahm ich an einem einwöchigen Journalismus-Workshop mit dem „linken“ Journalisten, Schriftsteller und Historiker Niklaus Meienberg teil, der kurze Zeit zuvor den «Villiger-Skandal» im 2. Weltkrieg aufdeckte. Und uns nun überraschend nach Kreuzlingen zur Asylantenempfangsstelle führte, bei der wir noch am selben Abend unserer Ankunft eine menschenunwürdige Situation vorfanden. Vor der geschlossenen Asylanten-Empfangsstelle hatten gut ein Dutzend frierender Flüchtlinge ein Feuer angezündet, um sich vor der bitteren Oktoberkälte zu schützen und aufzuwärmen, denn sie seien von der Asylanten-Empfangsstelle ausgeschlossen worden, erklärten sie uns. Die Polizei war gerade dabei das Feuer zu löschen, was uns in Rage brachte. Niklaus Meienberg kam so richtig in Fahrt und der wortgewaltige Hühne orchestrierte eine verbale Schandtirade feinster Didaktik. Aber Meienberg wäre nicht Meienberg, wenn den Worten nicht auch Taten folgen würden und so wies er uns an, die Flüchtlinge in die Jugendherberge zu verschieben, die gerade noch geöffnet hatte. Der arme Herbergen-Verwalter fiel fast vom Stuhl als er das Dutzend frierender und heruntergekommener Flüchtlinge im Schlepptau der JournalistInnen vor sich sah, Da ging das bürokratische Prozedere mit den Papieren los und musste nach den ersten fünf Personen, aufgrund fehlender Papiere, als hoffnungslos, abgebrochen werde, worauf die Flüchtlinge wenigsten diese Nacht in der Wärme verbringen konnten.

Meienberg indes hatte schon am nächsten Morgen die halbe Deutschschweizer Presse auf den Plan gerufen und über die menschen-unwürdigen Vorkommnisse und Praktiken (Strafaktion) vor der Flüchtlingsstelle hingewiesen. So sahen wir uns plötzlich im Presse-Trubel mit einer Schar Journalisten konfrontiert und belagerten mit diesen das Flüchtlingszentrum, bis wir mit dem Leiter der Empfangsstelle eine Aussprache hatten. Dann kamen die Politiker und Stadträte, die mauerten, Peter Arbenz, der Flüchtlingsdelegierte meldete sich zu Wort und stellte dem Empfangsstellenleiter einen Persilschein aus, derweil die kirchlichen Organisationen mehr Menschenwürde einforderten. Und so war die ganze Woche action. Der Kurs ging am Freitag-Abend zu Ende, jeder konnte über Nacht eine Story über das Geschehen der letzten Woche schreiben und sie Meienberg am Samstag-Morgen zeigen, der dann einen kurzen Kommentar dazu abgab, der allerdings lausig und launisch ausfiehl. Doch hatte ich die Unverfrorenheit und das Glück, dass mein Beitrag in der «Weltwoche» mit der Essenz eines anderen Schreibwerkstatt-Teilnehmers abgedruckt wurde. Das war der Einstieg und Ansporn, weiter in diese Richtung zu gehen und weil Foto-grafieren schon zu einer Leidenschaft geworden war, wollte ich Journalismus und Reportage-Fotografie miteinander kombinieren. Zoff und Stoff gab es ja genug, wie man gleich erfährt.

Im Jahre 1990 war ans Licht gekommen, dass sowohl die Bundesbehörden, als auch die kantonalen Polizeikorps seit Beginn des Jahr-hunderts rund 900‘000 «Fichen» über politisch verdächtige Personen angelegt hatten. Laut offiziellen Angaben waren mehr als 700‘000 Personen und Organisationen erfasst, also über ein Zehntel der Bevölkerung wurden als subversiv eingestuft. Der Beobachtungsradius zielte zuerst auf ausländische Anarchisten, Schweizer Sozialisten und Gewerkschafter, Schriftsteller, unwillkommene politische Flüchtlinge und Ausländer, die oft wieder ausgewiesen wurden. Mit dem Aufkommen des Antikommunismus wurden vor allem linksstehende Politiker und Mitglieder von Gewerkschaften überwacht. Offizielles Ziel der «Fichierung» war es, das Land vor aus dem Ausland gesteuerten subversiven Aktivitäten zu schützen.

Die Bekämpfung der Subversion war während des Kalten Krieges ein weitverbreitetes Schlagwort. Die Parlamentarische Untersuchungskommission «PUK» brachte zu Tage, wie weit dieser schwammige Begriff aufgefasst wurde. Wie aus den Unterlagen der «Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr» (UNA) hervorging, empfanden eifrige Staatsschützer „Alternative“, „Grüne“, Friedensbewegte, Drittwelt-Aktivisten, Frauenbewegungen und Fremdarbeiterbetreuer, Anti-AKW-Aktivisten, „Linke“ aller Art also per se, als potentiell gefährlich einzustufen seien, denn sie könnten kommunistisch unterwandert, feind- oder fremdgesteuert oder sonst wie manipuliert sein. Auch ich bestellte meine «Fiche» beim Polizei und Justizministerium, die dann doch detaillierter als angenommen war, was das Bewegungsprofil und die Kontakte angeht, aber ansonsten sehr belanglos war, bis auf die vielen schwarzen Stellen in dem 14 seitigen Protokoll, das wohl mehr die Spitzel-Identitäten verdecken und schützen sollte, als Staatsgeheimnisse, staatsfeindliche Aktivitäten oder einen «Landesverrat» des Überwachten zu Tage gebracht hätte. Es zeigte den blinden Eifer der Behörden und das traurige Abbild der Spitzel. Die wenigsten von uns waren Marxisten, Leninisten, Maoisten oder Kommunisten oder Staatsfeinde auch wenn das Motto: «Macht aus dem Staat Gurkensalat» skandiert wurden. Da wurde viel Staatspropaganda aufge-fahren und mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Aber ein «Ticket nach Moskau», haben wir «Chaoten» trotzdem nie erhalten.

Dann gab es noch einen weiteren Politskandal: Die «P-26» Geheimloge (Projekt 26) war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrecht-erhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung. Sie wurde 1979/1981 als Nachfolgerin des Spezialdienstes in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) eingesetzt und 1990 nach der Bekanntmachung durch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) durch Bundesrat Moritz Leuenberger aufgelöst. Für die P-26-Mitglieder war in Friedenszeiten keine Bewaffnung vorgesehen, doch darum scherte sich der illustre Geheimbund nicht. Vorgesehen war, dass sie als Gruppe auf Befehl einer allenfalls im Ausland verbleibenden Exilregierung aktiv würden, um als Nachrichtenquelle zu dienen, ein Kampfauftrag war nicht vorgesehen, denn der war allein der Armee vorbehalten. Dennoch hortete die Untergrund-Organisation Waffen und legte grosse Munitionsdepots an. Ein weiterer Skandal setzte dem ganzen Abhör-, Bespitzelungs- und Geheimdienstzirkus noch die Krone auf. Doch es kommt noch viel dicker. Auch der Schweizer Nachrichtendienst war unterwandert mit „Kalten Kriegern“.

Die Schweiz als Apartheid-Gehilfe der Buren

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Peter Regli war so einer und als Chef des schweizerischen Nachrichtendienstes 1991 bis 1999 eine illustere, zwielichtige Geheimdienst-Figur. Er organisierte in den frühen 1980er Jahren geheime Pilotenaustausche mit dem Apartheidregime. Laut dem ehemaligen Geheim-dienstchef Südafrikas, Chris Thirion, vereinbarten die Geheimdienste der Schweiz und Südafrikas 1986 auch einen Know-how-Austausch über C-Waffen. Am 25. Januar 1988 traf der Leiter des südafrikanischen ABC-Waffen-Programmes, Wouter Basson, der später als «Doktor Tod» in die Geschichte einging, sowie Polizeigeneral Lothar Neethling mit Vertretern des «AC-Laboratoriums Spiez» in Bern zusammen. Unter dem «Project Coast» wollte der Militärarzt Basson mit B- und C-Waffen damals mögliche Aufstände der schwarzen Bevölkerung im Keim ersticken. „Eine grauenhafte Vorstellung, dass die Schweiz bei diesem teuflischen Plan im geheimen mitgewirkt hat und an der Vernichtung von zehntausenden von Schwarzen hätte beteiligt gewesen sein können.“ Das zeigt die damalige Doktrin und das schablo-nenartige Denken der Geheimdienste. Heute ist das nicht viel besser mit politisch hochstilisierten Feindbildern und Algoryhtmen.

Vor Reglis erzwungenen Rücktritt liess er 1999 sämtliche Akten über die nachrichtendienstliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Apartheidregime vernichten. 2003 reichte das (VBS) eine Strafanzeige und leitete eine Administrativuntersuchung gegen ihn im Zusammenhang mit den umstrittenen Kontakten des Geheimdienstes zum südafrikanischen Apartheid-Regime ein. Obwohl auch eine Parla-mentarische Untersuchungskommission (PUK) diese Operation als unrechtmässig bezeichnete, wurde Regli 2007 vom Bundesrat vollständig rehabilitiert. Die Aktenvernichtungen sei im Interesse der Schweiz gewesen. Reglis Rehabilitierung war allerdings umstritten, sie wurde von Hilfswerken und der politischen Linken (Sozialdemokraten, Partei der Arbeit, Grüne) mit Empörung quittiert. Doch wie kam Regli überhaupt zu diesen hochrangigen ausländischen Kontakten zur «CIA», zum «Mossad» und zum südafrikanischen Geheimdienst? Quellen aus dem «NDB»-Umfeld führen zu den geheimen Sitzungen des «Club de Berne». Diese informelle Organisation wurde während des Kalten Kriegs 1971 in Bern gegründet. Sie vereinigt die Chefs aller Geheimdienste und der Bundespolizeien aus etwa zehn Ländern wie Deutschland, den USA, Grossbritannien und der Schweiz und ist auch heute noch operativ tätig. Ziel ist der regelmässige Informationsaustausch zwischen westlichen Geheimdiensten und Bundespolizeikorps über aktuelle Bedrohungen. Zu den Gründungsmitgliedern zählte auch die Schweiz. Auch Israel spielte eine entscheidende Rolle und der Austausch mit dem israelischen Inlandgeheimdienst «Schin Bet» und dem Auslandpendant «Mossad» waren intensiv. Initiator des «Berner Clubs» war der italienische Geheimdienstchef Umberto Federico d’Amato.

Ziel war es damals, ein gemeinsames Chiffrier-System aufzubauen, das auch hervorragende Dienste bei der Abhörung fremder Nationen und 2020 zur «Crypto-Affäre» führte.. Mitte der 70er Jahre erhielt der «Club»  eine aktive Rolle beim Vorgehen gegen linke Terrororganisationen wie die «RAF», die Rote Armee Fraktion in Deutschland oder die «Roten Brigaden» in Italien und so wurde ein weiteres, vom ersten getrenntes Meldesystem aufgebaut. Nach den Terroranschlägen vom 11.September hat der «Club» eine verstärkte Bedeutung als Gremium der politischen Konsultation zwischen Geheim- und Staatsschutzdiensten erhalten. Aus der Organisation ist ein breit abgestütztes internationales bekanntes aber immer noch sehr diskretes Gremium geworden. 2001 initiierte der «Club» die «Counter Terrorism Group» (CTG).

Diese soll angeblich seit 2016 ein europäisches Geheimdienstzentrum in Den Haag leiten. Seit 2016 laufen Sondierungen mit «Europol», da die «CTG sich mit den polizeilichen Strukturen der EU oder einzelner Mitgliedstaaten vernetzen wollte. 2017 bezeichnete der deutsche Abgeordneter Andrej Hunko den «Berner Club» und dessen informellen Zusammenschluss «CTG» als „kaum kontrollierbar. Er kritisierte auch die zuneh-mende Vergeheimdienstlichung der Polizeiarbeit. In Österreich wurde der «Berner Club» im Rahmen der «BTV-Affäre» in den Medien genannt. In Deutschland anlässlich der Kontroverse um die Äusserungen von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen zu den Aus-schreitungen in Chemnitz 2018  bekannt. Seine Rede vor dem «Berner Club» am 18. Oktober 2018 hatte seine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand zur Folge.

Aviva Guttmann, eine Historikerin am «King’s College» in London, ist eine der Forscherinnen mit Zugang zu den «Club-de-Berne»-Aufzeichnungen der 80er- und 90er-Jahren, die in ausländischen Archiven gelagert sind. Sie sagt, „dass Regli Kraft seines Amts Mitglied gewesen sein muss“ und ist sich sicher ist, „dass Regli stets über einen Wissensschatz verfügte, der weit über seinen Dienstgrad hinausging“,. Durch die Teilnahme am «Club de Berne» erhielt Regli Informationen der «CIA» und vom «Mossad». Ein klassischer Modus Operandi für jeden Nachrichtendienstchef. Doch Regli ist dabei zu weit gegangen, «indem er ein zu hohes Risiko einging, die Sicherheit des Landes und die internationalen Verpflichtungen sowie Neutralität der politischen Schweiz zu gefährden. Dass Regli sich mit «CIA und «Mossad austauschen konnte, hat auch mit anderen Personen zu tun, die ihm den Rücken frei hielten und Türen öffnete, wie der Leiter des internen Nachrichtendiensts «DAP». Urs von Daeniken und sein Vorgesetzter, Peter Huber, beide Mitglieder im «Club de Berne». Sie fielen nach der «Fichenaffäre» 1989 in Ungnade und wurden aufgrund des öffentlichen Drucks kaltgestellt. Alt-Bundesrat Adolf Ogi erinnert sich und erzählt, dass der Geheimdienstchef für ihn immer mehr zum „Problem geworden sei, weil „Regli zu eng mit Personen aus der Apartheid verbandelt war, die ein chemisch-biologisches Waffenprogramm aufgebaut hatten.“

Carla Del Ponte wollte Regli wegen der damals bekannt gewordenen Südafrika-Affäre sogar verhaften. Doch dazu kam es nicht, erst kam noch die Bellasi-Affäre, benannt nach dem ehemaligen Geheimdienstbuchhalter Dino Bellasi, der von Regli mit 8,9 Millionen Franken ausgestattet und beauftragt wurde, ein geheimes Waffenarsenal aufzubauen. Als Bundesrat Ogi im November 1995 die Leitung des Militärdepartements übernahm und in sein Amt einarbeitete, hoffte er, von seinem Vorgänger, dem FDP-Bundesrat Kaspar Villiger Informa-tionen zu erhalten, doch der liess seinen Nachfolger auflaufen. Er gab ihm keine Informationen über die Abläufe des «SND» oder über die Amtsführung von Peter Regli. So kam es auch, dass Ogi bis zum 12. Februar 2020 nichts von der Kontrolle des «CIA» und «BND» über «Crypto AG» wusste, wie er selber sagt.

Auch beruflich hatte ich zu Beginn der 90er Jahre bei meiner Public Relation Ausbildung und bei der PR-Agentur «Leipziger & Partner» in Zumikon mit dem Militär zu tun, obschon ich als Dienstverweigerer und Befürworter der «Armeeabschaffungs-Inititave» und daher kein Armee-Freund oder Kriegswaffen-Fetischist war. Mein Chef, Dr. Emil S., war Oberst im Militär, «AUNS»-Mitglied und ein kleiner Nazi und gehörte so betrachtet nicht zu meinen speziellen Freunden oder Vorbildern. Aber beruflich gesehen, war er ein PR-Ass und bestens vernetzt, wodurch ich trotz meiner Aversion gegen Ernst Cincera, Peter Sager und Christoph Blocher viel von seinem Know-How und Kontakten zum militärischen Kader oder zu gemässigten Zivilorganisationen wie «Helvetas» und dem «Europa Institut» profitierte. Bei der PR-Agentur «Leipziger & Partner» organisierte ich u.a. das «Forum 91» und das «Colloquium Sicherheitspolitik & Medien» mit «NATO»-General Klaus Naumann als Gast, zwei hochpolitische Foren mit hochrangigen Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Medienvertretern.

Da prallten zwei Welten aufeinander: Hier der junge Freak, der Sympathie für die «Armee-Abschaffungs-Initiative» hatte und sich der Rekrutenschule entzog, dafür aber gerne Zivildienst leistete. Einer der auch mit der Anti-AKW-Bewegung sympathisierte! Auf der anderen Seite das bürgerliche Establishment, die Spitze der Schweizer Armee bis hin zum Gastreferenten, «NATO»-General Klaus Naumann, der nur von drei Kantonspolizisten eskortiert in die Aula hereingeführt wurde. Da ich das Sicherheitsdispositiv im Detail kannte, wäre es für mich einfach gewesen, einen Terrorakt zu verüben, bei dem die Schweizer Armeespitze einen empfindlichen Schlag hätte hinnehmen müssen. Insgeheim malte ich mir aus, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die hiesige Militärelite mit einem Schlag mit einem der 35mm Flab-geschosse aus meinem früheren Lehrbetrieb «Oerlikon Bührle» oder einem anderen Sprengsatz hätte vernichten können. Da habe ich gemerkt, dass man auch als Pazifist einige abgründige Szenarien in Erwägung ziehen kann, wenn man in militärischen Kategorien denkt, so wie das in Militär- und Spionagekreisen und bei meinem Chef eben alltäglich und branchenüblich war. 

Die 80er Jahre waren also geprägt von grossen politischen Umwälzungen, die die Jugendbewegung ausgelöst hatte und so eine ganze Generation politisiert hat. Denn die innenpolitischen Umwälzungen hatten auch viel mit der internationalen Lage zu tun. Mit den Schematas des Kalten Krieges, dem Vietnam-Krieg, dem Sechs Tage Krieg und Einmarsch Israels in den palästinensischen Gebieten, den Befreiungs-bewegungen in Lateinamerika und dem Kampf der «Roten Armee Fraktion» (RAF) und der «Roten Brigaden» in Italien. Dadurch befeuert waren die jungen Aktivisten auch geneigt, die Armee abzuschaffen und die AKWs abzuschalten (eine Folge auch des Reaktorunfalls von Tschernobyl). Wir schauten also weit über den Tellerrand hinaus und solidarisierten oder engagierten uns mit den Sandinisten in Nicaragua, die sich von Diktator Somoza verabschieden wollten. Auch die imperialistischen Scharmützel der USA in Kuba brachten uns auf. Und so ist es kein Wunder das wir in die Welt hinaus zogen, um Neues zu entdecken und altes abzuschaffen.

Natürlich waren mir damals all diese Fakten nicht in dieser Dichte und Detailtreue bekannt, doch die vielen Skandale passten in das Feindbild, dass ich auf privater und geschäftlicher Ebene beim Lehrbetrieb Oerlikon Bührle und später bei der PR-Ausbildung erlebte.

2. Internationalisierung und Politisierung

Senegal 86: Zwischen den Fronten und in der Welt der Hexen und Heiler

Der Senegal ist eine Welt der Geister, Hexen, Heiler und Wahrsager. Alles ist sehr mystisch. Es werden Flüche ausgesprochen und Leute verhext und irgendwie fürchtet sich jeder davor. Daher tragen auch alle einen Boubou, einen Glücksbringer, der sie schützen soll. Auch der Kleiderkult ist legendär. Die schönsten, sehr farbenprächtigen Kleider und Kostüme werden in Dakar feilgeboten. Die bunt bemalten Pirogen, die Einbaumboote reihen sich am Strand im Getümmel der Fischer und Händler auf. Als Transportmittel gibt es Minibusse, die in alle Richtungen fahren und überall anhalten, wo ein Fahrgast ein- oder aussteigen möchte. Auch in M’Bour, rund vier Stunden Autofahrt in den Süden entlang der Küste gab es einen prächtigen Fischermarkt mit quierligem Treiben.

1986 wurde ich als Stations- und Reiseleiter erst drei Monate im Senegal, dann in Warschau in Polen, also im damaligen Ostblock und zuletzt in London für weitere drei Monate eingesetzt. Beim ersten Resident Manager Einsatz im Senegal war Flaute angesagt sowie in Covid-Zeiten, denn «AIDS» war gerade erst auf dem Radar aufgetaucht und noch rätselte die Medizin, woher das Virus kam und wie das Virus übertragen wurde. Erst vermutete man noch durch eine Fliege aus Afrika, dann kamen Affenbisse in Frage. Daher war nicht viel los im «Club Aldiana» nahe M’Bour. Zeit für eine Reise in den Süden Senegals durch Gambia hindurch in die Casamance runter. Dort lief ich mit meiner Kamera in der Wildnis nahe der Grenze rum und wurde unvermittelt im Gestrüpp von einer Soldatentruppe des Militärs von Guinea-Bissau angehalten und stundenlang verhört. Da der Kommandant nur portugiesisch sprach, dauerte es eine Weile, bis ich erfuhr, dass es einen Konflikt wegen des Öl-Vorkommens im Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern gäbe und erinnerte mich an einen TV-Beitrag vor wenigen Tagen, dass exakt zu dieser Zeit sich die Streitparteien in Genf zu Verhandlungen trafen.

Das war mein Rettungsanker und Trumpf, als Schweizer in dieser prekären Situation. So versuchte ich dem Kommandanten klar zu machen, dass es äusserst schlecht wäre, wenn sie mich gefangen nähmen und damit die Verhandlungen in Genf gefährdeten. Das verstand er und liess mich dank meiner verhältnismässig grosszügigen Geldspende unbeschadet von Dannen ziehen,. Erleichtert lief ich in die Casamance, also in den Senegal zurück. Dort angekommen, hatte ich kein Bargeld mehr, um die Miete für die Loge zu zahlen. Dazu musste ich erst eine Tagesreise entfernt nach Zuiginchor reisen, um den Reisecheck zu wechseln. Also erzählte ich dem Hotelier vom Grenzerlebnis und meiner Spende, bei der die Miete drauf ging und lief dann erschöpft zum Bungalow, um erst einmal schlafen zu gehen.

Doch es dauerte nicht lange, dann fuhren zwei Militärjeeps mit Getöse vor der Hütte vor und acht Soldaten stiegen waffenstarrend aus. Diesmal waren es senegalesische Soldaten, aber das beruhigte mich nicht eben. „Sie hätten Befehl, mich zum Militärgouverneur zu eskortieren“, sagten sie zu mir. „Was ist denn jetzt los“, dachte ich und versuchte den Adrenalinschub zu bremsen. Eine halbe Stunde später sass ich vor dem Militärkommandanten, der mich über den Grenzvorfall ausfragte. Er habe vom Vermieter Kenntnis erhalten und möchte mehr dazu wissen. „Scheisse“, dachte ich mir, heute ist aber ein anstrengender Tag, geht denn nun die Kriegs-Diplomatie wieder von vorne los. Jetzt gilt es, möglichst alles runter zu spielen und so wenig wie möglich zu sagen, dachte ich mir. Das übte ich dann gute vier Stunden lang mit dem senegalesischen Kommandanten, worauf ich ziemlich fix und fertig war. An einem Tag zwei Militärverhöre bei verfeindeten Staaten, das war schon eine Härteprobe spezieller Güte.

Am Ende des Einsatzes im Senegal, der von den ersten «AIDS-Kranken und «HIV»-Fällen überschattet wurde, lud ich meine letzten Gäste in M’Bour in ein maurisches Cafe ein, dass auch «Vielle Prune» also einen ganz feinen «Zwetschgenschnaps» servierte. Eine absolute Rarität in Afrika. Meine Gäste wussten sofort, um welches Getränk es sich handelt. Schmunzelnd erklärte mir der etwas über 50 jährige Mann, dass er VR-Präsident der «Destillerie Willisau» sei und dieses Getränk herstelle und vertreibe. So freuten wir uns noch mehr über die nächsten paar Tropfen und als der Gast erfuhr, dass ich nach Warschau versetzt werde, meinte er: „Oh, da kenn ich einen ganz feinen Menschen und hochrangigen Politiker, da wir den Wodka aus Polen importieren“. Also schrieb er mir den betreffenden Namen auf einen Zettel und gab ihn mir zur Empfehlung und Kontaktaufnahme mit. Dank dieser „Schnaps-Connection“ im Senegal hatte ich, ohne es gerade zu ahnen, ein Ass für meine nächste Mission gezogen.

Warschau 86: In Pole-Position hinter dem Eisernen Vorhang

Denn drei Tage später, bei meiner Ankunft in Warschau, wo 14 Tagen zuvor ein Verkehrsflugzeug der «LOT» abgestürzt war und rund 140 Menschen starben, konnte ich mit einem älteren Mann sprechen, der Englisch verstand und mir bei den Zoll- und Einreiseformalitäten für die 70 Fluggäste aus dem Westen behilflich war. Als ich mich bei ihm für seine Hilfe bedankte und nach seinem Namen fragte, antwortete er: „Mein Name ist Henry Zwirko. Wie bitte, entfuhr es mir, das war doch der Name, der auf dem Zettel stand, den mir der letzte Gast im Senegal überreicht hatte. Das konnte doch kein Zufall sein, dachte ich intuitiv, war aber gleichzeitig mit den Pässen und Einreisepapieren beschäftigt, was sich wohl noch stundenlang hinziehen konnte, insbesondere da ich ja nach einem kurzen Briefing von wenigen Stunden in der Schweiz als Neuling hier hinter dem «Eisernen Vorhang» in Warschau angekommen war.

Doch das Prozedere wurde durch den Mann der sich als dieser Henry Zwirko vorgestellt hatte, mit wenigen sanften, aber entschiedenen Worten an den Grenzbeamten, erheblich abgekürzt und wir konnten alle passieren. „OK“, dachte ich mir, der Mann ist in der Tat vielver-sprechend. Kein Wunder reicht sein Einfluss weit, schliesslich ist er ja polnischer Kabinetts-Minister und sein Vater ein Kriegsheld aus dem 2. Weltkrieg. Soviel wusste ich schon über ihn. Aber dass ich diesen besonderen Mann gleich bei meiner Ankunft in Warschau treffen würde, war schon sehr unheimlich. Im Nachhinein bestätigte sich meine Vermutung, dass der VR-Präsident dem Treffen ein wenig nachge-holfen und mir damit den Weg in eine aussergewöhnlich verschlossene Welt eröffnet hat, um die mich viele Geheimdienstler zu dieser Zeit inklusive unsere Spionageabwehr sicher beneidet hätten.

Auf ganz natürliche Art und Weise entwickelte sich eine vorzügliche Kooperation zwischen Henry Zwirko und mir. Da der offizielle Touristen-Umrechnungskurs von Schweizer Franken und D-Mark gut sieben Mal höher lag, als der in Warschau angebotene Schwarzmarktkurs, stieg ich alsbald jede Woche ein bis zwei Mal mit einer halben Million Zloty’s, die Henry mir besorgte, in den Transfer-bus ein, mit dem wir die neuen Gäste aus Zürich abholten. Und während dem Transfer vom Flughafen zu den Hotels, erzählte ich den Gästen, wie mühsam und gefährlich der illegalen Umtausch sei und offerierte, als guter Reiseleiter während der Fahrt ins Stadtzentrum jedem Gast 200 Franken zu einem guten Kurs zu wechseln. Das Geschäft lief wie geschmiert und der Buschauffeur und die lokalen Guide’s kamen dabei auch immer gut weg und schauten dann im richtigen Moment weg. Und so arbeitete ich mich in die Tiefen von Korruption, Komplizen- und Planwirtschaft ein und hatte bald Geld wie Heu oder Millionen von Zloty’s in Lokalwährung ausgedrückt.

Nur, es gab nichts zu kaufen! Gar nichts, ausser Schnaps und käuflichem Sex an jeder Ecke, ausserhalb der Touristenhotels war es sehr trist, abgesehen von ein paar sehr geheimen Orten für die Elite, in denen all die Leckerbissen, wie ein Chateau Briand oder Tartar und frische Säfte aufgetischt wurden. Ich war nur drei Mal an diesem erlauchten Ort, der für Polens Elite bestimmt war. Aber einmal sass auch Präsident Wojciech Jaruselski (der Einäugige, der den Russen die Stirn bot) mit seiner Entourage an einem der Nebentische. Das war für mich schon fast so, als wäre ich im Kreml angekommen! Einige Jahre später hatte ich ein unerwartetes Treffen mit Gorbatschew’s Aussenminister Eduard Schewardnadse in der Sauna eines berühmten Medical Wellness Hotel mit herausragendem Schlafdiagnostik-Center im Vorarlberg. Zum Glück oder wie der Zufall es so will, hatte ich eine russisch sprachige Ukrainerin als Fotomodell dabei, daher konnten wir ein paar Worte mit ihm zusammen wechseln. Offensichtlich plagten den russischen Aussenminister Schlaflosigkeits-Symptome! Wohl aufgrund der aussenpolitischen Spannungen, denn es lief ja nicht gerade gut für die Russen.

Doch zurück nach Warschau; keine zwei Wochen nach meiner Ankunft in Warschau und einer ersten Rundreise in Polen nach Krakau und Zakopane, trafen die Leichenspezialisten und Forensiker aus dem Ausland ein, um den Flugzeugabsturz vor drei Wochen zu untersuchen. Daraufhin wurde unsere ganze Reisegruppe, stets so um die 50 bis 70 Personen, von einer Stunde auf die andere aus dem einzigen Mittelklassehotel, dem «Forum» in Warschau, rausgeschmissen. Wir mussten fortan für die nächsten 14 Tagen mit lausigen, heruntergekommenen Hotels auskommen und manchmal zu Dritt ein Hotelzimmer oder zu zweit ein Doppelbett teilen. Das war in etwa so wie im Militärdienst. Doch die zu 90 Prozent männlichen Gäste nahmen es relativ gelassen hin, „wir sind ja hier im Ostblock“. Und sie waren mit kistenweise Vodka und Champagner, die ich zur Krisenbewältigung aufgeboten hatte, gut versorgt und echt zufrieden gestellt. Die meisten waren eh nur für eine „Touristen-Attraktion“ hier. Warschau war damals das Bangkok Europa’s und das weibliche Angebot reichlich anzüglich in der Hotelbar verfügbar. Ganze Bauernverbände und Aussendienstmitarbeiter mit „schwarzen Provisions-Kassen“ kamen aus der Schweiz hier her, um sich ein wenig hinter dem Eisernen Vorhang zu vergnügen.

Nur dafür hatte ich absolut keine Zeit und Muse! Der eigenen Loge beraubt und dazu täglich auf der Suche nach neuen Unterkünften, die Transfers, die komplizierte Benzinbeschaffung auf dem Schwarzmarkt und andere bürokratischen Hürden hielten mich auf Trab. Schwierig war es vor allem, immer wieder Sprit für meine Arbeitsfahrten und Transfers ergattern. Ich schlief die ersten fünf Tage im Auto – zusammen mit dem Fahrer, dann teilte ich mit einem geschäftlich in Polen weilenden Schweizer Geschäftsführer ein paar Nächte ein durchhängendes Doppelbett. Das gab mir den Rest. Als mir das sozialistische Zigeunerleben zu bunt wurde, liess ich mit dem bündelweise verfügbaren Dollarschmiermittel die lokalen Gäste aus den Hotels rausschmeissen, in dem ich das Doppelte oder Dreifache des Zimmerpreises auf den Tisch legte. Mit der Zeit liefen dergestalt einige Dinge wie geschmiert und als Sahnehäubchen mietete ich mir eine der schönsten und teuersten Luxussuiten im einzigen 5-Stern Hotel in Warschau, damals das «Victoria» Hotel direkt am Hauptplatz. Von dieser Staatsgast-Suite konnte ich dann auch den Papstbesuch des polnischen Pontifatius Karol Józef Wojtyła besser, als alle anderen Kamerateams von meinem Fenster aus mit verfolgen. Pontifatius Wojtyła sah ich übrigens 1993 in Kuba wieder, als der polnische Papst der Karibikinsel und Fidel Castro einen Besuch abstattete. Auch dort war ich beim päpstlichen Umzugs Tam Tam an vorderster Front dabei.

Hatte ich Zeit für mich, holte ich die arbeitslosen Mädchen in der Lobby und von der Hotel-Bar hoch, denn zu meiner Suite gehörte auch ein Piano Player im Salon zwischen den beiden Flügeln. Und Platz gab es genug in meiner Suite mit zwei Schlafzimmern und einem Salon. Plötzlich hatte ich öfters Langweile und ein halbes Privat-Bordell bei mir zu Gast. Die drei Monate in Polen waren unvergesslich und viel spannender, als die Zeit im Senegal. Mit einer jungen polnischen Studentin, die ein paar wenige Worte Englisch konnte, gingen mir dann die Pferde durch. Ich fuhr mit ihr in den Wald zu einem Gestüt, wo wir uns zwei Hengste ausliehen und in einem Höllentempo durch die herrlichen Wälder preschten. Also genauer gesagt, hatte ich einfach keine andere Wahl. Sie galoppierte davon und mein Gaul raste hinter her. Da gab es kein Bremspedal mehr. Die herabhängenden Äste streiften und peitschten uns die ganze Zeit ums Gesicht, sodass wir tief gebückt den Höllenritt vollführten bis zu der Stelle, als ihr Gaul scharf bremste, worauf mein Hengst ebenfalls mit einer Notbremse gleichzog und wir beide elegant, ja schon fast virtuos nach einem Salto Mortale im Gebüsch landeten. Immerhin hatte ich das Zaumzeug noch im Griff und es in meiner dritten Reitstunde etliche Kilometer im gestreckten Galopp durch Polens wilde Wälder geschafft. Einfach grandios! Wild, hemmungslos ungestüm war auch der Sex, den wir hatten, bevor wir wieder aufstiegen und unverletzt mit den Pferden zurück trotteten. Leider war es aufgrund der sprachlichen Verständigung sehr schwierig mit der Lokalbevölkerung in Kontakt zu kommen, mit ihnen zu kommunizieren und an ihrem Leben teil zu nehmen. Da blieben mir nur die hübschen Hostessen im Hotel übrig, deren Sprache ich verstand. Doch nun geht es weiter nach London, heisst es im Fax aus der «Imholz» Reiseleiter-Zentrale in Zürich.

London 87: Die ersten Kontakte zu «ANC»-Exilanten

In London angekommen und eingelebt, traf ich nach einem Betriebsunfall eines italienischen Reiseleiters, der ohne Aufenthaltsbewilligung hier arbeitete und den ich dann im Gefängnis besuchte, auch auf «ANC»-Exilanten, die vor dem rassistischen Apartheid-Regime geflüchtet waren. Gerade erst waren die UNO-Sanktionen in Kraft getreten und das südafrikanische Regime wurde an den Pranger gestellt. Da der Bruder eines unserer Londoner Reiseleiter in Südafrika lebte, wollten ein paar aus unserer Reiseleiter-Crew in turbulenten Zeiten ans Kap der guten Hoffnung reisen und hernach in Botswana durch das Okavango Delta streifen. Das klang verheissend und wurde nach unserem Einsatzende in London auch so in die Tat umgesetzt, doch zuvor kehrte ich in die Schweiz zurück, um hier im Lande mit «ANC»-Exilanten und mit der Anti-Apartheid Bewegung (AAB) Informationen aus London auszutauschen und um weitere Kontakte im südafrikanischen Untergrund zu knüpfen. Dergestalt gut für die Südafrika-Mission gerüstet, kam der Abflug im November 1989 rasch näher. Doch blenden wir kurz zurück, was in Südafrika in den letzten zehn Jahren geschehen war.

1950, als die Südafrikanische Regierung ihr Volk in Rassen unterteilt (Population Registration Act 35), zahlten die Schweizer Banken die ersten Kredite über 35 Millionen Franken. Als die Regierung dann Mischehen verbot (Prohibition of Mixed Marriage Act), flossen weitere 85 Millionen Franken an den Appartheid-Staat, der bis 1983 über dreieinhalb Millionen Schwarze enteignet und in «Homelands» deportiert hat. Und so gehörten 87 Prozent des Landes auf einmal den 16 Prozent Weissen. Am 26. Juni 1955 beschliesst der «ANC» mit anderen Schwarzenorganisationen die Freiheitscharta und proklamiert Südafrika gehöre allen Menschen, die hier leben. Am 21. März 1960 kommt es in Sharpville zum ersten Massaker, bei der 69 Menschen von der Polizei erschossen und weitere 180 Personen schwer verletzt werden. Die Regierung ruft den Notstand aus und erlässt immer neue Gesetze, um die Schwarzen in Schach zu halten. 1962 wird Nelson Mandela verhaftet. Daraufhin empfiehlt die UNO Vollversammlung einen Abbruch der Beziehungen mit Südafrika und 1963 doppelt der UNO- Sicherheitsrat mit einem Waffenembargo nach. Die Schweiz beschliesst zwar ein Exportverbot, aber keine Sanktionen. Dennoch werden 35 mm Kanonen von «Oerlikon Bührle» und PC-Pilatus Porter nach Südafrika geliefert.

1967 werden fast 700‘000 Schwarze innerhalb eines Jahres verhaftet, weil sie gegen die Passgesetze verstossen haben sollen. Die Ausgaben für die Innere Sicherheit betrugen bereits 17 Prozent des Bruttosozialproduktes. Als die Briten im März 1968 eine zweiwöchige Einstellung des Goldhandels beschliessen, sprintet die Schweiz in die Bresche. Nun fliesst Südafrikas Reichtum in rauhen Mengen in die Goldhandels-metropole Schweiz. «SBG», «SKA» und «SBV» sichern sich dreiviertel des weltweiten Goldhandels. Ein Jahr später platzt die «Bührle-Affäre». Die Oerlikoner Waffenschmide hatte via Frankreich Waffen im Wert von 52,7 Millionen Franken nach Südafrika geliefert. 1973 beschliesst die «UNO» Vollversammlung Südafrika mit der «Resolution 3068» auszuschliessen und die Apartheid als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» einzustufen, derweil die Anleihen der drei Schweizer Banken schon auf 2,2 Milliarden Franken angestiegen sind. Während jedes zweite Kind unter fünf Jahren in den Homelands stirbt, geht es den weissen Herren am Kap und der «Zürcher Goldküste» immer besser. «Oerlikon Bührle» hat mehrmals die Sanktionen umgangen. Ich erinnere mich daran, dass ich in der Exportabteilung als Lehrling die Ausfuhrbewilligungen, Frachtpapiere und Akkreditive einfach auf die «Oerlikon Bührle» Holding in Spanien oder in Italien ausstellen musste.

1979 kommt es zum Massaker in Soweto, als am 16. Juni 15‘000 Schüler dagegen protestierten, fortan in Africaans unterrichtet zu werden. 575 Menschen starben bei dem Aufstand, der sich über Monate hinzog. Die Schweizer Banken verdoppelten ihr Kreditvolumen. 1980 erklärt der reformierte Weltbund» die Apartheid zur Häresie. Das liess die Schweiz und den Schweizer Geheimdienst kalt. Peter Reggli richtet den Pilotenaustausch mit südafrikanischen Kampfpiloten in die Wege, der Bundesrat wurde darüber aber erst 1986 orientiert. Die Summe der Kreditvergaben der Schweizer Banken an das Apartheid-Regime vervierfachte sich. Jahr um Jahr um 100 Prozent. Infolge der internationalen Ächtung des Apartheid Regimes profitierte die Schweiz von der Menschen verachtenden, rassistischen Politik der Weissen am Kap. Die «ILO» forderte die Weltkonzerne auf, sich aus Südafrika zurückzuziehen und kritisierte die «SBG» namentlich als Sanktionsbrecherin. Nichts desto trotz erhält das südafrikanische Regime 1985 von Schweizer Banken weitere 75 Millionen Franken an Krediten zur freien Verfügung. 1986 wird der Ausnahmezustand über das hochverschuldete Land verhängt, über 10‘000 Menschen werden verhaftet, 1800 kamen um. „Der Frieden wurde zur Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“, sagt Erzbischoff Desmond Tutu, als das Kirchenblatt, die «New Nation» geschlossen wurde.

Als 1987 die USA Firmen bestrafen wollte, die sich nicht an die Sanktionen hielten, kam Südafrikas Präsident Peter Botha und sein Aussenminister nach Zürich um sich mit «SBG»-Vizedirektor Georg Meyer und den Vorstand der «Vereinigung Schweiz-Südafrika» zu treffen, wo ihnen an Ort und Stelle ein „Orden der guten Hoffnung“ und weitere 70 Millionen übergeben wurde. Und 1989 kommt Südafrikas Regime dank Robert Jeker auch noch zu einer Verschnaufpause bei der Rückzahlung der offenen Kredite über acht Milliarden Franken. Dies war die Ausgangslage damals, die mich bewog, in Südafrika in den Untergrund zu gehen. Da ereignete sich noch ein kleiner Schicksalswink, der mich in dem Vorhaben bestärkte. Wie so viele Aktivisten, schrieb ich der damaligen «SGB» (und heutigen «UBS»), die damals sehr stark in Südafrika aktiv war und das Apartheid-Regime unterstützte, einen Brief in der ich der Bank mitteilte, dass ich mein Konto aus Protest gegen die Finanzpolitik und das «SBG» Engagement auflöse und sie bat, das Guthaben auf ein anderes Konto zu überweisen. Das geschah auch mit einem unwirtlichen Belehrungsbrief der «UBS». Auf meinem neuen Konto trafen dann aber aus Versehen 5000 Franken mehr ein. Das war wie ein Zeichen von oben, dass ich auf dem richtigen Pfad bin und die Mission „von oben“ genehmigt und befürwortet wird. Also beantragte ich ein «loose leaflet» Visa, das auf einem Papier und nicht im Pass gestempelt wurde, damit kein geächteter Eintrag im Pass stand, der aufgrund der Sanktionen zu Reiseeinschränkungen geführt hätte und flog ich nach Johannesburg.  Ich hatte ja zuerst in London und dann auch in der Schweiz Kontakte zu ANC-Exilanten und war gerüstet mit einigen Kontakten in Soweto und andern Orts im Land der weissen Herren, zu denen die Schweizer Regierung, Finanzbranche und Bergbauindustrie noch immer gute Kontakte pflegte 

Der Schweizer Geheimdienst diente Wouter Basson alias «Doktor Tod»

Die Beziehungen der Schweiz zu Südafrika waren politisch, militärisch und rüstungsindustriell in den 1980er Jahren am intensivsten, als die Durchsetzung der südafrikanischen Politik der Rassentrennung (Apartheid) am stärksten und von schweren Menschenrechtsverletzungen sowie offener Gewaltanwendung begleitet war. Die Schweizer Industrie hat das Waffenembargo, das die Uno über Südafrika verhängte, in grossem Stil unterlaufen. Sie verletzte selbst die von der Schweiz definierten Regeln über die Waffenausfuhr, obschon sie weit enger gefasst waren, als jene der Uno. Die Verwaltung war über viele illegale und halblegale Geschäfte informiert. Dies trifft auch auf die nachrichten-dienstliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Südafrika zu. Der Austausch nachrichtendienstlicher Informationen trug direkt zur Anbahnung von Rüstungsgeschäften, der Bekämpfung von Apartheidgegnern und zur politischen Propaganda zugunsten der südafrikanischen Regierung bei. In der dunkelsten Zeit der Apartheid in Südafrika: in die 80er-Jahren organisierte Peter Regli, damals Chef der Luft-waffe, einen geheimen, Austausch von Militär-Piloten mit Südafrika. Laut Aussage des ehemaligen Chef des südafrikanischen Geheim-diensts Chris Thirion,, pflegten die schweizerischen und südafrikanischen Dienste einen jahrelangen Informationsaustausch über chemische Waffen. Damals war Wouter Basson Leiter des südafrikanischen Chemiewaffenprogramms. Die südafrikanischen Medien gaben ihm den Übernamen «Doktor Tod». Er leitete die «Operation Coast», ein streng geheimes und tödliches Programm der Apartheidregierung, das an politischen Gegnern und Schwarzafrikanern getestet werden sollte.

All dies ist in einem klassifizierten Bericht von Professor Schweizer und in der Studie «Mit der Apartheid-Regierung gegen den Kommunismus» von Peter Hug festgehalten. Anfang 1988 trafen sich also Wouter Basson und der südafrikanische General Lothar Neethling in Bern mit Vertretern des AC-Labors Spiez. Gemäss Basson wurde das Treffen von Jürg Jacomet arrangiert. Der ominöse Waffenhändler war Reglis «Agent in Südafrika». 1991, ein Jahr nach dem Sturz des Apartheidregimes, statteten Basson und Neethling Bern einen weiteren Besuch ab, diesmal direkt im Büro von Regli. 1992 half Jacomet Basson, eine halbe Tonne «Mandrax zu beschaffen, ein extrem giftiges Lähmungsmittel. Ein Deal, der Regli fädelte. Zwei Jahre später konnte Regli im Gegenzug auf Jacomets Unterstützung beim Kauf von zwei russischen SA-18-Boden-Luft-Raketen zählen. Die «Operation Coast» wurde 1992 abgebrochen. Die parlamentarische Aufarbeitung dieser problematischen Beziehung begann viel zu spät und nur durch Medienberichte ausgelöst.

Der Bundesrat war blind auf beiden Augen und kaum informiert über die engen Verflechtungen Reglis mit Südafrika. Die Wahrheit kam Stück für Stück ans Licht. Nur ein Mitglied des Bundesrats wusste von Reglis Deals, gemäss der parlamentarischen Untersuchung von 2003, nämlich Kaspar Villiger. Professor Schweizer, der Villiger ebenfalls befragt hat, zweifelte aber an der Kooperationsbereitschaft des ehe-maligen FDP-Bundesrats und sagte: „Sicher hat er mir gegenüber nicht alles gesagt“. Für den emeritierten Professor ist der Fall Regli und Südafrika nicht abgeschlossen auch wenn Reglis Beziehungen zu Südafrika offiziell abgeschlossen sind und 2007 zu seiner Rehabilitation führten. Irre, nicht? Trotz eindeutiger Kontakte, problematischer Kontakte, privater Geschäfte und mehrerer Kompetenzüberschreitungen konnte ihm keine direkte Beteiligung am «Projekt Coast» nachgewiesen werden, auch wenn Regli in Gegenwart seines Anwaltes zugegeben, hatte, dass er Wouter Basson, den Leiter des Chemiewaffenprogramms, mindestens sechs Mal getroffen und mit ihm vertrauliches besprochen habe. Von den verbrecherischen Forschungen dieses Arztes hatte Regli also Kenntnis, sagt Schweizer.

Aber diese gut dokumentierten Befunde blieben für ihn bisher folgenlos. Das lag daran, dass Regli sämtliche Akten und Memos über seine Besuche im September 1999 vernichtet hatte. Wenige Monate bevor er vom Bundesrat wegen der laufenden Untersuchung in Frühpension gedrängt wurde, wird Regli ins Armeearchiv versetzt. Dort nutzte er die Gelegenheit, alle Dokumente im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten in Südafrika zu vernichten. Er berief sich dabei ironischerweise auf den Datenschutz, seine Persönlichkeitsrechte und den «Fichenskandal» der damaligen Bundespolizei. Die Aktenvernichtung sei in den 70er- bis 90er-Jahren eine typische schweizerische Eigenheit gewesen, sagt Geheimdiensthistoriker. Vor allem über die Kooperationen mit ausländischen Intelligence Services seien Akten geschreddert worden, sofern überhaupt etwas schriftlich festgehalten worden sei. „Die Geheimdienste in den USA, Deutschland und England haben das nicht in diesem Ausmass gemacht.“

Zu den «Cryptoleaks». «SRF-Rundschau», «ZDF» und die «Washington Post» hatten gezeigt, dass die Zuger Exportfirma «Crypto AG» im Dienste des amerikanischen und deutschen Geheimdiensts über lange Jahre hinweg manipulierte Verschlüsselungsgeräte verkauft hatte. Die «Crypto AG» ist nur die Spitze des Eisbergs. Der gesamte Schweizer Nachrichtendienst war in den 1990er-Jahren geprägt von Dünkel, Intrigen und informellen Beziehungen zu westlichen und illusteren Geheimdiensten. Es gab einen kleinen Zirkel von Insidern an der Spitze, der unbeaufsichtigt von Bundesrat und Parlament den persönlichen Austausch mit amerikanischen, südafrikanischen oder israelischen Spionen pflegte. Dank des 280-seitigen Dokuments namens «Minerva» wurde beweisen, dass der «BND» und die «CIA» zwischen1970 und 1993 ein Geheimbündnis hatten, um rund 100 Staaten auszuspionieren. Auch das Verfahren gegen die «Crypto AG» musste ergebnislos eingestellt werden. In den Medien sind diverse Namen aus dem bürgerlichen Lager aufgetaucht.

Der geheime CIA-Bericht «Minerva» nannte als Mitwisser beispielsweise den Zuger FDP-Parlamentarier Georg Stucky, ein Mitglied des Verwaltungsrats von «Crypto AG» und Alt-Bundesrat Kaspar Villiger. Die «Affäre Bühler» der 1992 beim Verkauf von Verschlüsselungsgeräten an das iranische Verteidigungsministerium verhaftet wurde. Der Aussendienst-Mitarbeiter wurde der Spionage verdächtigt und sass neun Monate lang in einem iranischen Gefängnis. Der Fall Bühler zwang die Bundesanwaltschaft, eine Untersuchung zur «Crypto AG» durchzuführen. Diese kam fälsch-licherweise zum Schluss, dass es keine Manipulation an Geräten gab. Mehrere Quellen aus dem «NDB»-Umfeld bezeugen aber, wie eng der Ex-Chef des Strategischen Nachrichtendiensts mit den Amerikanern zusammenarbeitete. Sie nannten ihn «den Souffleur» mit engem Draht zum damaligen «CIA»-Direktor William H. Webster, dem israelischen Geheimdienst «Mossad» oder dem südafrikanischen Geheimdienst – alles Protagonisten aus dem «Club de Berne». Der militärisch ausgerichtete Nachrichtendienst «SND» punktete mit dem Satelliten-abhörsystem «Onyx» in Leuk, Zimmerwald und Heimenschwand. Damit gelang es der Schweiz uneingeschränkt alle Datenübertragungen via Fax, E-Mail oder Telefon nach Suchkriterien abzuhören. Zudem gab es den «Dienst für Analyse und Prävention» (DAP). Dieser wurde nach der «Fichenaffäre» 1989 gegründet und war beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement angesiedelt.

Die Schweizer Industrie gehörte auch zu den Stützen des geheimen südafrikanischen Atomwaffenprogramms. Die «Gebrüder Sulzer AG» und die «VAT Haag» lieferten wichtige Komponenten zur südafrikanischen Urananreicherung, die für die sechs von Südafrika hergestellten Atombomben das notwendige spaltbare Material bereitstellte. Damit war die Schweiz ohne Zweifel in mehrfacher Hinsicht eine Stütze der Apartheidregierung. Wie kam es dazu? Durch die Distanz zur Uno blieben auch nach 1945 eine Neigung zu rassistischen Vorstellungen politisch wirksam, die ab Ende der 1970er Jahre durch einen ebenso unreflektierten Antikommunismus abgelöst wurde. Im Klima des Kalten Krieges wurde jede Kritik daran mit dem Argument erstickt, das antikommunistische Bollwerk am Kap müsse erhalten bleiben. Denn sowohl in Angola als auch in Mocambique machte sich der Kommunismus mit Hilfe der Kubaner breit. Der begrenzte Einblick in das Schweizer-ische Bundesarchiv und die des «Vororts des Schweizerischen Handels- und Industrievereins» zeigen auf, dass die Schweiz während der Apartheidzeit zu Südafrika sehr enge militärische, geheimdienstliche, rüstungsindustrielle und nukleare Beziehungen unterhielt. Auch empfing die Schweiz schon zu Beginn der 60er Jahre die Spitzen der Verwaltung, Armee und Wirtschaft sowie hochrangige Delegationen der südafrikanischen Streitkräfte. Das Militärdepartement in Bern und die diplomatische Vertretung der Schweiz in Südafrika halfen bei der Anbahnung und Abwicklung von Rüstungsgeschäften aktiv mit und stellte die Schweizer Armee der privaten Rüstungsindustrie ihre Schiess- und Waffenplätze zur Verfügung, damit diese ihre Produkte den südafrikanischen Beschaffungsdelegationen vorführen konnte.

Es bestand aus Schweizer Sicht kein Anlass, gegen die südafrikanische Regierung Beugemassnahmen zu ergreifen. Erst aufgrund der ungeschickten Informationspolitik von Bundesrat und der arroganten Haltung von «Oerlikon-Bührle» sah sich die Schweizer Regierung im Dezember 1963 zwar aus innenpolitischen Gründen gezwungen, die Waffenausfuhr nach Südafrika zu stoppen.Dieser Stopp war aber als vorübergehend konzipiert. Von einem politischen Willen, ein Ausfuhrverbot durchzusetzen, fehlte nach wie vor jede Spur. Nach dem «Stopp der Waffenausfuhr» nach Südafrika von 1963 blieb der politische Wille in den massgebenden Kreisen der Schweiz allgegenwärtig, die südafrikanische Regierung beim Ausbau der Streitkräfte und rüstungsindustriellen Basis zu unterstützen. Menschenrechtsfragen wurden in diesen Kreisen nie angesprochen. Ab 1965 war in der Schweiz ein südafrikanischer Militärattaché akkreditiert. 1966 knüpften der damalige Generalstabschef der Schweizer Armee, Paul Gygli, und Oberst Helmut von Frisching von der «Untergruppe Nachrichten und Abwehr (UNA) zum Chef des «südafrikanischen Heeres, General Charles Alan Fraser, «herzliche Kontakte». Auf Gyglis Vorschlag reiste eine südafrikanische Militärmission in die Schweiz, um im Hinblick auf die Streitkräftereform Südafrikas das Rekrutierungs- und Ausbildungssystem der Schweizer Armee kennenzulernen. Auf besonderes Interesse stiess beim militärischen Nachrichtendienst Südafrikas die Art und Weise, wie die Schweizer Armee im Rahmen der «psychologischen Kriegführung» so genannt «Subversive» bekämpfte.

Kaum hatte die südafrikanische Regierung mit Unterstützung des US-Geheimdienstes «CIA» 1969 das berüchtigte «Bureau of State Security» (BOSS) als zivilen Nachrichtendienst errichtet, unterhielt dessen nicht minder berüchtigter Chef, General Hendrik Van Bergh, persönliche Kontakte zu Vertretern der Partnerdienste in der Schweiz. 1974 führte die «BOSS»-Abteilung «Z-Squad» von der Schweiz aus eine der ersten von der südafrikanischen Regierung angeordneten aussergerichtlichen Ermordungen eines schwarzen Oppositionellen durch. Ab 1972 bauten auf Bestreben des damaligen UNA-Chefs Oberstbrigadier Carl Weidenmann auch die militärischen Nachrichtendienste der Schweiz und Südafrikas einen engen Informationsaustausch auf. 1974 unternahm Brigadier Friedrich Günther-Benz zwei Reisen nach Südafrika und liess in einem breit gestreuten Bericht keine Zweifel an der Unterstützung der südafrikanischen Regierungspolitik offen. 1975 war der Chef Abteilung Nachrichtendienst in der UNA, Oberst i Gst Peter Hoffet, mitsamt Frau und Tochter während drei Tagen Gast des südafrikanischen Militärattaché.

Makabere Waffengeschäfte und Atomdeals gedeckt vom Schweizer Politfilz

Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass sich «Oerlikon-Bührle» nicht an den Waffenausfuhrstopp von 1963 gebunden fühlte und 1964/1965 nicht nur die vom Ausfuhrstopp betroffenen 30 Oerlikon 35-mm-Geschütze illegal nach Südafrika, sondern 1965 zusätzliche 90 Geschütze für 52,7 Mio. Franken und – über Italien – 45 Superfledermaus-Feuerleitgeräte für 54 Mio. Franken nach Südafrika lieferte. Selbst nachdem im Zuge des Bührle-Skandals vom November 1968 ein Teil dieser illegalen Geschäfte bekannt wurde – die widerrechtliche Lieferung von Geschützen und Munition nach Südafrika – ging einfach weiter! Die letzten 16 Geschütze wurden 1969 über den Hafen von Genua nach Südafrika verschifft, was den Schweizer Behörden bekannt war, aber nie Gegenstand der damals laufenden Strafuntersu-chungen wurde. „Sie übten sich konsequent in fahrlässiger Ahnungslosigkeit, aktiver Duldung und Mitwirkung, was die illegalen Geschäfte von «Oerlikon-Bührle» erst möglich machte“, schrieb der Autor der Studie, Peter Hug.Wie neue Dokumente aus Südafrika erstmals belegen, ging zudem das illegale Rüstungsgeschäft mit dem Apartheidstaat weit über den «Oerlikon-Bührle-Konzern hinaus.

Auch die «Hispano Suiza (Suisse) SA» in Genf lieferte im grossen Stil illegal 20-mm-Geschütze nach Südafrika. Grundlage bildete ein Liefervertrag von 1967 für 126 Hispano-20-mm-Geschütze, Munition und die Übertragung von Lizenzrechten im Wert von über 21 Mio. Franken. Per Bundesratsentscheid wurde 1969 eine Ausdehnung der Strafuntersuchung über die «OerlikonBührle AG» hinaus auf politischem Weg ausgeschlossen. Mit Unterstützung des damaligen Verteidigungsministers Giulio Andreotti und Geheimdienstchefs General Egidio Viggiani unterliefen auch die «Contraves Italiana» in Rom und die «Oerlikon Italiana» in Mailand in grossem Stil das italienische Waffenausfuhrverbot nach Südafrika. „Die Schweizer Behörden unterstützten die Unterlaufung des Waffenembargos über Tochter- und Partnerfirmen in den Nachbarstaaten, indem sie bei der Zulieferung von Bestandteilen aus der Schweiz keine Endverbraucher-Bescheini-gungen forderten, so dass diese von dort problemlos nach Südafrika weitergeschoben werden konnten“,protokollierte Peter Huber in seinem Bericht zur Aufarbeitung des düsteren Kapitels bei den Beziehungen der Schweiz zum sanktionierten Apartheidstaat.  .

Das wichtigste Schlupfloch bildete die Weigerung der Schweiz, die Uno-Resolution 182 (1963) vom 4. Dezember 1963 umzusetzen, die alle Staaten aufrief, den Verkauf und die Auslieferung von Ausrüstungsgütern und Material zu stoppen, das in Südafrika zur Herstellung und den Unterhalt von Waffen und Munition diente. Erst 1996 unterstellte die Schweiz die Übertragung von Lizenzrechten für die Herstellung von Rüstungsgütern im Ausland einer Bewilligungspflicht. Das «Lyttelton Engineering Works» in Pretoria fertigte ab 1964 Läufe zur 35-mm Oerlikon-Kanone und ab Anfang der 1970er Jahre ganze Geschütze. Die «Pretoria Metal Pressings fertigte gestützt auf Lizenzverträge mit der Werkzeugmaschinenfabrik «Oerlikon Bührle»ab 1964 Oerlikon 30-mm und 35-mm Munition, die «African Explosives» and Chemical Industries» die dafür benötigten Treibladungsmittel. Ab 1967 fertigte Südafrika auch die 20-mm Geschützläufe und –Munition der «Hispano Suiza in Lizenz.  Um 1964 stieg die «Plessey (South Africa) Ltd. in die Fertigung von «Contraves Mosquito» Panzerabwehrraketen ein, wobei diese Lizenzproduktion nicht restlos geklärt werden konnte. Dies gilt auch für die Fertigung von «Tavaro»Zünder-Bestandteilen durch die «Instrument Manufacturing Corp of South Africa» in Plumstead bei Kapstadt. 1972 schloss die «Gretag AG» Regensdorf in Südafrika einen Lizenzvertrag zu Fertigung ihrer Chiffriergeräte ab. 1974 stieg die Tochtergesellschaft der «Wild Heerbrugg AG»im St. Gallischen Rheintal, die «Wild South Africa» in Johannesburg, in die Fertigung optischer Geräte für die südafrikanischen Streitkräfte ein. All diese Lizenzübertragungen waren von Zulieferungen und technischen Beratungsdienstleistungen begleitet. All dies wurde von den weitmaschigen Bestimmungen der Schweizer Kriegsmaterial-Ausfuhrregelungen nicht erfasst. Weder in der Industrie noch bei den Behörden wurden jemals Stimmen laut, die sich gegen die Nutzung dieser Schlupflöcher ausgesprochen hätten.

Die Militär- und Nuklearsanktionen der Uno von 1977 und die Schweiz Anfang der 1970er Jahre leiteten die Vereinten Nationen einen intensiven Diskussionsprozess über die Frage ein, inwiefern internationale Wirtschaftsbeziehungen auf die Lage der Menschenrechte ein-wirkten. Einige Uno-Gremien gingen sehr weit, indem sie behaupteten, jegliche wirtschaftliche, politische und kulturelle Tätigkeit in Süd-afrika trage zur Erhaltung der Apartheidpolitik bei. Indem die schweizerische Aussenpolitik jeweils bestritt, dass zwischen Direktinvestitionen in Südafrika und gegenseitigen Handels- und Finanzbeziehungen und der Lage der Menschenrechte in Südafrika ein Zusammenhang be-stand, stand sie in einer Extremposition. Und ich war damals als 16 jähriger plötzlich ins Weltgeschehen involviert, da ich von 1975 bis 1978 meine kaufmännische Ausbildung bei der «Oerlikon Bührle» in Zürich machte und sechs Monate in der Exportabteilung arbeitete und dort all die Exportpapiere, Ausfuhrbewilligungen, Akkreditive usw. ausfertigte und mich daran erinnerte, wie ich stutze, gewisse Rüstungsgüter über die Tochterfirmen in Italien und Spanien auszuführen und einfach deren Adresse als Exporteur einfügte.

Nachdem die politische Verunsicherung, die 1976 das Massaker von Soweto und die darauf folgende Repressionswelle innerhalb und ausserhalb Südafrikas in der Schweizer Regierung erneut kaum Spuren hinterliess, sah sich die Schweiz auf internationaler Ebene zunehmend isoliert. In dem Masse, wie sich die soziale Basis des Widerstandes in Südafrika Anfang der 1980er Jahre verbreiterte und die Repression der südafrikanischen Regierung härter wurde und sich militarisierte, rückte die Schweiz noch näher an Südafrika heran. Alle anderen Staaten schlossen sich dem Ruf nach mehr oder weniger weitgehenden Sanktionen an. Die Schweiz war mit ihrem kategorischen Nein im Uno-System sehr einsam geworden. Parallel schlossen sich auch in der Verwaltung die Reihen. So etablierte sich über alle Departe-mente hinweg eine gegenüber konkreten Veränderungen immune und stark ideologisierte Haltung, die nicht in der Lage war, auf die das breite Spektrum der Uno-Südafrika-Diskussion differenziert zu reagieren. Innenpolitisches Gegenstück dieser starren Haltung bildete eine Verhärtung der Fronten entlang des links-rechts-Schemas.

Die Selbstverständlichkeit, mit der alle wichtigen Bundesämter und die mit ihnen verbundenen Verbände und Anstalten die Politik unterstützten, die Schweiz in der Südafrikafrage ausserhalb der überwältigenden Mehrheit der Uno-Mitgliedstaaten zu positionieren, mag heute überraschen. Gerade diese Selbstverständlichkeit bestätigt indes, dass der Konsens und die Blindheit in der Bandbreite weit verbreitet und verankert war. Trotz Widerstand der Bundespolizei traf sich der südafrikanische Sanitätsarzt 1980 auch mit dem Schweizer Oberfeldarzt; weitere Treffen folgten. Nahmen 1977 das Departement für auswärtige Angelegenheiten und 1979 das Militärprotokoll noch gegen den Austausch von Offizieren der Flieger- und Flabtruppen zwischen den beiden Staaten Stellung, leitete Flugwaffenchef Arthur Moll 1980 eine Wende ein. Er traf den südafrikanischen Luftwaffenchef an der Flugschau in Farn-borough und lud diesen zum Erstaunen seines Partners wenige Tage später zu einem offiziellen Besuch nach der Schweiz ein. Grundlage bildete das 1983 abgeschlossene Geheimschutzabkommen. Damit erhielten die südafrikanischen Militärpiloten Einblick in geheime Metho-den der Kampfführung und technische Einzelheiten der Schweizer Flugwaffe. Der Pilotenaustausch setzte sich während den ganzen 1980er Jahren fort. Neben der militärisch-technischen ist auch die politische Ebene zu beachten. Mit der Verschärfung der gesellschaftlichen Konflikte innerhalb Südafrikas und dem sich erhöhenden internationalen Druck auf Südafrika bauten die südafrikanischen Streitkräfte im Verlauf der 1980er Jahre ihre Propagandatätigkeit massiv aus.

Die Streitkräfte und vor allem der militärische Nachrichtendienst scheuten zur Durchsetzung ihrer sogenannten Comops»-Projekte Geld noch Kontakte bis hin zu gewaltbereiten rechtsextremen Kräften. In der Schweiz baute der südafrikanische Militärattaché und andere Kontaktpersonen Kontakte zu teilweise schillernden Figuren am äussersten rechten Rand des politischen Spektrums auf, darunter zu Jürg Meister, Chefredaktor der von Karl Friedrich Grau herausgegebenen «Intern-Informationen». Wie aus den Unterlagen des militärischen Nachrichtendienstes Südafrikas hervorgeht, mass dieser dem Kontakt zu Leuten wie dem Zürcher «Subversivenjäger» Ernst Cincera, dem Leiter des Schweizerischen Ostinstituts, Peter Sager, und dem Präsidenten der Arbeitsgruppe südliches Afrika, Christoph Blocher, grosse Bedeutung zu. Comops»Operationen in der Schweiz betrafen Pressionsversuche auf Fernsehen, Radio und Printmedien.

Proteste der «Anti-Apartheid-Bewegung der Schweiz blieben ungehört. Mehr Fragen als Antworten werfen eine lange Reihe unaufgeklärter Fälle auf, bei denen die Bundespolizei und andere Untersuchungsorgane starke Hinweise auf Verbrechen und Sanktionsbrüche erhielten, aus Rücksichtnahme auf die südafrikanische Regierung und ihre prominenten Freunde in der Schweiz aber davor zurückschreckte, die beschafften Informationen gerichtlich zu verwerten. Im Falle einer Rüstungsfirma in der Ostschweiz, die im grossen Stil Waffenschieber-geschäfte mit Südafrika abschloss, begnügte sich die Bundespolizei damit, der Konzernspitze zu empfehlen, einen der ungeschickt operierenden Mitarbeiter aus dem Verkehr zu ziehen und dafür zu sorgen, dass die Schiebereien diskreter abgewickelt wurden.  

Sehr weit ging die Zusammenarbeit der Eidgenössischen «Pulverfabrik Wimmis» mit dem führenden südafrikanischen Hersteller von Munition und Treibladungspulver «Somchem». «Wimmis» stellte der «Somchem» 1979 via «Oerlikon-Bührle AG» eine Produktionslizenz für Treibla-dungspulver für 20-mm- und 35-mm Munition zur Verfügung, bildete «Somchem-Ingenieure in topgeheimen Anlagen in «Wimmis» aus und hielt sich mit ihren Spitzenkräften, darunter dem Direktor und dem Chefchemiker, mehrfach während Wochen bei der «Somchem» auf, um aufgetretene Probleme bei der Lizenzproduktion und der übrigen Herstellung militärischer Explosivstoffe zu lösen. «Oerlikon-Bührle»gewährte im Rahmen des Projektes «Sleeve» und «Skavot» im grossen Stil technische und Management-Hilfe zur Fortentwicklung des 35-mm Fliegerabwehrsystems. Zahlreiche topgeheime Geschäfte liessen sich in den 1980er Jahre nachweisen, die Südafrika mit Unterstützung des militärischen Geheimdienstes in der Schweiz abwickelte, darunter vom Heer die Projekte «Floor», «Jansalie», «Algebra», «Fargo» und «Nack», von der südafrikanischen Luftwaffe die Projekte «Divorce» und «Finial» für die Flugplatz-Navigation und ein Projekt, um Probleme bei den Mirage-Flugzeugen zu beheben. Ferner das Projekt «Aquila», das die Beschaffung von Ausrüstungsgütern im Raume Genf betraf, das Projekt «Janitor», das dem Aufbau eines zivil-militärischen Luftraumüberwachungssystems diente, oder die Projekte «Alexandri» und «Bessie», die die südafrikanische Flotte in den 1980er Jahren in der Schweiz abwickelte.

Der Schweizerische Bundesrat hatte am 16. April 2003 allen Grund, die Einsicht in Südafrika-Akten in der Schweiz zu stoppen. Denn es sind in der Schweiz viele, die aus tiefer politischer Überzeugung die Apartheid-Regierung in Südafrika unterstützt und am völkerrechtswidrigen und völkerrechtskonformen Geschäft mit dieser kräftig mitverdient haben. Diese rabenschwarze, rassistische Haltung und nahe an Kriegs-verbrechen andienende Schweizer Vergangenheit wurde bis heute nur mangelhaft aufgearbeitet und hatte für keine der Beteiligten rechtliche Konsequenzen. Alles wurde helvetisch diskret und sauber unter den Tisch gewischt und jegliche Mitverantwortung abgelehnt. Dabei haben wir es hier mit einer ebenso rassistischen Nazi-Doktrin und den übelsten Menschenrechtsverbrechen zu tun.

Das war also die Ausgangslage, die mich antrieb, mir selbst ein Bild von der Situation und den Lebensumständen der Schwarzen Bevölkerung in Südafrika unter dem Apartheidregime zu machen.

3. Im Kampf gegen die Apartheid im südafrikanischen Untergrund

Durch die Jugendunruhen der frühen 80er Jahre politisch sensibilisiert, als AKW-Gegner, Pazifist, und Dienstverweigerer auf der politisch linken Seite angelangt sowie durch die berufliche Tätigkeit während der Lehre bei der «Oerlikon Bührle Waffenschmiede für das Geschehen auch in humanitärer Hinsicht auf Südafrika fokussiert, beschloss ich also durch die in London geknüpften Kontakte zu ANC-Exilanten und die durch die «Anti Apartheid-Bewegung» (AAB) in der Schweiz zusätzlich geknüpften Kontakte Ende 1986 nach Johannesburg zu fliegen mit dem Ziel, die angespannte Situation und die menschenunwürdigen Zustände selbst vor Ort kennenzulernen. Und da einer der Reiseleiter-Kollegen in London einen Bruder in Südafrika lebend hatte und wir 1987 eine Expedition ins Okavango Delta im benachbarten Botswana planten, hatte ich ein ambitiöses und abenteuerliches Programm vor mir. Erst lebten mein ehemaliger Vorgesetzter in London und ich einige Wochen im Nobelquartier der Weissen in Hillbrow.

Gewöhnungsbedürftig war zunächst einmal die schwarze Haushälterin, die im Mietpreis inbegriffen war! Dann natürlich die Beschränkungen für die schwarze Bevölkerung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, jene menschenverachtende Rassentrennung und –diskriminierung, mit den entsprechenden Passgesetzen für die jeweiligen Ethnien. Es gab auch eine indische Community in Durban und die malayischen Mischlinge in Kapstadt, was ganz schön kompliziert war, vor allem die Umsied-lungspläne, die auch in die Tat umgesetzt wurden. So wurde gemäss Angaben des Innenministeriums und der NGO «Black Sash», über eine halbe Million Schwarze Menschen in die Homelands zwangsumgesiedelt und enteignet. Damit kamen die weissen Farmer zu ihren grossen Farmen in ertragsreichen Regionen. Behut-sam machte ich mich mit den lokalen Verhältnissen vertraut, besuchte in Johannesburg das «Khotso House» in dem einige Wider-standsorganisationen wie die «Black Sash» aber auch die «UDF» Gewerkschaft ihre Büro’s hatte. Das Haus wurde rund um die Uhr bespitzelt und öfters von der Polizei durchsucht. Viele engagierte «ANC»-Aktivistinnen und Aktivisten wurden verhaftet, gefoltert oder ohne Anklage eingesperrt.

Eines der prominentesten Opfer des Apartheid-Regimes, neben Nelson Mandela war Stephen Biko. Biko beteiligte sich 1972 an der Gründung der Graswurzelbewegung «Black Community Programmes» (BCP), die von der Regierung mit einem Bann belegt wurde. Auch war er an der Gründung des «Zimele Trust Fund», einem Fond für die Opfer des Apartheid-Regimes beteiligt. Im August 1977 wurde er von der Sicherheitspolizei verhaftet, weil er gegen Auflagen verstossen hatte. Sie verhörten und folterten Biko und schleppten ihn bewusstlos 1000 Kilometer nach Pretoria, wo er am 13. September 1977 verstarb. Die gewaltsame Tötung Biko’s führte zu einem internationalen Eklat. Biko wurde zu einem Symbol der Widerstandsbewegung gegen das Apartheid-Regime.

Ich kam just zu dem Zeitpunkt in Südafrika an, als die «New Nation», eines der letzten liberalen, kritischen Blätter der katholischen Bischofskonferenz unter Desmond Tutu verboten und geschlossen wurde und führte mit dem soeben entlassenen Chefredaktor Gabu Tugwana ein letztes Interview, das damals in der «WOZ» (Wochenzeitung) erschien und war somit der erste ausländische Journalist, der das Dekret des verhassten Innenministers sah und fotografierte. Das Apartheid-Regime zensurierte oder verbot viele Zeitungen, bis alle möglichen kritischen Stimmen verstummt waren. Die Ausgaben für die Innere Sicherheit, das heisst für die Aufrechterhaltung des rassis-tischen Apartheidsystems verschlang über 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Dann getraute ich mich, mit dem Vororts-Zug von Down town Johannesburg nach Soweto, also in die schwarzen Townships zu fahren, damals eine äusserst gefährliche Sache. In Soweto angekommen, war man als Weisser zu dieser Zeit ziemlich allein und auffällig unterwegs. Zum Glück hatte ich lange Haare und sah weder wie ein Bure noch wie ein Engländer aus, was wohl viele davon abhielt, mich in den Town Ships umzulegen. Da wuchs dann doch eher die Neugier in ihnen, was ich denn hier zu suchen hatte und so konnte ich sie dank meinen in London und Zürich geknüpften «ANC»-Kontakten beruhigen, sodass sie mir vertrauten und mich in die Town Ships einführten.

Einige Wochen lebte ich bei einer achtköpfigen Familie in einer kleinen Bretterbude umgeben von zehntausenden weiteren Bretterbuden ohne Licht, Strom oder Wasseranschluss. Ziel war es, die Lebensbedingungen der Schwarzen und ihren Alltag im Rahmen der rassistischen Gesetze am eigenen Leib zu spüren und mit eigenen Augen zu sondieren. Bald war es mir möglich, mich mit meinen schwarzen Freunden in Soweto zu frei und sicher in der näheren Umgebung zu bewegen. Und so erschrak ich selbst höllisch, wenn ich plötzlich wieder vor einem Panzerfahrzeug der «SADF» (South African Defence Force) stand und Schusswaffen auf mich gerichtet waren und einer der Bewaffneten von oben runter rief; „What are you doing here? Beim ersten Treffen fiel mir nichts Besseres ein, als dieselbe Frage an ihn zu richten, nur noch einen Unterton schärfer. „What the hell are you doing here?“ und zog behutsam meinen Schweizer Pass hervor, was half, die angespannte Situation zu entschärfen und sie liessen mich dann jeweils unbeschadet laufen.

Mandelas Freilassung und sein Besuch in der Schweiz

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Aus dieser ersten Reise entstand eine tiefe Verbindung mit dem Land, dass ich über 20 Mal besuchte und dabei Nelson Mandela zwei Mal traf. Das erste Mal kurz nach seiner Freilassung hier in Soweto, das zweite Mal, als Präsident von Südafrika und frisch gekürter Nobel-preisträger im Zürcher «Dolder Hotel» vor der «class politique» und wirtschaftlichen Elite (Nationalbankpräsident und Bankenvertreter), als Mandela über seine Vision eines neuen Südafrikas als „Regenbogennation“ sprach. Auch ich war zu diesem historischen Treffen eingeladen und machte ein paar Bilder von Mandela. Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass er infolge seines durch die lange Haft einge-büssten Augenlichts durch Blitzlicht geblendet würde und hatte ohne Blitzlicht die falsche Filmempfindlichkeit im Kasten. Ich hätte mich ohrfeigen können, keine andere Filmrolle dabei zu haben. Als Mandela sich nach seiner Ansprache beim Apéro unter die Menge mischte, hielt ich mich diskret im Hintergrund auf. Doch offensichtlich hatte Mandela ein gutes Gedächtnis und sehr aufmerksame Augen, vielleicht erinnerte er sich sogar, wo und wann in Soweto ich in der Menge der Schwarzen als einziger Weisser stand kurz nach seiner Freilassung. Auf jeden Fall veranlasste ihn das, auf mich zuzutreten und mich darauf anzusprechen, ob wir uns schon mal getroffen hätten. Da war ich erstaunt. Als ich ihm antwortete, „ja in Soweto“, reichte er mir verblüffenderweise beide Hände. Das war sehr berührend! Das Gefühl, vielleicht etwas bewirkt zu haben und dafür einen prominenten Dank samt unglaublicher Wertschätzung erfahren zu haben. Daraufhin starrten mich alle im Raum an und fragten sich, wer wohl der langhaarige Freak hier sei. Das blieb zum Glück ein Geheimnis von mir, Mandela und der südafrikanischen Botschafterin in Bern, Frau Dr. Konji Sebati, bei der ich einst zu Gast in der Botschaft in Bern bei einem hochrangig besetzten Anlass war.

Durch diesen Kontakt kam ich als Reisejournalist und PR-Berater zu dieser Zeit tätig zu einem PR-Mandat für das südafrikanische Fremdenverkehrsamt «SATOUR» und erhielt dazu das PR-Mandat der südafrikanischen Fluggesellschaft («SAA») über Jahre hinweg. Das hatte ich dem diplomatischen Spagat zwischen den Untergrund-Kontakten (von denen nur wenige wussten) und den Kontakten zur weissen Elite, die ebenfalls sehr diskret abliefen, zu verdanken. Und auch dem traurigen Umstand, dass die Schweizer in Südafrika eine zentrale Rolle beim Goldhandel, bei den «AKW’s», bei der militärischer Unterstützung des Apartheid-Regimes mit Kampfjets und Pilotentraining und letztlich sowohl bei der Umschuldung als auch beim Transformationsprozess eine wesentliche Rolle spielten und so auch den Gold-handel übernahmen. Bis heute ist die Schweiz die Goldhandelsgrossmacht geblieben und wickelt fast 80 Prozent des Edelmetallhandels ab.

Blenden wir an dieser Stelle knapp zwei Jahrzehnte zurück, zum 5. August 1962, als Mandela zusammen mit Cecil Williams während einer Autofahrt nahe Howick in Natal unter dem Vorwurf festgenommen wurde, er führe den verbotenen «ANC» im Untergrund an. Die Verhaftung erfolgte, nachdem er knapp eineinhalb Jahre in Freiheit und im politischen Untergrund gearbeitet hatte, unterbrochen von öffentlichen Auftritten für den «ANC» im Ausland. Der Prozessauftakt wurde auf den 15. Oktober 1962 festgesetzt. Die Folge war Mandelas Verurteilung am 7. November 1962 zu fünf Jahren Gefängnis wegen Aufruf zur öffentlichen Unruhe (drei Jahre Haft) und Auslandsreisen ohne Reisepass (zwei Jahre). Er übernahm in dieser Gerichtsverhandlung seine Verteidigung selbst. Nach Verkündigung des Urteils wurde er Ende Mai 1963 auf die Gefängnisinsel Robben Island geschafft, aber schon bald wieder nach Pretoria geholt, nachdem am 11. Juli die übrige «ANC» Führungsspitze festgenommen worden war. Ab dem 7. Oktober 1963 stand Mandela in Pretoria im «Rivonia»-Prozess mit zehn Mitangeklagten wegen «Sabotage und Planung bewaffneten Kampfes» vor Gericht. Am 20. April 1964, dem letzten Prozesstag vor der Urteilsverkündung, begründete Mandela in seiner vierstündigen, vorbereiteten Rede ausführlich die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes, weil die Regierung weder auf Appelle noch auf den gewaltlosen Widerstand der nicht-weißen Bevölkerung in ihrem Bestreben nach Gleichbehandlung eingegangen sei und stattdessen immer repressivere Gesetze erlassen habe.

Am 11. Februar 1990 wurde Mandela nach 26 Jahren aus der Haft entlassen. Staatspräsident Frederik de Klerk hatte dies veranlasst und Tage zuvor das Verbot des «African National Congress» (ANC) aufgehoben. Mandela und de Klerk erhielten 1993 den Friedensnobelpreis für ihre Verdienste. Am Tage seiner Freilassung hielt Mandela eine Rede vom Balkon des Rathauses in Kapstadt aus, Tage später richtete er einen weiteren Appell an die gut 120‘000 Zuhörerinnen und Zuhörer im Fussballstadion in Johannesburg. Dort stellte er seine Politik der Versöhnung («Reconciliation») vor, indem er «alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben», zur Mitarbeit an einem «nichtrassis-tischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle» einlud.Im Juli 1992 wurde Mandela einstimmig zum Präsidenten des «ANC» gewählt. So konnte er die Verhandlungen mit der Regierung über die Beseitigung der Apartheid und Schaffung eines neuen Südafrikas an die Hand nehmen. 1994 als er zum Präsidenten Südafrikas gekürt worden ist, erschien seine Autobiographie «Der lange Weg zur Freiheit» und dort schrieb er:«Während dieser langen, einsamen Jahre der Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz».

Südafrika 94: IKRK-Einsätze im «ANC-IFP» Bürgerkrieg

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Nach dem das Apartheid-Regime durch den UNO-Boykott und den südafrikanischen Widerstand zusammenbrach, kam es zu einem erbittertem Machtkampf zwischen dem «ANC» (African National Congress) und Buthelezi`s «IFP» (Inkhata Freedom Party). Der Bürger-krieg forderte X-tausend Opfer und machte Zehntausende zu Flüchtlingen. Eine weitere Tragödie, denn zuvor hatte das weisse Regime im Zuge der Rassentrennung Hundertausende von schwarzen Menschen wie Vieh zwangsumgesiedelt. Nun gab es wieder eine Welle von Vertriebenen im Land und Grabenkämpfe unter den Schwarzen. Es war eine erklärte Strategie, der abtretenden beziehungsweise gefährdeten Machthabern, mit allen Mittel Zwietracht unter den Schwarzen zu säen und so hat das Botha-Regime Buthelzi als Gegenkandidat zu Mandela aufzustellen. Alle Mittel der Destabilisierung wurden angewandt und die Saat ging auf. Der Bürgerkrieg war fürchterlich.

Im Südafrika der Nach-Apartheid beschäftigten die Menschen vor allem eins: die ständig wachsende Gewalt-Kriminalität. Hatte die Polizei früher in erster Linie die Verfolgung politischer Gegner zum Ziel, fechteten die Sicherheitskräfte und Politiker nun einen fast aussichtslosen Kampf gegen die Brutalität und Kriminalität aus. Der «Taxi-/Minibus-Krieg» in Durban forderte seit Jahren zahlreiche unschuldige Men-schenleben. In Kapstadt tobte ein Bandenkrieg unter 80000 Jugendlichen, auch Johannesburg war Schauplatz zahlreicher Verbrechen. Als Tourist oder Geschäftsreisender spürte man die «Atmosphäre der Angst» intensiv. Die Polizeikräfte operierten wie paramilitärische Organi-sationen und hatten einen üblen Ruf, in den jeweiligen Städten. Die Arbeitslosigkeit betrug fast 40 Prozent und liess so die weit verbreitete Armut und die Kriminalität in die Höhe schnellen, begünstigt durch die Ohnmacht und Korruption des mit sich selbst beschäftigten Justiz- und Polizeiapparates, der im Zuge des radikalen Umbaus gelähmt war. Täglich wurden in Südafrika über 60 Menschen, also jährlich insge-samt gegen 20‘000 Personen umgebracht. Südafrikas Gefängnisse platzten aus allen Nähten. Strafuntersuchungen bleiben jahrelang unbe-arbeitet liegen. Auch Jugendliche unter 14 Jahren waren vielfach lange Zeit inhaftiert.

Ende 1993begleitete ich einen Freund von mir, Daniel S., der als IKRK-/Rotkreuz Südafrika-Delegierter in Johannesburg stationiert war, auf seiner Reise in die Flüchtlingslager, um die dortige Lage zu sondieren, den Opfern zu helfen und die Friedensbemühungen zur Stabilisierung des Landes im Hinblick auf eine demokratische Verfassung und Regierung der «Regenbogen-Nation» zu unterstützen. Wir fuhren zu den damaligen Hotspots «Margate» und «Ladysmith», «Ezakhweni» und «Emphangeni», «Mfung» und «Obizo» sowie «Empendle» protokollierten die abgebrannen Häuser und die Toten, führten Gespräche mit Hinterbliebenen und versuchten zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Eine schwierige, wenn nicht fast aussichtslose Aufgabe. 1994 kam es zu einem weiteren interessanten Treffen, mit Miss South Africa Basetsana Kumalo und an ihrer Seite Kwezi Hani, die junge Tochter von Chris Hani, der gerade ermordet worden war. Chris Hani war Generalsekretär der South African Communist Party (SACP), ein hochrangiges Mitglied des «ANC» sowie Stabschef von dessen be-waffnetem Arm «Umkhonto we Sizwe» (MK).

Als sich in den frühen 1990er Jahren das Ende der Apartheid abzeichnete, war er im «ANC» nach Nelson Mandela eine der beliebtesten Führungsfiguren. Hani wurde im April 1993 von dem polnischen Einwanderer Janusz Waluś ermordet. Dahinter stand ein Komplott, dessen Drahtzieher der ehemalige Parlamentsabgeordnete Clive Derby-Lewis von der Konserwatiewe Party war. Ziel war es, den Verhandlungs-prozess, der zur Beendigung der Apartheid führen sollte, zu zerstören. Ein teuflischer Plan, der aufging. Das Treffen mit Basetsane fand in einem Spielcasino statt und wurde offensichtlich beobachtet. Es war ja auch eine brandheisse Zeit und die Bespitzelung politischer Akteure und deren Familien und Umfeld eine wohlbekannte Tatsache. Und so wurde auch ich zur Observationszielscheibe. Erst versuchte ein Schwarzer und später zwei Weisse Herren mich unauffällig diskret aber mit Nachdruck auszufragen. Und eine weitere illustre Person ver-suchte mich dann sogar in Gabarone, also in Botswana zu kontaktieren und in Südafrikas interne Machtkämpfe zu involvieren. Ich lehnte alle Annäherungsversuche ab und kam so ungeschoren aus den Wirren der politischen Machtkämpfe davon.

Im Februar 1996 begann die von Mandela eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobel-preisträgers Desmond Tutu. mit der Aufarbeitung der Verbrechen zur Zeit der Apartheid. Die wurde vor allem zur Abrechnung und Demon-tage von Winnie Mandela genutzt, die in diesen Jahren nach Madibas Freilassung viel mehr gelitten hatte und härter kämpfen musste, als ihr Mann. Es war die damalige ANC-Spitze, die beschloss Winnie müsse sich von Nelson trennen um ihm die Wahl zum Präsidenten zu sichern. Winnies Stern stand immer unter dem Nelsons, aber sie war die eigentliche Powerfrau, die während seiner Haftzeit Mandelas Augen und Ohren waren und sie war es, die die Massen mobilisierte. Einigen Gruppen gingen die in Mandelas Amtszeit erreichten sozialen Verbes-serungen auch in Bezug auf die AIDS-Krise, nicht weit genug. Kritiker bemängelten ebenso, dass die Verbrechen des Apartheid-Regimes nicht strafrechtlich genug gesühnt wurden.

Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter erhielten zum ersten Mal eine kostenlose Gesundheitsfürsorge; 1996 wurde die Gesundheitsfürsorge für alle Südafrikaner kostenfrei. Mit dem «Land Restitution Act» (1994) und dem «Land Reform Act 3» (1996) wurden Schritte zu einer Landreform unternommen. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Gesetze der Apartheid-Zeit widerrufen. Armee und Polizei wurden neu aufgestellt. Im Rahmen meines humanitären Engagements in Südafrika konnte ich dank dem Zulu-Heiler Credo Vusama Mutwa 1997 auch das Pollsmoor-Gefängnis in Kapstadt (in dem Nelson Mandela die letzten Jahre seiner Haft verbrachte) mit einem kanadischen UN-Gesundheitsinspektorenteam besuchen. In dem für 3‘000 Häft-linge konzipierten Gefängnis waren rund 7‘000 Häftlinge inhaftiert. Fast 30% der Insassen waren damals HIV-positiv und viele Häftlinge wurden jahrelang ohne Anklage festgehalten, etliche verstarben. Es waren schockierende Zustände, die wir da antrafen. Ein Esslöffel als Kostprobe in der Gefängnisküche reichte aus, dass ich hernach Staphylokokken und Streptokokken hatte. Pädagogisch befremdend war auch, dass es im Kinderspielzimmer einzig eine Plastik-Schusswaffe als Spielzeug gab. So züchtet man von Kindesbeinen an eine neue nach-wachsende Generation von Armut getriebener Krimineller heran.

Den Zulu-Sangoma, Bantu-Schriftsteller & Historiker Credo Vusama Mutwa lernte ich im «Shamwari Game Reserve» kennen zusammen mit Dr. Jan Player, dem Rhinozeros-Retter und «Wilderness-Leadership-School»-Gründer. Die ganze Nacht über erzählte mir der gebildete Mensch die spirituellen Geheimnisse und ethnischen Zusammenhänge sowie kulturellen Eigenschaften und Besonderheiten der Bantu-Völker von Nord- bis Südafrika. Auch war er der erste, der den Klimawandel erkannte und mir erklärte, was es für die Völker und Regionen bedeutet, wenn der eine oder andere Käfer, diverse Insekten, die Schildkröten oder andere Wildtierarten und Meeressäuger aussterben und das zu Dürren und Plagen führe. In prophetischer Weitsicht hat Credo die Konflikte erkannt die daraus entstehen würden sowie es auch bei Staudämmen immer wieder zu Konflikten kommt, weil das ja die Lebensgrundlage vieler Menschen in mehreren Ländern verändert. Auch die Plagen wie wir sie in den letzten 20 Jahren erlebt haben, hat er voraus gesagt. Und das gute 10 Jahre vor dem erste IPPC Klimabericht.

Nur war ich gerade mit meiner Tochter und ihrer Mutter unterwegs und hatte noch Termine und Treffen bezüglich Wildlife- und Öko-projekte und konnte nicht hier bleiben, um Credo beim «Kaya Lendaba» zu helfen. Ich war hin und her gerissen. Der Zulu-Heiler wollte die Wunden der Regenbogennation heilen und beim «Shamwari Game Reserve» ein multikulturelles Dorf bauen, in dem alle südafrikanischen Ethnien vertreten sein würden. Es sollte als Leuchtpfahl für die Wiedervereinigung Südafrikas dienen und helfen, die Konflikte zu beenden. Gerne hätte ich die Ausbildung zu einem «Sangoma», also einem Heiler gemacht, da Credo mir die Qualifikationen und die geistig-spirituelle Weltsicht zutraute. Dies erfüllte mich mit Stolz und wäre wohl eine wegweisende Weiche in meinem Leben gewesen. Denn ursprünglich wollte ich als Game Ranger in einem dieser neu entstehenden Wildlife-Reservate arbeiten. Ich konnte mir nichts Schöneres vor stellen, als Wildlife-Manager in einem intakten und geschützten oder schützenswerten Umfeld zu arbeiten. Daher reiste ich immer wieder nach Botswana, Südafrika und Namibia, um mir ein klein wenig dieses Traums zu erfüllen und es war immer ein grossartiges Gefühl im Busch und in der Wildnis unterwegs zu sein.

Kommen wir nun zur aktuellen Lage am Kap der guten Hoffnung, die keineswegs rosiger geworden ist. Nach den Freveln des Apartheid-regimes kam eine neue schwarze Elite, die sich an Südafrika ebenso schamlos bereicherten, wie ihre weissen Vorgänger. Zwei Beispiele:

2011: Gadaffis Milliarden in Zumas und Ramaphos Händen untergetaucht

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Aziz Pahad wurde von Mandela 1994 als stellvertretender Aussenminister berufen und war von 1999 – 2008 für die Regierung tätig. Zuvor sammelte er für Mandelas Wahlkampf Spendengelder und erhielt auch von Gadaffi ca. 15. Mio. Der libysche Diktator unterstütze auch Tabo Mbeki. Doch dieser wollte Gadaffis Wunsch „König von Afrika“ zu werden nicht nachkommen und versagte ihm die Unterstützung, was dazu führte, das Gadaffi sich als nächsten Jacob Zuma kaufte und ihm zur Wahl zum südafrikanischen Präsidenten verhalf. Durch die jahrzehntelangen Beziehungen zum «ANC» plante Gadaffi, im Schlimmsten Fall einen Rückzugsort und Stützpunkt im Ausland zu haben von wo aus er die Konterrevolution starten konnte und dazu hatte er ein Teil seinen unvorstellbaren Vermögens von ca. 150 Milliarden Dollar (Forbes) am 26.12.2010 nach Johannesburg fliegen lassen.

Die Maschine landete direkt auf dem am 2. Weihnachtstag verwaisten Militärstützpunkt Waterkloof. Angeblich gab es insgesamt 179 solcher Flüge von Tripolis, die allesamt von Militärpiloten ausgeführt wurden. Auch die Flugdaten wurden gelöscht, nach jeder Operation. Angeblich war der Wert der Fracht, die in ICRC Halbmond beschrifteten Containern mit lybischem Dialekt aus Syrte beschriftet ca. 12,5 Mia. US Dollar wert. Nebst Bergen von Bargeld auch Tonnen von Gold und Diamanten. Der Serbe George Darmano-vitch, ein als Zumas Handlanger bekannter Secret Service Agent fotografierte die Sendung bei der Ankunft in Johannesburg und bestätigte Rechercheuren, dass das Geld mit Lastwagen vom «ANC» abgeholt wurde. Er war offensichtlich ein wenig zu lautselig über den Inhalt und Umfang der Fracht. Jedenfalls wurde Darmanovitch kurze Zeit später in Belgrad, wo er seine Familie traf, auf offener Strasse erschossen und seine beiden Killer fand man hernach ebenfalls nur noch alsLeichen. Das war also eine Nummer zu gross für Darmanovitch und seine Mördergewesen.

Ab diesem Zeitpunkt verschwanden Gaddafis Milliarden irgendwo in Südafrika und nur wenige wissen, wo sie sind. 2012 kamen die ersten Gerüchte auf, dass beträchtliche Vermögen des toten Diktators in Südafrika sind. Daraufhin kontaktierte die lybische Übergangsregierung den Tunesier Eric Goaied, der ein enger Freund Gaddafis war. Er sollte in Südafrika nach den verschwundenen Vermögenswerten suchen. Unter anderem auch, weil die neue Regierung eine Armee aufbauen und dazu über 200 Kampfhelikopter und G5 sowie anderes Kriegsmaterial für gut fünf Milliarden beschaffen musste, aber kein Geld hatte. Als die libysche Regierung, namentlich Taha Buishi den hohen Finderlohn (von 10 Prozent also 1, 25 Mia. Dollar) für die Rückführung der Gaddafi-Vermögen bestätigt hatte, lockte dies ein paar Schatzsucher auf den Plan, die sich diesen Deal nicht entgehen lassen wollten. Der Tunesier Goaied kontaktierte in Südafrika seinen Freund Johan Erasmus, ein ehemaliger Agent des Apartheid-Regimes und schillerndem Waffenhändler mit guten Kontakten zu Waffenkonzernen wie «Denel» in Südafrika aber auch in Libyen. Auch Darmanowitch war bei dem Kriegswaffen-Deal dabei. Und er war es ja, der den Libyern verriet, dass sich Teile ihres Volksvermögens hier befände. Er sandte auch Fannie Fondse, dem damaligen Chef einer Sondereinheit des «ANC Secret Service» und einer speziellen Söldnertruppe, die zum Schutz Gaddaffis in Libyen völkerwiderrechtlich tätig war, zu. Beim Aufstand mussten die Söldner Hals über Kopf fliehen. Er kannte auch Darmanovitch und erhielt von ihm die Fotos mit den Containern.

Als Taha Buishi, der libysche Gesandte den ehemaligen Sicherheitschef des «ANC»  Tito Maleka kontaktierte und den ANC beschuldigte, sich das Gadaffi-Vermögen angeeignet zu haben, ging dieser mit seinem Freund Dr. Jackie Mphaphudi, der Winni Mandela gut kannte und Mandelas Tochter Zondwana Gadaffi Mandela behandelte zu Jacob Zuma, um nach den verschwunden Milliarden zu Fragen. Dieser antwortete: Er sei zwar der Präsident Südafrikas, „dies ist aber die Sache des Finanzministers Matthew Phosa“.Dann kam es zu einem weiteren Treffen hochrangiger «ANC»-Mitglieder zur Thematik Libyen-Gelder, die Jackie Mphaphudi protokollierte. Schliesslich organisierte Jackie auch ein Treffen zwischen Taha Buishi, dem libyschen Regierungsvertreter und dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma auf dessen Anwesen in Khandla bezüglich der 12,5 Millarden Dollar die Gadaffi 2010 nach Südafrika verfrachtete.

Also wussten Zuma, Esposa und einige andere ANC Spitzen von dem Geld, doch beschieden sie den lybischen Gesandten, dass erst ein formelles Gesuch der Libyschen Regierung vorliegen müsse, um welche Werte es gehe. Und dieses Gesuch müsste von einer stabilen Regierung legitimiert und durch die Unterschriften des amtierenden lybischen Premierminister, dem Finanzminister und dem Gouverneur der Nationalbank als auch vom Leiter der Rückführungsbehörden unterzeichnet werden. Mit dem libyschen Mandat und dem Glauben, der Südafrikanischen Regierung zu dienen, will das Team um Tito Maleka nicht nur den ANC vom Schmutz befreien und der Staatsplünderung einen Riegel vorschieben, sondern dem libyschen Volk das Geld zurück zu geben.

Mohammed Dschibril, Premierminister Übergangsregierung Libyen 2011, traf sich mit Zuma und wollte ihm klarmachen, Gaddafi zum Rücktritt zu bewegen. Das klappte nicht. Doch im Frühling flog Zuma nach Lybien, danach ruft Zuma Dschibril für Treffen mit Zuma und Phosa an, doch dann geriet alles ausser Kontrolle: Offensichtlich gab Gaddafi Zuma Geld, damit er an der Macht bleibt und Zuma ihm Gaddafi bei der Flucht aus Libyen helfen könnte. Matthey Phosa leitete als Schatzmeisterdie Operation, Gadaffi und sein Vermögen ausser Land zu schaffen. Beide Teams kommen zum selben Schluss, dass Phosa die Schlüsselfigur sei. Er wollte einen Teil der Provision. Fannie hat den Beleg für„die Provisionzahlung“. Phosa machte also seinen Anspruch auf einen Teil des Geldes geltend. Das machte er auch Titos Team klar, die mittlerweile Taha Buishi in Libyen ausgebootet hatten. Als wäre dies nicht schon spannend genug, wird der Schatzsucher-Krimi noch um ein dubioses Kapitel reicher. Denn Gaddafis Finanzminister, Bashir Al Sharkawi, alias Bashir Saleh, ein mittlerweile seit Jahren von Interpol gesuchter Mann läuft noch immer frei in Johannesburg herum, derweil der untergetauchte Sohn Gaddafis, Said, sich auf eine Präsidentschaftskandidatur im unbekannten Exil vorbereitet. Nachdem ex Gaddafis Banker Johannesburg bei einem Attentat verletzt und sein Laptop gestohlen wurde, floh er aus dem Ausland.2018 wurde Zuma aufgrund der „Staatskorruption im grossen Stil“ zum Rücktrittgezwungen und Libyen versank im Bürgerkrieg.Nun zum nächsten Kapitel von Korruption und Kleptokratie in Südafrika.

Gupta Leaks: Südafrika als Beute indischer Klepokraten“

( Online: https://www.allmytraveltips.ch/?p=33760)

Der Menschenrechtsanwalt Brian Currin erhielt 2017 Informationen zugespielt die von einem Laptop des Gupta Clans stammten. Das führte ihn auf die Spur eines riesigen Korruptionsskandals, der die Züge von Staatsvereinnahmung durch private Unternehmer erreichte. Das Land am Kap der guten Hoffnung wurde systematisch geplündert. Die Guptas machten Milliardengeschäfte im Energie- und Transportsektor, wuschen das Geld in Dubai, den Arabischen Emiraten und in Hong Kong und als es ihnen an den Kragen geht, setzten sie sich mit all dem gestohlenen Geld nach Dubai ab. Wie es zur südafrikanischen Staatsplünderung kam, recherchierten auch die beiden Investigativ-Journa-listen Susan Comrie und Thanduxolo Jika (Sunday Times/Mail & Guardian). Zum ersten Mal aufgefallen sind die Guptas, als sie rund 200 Hochzeitsgäste mit Charter-Flugzeug auf  Militärflugplatz eingeflogen, von Polizeifahrzeugen und vom Sicherheitsdienst eskortiert. Die Kosten von rund zwei Millionen Dollars für die Hochzeit haben die Guptas über «Estina» aus der Milchwirtschaft abgezweigt und dafür die Beiträge für die schwarzen Bauern geplündert. Das Geld wurde mit Hilfe von «KPMG» in Dubai gewaschen und dann damit die Kosten für die Hochzeit in Millionenhöhe bezahlt. Auch «McKinsey» und «SAP» profitierten erheblich von den Schatteneliten und korrupten Ministern im Dienste der Guptas.

Pravin Gordhan, Südafrikas Finanzminister (2009 bis 2014) sagt, dass Südafrika schon wenige Wochen nach Zumas Inthronisierung einen gigantischen Stromausfall hatte und dass der nicht von Ungefähr kam. Barbara Hogan, die damalige Ministerin für staatliche Unternehmen wurde von Zuma gefeuert. Auch sie geht hart mit ihm ins Gericht: Zuma versprach zwar gigantische Investitonen in die Infrastruktur des Landes, doch das Geld dafür hatten wir nicht. „Das begriff er einfach nicht“, sagt Hogan und fuhr fort mit den Worten: „Ihm geht es nicht ums Land, nicht um die Probleme Südafrikas, ihm geht es einzig um seine Auserwählten“.

Mit Malusi Gigaba fing das Unheil an, als er in die Regierung kam und alle wichtigen Posten in den Staatsunternehmen sukkzessive mit Gupta-Vertrauten besetzte. Wo werden die meisten öffentlichen Gelder ausgegeben und wie kommen wir daran? Das war das Geschäfts-model der drei indischen Brüder, die mit ihrem mausarmen Vater 1993 nach Südafrika kamen. Zuerst kam«Transnet» dran. «Transnet» verwaltet alle Flughäfen, Bahnhöfe und Transportfirmen. Malusi Gigaba setzte Brian Molefi als CEO und Arnosch Sinn als Finanzvorstand ein (2 Aufträge für Lokomotiven im Wert von 5 Mia. gingen an zwei chinesische Firmen) «Mc Kinsey» erhielt mehr als eine Milliarde für Berateraufträge von Salim Essa, Geschäftspartner der Guptas. 450 Mio. Provision sprangen für die Guptas beim Lokomotiven-Deal heraus. Gelder die über Offshore Firmen nach Hong Kong und in die Arabischen Emirate abflossen. Dann kam Duduzane Zuma,der  Sohn Zumas zum Zug. Er war eng mit den Guptas verbandelt und hat mit ihnen die Korruption perfektioniert und der Kleptokratie Vorschub geleistet.

Auch Cyril Ramaphosas, einst ein Gewerkschaftsanführer, der durch die Lizenzen der Bergbau-Unternehmen am Ende der Apartheid zum  Milliardär wurde, wird Vizepräsident von Zuma und reist kurz darauf nach Russland für einen Atom-Deal und den Bau von acht Atom-kraftwerken in Südafrika, die mehr als 100 Mia. US Dollar kosten würden, worauf die «Shiva» Uranmine von den Guptas gekauft wurde und Zumas Sohn einen Führungsposten zugeschanzt bekam. So brachten sie sich für den Atom Deal in Stellung, der den Geldregen noch vergrössern sollte. Und Russland wollte damit erreichen, dass Südafrika vom Geberland abhängig ist und der Zuma-Clan beabsichtigte sich mit Hilfe der Guptas einer noch grösseren Staatsplünderung zu verschreiben.

Moe Shaik, Leiter des südafrikanischen Geheimdienstes (2009 -2011) wurde zwar von Zuma angeheuert, aber als die Amerikaner besorgt waren, dass das Geld für die Atomkraftwerke aus dem Iran kämen, musste der damalige Geheimdienstchef mit seinem Chef, Präsidenten, also mit Zuma darüber sprechen und kurzerhand aufgrund der Meinungs-verschiedenheiten von seinem Job zurücktreten. Zuma ist wie Trump, nur die eigenen Interessen zählen. Nicht viel besser erging es Finanzminister Nhlanhla Nene, der das Geld für den Atom-Deal mit Russland einfach nicht herbei zaubern konnte. Er wurde ebenfalls entlassen und durch Freunde der Guptas ersetzt. Desmond van Rooyen wurde darauf hin zum neuen Finanzminister erkürt, kam mit drei Beratern ins Finanzministerium, war aber nur vier Tage lang im Amt, dann wurde Zuma aufgrund der Proteste und gewaltigen Kursstürze an der Börse dazu gezwungen, das Trio wieder ab- und durch den langjährigen Finanzminister Pravin Gorham zu ersetzen.

Ab 2016 gab es immer mehr Enthüllungen über die Kleptokratie der Guptas und ein mutiges ANC Mitglied, der damalige stv. Finanzminister Mcebesi Jonas enthüllte, dass auch ihm ein Ministerposten von den Guptas angeboten wurde. Mcebesi  war der erste, der die Käuflichkeit einzelner Personen und das enge Korruptionsgeflecht zwischen Zuma, den Guptas und einigen ANC-Profiteuren offen aussprach und kritisierte. Er lehnte es ab, ein Vasall der Guptas zu werden, weil es der hart umkämpften Demokratie Südafrikas einen Dolchstoss versetzen würde. Die Guptas Leaks bestätigen die krummen Deals mit den staatlichen Konzernen «Escom», «Transnet» im Kohlebergbau und bei beim Waffenkonzern «Denel». 2015 wird Brian Molefi auch noch zum Chef von «Eskom» gemacht und auch Arnosch Sinn stösst dazu. Die beiden plündern das Unternehmen schamlos aus und machen den Zuma-Clan und die Guptas noch viel reicher.

Mandela würde sich im Grab umdrehen und schäumen vor Wut, wenn er sähe, wie rasch sich die schwarze Elite bereichert und das Land am Kap der guten Hoffnung ausgebeutet hat. Daher verlassen wir nun Südafrika und machen eine Reise ins Nachbarland nach Botswana, das dank seiner Diamantenminen eines der reichsten afrikanischen Ländern ist und überdies durch den Reichtum auch seine Tierwelt besser schützen konnte, als die umliegenden Länder. Die Central Kalahari und das Okavango-Delta, das weltgrösste Binnendelta sind auch der Lebensraum der Bushmänner und Frauen.

1986-2006: Mit den Khoi-San durch die Kalahari gestreift

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29604 )

1986 nach dem ersten Aufenthalt in Südafrika mit drei Schweizer Reiseleiter aus London, brach ich zu einer Expedition ins Okavango Delta im Nachbarstaat Botswana auf. Von Johannesburg fuhren wir mit zwei Landrovern erst nach Pretoria, dann weiter nördlich bis wir den Grenzfluss Limpopo erreichten, da kam schon die erste echte Herausforderung. Die Überquerung des gut 40 Meter breiten Flusses konnte nur dank zwei Fahrzeugen und Seilwinden bewerkstelligt werden. Das heisst, dass die Seilwinde des vorderen Fahrzeugs schwimmend oder mit einem Boot über den Fluss gebracht und dort an einem Baum befestigt wird. Die zweite Seilwinde wird hinten am ersten Fahrzeug angemacht und dann geht’s ab ins Wasser, das nur so über die Motorhaube schwappt. Der Zug der vorderen Seilwinde und die Stabilisierung mit der hinteren mit dem am Ufer stehenden Landrovers erfordert eine gute Kooperation beider Fahrzeuglenker. Die Durchquerung des Limpopo mit dem zweiten Vehikel erfolgt dann nur noch mit der Seilwinde des zuvor durch den Fluss gefahrenen Fahrzeuges und verläuft etwas turbulenter aber doch meisten glatt, da man ja schon eine Spur gelegt hat.

Dann ging es durch die Madikgadikdadi Salt Panels, einer öden, salzverkrusteten, topfebene Salzpfanne nach Maun und von dort über Kasane weiter zur 3rd Bridge, dann zum Savuti Channel im Moremi Game Reserve und schliesslich gelangten wir bei den Victoria-Fällen an. Das hört sich jetzt ganz einfach an, war aber ein höllisch heisser Trip mit vielen Lehrstücken zum Überleben in der afrikanischen Wildnis. Zum Glück war Johann, ein erfahrener und verlässlicher südafrikanischer Safari-Guide, der uns in die Gefahren der Bush-Erlebnisse einführte. Es war beängstigend in einem kleinen Zelt zu schlafen und ein paar Elefanten vor bzw. über einem stehen zu haben und dabei prasselten die Äste herunter, als sie mit ihren Rüsseln über uns in den Kronen frassen. Erst wollten wir nicht im, auf oder unter den Landrovern schlafen und so umstellten wir unser Zelt mit den Camping Stühlen zur dilettantischen Abwehr (und als eine Art „akustisches Alarmsignal“ vor dem Gefressen werden).

Zum Glück hatte unser Guide ein gutes Ohr und den sechsten Spürsinn eingeschaltet und warnte uns eines Nachts mit den Worten. „Die Löwen sind da, kommt schnell her und klettert aufs Dach rauf.“ Also hüpften wir flink wie die Gazellen mit Riesensprüngen zu den Fahrzeugen und dort angekommen geschmeidig hoch. Und siehe da, schon ertönte das laute Löwengebrüll und ein beachtliches Rudel strich als gleich um unsere Fahrzeuge rum. Da wäre es im Zelt höchst ungemütlich geworden, denn die Raubtiere haben schliesslich einen riesen Hunger und müssen ihre Babies füttern. In einer anderen Nacht wachte ich auf und musste das viele Bier ausspülen, das wir jeden Abend tranken. Also suchte ich mit der Taschenlampe aus dem Zeltschlitz heraus die Umgebung nach reflektierenden Augen ab, die im Schein der Taschenlampe aufblitzen würden. Noch etwas benommen vom Alkohol und der nächtlichen Hitze über 40 Grad sah ich nichts dergleichen und wollte schon raus, da lief das Flusspferd, das direkt keine zwei Meter vor dem Zelteingang stand und graste, ein paar Schritte weiter und nun sah ich bedeutend mehr von der nächtlichen Umgebung, blieb aber infolge des tierischen Nachbarn vorsichtshalber geräuschlos im Zelt liegen, denn Flusspferde sind die Todesursache Nummer 1 in Botswana.

Als wir nach einer Woche staubtrockener Tour bei über 40 Grad (nachts) halb verdurstet endlich bei der 3rd Bridge, ankamen, gab es kein Halten mehr, als wir das köstliche Rinsal endlich sahen. Alle stürzten sich wie übermütige Kinder in den Hippo- und Krokodil-Pool rein und planschten fröhlich rum, als gäbe es keine Gefahren. Wir waren damals ziemlich „lucky“, denn hier wimmelt es ja von Krokodilen, Flusspferden und anderen Wildtieren. Später bei den feudalen Wildlife-Lodges kurvte jeweils ein Motorboot im Kreis um die Schwimmer rum, damit gewiss kein Krokodil oder Hippo in der Nähe der Badenden Gäste war und Fressgelüste entwickelte. Ein anderes Mal musste ich beim Durchstreifen des Bushs einen herannahenden Löwen mit Steinwürfen, Staub aufwirbelnd und wütendem Fauchen sowie gottver-dammten Flüchen in die Flucht schlagen. Was genau den Ausschlag für seinen majestätischen Rückzug gab, erfuhr ich nie. Der Puls blieb jedenfalls noch lange in Rekordhöhe. Doch fiel mir ein Stein vom flatternden Herzen.

Dann stiessen wir auf Willy Zingg, einen ehemaligen Schweizer Militärpiloten, der hier in Botswana hängen blieb und zu einer Legende heran wuchs. Nicht nur seine furchtlosen Alligator-Beutezeuge auch seine tollkühne Flugakrobatik war weit herum bekannt war. Er war ein Haudegen wie er im Bilderbuch steht. Wir lernten ihn damals unter höchst dramatischen Umständen kennen. Gerade fuhren wir auf einen der selten anzutreffenden Safari-Trupp im menschenleeren Okavango Delta zu und sahen, zu unserem Schrecken, dass ein mächtiger Elefant den einen Landrover in die Mangel genommen hatte und mit seinem Rüssel kräftig durchrüttelte. Später erfuhren wir von Willy, dass es dem Elefanten dabei um die Orangen gegangen war. Als nächstes sahen wir einen Mann zum anderen Fahrzeug spurten, der mit diesem dann kurzerhand durchstartete und von hinten in das Hinterteil des Elefanten rein fuhr. Das wirkte bestens! Der Elefant bog mit lautem Trompetengeheul links ab, trampelte dabei aber versehentlich über ein Zelt, in dem eine Frau lag und die er dann bei seiner Flucht an der Hüfte schwer verletzt.

Ja, solche oder ähnlich heisse Situationen gab es einige auf diesem Trip. Doch wir blieben gottseidank alle verschont. Der Wahnsinn! Eine weitere abenteuerliche Situation ergab sich, als besagter Schweizer Safari-Pionier seine Landepiste bei den Tsodillo-Hills, den heiligen Bergen der Khoi-San, die auch als Bushmänner bekannten Ureinwohner der Kalahari fertiggestellt hatte und mit dem San-Oberhaupt einen Rundflug machen wollte. Da bei der Landung das Fahrwerk nicht raus klappen wollte, musste der erfahrene Kampfpilot einen tollkühnen Looping drehen und das Flugzeug überrollen, um dank der Fliehkraft das verklemmte Fahrwerk wieder auszufahren. Das gelang ihm und der erste Bushman, der in den Himmel abhob, war danach zwar etwas „trümmlig“ und leicht traumatisiert aber dennoch hell begeistert. Das muss für den San in etwa so gewesen sein, wie wenn wir plötzlich mit einer Mondrakete durchstarten würden.

In der Zentral-Kalahari leben damals rund 16‘000 Buschmänner und im gesamten südlichen Afrika schätzt man ihre Zahl auf rund 100‘000. Sie sind meisterhafte Spurenleser, berüchtigte Jäger, begnadete Bogenschützen – und wahre Ökologen. Sie leben nach dem Eros-Prinzip, das alles mit allem verbindet: «Alles gehört Mutter Natur und Mutter Erde. Keiner besitzt etwas. Alles wird geteilt», erklärt mir der junge Khoi-San Suruka die Weltanschauung der San am Fusse der Tsodillo-Hills mit den uralten Felszeichnungen. Um dies zu verdeutlichen, erzählen uns die kleinwüchsigen, zähen Menschen mit den kurzen, pechschwarzen Locken und pfirsichfarbenen Hauttönen von der Jagd. Sie bestreichen den Schaft ihrer Pfeile mit einem Gift, das sie aus Raupen gewinnen. Die Dosis des Gifts wird je nach Tier, das erlegt wird, exakt gewählt. Nichts wird verschwendet – nicht einmal ein Tropfen Giftes. Die San haben gelernt, auch in den unwirtlichsten Gegenden des Kontinents zu überleben. Diese Anpassungsfähigkeit wurde aus der Not geboren, wie uns Suruka weiter erzählt: „Wir Buschmänner kennen kein Privateigentum, weder Zäune noch Grenzen. Unser Lebensrhythmus ist auf die Wanderung der Tiere und Gezeiten abgestimmt. Wir leben nach dem Prinzip, dass die Natur allen Menschen gehört und jeder sich nur das nehmen soll, was er braucht. Dies hatte zur Folge, dass man unser Volk während Jahrhunderten wie Freiwild gejagt, vertrieben und getötet hat.“ Täter waren sowohl andere afrikanische Stämme als auch die europäischen Kolonialherren unter ihnen die Deutschen.

Ein wahrlich mystisches Erlebnis hatte ich dann beim Aufstieg zu den über 6000 Jahre alten Felszeichnungen in den zerklüfteten Felsen. Suruka versuchte mir in seiner Klicklaut-Sprache irgendetwas zu sagen, so in der Art, dass wir auf Wächter stossen werden, vor denen ich mich aber nicht fürchten sollte. Die Wächter waren wohl die beiden Klapperschlangen, die vor unseren Augen quer von einem Felsvorsprung auf den anderen rüber glitten und zwar gleichzeitig von zwei Seiten. Wäre ich allein gewesen, wäre ich wohl nicht weitergegangen. Mit Suruka fühlte ich mich sicher und durfte mit ihm die magischen, uralten Felsmalereien bestaunen. 12 Jahre später sah ich einen Film auf dem britischen TV-Sender «BBC» bei dem Suruka wieder auftauchte und die Filmcrew eben zu den Tsodillo-Hills führte, wie mich damals.

Das Okavango-Delta ist ein einzigartig schillerndes ja geradezu überirdisches Naturparadies und ein Tierreich, solange der Mensch aussen vorbleibt. Dies ist der Regierung in Botswana, einem der reichsten afrikanischen Ländern, dank den reichhaltigen Diamentenvorkommen gut gelungen. Sie hat die Vorteile des nachhaltigen Safari-Tourismus früh erkannt und gefördert und viele grosse Gebiete unter Schutz gestellt. Ich bin im Laufe der 90er Jahre mehrfach ins Okavango-Delta gereist, dann aber schon eher auf luxuriöse Art und Weise mit Besuchen in den teuersten Luxus-Lodges von «Wilderness Safari». Nun, da man die Elefanten immer noch nicht ausreichend vor Wilderern schützen kann, kommt eine neue Seuche infolge des Klimawandels auf die Elefanten zu. Allein 2020 waren in Botswana im Okavango Delta beim Moremi Game Reserve 330 tote Tiere gezählt worden und das rätselhafte Massensterben setzt sich auch 2021 fort. Damals hatten die Behörden Cyanobakterien, auch Blaualgen als mögliche Todesursache ausgemacht. Der Internationale Tierschutz Fonds (IFAW) kommt zum Schluss, dass das Massensterben mit einem beschränkten Zugang zu Frischwasser haben und deren Lebensräume u.a. durch die Viehwirtschaft immer mehr eingeengt werden. Zudem ist das Ansteigen der Cyanobakterien auf den Klimawandel zurückzuführen.

Der unsäglichen Wilderung könnte wohl nur Einhalt geboten werden, wenn China den Import stoppen und die Einfuhrbeschränkungen drastisch kontrollieren und durchsetzen würde. Warum also sollte die internationale Staatengemeinschaft und die Länder Afrikas nicht den Hauptverursacher für das Schlachten zur Verantwortung ziehen und China dazu zwingen, gegen den Elefenbeinhandel rigoros vorzugehen. China wäre mit all ihren Uberwachungsmassnahmen in der Lage einen signifikaten Beitrag zur Lösung des Problems beizutragen.

Afrikas wegweisende Wildlife- und Ökoprojekte

( Online: Wegweisende Wildlife Projekte in Afrika )

Bei insgesamt über zehn Reisen zwischen 1986 und dem Millennium in das Südliche Afrika, habe ich schon 1993 das «Shamwari Game Reserve» nahe Port Elisabeth beim Addo Elephant Park entdeckt. Dieses entwickelte sich damals gerade zu einem der wegweisenden und in der südlichen Hemisphäre einmaligen Tierschutz und Wildlife-Wiederansiedelungsprojekte. Dazu wurde ehemaliges Farmland renaturiert und in Busch umgewandelt, danach wurden nach und nach die «Big Five» dort wieder angesiedelt. Zu Beginn der 90er Jahre hat Adrian Gardiner, der Besitzer, die ersten fünf schwarzen Nashörner vom «Natal Parks Board» für eine halbe Million Euro gekauft und an der Garden Route nahe des Addo Elephant Park und Port Elisabeth wieder angesiedelt. Bei meinem ersten Besuch wurden das Farmland gerade renaturiert und ich erinnere mich an die selbst gebauten Feuertöpfe und Kaminschlots, mit denen jeder einzelne Baumstrunk ausgeräuchert wurde. Nach kurzer Zeit ist aus der damals 1200 ha grossen Farm ein Wildtierschutzgebiet von über 20‘000 ha mit einem Wildtierbestand von über 10‘000 Wildtieren geworden. Dies geschah im Zeitraum von 1993 bis 1997.

Neben dem Long Lee Manor House hat das Shamwari Game Reserve fünf weitere exklu-sive Lodges geschaffen, zu dem neben dem Eagles Crag und der Bushmen River Lodge auch noch die Lobengula Spa Lodge gehörte. Im November 2005 erhielt Adrian Gardiner zum sechsten Mal die internationale Auszeichnung am «Word Travel Market» in London (WTM) als «weltbester privater Tierpark mit den höchsten ökologischen Anforderungen». Zudem wurde das «Shamwari Game Reserve» auch als «zweitwichtigstes Projekt der südlichen Hemisphäre» eingestuft und mit dem «British Airways for tomorrow-Award» ausge-zeichnet. Nicht nur dieses, auch andere wegweisende Öko- und Wildlife-Projekte in Südafrika und Botswana begleitete oder vertrat ich fast ein Jahrzehnt lang und berichtete immer wieder über die Fortschritte und Hindernisse, weil ich ja jedes Jahr in Südafrika war und dort auch immer die süd-afrikanische Tourismusfachmesse «INDABA» in Durban besuchte.

Beim «Londolozi Game» Reserve der Varty Brothers, die spektakuläre Tierfilme drehten, war ich von Anbeginn dabei und hatte auch hier den richtigen Riecher, wie an den verschiedensten Orten in der ganzen Welt. Auch in Australien bewiese ich mit der Daintree Forest Lodge» und in Botswana mit der «Wilderness Leadership School» ein feines Gespür und lag ich bei den absoluten Top Performers der damaligen Zeit. Hinzu kamen das «Mara Mara», «Sabi Sabi» und «Phinda GameReserve» und schliesslich noch das «The Pezula» in Knysna, wo das Schweizer Tennis-Ass Roger Federer seine Villa hat. Im noblen «Mount Nelson Hotel» in Kapstadt, sass plötzlich Margret Thatcher neben mir im Coiffeur-Salon, was das Gespräch mit der ehemaligen britischen Premierministerin sehr einfach machte. Nur die alte Dame der britischen Politikmachte machte einen dementen Eindruck.

Aufgrund meiner vielen Kontakte in Südafrika, erhielt ich vom südafrikanischen Fremdenverkehrsamt (SATOUR) über den Botschafts-kontakt den Auftrag Südafrika in der Schweiz mit PR-Kampagnen zu vertreten, wodurch ich auch noch an das «South African Airways»-Mandat heran kam und in der Folge meiner vielen Südafrika-Besuche zwei Reiseführer über Südafrika schrieb. Ob es sich nun um «Öko-tourismus – und seine soziale Bedeutung» (Bund), um den aufrüttelnden Bericht und die erfolgreiche Spendenaktion für die bedrohten «Orang Utan im Regenwald von Borneo» («Brückenbauer»), um die «Rettung der Wale» (in der «SonntagsZeitung») oder die «Klima-katastrophe in den Alpen» («Südostschweiz») geht, stets hatte ich meine markante Nase im (Gegen-)wind und war meiner Zeit oft weit voraus.

So auch bei der «Swissair», deren Untergang ich schon 1997 im «Der Bund» mit dem Bericht «Wird die Swissair überleben?» und bei zwei anderen Zeitungen vorwegnahm. Der Klimawandel, der heute fast 30 Jahre später immer noch ein brandaktuelles Thema und das grösste Problem auf dem Planeten Erde ist, beschäftigte mich schon sehr früh und ich zog daraus  Konsequenzen und verzichtete ab 1999 weitgehend auf Flugreisen. In Europa habe ich nie ein Flugzeug genommen, da war die Bahn angesagt. Natürlich kann man mir zu Recht vorwerfen, dass ich, als Reisejournalist mit meinen Reisereportagen den globalen Flugverkehr angekurbelt habe. Das kann ich nicht bestreiten. Doch habe ich mir immer die Mühe genommen, ökologisch nachhaltige Projekte und umweltverträgliches Reisen zu fördern. und ich habe mir immer viel Zeit an einem Ort genommen, meistens war ich 20-30 Tage in einem Land.

Als Konsequenz auf den «IPPC»-Bericht habe ich das «Tourismus und Umwelt Forum Schweiz gegründet» und mich auch hierzulande nachhaltig für ein Umdenken und Umschwenken eingesetzt. Ich könnte heulen über all die politischen Lippen-Bekenntnisse, die leeren Versprechen von Wirtschaftsverbänden, den klimasteuerbefreiten Luftverkehr, die Todsünden der Billig-Airlines und die «SUVs», anstelle von Autos, die in den letzten 20 Jahren – wohlwissend um den schlechten Zustand des Planeten-, getätigt wurden. Die Generation «Easy Jet» war mir ein Dorn im Auge. Nebst den Fernreisen war ich immer öfters auch in Frankreich, Deutschland und Österreich auf Pressereisen, die meisten so vier, fünf Tage dauerten. Das Presse- und Bildagenturgeschäft lief wie geschmiert. Kooperationen mit führenden Bildagenturen wie «Action Press» und «dpa» in Deutschland und «Ringer», «Keystone» in der Schweiz und die immer zahlreicheren Publikationen sowie das auf gut 30‘000 Dias aus fast 50 Ländern angewachsene Bildarchiv, waren eine solide Basis für meinen Job. Hinzu kamen die Kooperation mit «Singapore Airlines» und mit «Malaysia Airlines» aufgegleist hatte. Ein spannendes PR-Mandat, bei dem ich für «Malaysia Airlines» die PR-Kampagnen konzipierte, die Anzeigenschaltungen disponierte und viele spannende Reisen machte und hernach die Berichte veröffentlichte. Die Zusammenarbeit mit «Singapore Airlines» dauerte fast 15 Jahre. So kam ich mehrmals nach Sri Lanka, Vietnam, Thailand, Kambodscha, auf die Malediven und mehrmals nach Australien, wo ich fast alle Bundesstaaten bis auf die Northern Territories besuchte und tausende von Kilometer allein im Off-Roader zurücklegte. Doch zurück nach Afrika, einem der faszinierendsten Kontinente.

Kenya: IKRK-Mission im Rift Valley nach den ethnischen Unruhen

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29707 )

Als ich 2008 nach Kenya kam, besuchte ich erst die Region beim Samburu Nationalpark und war im «Joys Camp» stationiert. Das Samburu-Nationalreservat ist ein 165qkm großes Naturschutzgebiet im Zentrum Kenias. Das östlich davon gelegene Shaba-Nationalreservat gehört zum gleichen ökologischen Gebiet. Charakteristisch sind die hier sehr trockener Lebensräume für Oryxantilopen, Gerenuks, Grantgazellen, zwei Dikdikarten und Grevyzebras. Auch typisch für die Region sind die Netzgiraffen, die sich durch ihre besonders kontrastreiche Färbung von anderen Giraffen-Unterarten unterscheiden. Weitere Huftierarten des Reservates sind Elenantilopen und Wasserböcke. Unter den Raubtieren sind Löwen, Leoparden, Geparden und Streifenhyänen hier vorhanden. Darüber hinaus zeichnete sich der Park einst durch grosse Elefantenherden und zahlreiche andere Wildarten wie Wasserböcke und Nilkrokodile aus.Allerdings nehmen die Elefantenbestände ab. Deren Zahl im Samburu-, Buffalo-Springs- und Shaba-Nationalreservat betrug 1973 noch über 2500 Tiere, 1976/1977 hatten sie sich schon auf 531 verringert. Jetzt sind es noch weniger. Es war eine schöne entspannte Reise und dann ging es nach Mombasa weiter, um die Touristenenklave kennenzulernen.

Unweit von Mombassa liegt der Haller Park, ein von einem Schweizer renaturiertes Wildlife-Reservat. Das war äusserst beeindruckend! Von den Chimpansen, Makkaken, über Krokodile und Riesenschildkröten gab es eine grosse Vielfalt von Tieren. Schulkinder kamen in Scharen. Für sie war es nicht nur ihr Ausflug in den Zoo sondern auch eine Lektion über Wildtierschutz und die Bedeutung ihrer Ökosysteme, sprich ihrer Umwelt und dem Verhalten der lokalen Bevölkerung, das dazu beitragen kann, die Tierwelt zu erhalten. Vor-bildlich! René Haller wuchs in Lenzburg im Kanton Aargau auf. Er erlernte den Beruf des Gärtners, spezialisierte sich auf Landschafts-gestaltung, besuchte den Agronomielehrgang des «Schweizerischen Tropeninstitut» der Universität Basel bevor er 1956 nach Ostafrika ging, Sein bekanntestes Projekt ist die ökologische Wiederherstellung des Abbaugebietes der «Bamburi Cement». Ein Teil des damals ver-wüsteten, grossen fossilen Korallenkalk-Abbaugebietes hat er renaturiert. Haller ist Autor vieler bekannter Fachartikel und Referent für die Themenbereiche Ökologie/Ökonomie und Wiederbelebung von verwüstetem Industrieagrarland sowie Gründer der «Haller Foundation», arbeitete als Vorsitzender des «Baobab Trust» und war langjähriges beratendes Mitglied des «Kenya Wildlife Service».

Die Reise führte mich weiter zum «Ol Pejeta Rhino & Chimpanzee Sanctuary» in der Nähe des Mount Kenya. Wie der Name schon sagt wurden dort vor allem Rhinozerosse vor Wilderern geschützt und eine grosse Chimpansen-Kolonie gehegt und gepflegt. Zum ersten Mal berührte ich dort die Panzerhaut eines Nashorns, als ich ehrfürchtig neben dem Landrover und einem dieser Kolosse stand und hoffte, dass mich das zwei Tonnen Muskelpaket als harmlosen Spatzen betrachtete und nicht wie eine Fliege zerquetschte. Zum Glück ist tatsächlich nichts passiert. Das Nashorn liess sich nicht beim Grasen stören. Nachdem meine Wildlife-Abenteuerlust gestillt war, kam wieder die humanitäre Mission dran. Zurück in Nairobi ging ich zum «IKRK»-Hauptsitz in Afrika und machte ein Interview mit dem Stellvertretenden Generalsekretär James Kisia über die Lage der Flüchtlinge im Rift Valley nach den blutigen Unruhen und ethnischen Vertreibungen, da Kofi Annan abwesend war. Die politischen Unruhen in Kenia begannen am 30. Dezember 2007, am Tag der Veröffentlichung der offiziellen Ergebnisse zur Präsidentschaftswahl.

Bei den Wahlprognosen und vorläufigen Ergebnissen war Oppositionsführer Odinga noch knapp führend. Nachdem der amtierende Präsident Mwai Kibaki zum Gewinner der Wahl erklärt wurde, erhob sich Protest seitens der Oppositionspartei ODM. Ihr Präsidentschaftskandidat Raila Odinga erklärte, dass das Wahlergebnis gefälscht sei. Bei den anschliessenden Unruhen wurden schätzungsweise über 1.500 Menschen getötet und 623.692 Menschen, vor allem Angehörige der Kikuyu mussten vor den Gewalttätigkeiten fliehen. Schliesslich flog ich nach Eldoret und ging zum lokalen «ICRC Red Cross Commitee». Mit den dortigen Mitarbeitern fuhr ich drei Tage lang in den die Flüchtlingscamps herum und sah mir die Wiederaufbauprojekte an. Es schien mir noch ein langer Weg zurück zur Normalität zu sein und das Elend in den Flüchtlingslagern mit insgesamt über 100‘000 Personen war sehr bedrückend. Ein solches Ausmass hatte ich noch nie gesehen, auch nicht in Südafrika zur Zeit des ANC-IFP-Konflikts.

Über 10 Millionen Kenianer hungerten. Täglich starben hunderte an Wassernot und Ernährungsmangel. 3,2 Millionen Menschen waren damals von akutem Wassermangel betroffen. Viele von ihnen mussten täglich bis zu 30 Kilometer für einen Eimer Wasser zurücklegen und diesen dann zurück tragen. Das sind einige der erschütternden Zahlen, die der Stellevertretende Generalsekretär des «IKRK» und «Red Cross Kenya» mir in seinem Büro in Nairobi präsentierte. Und über 100000 Personen harrten in Flüchtlingscamps aus. Am Schluss der Reise interviewte ich Tourismusminister, Najib Balala, den ich auch auf die Konflikte ansprach und der zwar überrascht über die politische Flanke und Befragung zu den Unruhen war, aber sehr souverän reagierte. Von Nairobi aus führte  die nächste Mission wieder in den Bush. Via Johannesburg, Gabarone und Maun flog ich wieder einmal ins Okavango Delta und zwar zu den renommierten «Wilderness Wildlife Fund» Bush-Lodges und besuchte die HIV-Foundation «Children in the Wilderness».

Namibia: EZA, HIV-Schulen und im Reich der Geparde

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29672 )

Durch die vielen Reisen und Konflikterfahrungen in zahlreichen Ländern wollte ich schliesslich in die Entwicklungszusammenarbeit («EZA») einsteigen und via «Interteam» (einer Schweizer Hilfsorganisation) nach Namibia fliegen, um vor Ort ab 2011 stationär drei Jahre im Bereich Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Konkret ging es um ein Projekt mit der lokalen halbstaatlichen Organisation «NACOBTA», welche die Ureinwohner ökologisch und nachhaltiger in die Tourismuswirtschaft integrieren wollten, um die indigenen Stämme an der Entwicklung teilhaben zu lassen. Leider kürzten kurz vor dem Einsatz ein paar ausländische Hilfsorganisationen ihr Budget für «NACOBTA» und so wurde der «EZA»-Einsatz in Namibia gestrichen. Dennoch wurde ich durch das «Interteam NACOBTA»-Assessment neugierig auf das südwestafrikanische Land mit deutscher Kolonialvergangenheit und beschloss hin zu reisen.

Ich verabredete mich erst mit dem lokalen «Interteam» Repräsentanten, um mir die Arbeit vor Ort und die Herausforderungen anzuschauen. Das erste was ich lernte ist, helfen ist nichts für Abenteurer, wie es in den 70er und 80er Jahren war, als scharenweise Personen in alle Welt aufbrachen und sich mit lokalen Bevölkerungsgruppen oder Befreiungsbewegungen solidarisierten. Besserwisser und Weltverbesserer sind bei dieser Arbeit fehl am Platz. Die Freiwilligenarbeit hat sich sehr professionalisiert, sagt, Martin Schreiber, der damalige Geschäftsführer von «Unite», des Dachverbandes der Entwicklungspolitischen Organisationen. Heute verfügen fast 80 Prozent der vor Ort tätigen über einen Hochschulabschluss, zudem gibt es Umweltexperten, Telekommunikationsspezialisten, Management-Coaches, Ernährungsberaterinnen und Sozialfachleute. Während des einjährigen Assessment muss die Kandidatin oder der Kandidat nicht nur seinen Durchhaltewillen und seine Motivationsgründe reflektieren sondern er wird auch mit komplett anderen Wertvorstellungen, und Religionen konfrontiert. Auch gäbe es viele Hürden zu überwinden, wie Unzuverlässigkeit von Menschen, Technik und Kommunikation sowie die soziokulturellen Unterschiede. Schliesslich sei jede Person, die zum Einsatz kommt, Teil eines Ganzen, das sich laufend den Erfordernissen anpasst und mit den lokalen Partnern im beratenden Austausch steht, welche Strategien entwickelt werden. Der Erfolg des Einzelnen ist der Erfolg aller.

Nach dieser Einführung traf ich mich mit Vertretern von «NACOBTA» in Windhoek und beschloss, einem Spital in Rehoboth, dass von Schweizern finanziert wurde, einen Besuch abzustatten, bevor ich quer durch das riesige, menschenleere Land fuhr und die geschützten Wildlife-Reservate besuchte. Ich legte auch in Namibia gut 5000 Kilometer mit dem Auto zurück aber relativ wenig Off-Road, vom Caprivi-Streifen im Norden, der bis zum Vierländereck Botswana, Südafrika, Zimbabwe bei den Victoriafällen reicht und bis zum Fishriver-Canyon runter, dem zweittiefsten der Welt im Süden des Landes. Da war zunächst einmal der Etosha Nationalpark, der bereits 1907 unter Schutz gestellt wurde, nachdem der ehemals reiche Wildbestand durch Wilderei und bedenkenlose Grosswildjagd bis an den Rand der Ausrottung reduziert und damit die Fleischversorgung der Bevölkerung ernsthaft gefährdet worden war. Der Etosha Nationalpark besticht heute durch seinen fantastischen Tierreichtum, der sogar das Okavango Delta übertrifft, soweit Giraffen, Antilopen und Zebras gemeint sind. Doch nicht nur die Wildtiere, auch die lokal ansässigen Herero und Ovambo wurden nach dem durch Existenzängste geschürten Aufstand von 1904 gnadenlos ausgelöscht. Auch Frauen und Kinder wurden von Generalleutnant Lothar von Trotha nicht geschont, der im Auftrag des Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen handelte und auch die Unterstützung von Kaiser Wilhelm I. hatte. Das war einer der ersten Vöklkermorde.

Im Süden des Landes in Maltahöhe war die HIV-Sterblichkeit besonders hoch und es gab zu dieser Zeit beinahe 40 Prozent Waisenkinder, die in den 80er und frühen 90er Jahren entweder einen oder auch beide Eltern verloren haben. Und so gibt es auch eine HIV-Waisenschule in Maltahöhe, wo Armut und Arbeitslosigkeit besonders hoch sind. Es war ergreifend dem «Oa Hera»-Kinderchor zuzuhören, der von dem Backpacker-Camp unterstützt wird. Die hellen, ergreifenden Engelsstimmen der Waisenkinder haben mich genauso beeindruckt, wie der Fantasie-Reichtum und die Kreativität in der Schule bei Gestaltungsmitteln oder Kinderspielzeugen. Und wenn man bedenkt, welche Gefahren auf die Schulkinder bei ihren beträchtlich langen Anmärschen in dieser unwirtlichen Gegend drohen, erstaunt die Gelassenheit und Fröhlichkeit, der Kinder angesichts ihres schweren Schicksals.

Auch die «Cheetah Foundation» (CFF) in Ojjowaringo ist ein beeindruckendes Wildlife-Projekt mit einmaligen Erlebnissen. Zwar sah ich diese edlen, eleganten Tiere schon zum zweiten Mal in freier Wildnis, dafür aber auch gleich beim Jagen, als ein paar arme Kaninchen den Geparden als Frühstückshoppen zum Frass übergeben wurden. Die Populationsstudie des CCF für den namibischen Geparden läuft seit 1990, wobei bis heute über 750 Gewebeproben und 1000 Kotproben gesammelt wurden. Diese Proben ermöglichen die Erforschung der namibischen Gepardenpopulationen über einen Zeitraum von 30 Jahren. Die Populationsüberwachung innerhalb des 50‘000 Hektar großen Wildschutzgebiets wird durch die Kombination mit genetischen Analysen über Mikrosatellitenmarker ermöglicht. Das erlaubt den CCF-Forschern und Wildhütern die einzelnen Geparden sowohl anhand von visuellen als auch genetischen Merkmalen zu identifizieren.

Um den illegalen Handel mit Wildtieren zu bekämpfen, hat «CCF» in Zusammenarbeit mit den Wildtierbehörden von Somaliland ein sicheres Haus in Somaliland eröffnet, das für Geparden-Junge gebaut wurde, die aus dem Heimtierhandel geborgen wurden. Allein im Jahr 2019 erhielt das Genetiklabor 146 Proben von 53 Personen. «CCF» erhielt auch Proben von verschiedenen Veterinär- und Zuchtein-richtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bis heute wurden 97 extrahiert und genotypisiert, um die Herkunft der Tiere zu ermitteln. Neben der genetischen Arbeit initiierte «CCF» eine Samenbank für die VAE und veranstaltete mehrere Workshops zur Sammlung und zum lebensfähigen Einfrieren von Spermien von erwachsenen männlichen Geparden, um die genetische Vielfalt der Ursprungs-populationen zu erhalten.

Eine zentrale Herausforderung in den ländlichen Gebieten Namibias ist der Aufbau von Kapazitäten zur Bewältigung des Konflikts zwischen Mensch und Wildtier. «CCF» hat mehrere Landschaften in Zentral-Nord- und Zentral-Ost-Namibia identifiziert, die einen dringenden Fokus auf wissenschaftsbasierte Lösungen zur Eindämmung des Konflikts menschlicher Wildtiere (HWC) benötigen.Zu den wichtigsten Schwerpunktregionen gehören die Greater Waterberg Landscape, die Gobabis-Landschaft und weite Teile des Gemeindelandes im östlichen Namibias Kalahari-Ökosystem. In Namibia leben 80 Prozent der Wildtiere außerhalb von Schutzgebieten, aber in einigen Gebieten wie den östlichen Kommunalgebieten gefährdet das Fehlen von Wildtieren Arten wie Wildhunde, Geparden und Leoparden, die Nutztiere erbeuten.

Eine der größten Herausforderungen in diesen ländlichen Gebieten ist die Bewältigung des Konflikts zwischen Mensch und Fleischfresser. Geparden und andere Raubtiere, darunter Leoparden, Afrikanische Wildhunde, Braune Hyänen und Schakale, leben in großen Revieren auf Viehzuchtflächen.Um die Situation umzukehren, ist eine forschungsbasierte Lösung erforderlich, die die Community einbezieht. Zu diesem Zweck hat B2Gold, ein kanadisches Goldbergbauunternehmen mit Präsenz in Namibia, 50.000 US-Dollar zur Unterstützung von Natur-schutzforschung und Outreach-Programmen für Gemeinden bereitgestellt, die mit Fleischfressern leben. Mit Unterstützung von B2Gold hat «CCF» ein umfangreiches Forschungsprojekt entwickelt, um die wichtigsten Strategien und Ansätze zur Reduzierung von Mensch-Fleisch-Konflikten zu bewerten. Die Forschung wird in die Erhaltungsmaßnahmen einfließen, die darauf abzielen, das Weideland-, Vieh- und Wildtiermanage-ment zu verbessern, den Verlust von Vieh auf offenem Ackerland zu reduzieren und den Lebensraum wiederherzustellen.

Das «CCF» beherbergt eine in Afrika einzigartige Forschungseinrichtung von Weltrang. Das «Life Technologies Conservation Genetics Laboratory» ist das einzige voll ausgestattete Genetiklabor vor Ort in einer Naturschutzeinrichtung in Afrika. Von dieser Einrichtung aus arbeitet «CCF» mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zusammen. Die Forschung kommt nicht nur dem Gepard und seinem Ökosystem zugute, sondern auch anderen Großkatzen und Raubtieren. Dabei helfen auch ausgebildete Hunde zur Erkennung des Kot. Die Kothunde verwenden verschiedene Signale an ihren Hundeführer, um anzuzeigen, welche Art von Tierkot vorhanden ist. Sobald die Probe entnommen wurde, wird sie ins Labor gebracht. DNA wird extrahiert, um einzelne Geparden zu identifizieren und die Populationsstrukturen von Geparden und anderen Fleischfressern zu verstehen.

Später weiter unten im Süden beim Fish River Canyon und den Giants Playground fuhren wir mit einem Farmer auf seiner riesigen Farm herum und begegneten dort zwei prächtigen Geparden in der Wildnis, denen wir uns zu Fuss näherten und uns gegenseitig beschnuppern konnten, denn sie schlichen auf ihren Samtpfosten langsam und geschmeidig auf uns zu und hatten sich offensichtlich an Menschen gewöhnt und kannten keine Scheu. Dennoch verhielten sich nicht wie zahme Hauskatzen. Der hautnahe Kontakt mit den gefährlichen Schmusekatzen endete für mich mit Glücksgefühlen, da ich unter der Schnauze des Tieres lag und von dort Nahaufnahmen machen wollte und auch konnte. Aber das Gefühl unter einer Wildkatze sozusagen als ihr Beutetier zu liegen, nur die Kamera schützend vor mein Gesicht haltend, war schon ein Adrenalinschub erster Güte.

Damit verlassen wir den afrikanischen Kontinent und brechen nach Lateinamerika auf, wo uns ganz andere Abenteuer erwarten und wir ganz andere Kulturen sowie politisch, ökonomische und ökologischen Herausforderungen begegnen.

4. Mexico, Kuba, Karneval und US-Invasoren

Mexico 89: Mystische Osterprozessionen der Mixteken

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Glanzvoll erstrahlt Mexicos Antlitz, die Wiege archaischer Indio-Hochkulturen. Sowohl die antiken Tempelanlagen als auch die kontrast-reichen, prächtigen Kolonialstädte Oaxaca und San Cristobal de las Casas ragen wie Juwelen aus der schillernden Sierra Madre heraus. In der Heimat der Tzotziles, Tzetales, Chamulas und Lacandonen, geben sich die Ureinwohner in etwa so urtümlich wie Walliser oder Bündner Bergler. Und doch sind diese Kulturen, die Geschichte und die Landschaft der unsrigen nicht gleichzusetzen. Ihre Kulturen sind naturverbundener, anarchischer, sippenhafter und weitaus spiritueller. Im Hochland von Mexico feiert eines der ältesten Völker Zentralamerikas, die Mixteken, jedes Jahr seine eindrücklichen Kreuzwegprozessionen. Die Zeremonie stellt eine seltsame Symbiose des Christentums und der Götterwelt der Mixteken dar. In tiefster Religiosität verehren die Indios sowohl Jesu Christi und Maria Jungfrau, die Virgen de Guadaloupe, als auch ihren charismatischen Helden Rey Condoy, der sie vor der Vernichtung und Unterdrückung bewahrte.

Von 200 bis 900 n. Chr. Herrschten in der Tempelstadt Monte Alban die Zapoteken über ganz Zentralamerika. Aus unbekannten Gründen verliessen sie die nahe Oacaxa gelegene Hochburg, welche in der Zeit danach von den Mixteken besetzt wurde. Ich verbrachte einige Tage in Oaxaca, einer prächtigen Kolonialstil-Stadt und besichtigte die imposanten Kultstätten wie Mitla, Zaachila und Yagul. Zurück in der pittoresken Kolonialstadt, auf dem Weg, meine Wäsche abzuholen, blickte ich zufällig in einen Hinterhof rein, in dem eine Frau mit langen, gekrausten Haaren an einer eigentümlichen Maschine stand und eine Arbeit verrichtete, die mich neugierig machte. Sie bemerkte meine Anwesenheit und rief mich zu sich rein, worauf ich sah, was sie tat. Sie stand vor einer uralten, französischen Lithografie-Anlage aus dem frühen 19. Jahrhundert und bedruckte gerade ein paar Lithos. Unverhofft war ich in das Atelier des berühmten oaxacenischen Malers Tamayo reingelaufen. Wir kamen miteinander ins Gespräch und das über zwei Stunden lang. Sie hiess Marcela und erzählte mir, dass sie über Ostern in die Berge zu den Indios und ihren Prozessionen über die Osterfesttage fahre, weil sie einem Lehrer Schulbücher bringen wolle. Das hörte sich verlockend an und beflügelte mich, denn ich wollte schon immer zu den Indios, für die ich seit meiner Kindheit durch die Winnetou Filme ein Faible hatte. Er war das Vorbild in meiner Kindheit, die Apachen meine Inspiration.

Also schloss ich mich Marcela Vera umgehend an und so fuhren wir am nächsten Morgen mit dem öffentlichen Bus in die Berge nach Zacantepec auf fast 3000 Meter Höhe. Die zehnstündige Fahrt war abenteuerlich und sehr beschwerlich. Die ganze Zeit oben am Griff festhaltend, stand ich zwischen Säcken, Hühnern und am Boden sitzenden Kindern, ständig hin und her schaukelnd eng an die anderen Passagiere und Marcela gepresst, da sich der Bus über eine enge Geröll-Passstrasse mit grossen, tiefen Löchern fauchend in die Berge hochschraubte. Zwei Mal Rast gab es aufgrund der beiden Reifenwechsel. Als einziger Gringo im Bus überragte ich die Indios immerhin um eine Kopfhöhe und so konnte ich nicht nur das Schaukeln der Fahrgäste sehen sondern auch stundenlang ungeniert ihre zerfurchten Mimiken und lebendigen Gestiken einprägen. In Zacantepec endete die Strasse. Hier beginnt das Reich der Söhne und Töchter Rey Condoys.

In düsterster Dunkelheit und bei dichtem Nebel kamen wir in dem Zapoteken-Indio Kaff an, das aus drei Steinhäusern, einem Zocalo (Dorfplatz) und einer Kirche mit Wellblechdach bestand. Es gab ein einziges Gasthaus über dem einzigen kleinen Laden, der ausser ein paar Tonbüchsen, Senf-Gläser, Mayonaise-Tuben ein paar Bündel Pfefferschoten, etwas Kaffee und Mezcal-Schnaps anzubieten hatte. Eine Woche lang, gab es praktisch nichts zu essen. Schon nach drei Tagen waren Marcela, die bildhübsche Malerin und ich in recht mystischer Stimmung und kuschelten uns in dem engen, kargen und kalten Zimmer oft eng aneinander. Unsere Herzen begannen immer wilder zu pochen und bald liebten wir uns hemmungslos. Noch in völliger Finsternis vor dem Morgengrauen erscholl am nächsten Morgen plötzlich eine dunkle, düstere Stimme im Indio-Dialekt aus einem knisternden Lautsprecher vom Dorfplatz her, begleitet zu schwerer düsterer Kirchenmusik. Dazu halte eine schwermütige Musik mit Blasinstrumenten, Trommeln und Marimba-Klängen hallte durch die Dunkelheit. Wir schauten zu unserem Zimmerfenster raus und sahen, wie der gespenstische Nebel aus allen Richtungen herbeiströmende, tief verhüllte Indio-Gestalten ausspuckte, die zur Wellblech-Kirche strömten. Wir verliessen das Zimmer und gingen auch hin.

Die Frauen trennten sich im Kirchenschiff von den in Ponchos gehüllten Männern, die ihren Sombrero für einmal in den Händen hielten, um in getrennten Sitzreihen Platz zu nehmen. Kinder und betagte Frauen knieten vorne vor den Weihrauchgefässen nieder. Süsslich duftende Rauchschwaden füllten den Raum und umhüllten den als einziger mit einer weissen Soutane bekleideten Padre und verleihten ihm ein gespenstiges, mephystohaftes Aussehen. Nun hielt ein Padre vor einer Statue der Virgen de Guadaloupe, der schwarzen Maria Jungfrau, eine pastorale Rede im hiesigen Indio-Dialekt. Doch faszinierender waren all die vor Ehrfurcht geprägten Indio-Gesichter unter ihren bunten Rebozas, den Schals, die sie als Kopfbedeckung und über die Schultern geschlungen, trugen. Das spärliche Kerzenlicht, die Kopal-Weihrauchschwaden und das am Boden ausgebreitete, duftende Meer von Fichtennadeln sowie die prächtig kostümierte Honoratoren mit den silberbeschlagenen Stöcken als Insignien ihrer Würde, verwandelten das Kirchenschiff in eine sehr spirituelle und mystische Welt. Die flackernden Kerzen erleuchteten all die ernstenvon Entbehrungen gezeichneten Antlitze. Für einmal schmilzt der Stolz dahin. Die harte Realität kaschierende unkomplizierte, fröhliche und heissblütige Lebenseinstellung weicht der Offenbarung der Nöte und Ängste ihres leidgeprüften Berbauerndaseins.

Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich nie gedacht, Indios in so einer christlichen Pose zu sehen. Ich hatte eine von Winnetou-Filmen geprägte Vorstellung von den Indianern, obschon ich in den USA zuvor den Sioux Indios begegnet bin. Dann ging es los! Die Indio-Frauen schulterten die Virgen de Guadaloupe und die Männer eine Jesus Christi Statue auf ihre Schultern, dann zog der ganze Indio-Tross in die Berge hoch. Sie teilten sich in zwei Gruppen auf und ich entschloss mich dem Frauen Fackel- und Kerzenlichterzug anzuschliessen und so kletterten wir die schmalen, rutschigen Pfade hoch. Unterwegs gab es ein paar Kreuzweg-Rituale und bei der Siebten Station versammelten sich die beiden Züge auf einer kleinen Lichtung mit einem Platz um die Bannerträger und den knienden Frauen mit ihren Weihrauchgefässen. Jetzt hielt der Padre wieder eine Ansprache und in diesem Moment riss der Himmel zum ersten Mal vollends auf und die Sonne erschien wie ein göttlicher Bannstrahl auf die kleine Indio-Gemeinde gerichtet, wie wenn dies ihre Zusammenkunft speziell segnen würde. Auch die Gesänge versetzen mich in Trance.

Es war aussergewöhnlich diese spirituelle Erfahrung als einziger „Gringo“ und Ausländer unter den Mixteken-Indios zu erleben. Andächtig und überwältigt von diesem authentischen Schauspiel tiefster indigener Glaubensbekenntnisse und ergreifender Emotionen, sind auch wir Teil dieser Welt geworden. Ich verschmolz sozusagen mit ihnen und ihren Ahnen. Dies müssen auch die Indios gespürt haben und schenkten mir ihr Vertrauen und eine Ehrbezeugung. Als sich aus dem Kreis der Würdenträger einer der Bannerträger herauslöste und auf uns zukam, erschrak ich erst heftig, da ich im Geheimen versteckt Fotos von der Wiedervereinigung von Jesu Christi und Maria Jungfrau machte. Ich bekam Schiss, sie hätten mich beim Fotografieren erwischt und ich würde nun als Sühne-Opfer dargebracht und an einer der Lanze aufgespiesst. Die Furcht war nicht unbegründet, denn in Chiapas wurden schon Touristen umgebracht, die die einheimischen Indios fotografierten. Stattdessen wurde ich als Geste ihrer reichlichen Gastfreundschaft mitten ins Zentrum der Prozession geholt und ich durfte einer der drei Bannerträger sein. Welch eine Geste und Ehre für mich, die mich sehr berührte, wo ich ihnen gegenüber vorerst abgründig kritisch war! Ich war echt gerührt! Auf vielen weiteren Reisen zu den Urvölkern rund um den Globus stellte ich immer wieder fest, dass ich einen besonderen spirituellen Draht zu den Indigenen habe und offensichtlich auch über telepathische Fähigkeiten verfüge, mich über Sprachbarrieren hinweg, verständigen zu können.

Nunmehr vereint, bestreiten Frauen und Männer gemeinsam die restlichen sieben Kreuzwegstationen bis zur Abnahme des geschnitzten Heiligenbildes auf dem Zocalo. Der Grablegung und Messe folgtdann die gotteslästernde Verbrennung Jesu Christi. Verehrt werden jetzt wieder die Götter und Ahnen nach traditioneller Art. Nach aztekischer und mixtekischer Auffassung muss göttliche Autorität erworben werden, erklärt uns der Lehrer der Dorfschule von Zacantepec. Die Üeberlieferung besagt, dass Nanauatzin, der den Sprung ins Feuer gleich beim ersten Mal wagte, so zur Sonne wurde, während der ihm nachstürzende Teciciztecatl nur zum Mond gereichte. Eines scheint klar, dass der christliche Gott einer der vielen Götter in der Indiowelt ist. Daher sei an dieser Stelle die Frage gestattet, ob es wirklich eine Rolle spielt an welchen Gott, Glauben oder an welche Götter und Dogmen man glaubt? Ist Allah besser als Gott und sind nun die Sunniten, Shiiten, Wahabiten oder Alewiten auf dem richtigen Pfad? Die Christen oder Buddhisten erleuchteter? Zurück zu den Indios. Wenigsten hier findet kein von Menschen ausgerufener „Heiliger Krieg“ statt. Den überlassen die Indios lieber den Göttern.

Umso mehr öffnete ich mich nun den Indios gegenüber und verfiel in den folgenden Tagen und anderen abgefahrenen Prozessionen öfters wieder Mal in Trance bis zur Ekstase geratend, und das ganz ohne die Nanacatl-Pilze oder andere Drogen wie Mescalin. Nur mit einer halben Flasche Mezcal Schnaps pro Tag, mit der ich die Rache Montezuma’s, also die Magenverstimmung beruhigte. Und infolge des Nahrungsmittelmangels und der Höhe wirkte sich der Alkoholpegel besonders gut auf die rauschartigen Trancezustände aus. Da gab es keine Sprachbarrieren mehr und das universell Verbindende überwand alle kulturellen Grenzen. Dank der jungen Malerin Marcela Vera aus dem Atelier des berühmten mexikanischen Malers Tamayo erfuhr ich mehr und mehr über die Geschichte und Identität der Mixteken. Fortan haben mich die Ureinwohner auf allen Kontinenten besonders interessiert, um nicht zu sagen, magisch angezogen.

Zeuge Zapatistischer Indio-Aufstände in Chiapas

10 Jahre nach meiner ersten ausgedehnten Reise durch Mexico kehrte ich als Journalist nach Mexico zurück, als 1994 als in Chiapas die Indio-Aufstände eskalierten und die Soldaten der mexikanischen Armee in die Region der sechs Dörfer und in San Cristobal de las Casas einmarschierten, um die «MARCOS»-Rebellen zurückzudrängen und den Indio-Aufstand zu zerschlagen. Die sechs Buchstaben «MARCOS» waren die Anfangsbuchstaben der sechs aufständischen Indio-Kommunen in der Umgebung um San Cristobal. «M»argaritas, «A»ltimirano, «R»ancho, «N»uevo, «C»omitan, «O»cosingo und «S»an Cristobal. Zehn Kilometer weiter, liegt San Juan Chamula, dem Dorf der traditionsverhafteten Chamulas, wo am 1.1.1994 der Aufstand begann. Daraus ergab sich der als Anführer bekannte uns stets verhüllte «Subcomandante Marcos». Das Juwel und der Kristallisationspunkt der chamulenischen Glaubenswelt, wo Gott und die Götter verschmelzen, Christus vom Kreuz gestiegen ist, um als Sonne wiederaufzuerstehen, ist eine barocke Dorfkirche aus dem 17. Jahrhundert. Dort fuhren wir an Panzern und Strassensperren vorbei, am Himmel kreisten Militärhubschrauber und überall waren Soldaten und Truppenbewegungen zu sehen. In Ocosingo flogen uns in dieser Zeit, als ich mit einer Ernährungsberaterin für Säuglinge der UNO-Hilfsorganisation (DIF) vor Ort war, die Kugeln nur so um die Ohren und wir hatten Glück, dass uns davon keine traf und nur Einschuss-löcher in den Häuserwänden zurück blieben.

Der Chiapas-Aufstand wurde vom «Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional» (EZLN), einer sogenannt linksradikalen Bewegung ausgelöst, die sich gegen neue staatliche Auflagen im Bundesstaat Chiapas auflehnte und der mexikanischen Revolution sehr ähnelte. Die Maya-Indios litten unter dem Freihandelsabkommen der Globalisierung und der rassistischen Politik in der mexikanischen Verwaltung und dagegen wollten sie sich wehren, weil sie unterdrückt und von der Teilnahme am politischen Prozess ausgeschlossen wurden. Der Konflikt begann als im Januar 1994 eine «EZLN»-Offensive vier Städte rund um San Cristobal de las Casas besetzte, worauf das mexikanische Militär die Situation vor Ort mit Gewalt und Unterdrückung beenden sollte und dabei auch Foltermethoden einsetzten. 2001 machten die Zapatisten unter der Führung von MARCOS einen Marsch von Chiapas nach Mexico-Stadt und am 1. Januar 2003 nahmen sie San Cristobal de las Casas ein. Erst danach setzten sich mehr und mehr NGOs für Friedensverhandlungen ein und übten Druck auf die Regierung aus. Letztlich hat sich das Schicksal der Indio-Gemeinschaften aber nicht viel zum Guten gewendet. 

Nachdem ich diesem brandgefährlichen Ort entflohen war, erlebte ich in Chiapas noch ein schweres Erdbeben und in Yucatan einen turbu-lenten Hurrikan. Also Mexico hat wirklich nicht mit Eindrücken gespart. Das war schon immer ein höllisch heisses Land, mal ganz abgesehen von all den Drogenkartellen, die sich damals gerade bekämpften. Eindrücklich war die Flussfahrt durch den Sumidero-Canyon, an dessen glitschigen bis zu 1000 Meter hohen Felswänden sich geübte Kletter über den Köpfen gefrässiger Krokodile emporziehen und auch schon dutzende Geier auf ihre Opfer warten. Auch die nebelverhangenen Täler und zauberhaften See- und Flusslandschaften Lago Monte Bellos an der guatemaltekischen Grenze und die wildsprudelnden Kaskaden von Agua Azul zählten zu den Highlights dieser Reise. Soviel zu Mexico. Nun geht es weiter nach Kuba, ins sozialistische Zucker- und Tabakparadies in elenden Zeiten.

Kuba 93: Bei den Sozialisten, die sich von Hoffnung ernähren

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1993 als meine Tochter gerade mal drei Monate alt war, flog ich mit ihr und ihrer Mutter mit Windeln für einen Monat ins sozialistische Kuba. Es ging um ein Schweizer Filmprojekt mit Fidel Castro und Geraldine Chaplin. Sie war die Türöffnerin zu den sozialistischen Machthabern. Es war die «Periodo especial en tiempo de paz», die Zeit des Notstandes in Friedenszeiten, als Kuba nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Mauerfall in eine extreme wirtschaftliche Krise stürzte und sich einem sanften Systemwechsel unterziehen musste. Durch die «Dollarliberalisierung» im sozialistischen Karibikparadies, um von der Zuckerwirtschaft auf den Tourismus umzuschwenken, vollzog sich eine Revolution vom «sozialistischen Herz zum kapitalistischen Verstand». Die klassenlose Gesellschaft war nunmehr in zwei Lager aufgespalten: Die mit den grünen US-Scheinen («fulanos») und die mit den wertlosen Pesos, die «esperancejos», den Hoffenden eben.

So hat die Jagd nach dem «fula» (schlechten Geld) kafkaeske Formen angenommen. Der Wandel war geprägt vom unbeirrten Willen, die sozialistischen Errungenschaften nicht aufzugeben. Und doch vollzog sich seit der Dollarliberalisierung ein dramatischer, unaufhaltsamer Wertewandel. La Habana – die lateinamerikanische Prachtstadt des 19. Jahrhunderts bot ein Bild monumentaler Trostlosigkeit. Ganze Viertel sind einsturzgefährdet, der Malecon ein kilometerlanges, heruntergekommenes Kolonialstilensemble, der Verfall der Altstadt war weit fortgeschritten trotz finanzieller Hilfe der Unesco, die Teile des städtebaulichen Ensembles bewahren, renovieren oder wieder aufbauen wollte. Die Zwei Millionen Metropole war ein augenfälliges Symbol dafür, dass das Land nach dem Mauerfall und Abzug der Sowjets in Trümmern liegt. Die maroden Ruinen der fünfstöckigen Kolonialstilgebäude wurden unter lebensgefährlichen Bedingungen von Hand, Säule für Säule abgetragen bzw. zugespitzt, bis die Gebäudeteile zusammenkrachten.

Gleich hinter den altehrwürdigen Zeugen frühkolonialer Zuckeraristokratie, zwischen den prunkvollen Neobarock Theater Garcia Lorca und dem ältesten Hotel Havannas, dem Inglaterra, lag die volksnahere Alltagsbühne: der Schwarzmarkt. Seit die Wirtschaftshilfe und die subventioinierten Treibstofflieferungen der Sowjetunion ausblieben, ist der mercado negro, wo 85 Prozent aller Waren umgesetzt werden, zur Hauptschlagader Kubas geworden. Fast alles musste teuer importiert werden, selbst das Grundnahrungsmittel Reis. Die Exporteinnah-men fielen von über acht Milliarden 1989 binnen drei Jahre auf knapp zwei Milliarden US Dollar. Rohöl ist nur noch halb so viel verfügbar, das Transportsystem zusammengebrochen, die Elektrizitätsversorgung funktioniert nur stundenweise, der Versorgungslage war prekär. Der Peso war wertlos und das Zeitalter die Dollar-Apartheid angebrochen.

„Unser Geld ist wertlos und die Preise haben sich innert kürze verzehnfacht“, beklagt Ernesto Solano, ein Rentner, der mit 80 Pesos im Monat auskommen musste. Trotz der miserablen Lage hat er seinen Humor nicht verloren und fasst die missliche Lage der nun schon zwei Jahre andauernden «Periodo especial en tiempo de paz» in Anspielung auf die Durchhalteparolen „luchan y resistan“ (kämpfen und durchhalten) und immer wieder „Es lebe die Revolution – durchhalten compãgneros mit einem Witz zusammen: Ein Mann kommt hungrig nach Hause und ruft seiner Frau zu, sie solle den mitgebrachten Fisch braten. „Wir haben kein Öl, lautet ihre Antwort und weder Gas zum Kochen noch Wasser oder eine Zitrone.“ So bleibt dem Mann nur eins, den Fisch resigniert wieder ins Meer zu schmeissen, worauf dieser glücklich schreit: „Es lebe die Revolution.“

Die staatliche Tourismusorganisation «Cubanacan» raffte auf dem Schwarzmarkt alle Waren zusammen, um sie den mit Dollar zahlenden Touristen anzubieten. Auch die frischen Fische landen nicht auf dem Teller der hungernden Bevölkerung sonder in einem Touristenhotel in Havanna. Zu dieser Zeit war vierstöckige Warenhäuser – bis auf ein paar Glasperlen und Plastikringe, ein paar Büchsen, Kartoffeln und ein paar landwirtschaftlichen Erzeugnissen – leer. Auf den Bauernmärkten standen die Leute stundenlang für ein paar Eier an. Strom gab es nur selten, ganze Stadtteile waren stockfinster. „So einen schockierenden „standstill“ hatte ich bisher noch nie gesehen“ (2020 wiederholt sich das Drama nachdem Zusammenbruch Venezuelas wieder). Gerade deswegen lief wohl die Propagandamaschine des sozialistischen Castro-Regimes auf Hochtouren, um uns Journalisten von den Vorzügen des sozialistischen Tourismus-Paradieses zu überzeugen. Überzeugend waren nur die «Mojitos» und der jungen, sehr hübschen kubanischen Frauen, die sich als sogenannte «jineteras», Reiterinnen der Nacht entpuppten, die sich am Pier von Varadero auf das Touristenschiff drängten und ihr Glück suchten.

„In Kuba herrscht jetzt ein Sozialismus in dem der Kapitalismus schaltet und waltet wie er will“. Hier gibt es kein Zuckerschlecken mehr ohne Dollars. Der Tourismus ist zwar der neue Goldesel aber für verdiente Sozialisten ein notwendiges Uebel, der aber den Neid im Volk schüren werde, sagte damals die bekannte Nueva Trova Mitbegründerin Sara Gonzales. Für viele Kubaner ist der Tourismus eine bittere Pille, aber die einzige, die das Ueberleben halbwegs sichert, solange das Embargo der USA gegen Kuba nicht aufgehoben wird. Als «embedded» Journalist hatte ich Zugang zu aussergewöhnlichen Personen, wie der Gründerin der Frauenorganisation in den 60er Jahren. Dann die berühmte Onkologin Miranda Martinez, die mir das revolutionäre Gesundheitssystem zeigte und auch deren Schwächen offenbarte und eine Revolutionärin der ersten Stunde, die mit Fidel Castro Seite an Seite gekämpft hat. Dann besuchte ich Ana-Fidelia Quirot (das Olympia-Langstreckenwunder), die bei einer Explosion in ihrer Küche als Schwangere schwerste Verbrennungen erlitt und dabei ihr Kind von Sotomayor (Hochspringer) verlor. Sie gab mir ein Exklusivinterview, auf das TV-Stationen schon lange vergeblich warteten.

Ins politische Machtzentrum drangen wir dank Geraldine Chaplin vor, die für einen Film über Kuba und die «Cuban Stars» mit Schweizern und kubanischen Filmemachern, in Havanna weilte. Beim Interview im Hotel «El International», in dem wir wohnten, sass meine drei Monate alte Tochter Aiala auf Geraldines Schoss, während ich das Interview mit ihr führte. Auch sonst war es völlig unkompliziert mit einem Baby in Kuba rumzureisen, denn alle kubanischen Frauen stürzten sich sofort auf Aiala und unterhielten sie bestens und fürsorglich. Für «Annabelle», eine der führenden Frauenzeitschriften der Schweiz, waren die Frauenportraits aus allen kubanischen Schichten geplant.  Am Schluss hat die Sport-Journalistin Marta G., die uns das ganze Programm zusammengestellt und die die Kontakte zu den Frauen arrangiert hat, ein Referat vor versammelter kubanischer Presse, Radio und Fernsehen gebeten, in dem wir über die Schweizer Medienlandschaft und den Journalismus in der Schweiz berichten sollten. Ein kluger Schachzug von ihr und eine heikle Aufgabe für uns. Schliesslich wollten wir die Pressefreiheit, die Vielfallt der Presse und die politischen Prozesse der kubanisch sozialistischen gegenüberstellen, ohne überheblich oder zu systemkritisch zu sein. Es blieb nicht viel Zeit das vorzubereiten, und wir überlegten uns gut, was wir sagen sollten, um nicht allzu fest politisch anzuecken. Es war ein Balanceakt der Informationsvermittlung mit leisen kritischen Tönen an der staatlichen Zensur. Ich übergab das Referat an Roberta, da sie besser spanisch sprach und weil wir ja im Kontext einer Recherche über Frauen-Figuren und Geschichten nach Kuba gekommen waren.

Danach wurden wir von Radio-Journalistinnen und Journalisten interviewt und just am nächsten Morgen früh, als wir um 07.00 Uhr in einer mechanischen Frauenwerkstatt (immer mit Aiala im Snuggli dabei) standen, strahlte gerade ein Interview über den staatlichen Sender von unserem gestrigen Referat und Auftritt. Das war ein perfektes Timing und verschaffte uns wiederum viel Sympathie und Hochachtung in der Frauenwerkstatt, in der wir gerade waren. Es waren spannende 30 Tage auf der Zuckerinsel, aber auch ein beelendender Anblick angesichts des heruntergekommenen Zustandes der Tropeninsel und dem offensichtlichen Hunger und bitterer Armut. Tourismus gab es damals noch sehr wenig. Das änderte sich bald, als die Kubaner die Devisenvorschriften lockerten und so den Tourismus ankurbelten, der dann jahrelang zur Haupteinnahmequelle wurde.

Das ging eine Weile ganz gut, allerdings hat Kuba die Hausaufgaben nicht gemacht, sondern sich in die Abhängigkeit von Venezuela begeben, was die Energieversorgung anbelangte und als der Ölpreis stark sank mit Venezuela ins Chaos stürzte. Die sozialistische Karibik-Insel zog mich in der Folge immer wieder an und dank der Kooperation mit der Fluggesellschaft «AOM» flog ich zwischen 1993 und dem Millennium alle zwei, drei Jahre zur Zuckerinsel rüber und wohnte später bei einer kubanischen Familie, einem älteren Paar, das in einem der damals höchsten Skyscraper direkt am Malecon neben dem legendären Hotel «El International» lebte. Dort hatte ich ein Zimmer mit eigenem Zugang sowie einer Verbindungstür zu ihrer Wohnung. Das war perfekt für den sozialen Austausch mit dem Ehepaar Claris und Nilo und meinen nächtlichen Eskapaden.

Ich kaufte mir für 20 US-Dollar ein chinesisches Fahrrad und fuhr kreuz und quer durch Alt-Havanna hindurch. Da war Kuba noch kein überlaufenes Touristenparadies, was sich in der Folge durch die Öffnung für den Tourismus und den ersten touristischen Enklaven änderte. Bei meinem letzten Besuch in Kuba 2011 sah ich den Beginn eines zarten Hoffnungsschimmers für die Kubaner aufflammen, die nun unter restriktiven Auflagen einer selbständigen Erwerbstätigkeit nachgehen konnten und besuchte die ersten kleinen privaten Pousadas, also Gästezimmer für Touristen. Es schien, als käme der Sozialismus auf der Zuckerinsel langsam auf Touren. Doch die Abhängigkeit Kubas von Venezuela und der Niedergang des dortigen Regimes führen dazu, dass Kubas Wirtschaft im Jahr 2021 das Wasser wieder bis zum Hals steht, da durch die Corona-Pandemie der Tourismus zusammengebrochen ist und somit auch die wichtigste Devisenquelle neben der sprudelnden Ölquelle des Bruderstaates versiegt ist.

Flughäfen und Schiffsterminals sind komplett verwaist. Die Besitzer von privaten Restaurants oder Unterkünften gehen leer aus. Jetzt haben die „Verräter des Sozialismus“ keine Unterstützung vom Staat und das ist für viele Kubaner bitterer Zucker oder Tabak. Seit das billige Erdöl aus dem sozialistischen Venezuela versiegt ist, gehen in Kuba wieder die Lichter aus, wie Anfang der 90er Jahre in der „Sonder-periode“. Hinzu kommt, dass Donald Trump den Kubanern den Geldhahn der in den USA lebenden kubanischen Enklave zugedreht hat und die finanzielle Hilfe aus den USA auf die Hälfte rund 3 Mrd. Dollar schrumpfte. Zu allem Elend haben hat auch der «Pariser Club» seine Hilfe eingestellt. Kuba ist wieder dort, wo es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war. Das sozialistische Regime muss nun endlich tiefgreifende Reformen angehen, sonst droht dem Regime und der Karibikinsel der völlige Kollaps. Die kürzlich zum ersten Mal seit Jahr-zehnten aufflammenden gewalttätigen Proteste zeigt die Misère in dem der kommunistische Inselstaat steckt.

Lebenslust und Protest zu Calypsoklängen in London, Trinidad und Zürich

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Bleiben wir noch ein wenig in der Karibik. Ende der 80er Jahre reiste ich sieben Wochen lang von Barbados via St. Lucia, St. Vincent, Grenada und die Grenadines bis nach Trinidad und Tobago vor der Küste Venezuelas runter, also durch die gesamten Westward Islands. Und der Höhepunkt war der Karneval in Port of Spain. Was 1777 mit den französischen Einwanderern seinen Anfang nahm und einer kolonialherrschaftlichen Minderheit vorbehalten war, entwickelte sich nach der Sklavenbefreiung zu einer musikalischen Protestbewegung. So ist der Karneval auf Trinidad und Tobago für viele das zum Lebensinhalt gewordene Ereignis. Zelebriert wird in ekstatischer Lebensfreude beflügelt von heissen Calypso-Klängen. Während mehreren Monaten beschäftigt sich eine ganze Familie an den Vorbereitungen für die Kostümkreationen und die -parade. Nebst Glamour spielt Prestige eine grosse Rolle, Ruhm und Ansehen der Familie steigen beträchtlich, wenn sich eine Königin oder ein König des Karnevals in die Familienchronik einreihen lässt. Dabei sein ist alles, siegen ist noch schöner.

Lange vor den Paraden werden in Ausscheidungsverfahren die Favoriten unter den Steelbands bestimmt. Nicht nur die spielerische Virtuosität zählt, auch die provozierende Originalität der Texte wird bewertet und ausgezeichnet. Denn der Calypso kennt keine Tabus. Alles ist erlaubt, was gefällt und ankommt. Auch nach der Sklavenzeit blieb der Calypso das satirische und auch zynische Sprachrohr der Unterdrückten. Die Texte der Sängersklaven waren mit sozialkritischen Untertönen und aufmüpfigen politischen Parolen gespickt. Dann endlich kommen die drei magischen Tage der Steeldrum-Paraden durch die Innenstadt von Port of Spain, deren Sound mit eruptiver Kraft die Bewegungen der Treibenden Tänzer und Tänzerinnen auf einen swingenden Rhythmus einstimmt und den Queens Park Savannah in einen brodelnden Hexenkessel verwandeln. Dabei umschmiegten sich die Tänzer/innen hautnah und rieben sich aufreizend und leicht bekleidet aneinander. Und die Girls hatten Spass auch mal zu zweit von vorne und von hinten anzudocken, dich ins Sandwich zu nehmen und sich mit erhitzten Körpern an dir zu reiben. So lernt man blitzschnell tanzen und sich rhythmisch zu den heissen Calypso-Klängen zu bewegen. Und dies geschah in einem ebenso katholischen wie muslimischen und chinesischen Umfeld, denn Trinidad ist ein Schmelztiegel aus all diesen und vielen karibischen und lateinamerikanischen Nationen, die auf einer Insel nicht grösser als der Kanton Bern friedlich zusammenleben. 1833 gelangten auch zehntausende von indischen Kontraktarbeitern auf der südlichsten, kleinen Karibik-Insel vor der Küste Venezuelas. Seit 1962 ist die Insel, zu der auch die Nachbarinsel Tobago gehört, unabhängig. Trinidad verdankt ihren Namen Kolumbus, der sich beim Anblick der drei Bergspitzen an die heilige Dreifaltigkeit, Trinität, erinnerte. Als Kolumbus 1498 auf seiner dritten Reise ankam, lebten dort zwei Indianerstämme, die binnen weniger Jahren nach Ankunft der Spanier ausgerottet waren. Doch zurück zum Karneval und zum Calypso, dem Trinidads Folklore so viel verdankt.

Lange vor der Eröffnung des Karnevals werden in unerbittlichen Ausscheidungsverfahren dieb esten Steelbands gekürt, die an der Parade teilnehmen dürfen. Es zählt aber nicht ausschliesslich die rein musikalische Virtuosität auf den aus Benzinfässern zusammengeschweissten Klanginstrumenten – viel wichtiger sind die frechen, provozierenden Texte, denn der Calypso kennt weder beim Singen oder Spielen noch beim Tanzen Tabus. Alles was ankommt und der strengen Jury gefällt, ist erlaubt. Die ursprünglichen Volkslieder und Tänze der leidenden Sklaven blieb auch nach dem Ender der Sklaverei satirisches bis zynisches Sprachrohr der Unterdrückten gegen die Kolonialherren und Obrigkeit. Die Texte waren schon immer mit sozialkritischen und aufmüpfigen politischen Tönen gespickt, diese Tradition setzt sich bis heute mit viel Witz und Charme fort. Das Motto der Band bestimmt meistens auch die Wahl der Kostüme. Auch hier sind enorm viel Fantasie und Kreativität im Spiel. Eine hervorragende Band hat ohne originelle Kostüme keine Chance, in der Endrunde zu bestehen. Die anmutigen Glitzergewänder übersteigen die Körpergrösse um ein Mehrfaches. Dieser wagemutige Gigantismus kann nur mit ausgefeilter Technik und ausgetüftelten Fahrwerken vollbracht werden. Während mehreren Monaten sind ganze Familienclans damit beschäftigt, die Kostümkreationen und Fabelwesen herzustellen.

Bereits ist es Mitternacht vor Beginn des Karnevals, der wie auch bei uns um vier Uhr in der Früh mit der Eröffnungsparade beginnt. Die Zeit tropft dahin. Minuten werden zu Stunden. Der Alkohol fliesst bereits in Strömen und das wird die nächsten Tage auch nicht abreissen. Endlich ist es soweit, alles strömt nach draussen, die engen von tropischem Buschwerk gesäumten Strassen werden überflutet von einem pulsierenden Menschenstrom, der sich auf das Stadtzentrum und Epizentrum des Karnevals bewegt. Ausser glitzernden Augen und grell bemalten Gesichtern ist in der Dunkelheit kurz vor Sonnenaufgang nicht viel auszumachen. Jäh brüllen Dieselmotoren auf: Die ersten Sattelschlepper setzen sich in Bewegung und reihen sich in den vorwärtskriechenden Menschenstrom ein. Darauf sind 20 bis 30 Steeldrums und andere Instrumente vereinigt und grosse Lautsprechertürme aufgebaut, deren Sound mit eruptiver Kraft und orkanartigen Bassschwingungen die Bewegungen der im Strom Treibenden einfängt und auf einen swingenden Rhythmus einstimmt. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Steelbands und verwandeln die Queens Park Savannah in einen brodelnden Hexenkessel.

In der Morgendämmerung zeichnen sich die Silhouetten der Paraderampe und Tribünen ab. Rundherum sind Stände aufgebaut, lockt schillernder Budenzauber und überall dröhnen die Lautsprecher bis zum Anschlag aufgedreht. Eine unbeschreibliche Kakophonie, die einem das Hören und Sehen vergehn lässt. Am Nachmittag paradieren die Bands und ihr kostümierter Tross dahinter durch die Strassen Trinidads und zu den Tribünen in der Queens Park Savannah, einem grossen Platz, wo auch die Jury sitzt und die Trosse in einer Gasse zwischen den Tribünen hindurch ziehen. Jetzt sieht man die gigantischen, filigranen, prächtig glitzernden und fächerartig schwingenden Kunstwerke, die mit Abertausenden von glitzernden Pailletten bestückt sind besonders gut. Die riesigen Fächer- und schwingen artigen Paradiesvögel flattern rhythmisch tanzend durch Trinidas Strassen. Eine Stadt ausser Rand und Band, doch bei aller Anarchie und der scheinbaren Auflösung aller Gesetzesmässigkeiten mutet das zeitlich präzise Ende des Karnevals unglaublich an: Wie von einem Donnerschlag weggefegt, löst sich der Spuk punkt Mitternacht nach zwei intensiven Tagen und Nächten auf.

Auf einem zweiten Segeltörn von Grenada nach Trinidad, den ich für einige Freunde organisierte, riss der Karneval in Trinidad uns derart mit, dass wir ihn nach Zürich holen wollten. Und das gelang uns, dank dem Trinidader Perkussionisten an Bord des Schoners. Ralph R. und seiner Frau Angi, die beide leidenschaftlich Steeldrum spielten und Ralph überdies einige Steeldrum-Bands und Kinderbands in Zürich unterrichtete, waren die idealen Kandidaten, um den berühmtesten Calypso-Musiker Mighty Sparrow. Durch Ralphs Kontakte konnten wir Mighty Sparrow, der achtfache «King of Calypso» zu einem Exklusiv-Galakonzert im «Hotel International» in Oerlikon einladen. Dazu arrangierten wir ein Open-Air auf dem Marktplatz in Oerlikon mit acht Stelldrum-Bands am Vortag, an einem Samstag. Dank der Kooperation mit der «British West India Airlines» (BWIA), die damals neu nach Zürich flog, konnten wir während sechs Wochen vor dem Calypso & Steeldrum Festival» karibische Spitzenköche nach Zürich einfliegen, mit allen frischen Zutaten und reichlich tropischer Dekoration, um im «Hotel International» in Oerlikon karibisches Flair, tropische Cocktails und leckere exotische Spezialitäten und Speisen anzubieten.

Durch das «Calypso & Steeldrum Festival» durfte ich mit Roger Schawinskis «Radio 24» kooperieren und war bei ihm zu einem Interview und bei einer Sondersendung zu Gast. Auch bei «Radio DRS 3», das eine einstündige Sendung über den Calypso aus Trinidad und zu Mighty Sparrow machte, kurbelte die Promotionsschiene kräftig an. Zudem war auch Frederic Dru von «Radio Tropic» daran interessiert, diesen Event so richtig zu zelebrieren. Das Schweizer Fernsehen liess sich für ihre erste Reisesendung von dem Mighty Sparrow-Konzert und der Karibik inspirieren, da «SRF»-Reise-Redaktor Kurt S. und der Musik-Redaktor des Schweizer Fernsehens an unserem Galakonzert ausgeflippt waren. Zwar mussten wir aus feuerpolizeilichen Vorschriften bestuhlen, doch bald standen die Leute auf, klatschten, sangen und tanzten und so räumten wir rasch die Stühle weg. Es war eine Bombenstimmung und bestimmt das verrückteste Konzert, das je dort stattgefunden hat.

Ebenso erfreulich war, dass ich dadurch bei «Radio Tropic» auf freiwilliger, unentgeltlicher Basis zu arbeiten begann und dann bald eigene Reisesendungen mit den Airlines, Reiseveranstaltern und Fremdenverkehrsämtern produzierte und dabei völlig freie Hand hatte. Was für eine geniale Erfahrung! So konnte ich auf dem werbefreien Radiosender zweistündige Spezialsendungen über Australien, Afrika und die Karibik machen und hatte zwei Jahre später die Gelegenheit beim «Radio Kanal K» ebenfalls Sendungen zu produzieren. Der ebenfalls als Musik- und Kulturradio bekannte Sender im Kanton Aargau liess mir auch viel Spielraum und so lud ich zur Verblüffung aller die vier kantonalen Parteipräsidenten zur heiss debattierten «Asyl-Initiative» der SVP ins Studio ein und moderierte die Debatte. Mit dabei waren Gerry Müller, der später Stadtpräsident von Baden wurde. Der nächste Protagonist war Andreas Glarner von der SVP aus der Aargauer Gemeinde Arni, der durch seine Skandale in Sachen Migrationspolitik (Verhüllungsverbot und Minarett-Initiative) zu medialer Präsenz gelangte. Zudem kamen auch die beiden kantonalen FDP und CVP-Präsidenten zum Streitgespräch ins Studio. Das war mein erstes hochpolitisches und zugleich hochkarätiges besetztes Interview mit vier Spitzenpolitikern zu einem der heissesten Themen im Inland dazumal. Und es war eine sehr engagierte und kontroverse Diskussion, die ich als Moderator gut im Griff hatte. Durch die Kooperation mit der Britisch West India Airlines (BWIA) beim «Calypso & Steeldrum Festival» 1993 und später mit der französischen Fluggesellschaft «AOM» konnte ich häufig in die Karibik fliegen und bei einer dieser Reisen und einem Abstecher nach Grenada, dass ich schon zum zweiten Mal besuchte, wiederfuhr uns eine spezielle Einladung.

Grenada 92: Auf der «US John Rodgers» zum Pressefrühstück

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29229 )

In diesem Jahr reiste ich gleich zwei Mal in die Karibik. Erst nahm ich an einem Segeltörn auf der «Paso Doble» teil, die von Grenada nach Trinidad zum Karneval führte, dann reiste ich via Barbados in Grenada exakt zur Zeit an, als das neun jährige Jubiläum der „Befreiung“ oder auch „Besetzung“ Grenadas (je nach Standpunkt) durch US-Streitkräfte zelebriert wurde. In St. George, der Hauptstadt Grenadas konnten wir an der offiziellen Zeremonie mit dem Ministerpräsidenten von Grenada, Nicolas Brathwaiter und dem US-Botschafter im Beisein von hochrangigen US-Militärs beiwohnen, worauf mich die PR-Dame des US-Botschafters zum Pressefrühstück auf den vor Grenada statio-nierten Flugzeugträger «US-John Rodgers» einlud. Das war natürlich spannend und wollte ich mir nicht entgehen lassen, schliesslich kann man nicht jeden Tag auf einem Kriegsschiff Frühstücken, das ein gewaltiges Vernichtungspotential besass. Und so holte mich ein US-Marine-Boot am nächsten Morgen am Strand ab und fuhr mich zum Kriegsschiff hinüber, das vor der Küste Grenadas ankert. Erst konnte ich einen kleinen Rundgang machen und dann mit dem Kommandanten und seiner Presse-Adjutantin ein Gespräch über die US-Politik führten. Rückblickend war dieser Besuch keine gute Idee, weil ich mich seit diesem Vorfall auf dem Radar der US-Behörden und Geheimdienste befand und dies zu einem späteren Zeitpunkt auf den Philippinen zu spüren bekam und mich in einige «troubles» brachte, worauf ich letztlich zur «Persona non grata» in den Philippinen erklärt wurde. Vermutlich wurden auch meine vielen Kuba-Besuche kritisch verfolgt, die ich in den 90er Jahren auf die karibische Tropeninsel machte.

Blenden wir kurz zurück, weshalb die Amerikaner in Grenada einen Umsturz herbei führten. Auslöser war Maurice Bishop der als Sohn grenadischer Eltern in Aruba geboren ab dem 6. Lebensjahr in Grenada lebte, Jura in England studierte, wo er die politischen Ideen der 68er-Bewegung, der Black-Power-Bewegung und des trinidadischen Marxisten C. L. R. James aufnahm, bevor er 1969 in die Karibik zurück kehrte. Er fing an, auf Grenada nach sowjetischem Vorbild Arbeiterräte aufzubauen, gründete eine sozialistische Partei, das «New Jewel Movement» (NJM, Jewel steht für Joint Endeavor for Welfare, Education and Liberation – „Vereintes Bemühen um Wohlfahrt, Bildung und Befreiung“) und gründete Gewerkschaften. Er genoss die Zustimmung der Bevölkerung, die mit der korrupten Herrschaft Sir Eric Gairys und seiner Mongoose Gang, einer „Schlägertruppe“, unzufrieden war. Nachdem Gairy die Wahlen wohl gefälscht hatte, errang Maurice Bishop am 13. März 1979 im Rahmen eines von der Bevölkerung befürworteten beinahe unblutigen Putsches die Macht und wurde Premier-minister von Grenada. Die Menschenrechtssituation verbesserte sich unter Bishop. Er setzte auf soziale Reformen, wie die Einführung eines kostenlosen Gesundheitssystems und den Bau neuer Schulen und unterhielt gute Beziehungen zur Sowjetunion und zu Kuba, die Grenada mit Entwicklungshilfe und beim Bau des Flughafens unterstützten. Das passte den USA gar nicht. Am 25. Oktober 1983 begannen die Vereinigten Staaten unter dem Codenamen Operation „Urgent Fury“ eine Invasion, in deren Verlauf die linke Regierung abgesetzt wurde.

Das war wohl eine der wenigen US-Operationen, die erstens glimpflich für die Zivilbevölkerung abliefen und letztlich zu einer Stabilisierung führte. Auch die US-Invasion in Panama ist nicht allzu desaströs verlaufen, aber alle anderen Interventionen, Invasionen und Infiltrierungen seitens der USA vom Vietnam-Krieg über den Afghanistan-Einsatz, die gescheiterte Schweinebucht-Invasion auf Kuba, der aussichtslose und vernichtende Irak-Krieg, der zum IS geführt hat oder auch der Sturz von Langzeit-Despot M. Gaddhafi in Lybien und das klägliche Versagen im Syrien-Krieg, zumeist sind die USA nach dem 2. Weltkrieg, ob als Aggressor oder Weltpolizist, kläglich gescheitert. Ein „failed state“ eben, mit unübersehbaren Konsequenzen für die ganze Welt: Die Radikalisierung in der muslimischen Welt, die den Terror-Organisationen Al Kaida und dem IS Auftrieb gaben oder auch der von den USA ausgerufene „War on Drugs“ war 50 Jahre lang ein Desaster und Heuchelei. Nun ersaufen die Vereinigten Statten bei zunehmender Gras-Liberalisierung an Hundertausenden von Opiat-Süch-tigen und Toten und haben eine tief gespaltene Gesellschaft hinterlassen. Good night and bye bye good old America, kann man da nur sagen.

Grenada ist auch als Gewürzinsel bekannt und liegt etwa 200 Kilometer nordöstlich der Küste Venezuelas und südlich von Saint Vincent und den Grenadinen.  Die Grenadinen sind ein Teilarchipel der kleinen Antillen, von denen die Insel Grenada selbst die größte ist; kleinere Inseln sind Carriacou, Petite Martinique, Ronde Island, Caille Island, Diamond Island, Large Island, und Frigate Island. Der nördlich angrenzende Teil der Grenadinen gehört zum Nachbarstaat St. Vincent und die Grenadinen. Der Grossteil der Bevölkerung lebt auf der Hauptinsel in der  Hauptstadt St. George’s sowie die Städte Grenville und Gouyave liegen. Die grösste Siedlung auf den kleineren Inseln ist Hillsborough auf Carriacou. Und dort traf ich an einer absolut abgefahrenen Party einen Segler, den ich 10 Jahre zuvor auf der Insel Lanzarote angetroffen und mit ihm und anderen auf einem Boot in Playa Blanca gelebt habe. Und die Story, die uns verband war ebensoeinzigartig wie unser Wiedersehen hier unter dem sternefunkelnden Karibischen Himmel auf einer kleinen Sandinsel und einem sehr speziellen Club mit Zutritt nur über einen schmalen Steg mit Haifischbecken auf beiden Seiten, was zu einem gefährlichen Rückweg bei 2-4 Promillien werden kann.

Lassen sie mich an dieser Stelle kurz das Lanzarote-Abenteuer mit einem Einsatz der Guardi Civil Anti-Terror Sondereinheit auf unserem Boot erzählen. Wir, eine handvoll Leute, lebten Ende der 70er Jahre in Playa Blanca auf der Kanarischen Insel Lanzarote an Bord eines Segelschiffes, das einem Schweizer gehörte, der in den USA lebte und erst vor wenigen Tagen hier eingetroffen war. Der französische Skipper, der marokkanische Bootsjunge und der amerikanische Freundes des Schweizer Bootseigners hatten das Boot von Frankreich hierher gebracht. Offensichtlich kam es zum Streit zwischen dem Bootseigner und dem Skipper am Abend zuvor über das Honorar der Yachtüberführung von Südfrankreich bis hier hin und die längere Wartezeit in Playa Blanca. Es kam zum handfesten Streit zwischen den beiden. Erst wollte der Franzose das Boot versenken, was die Crew verhindern konnten. Dann zischte der Franzose wutentbrannt ab und wir dachten schon „das wars“.

Doch der „fiese Kerl“ rächte sich, in dem er der Guardia Civil einen anonymen Anruf vom Flughafen Arecife vor seiner Abreise gab und denen sagte, wir hätten Waffen und Drogen an Bord. So wurden wir am Morgen nach der Abreise des Skippers aus dem Tiefschlaf gerissen, weil plötzlich eine Herde Elefanten auf das Boot stampfte, dann waren militärische Befehle zu hören und als ich als erster meinen Kopf aus der Lucke rausstreckte, schaute ich in vier Maschinenpistolen rein, keinen halben Meter vor meiner Nasenspitze. Da gefror jegliche Bewegung und Erregung sofort ein. Ich erstarrte und durfte dann aussteigen, danach auch all meine Bootsfreunde. Ein halbes Dutzend schwerbewaffneter Elitesoldaten der Guardia Civil standen um uns herum. Nach sechs Stunden war die Durchsuchung des Segel-bootes und die Qual ausgestanden und die Sondereinheit rauchte noch einen Joint mit uns zur Entspannung nach dem harten Einsatz mit den paar Krümmeln, die sie in auf dem Boot bei der Durchsuchung gefunden hatten. Und wie so oft kommt das eine mit dem anderen und ein Unglück selten allein.

Weil unsere Anti-Terror-Mission letzlich so glimpflich abgelaufen war und es zudem Silvesterabend war hatten wir uns beim Zocken am Nachmittag ziemlich betrunken. Der sogenannte «Si, Si, Si-Drink», mit einem Drittel Vodka, einem Drittel Coitreau und ein Schuss Cham-pagner, war teuflisch gut und kamen richtig geil in Fahrt. Nur als der Ami in der ganz engen und total überfüllten Schlauch ähnlichen Bar , die Seenotrettungspistole von zuhinterst quer durch den Laden über die Theke hinweg abfeuerte und das Geschoss durch die Flügeltüren preschte, war die Party-Laune bei den Anwesenden Kanaken jäh zu Ende. Sie wollten ihn fast lynchen und da er schon zur nächsten Patrone griff, streckte ich den lieben Boots-Freund mit einem gezielten Faustschlag vom Hocker und schleifte ihn raus. Damit verhinderte ich wohl weitere Todesopfer. Und der Ami war echt sturzbesoffen und daher knallhart im Nehmen. Das sahen wir, als er erst kopfvoran beim Torkeln auf dem Pflaster aufschlug. Und als wir dann beim Pier ankamen, war das Boot durch die Ebbe, etwa zwei Meter tiefer. An ein runter hieven war nicht zu denken. Da wären wir alle abgesoffen. Also schmissen wir ihn aufs Deck runter, wo er aufprallte, grunzte und ins Komma fiel, aber am nächsten Morgen irgendwie wieder auf den Beinen stand oder besser gesagt rumschwankte.

Soviel zu zwei herausragenden Erlebnissen auf den Kanaren und nun traf ich einen dieser Personen hier wieder und konnte am nächsten Morgen mit ihm auf seinem Segelschiff unerwartet meinen Karibiktrip fortsetzen.

1997: Höllentrip zu den Drogenkartellen Kolumbiens

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29820 )

Wenige Länder nur sind mit derart imposanten landschaftlichen Vielfalt und unvergleichlichen Fülle von Naturwundern gespickt wie der viertgrösste Staat Lateinamerika. Die masslose Grosszügigkeit dieser paradiesischen Genbank von Fauna und Flora , die sich zwischen den Anden und denm Amazonasbecken ausbreiten, ist überwältigend. Hört oder spricht man von Kolumbien, dann ist meistens von Drogen, Mord und Korruption die Rede. Der Guerilla-Krieg der «Farc» (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), einer der längsten und blutigsten Bürgerkriege abgesehen vom marxistischen Leuchtenden Pfad, dem «Sender Luminoso» in Peru, ist zwar offiziell beendet aber die grundlegenden Probleme des Landes und der weitverbreitete Anbau von Kokain bei weitem nicht gelöst. Einen allmächtigen Pablo Escobar gibt es auch nicht mehr, dafür umso mehr rivalisierende Drogenkartelle, die den Bauern und der Bevölkerung das Leben schwer machen. Doch wollen wir vorerst einmal die faszinierenden und für die meisten unbekannten, schönen Seiten Kolumbiens ausleuchten.

Selten dringen die Sonnenseiten des kolumbianischen Lebens und die Schönheiten des Anden und des Urwald-Staates ans Licht. Wer der Terra incognita im Garten Eden Südamerikas trotz Armut und Gewalt furchtlos gegenübertritt, der wird vom Zauber Kolumbiens und dem feurigen Temperament der Bevölkerung magisch angezogen werden. Im Norden Kolumbiens dominieren die Ost-, West- und Zentral-Kordil-lieren. Drei wuchtige bis auf 5000 Meter ansteigende Andenstränge mit schneebedeckten Gipfeln, sind das topografische Panoptikum des Landes. Sie bergen fruchtbare Täler mit vulkanischen Ascheböden auf denen Kaffeeplantagen, Gemüse- und Getreidefelder und Obst-bäume gedeihen, duftende Blumen und Gewürzstauden blühen. Der Bergbau bringt die schönsten Smaragde sowie Gold, Platin, Silber und auch reichlich Kohle und Erdölvorkommen zu Tage. Leider profitieren auch hier die wenigsten vom Reichtum, der durch einige wenige Profiteure auf der Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen basiert.

In Amazonien ist es, als sei die Zeit stehen geblieben. Fitzgeraldos Abenteuer leben am geistigen Horizont wieder auf – noch immer lauern tausende Gefahren im tropischen Regenwald. Die Yaguas-Indios sind keine Bedrohung, obschon sie noch immer tödliche Giftpfeile aus ihren Blasrohren pusten, wenn Sie Jagd auf Tiere und Vögel machen. Krokodile und Pirahas verhindern ein Bad im kühlen Amazonas. Entlang der andinen Ausläufer breiten sich im Norden endlose Savannen mit Viehweiden aus, die sich im Osten in wüstenhafte Gebiete wie die Halbinsel Guajira verwandeln. Weisse Sandstrände säumen die Küsten der Karibikinseln San Andres und Providencia vor Nicaraguas Küste. Über 40 Naturschutz und Nationalparks von insgesamt 10 Millionen Hektaren Grösse, die eine Art genetische Schatztruhe und Informationsbank über die Entwicklung unseres Planeten darstellen, zeugen vom immensen Fauna und Flora Reichtum Kolumbiens.

Die Vorboten des Urwaldes beginnen keine 100 Kilometer von Bogota entfernt. Doch um dorthin zu gelangen muss man schon die mörderische Passtrasse der Sierra Oriental in einer Höhe von 3700 Metern über Meer überwunden haben und dann die kurvenreiche Talfahrt entlang abgrundtiefer Schluchten bis auf Hundert Meter über Meer gemeistert und überlebt haben. Die Sonne senkt sich gerade am blutrot gefärbten Horizont über dem dampfenden Urwald, wo das tropische Gewitter kurz vor Einbruch der Dämmerung heftig auf den esmerald grünen Dschungel niederprasselt und auf den silbernen Rumpf der DC-6, mit der wir mit lautem Propellergeheul durch den peitschenden Regen fliegen. Auch die Stirn des Piloten ist mit dicken Wasserperlen überzogen, denn es sieht nach schwierigen Landebedingungen aus. Dröhnend kämpfen die Propellermotoren gegen die dichten, schnell vorbeisausenden Wolkenschwaden an. Der Blick aus den kleinen runden Fenstern schweift über das grüne Urwaldmeer im Amazonasbecken , die mäandrierenden Flussläufe und Inseltupfer und setzen zur Landung an worauf wir alsbald mit der alten Klapperkiste über die holprige Urwaldpiste.

Cartagena ist eine der schönsten Kolonial-Reliquien ganz Lateinamerikas und das höchste aller Gefühle für Historiker, Architekten und kulturell Ambitionierte. Die ehemals bedeutende Hafenstadt des Kontinents für den Sklavenhandel und Sitz des damals gefürchteten Inquisitionstribunals, ein Ort der Tragödie und der Helden, der Abenteurer und Legenden, ist reich an Burgen, Klöstern, und Museen, die alle zum Weltkulturerbe zählen. Die Urstätten, die kolonialen Metropolen Kolumbiens, die Dörfer der Yagua-Indios bei Leticia im Dreiländereck, das karibische Flair der Ferieninsel San Andres vor der Küste Nicaraguas und die Behausungen der Bauern in den gross-artigen Naturräumen fügen sich zu einem grandiosen Mikrokosmos zusammen. Überragt von den Anden, vom Urwald umschlungen und von der karibischen und pazifischen Symphonie der Ozeane umwogt, brodelt das Leben der Kolumbianer zwischen Glück und Verzweiflung, Wut und Ohnmacht, pendelt von überschäumender Lebensfreude, getragen von fröhlicher Tanzmusik wie dem Cumbia, bis hin zur tiefsten Traurigkeit über die Opfer der Armut, der Drogenbarone, korrupter Politiker und Tyrannen. Kolumbianer und Kolumbianerinnen leben, lieben und erleiden das Leben in vollen Zügen. Man wird mitgerissen, taucht ein, vielleicht auch unter und mit etwas Glück wohlbehüteter wieder auf – fast Fuss und verlässt das Land wieder, gespickt mit unvergesslichen Erlebnissen.

In Amazonien ist es, als sei die Zeit stehen geblieben. Fitzgeraldos Abenteuer leben am geistigen Horizont wieder auf – noch immer lauernn tausend Gefahren im tropischen Regenwald. Doch die Yagua Indios sind keine Bedrohung für die Zivilisation mehr. Das waren sie nie, im Gegenteil sie sind ja die Beschützer des Urwaldes und verteidigten ihn gegen die unerwünschten und zerstörerischen Eindringlinge. Leider vergeblich. Zwar pusten sie noch immer ihre lautlosen, tödlichen Pfeile aus ihren Blasrohren heraus, wenn sie Jagd auf Vögel oder Wildtiere machen. Besucher werden nach der Bemalung ihrer Gesichter mit der grünen Farbe des Urucu-Baumes zumeist freundlich empfangen, weil sie dank Souvenierkäufen eine vielversprechende Beute sind. Die Gefahr lauert vielmehr im Wasser und in der Luft als am Boden. Krokodile und Pirhanas verhindern ein kühlendes Bad im Amazonas, Parasiten und Malariamücken können einem rasch das Leben schwer machen, giftige Spinnen und Insekten sogar zur Hölle machen und dann herrscht hier immer volles Konzert. Ara-Papageie, Brüllaffen, Geier, Kormorane und Ibisse sind stets zu sehen, eine Anaconda, eine Boa oder einen Jaguar bekommt man hingegen selten zu sehen. Ich hatte das Glück zwei faulen Leoparden zu begegnen, die es sich im Schatten der schwülen Hitze bequem gemacht hatten. Wer sich unter kundiger Führung des „Tarzans von Leticia“ mit Capax auf den Weg machte, konnte einiges erleben und kam meistens unbeschadet von der Urwaldexpedition wieder zurück in die Zivilisation.

In Bogota traf ich meinen Berufskollegen und Aviatik-Journalisten und Militärpiloten Hans-Jörg Egger. Zusammen flogen wir nun von der Hauptstadt in einer Woche in alle Richtungen. Zuerst nach Letica ins Dreiländereck Brasilien, Kolumbien und Peru im Süden des Landes mitten im Amazonas-Dschungel, dann nach Cartagena in die Kolonialperle, mit den prächtigen Kolonialstilbauten ähnlich wie in Havanna. Weiter ging es nach Cali, damals die Drogenhochburg von Pablo Escobar, das nächste Ziel war Villa Vicencio, auch ein bekannter Drogen-umschlagsplatz und schliesslich flogen wir bis zur Karibikinsel San Andres hoch, die vor der Küste Nicaraguas liegt. Ein recht ambitioniertes Programm in einer Woche und das ging nur, weil wir jeweils knapp 15 Minuten vor Abflug der Maschine beim Flughafen eintrafen und gerade noch einsteigen konnten. Das klappte bestens bis zum letzten Flug nach Equador, der somit wieder ein Auslandflug war. Daran und dass das Prozedere ja viel länger dauern würde, hatten wir nicht gedacht. Als wir am Schalter ankamen und erfuhren, dass das Boarding schon abgeschlossen war, zeigte ich auf den Check-in Counter Angestellten zwei Visitenkarten und sagte: „Stop the airplaine, now immediately“! Und rannte einfach durch das Gate vorbei an den überrumpelten Securities auf das Flugfeld hinaus, Hans-Jörg keuchte neben mir her, schliesslich hatten wir beide viel Kameragepäck umhängen und im Schlepptau. Ohne, dass auf uns geschossen wurde rannten wir dem Flugzeug entgegen, das alle Türen geschlossen hatte und im Anrollen zur Startbahn war. Gleichzeig sahen wir ein Treppenfahrzeug auf das Flugzeug zu rasen und der Jet stoppte. Nach einigen Dutzend Metern hatten wir es dann geschafft und durften die Treppe hocheilen, die Boardtüre wurde geöffnet und wir konnten an Bord gehen. „Wow, was für eine geile Action!“ Warum das Flugzeug stoppte, fragen sie sich? Die eine Visitenkarte war die des kolumbianischen Luftfahrt-Ministers und die andere, die des Flughafendirektors von Bogota. Beide Personen hatten wir zuvor interviewt. Und so kam es also, dass für uns zwei Schweizer Journalisten in Kolumbien ein Verkehrsflugzeug auf einem internationalen Flug auf der Rollpiste zum Abflug gestoppt wurde.

Das sollte man mal in Zürich, Frankfurt oder London probieren. Da schon unser Boarding schon recht spektakulär verlief, durften wir auch gleich im Cockpit dieser Maschine abwechslungsweise auf dem dritten Piloten-Sitz Platz nehmen und den Flug nach Quito wie die Piloten erleben. Da wurde mir zum ersten Mal sichtbar bewusst, wie schnell es geht, wenn zwei Verkehrsflugzeuge mit je 700 Stundenkilometern auf einander zurasen. Das konnte ich beim spektakulären Landeanflug in Quito miterleben, als eine von dort gestartete Maschine recht nah und sehr schnell an unserem Cockpit vorbei flog. Erst sah man nur einen winzigen Punkt, der rasch grösser wurde und ganz schnell an einem vorbei zischte. Noch krasser war der Flug mit den Militärmaschinen über die Anden, bei dem ich infolge der Beschleunigung ziemlich benommen war. So fit wie ein Militärpilot war ich dann doch nicht!

Zurück zu den Problemen des faszinierenden lateinamerikanischen Landes. Zwar haben die zähen Friedensverhandlungen zur Entwaffnung der Farc und Einstellung ihrer Attacken auf das Militär und die Zivilbevölkerung geführt, doch ist mit der Amnestie keine Sühne, kein Schuldeingeständnis und keine Aufarbeitung der Gräueltaten der Farc-Guerilleros im Hinblick auf die zahlreichen Opferfamilien erfolgt und andererseits wurde den Bauern die notwendige Unterstützung bei der Infrastruktur Strassen, Strom, Wasser) in unzugängliche Regionen versagt, so dass diese in vielen Urwaldregionen keine andere Wahl haben, als Kokain anzubauen. Hinzu kommt, dass nun auch die kolumbianische Regierung mehr und mehr Urwald rodet und dies nicht für eine Agrarreform, die den Bauern helfen würde, sondern einzig der Ausbeutung durch die Holzwirtschaft dient und überdies dazu führt, dass die schmalen Gewässer, die einzigen per Boot zugänglichen Verkehrsachsen mit Holzstämmen verstopft werden, sodass andere Güter wie Bananen, Gemüse oder Früchte unmöglich weitertransportiert werden könnten. Da es keine Strassen, kein Strom und auch keine Verwaltung gibt, sind die Bauern hilflos den Drogenkartellen ausgeliefert. Eine Alternative zum Coca-Anbau haben die Allerwenigsten.

Guyana 1997/2003: Vom Urwald direkt in den Weltraum

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=35087 )

Dank der Kooperation mit der «AOM», welche die französischen Departements d’outre Mèr, also Französisch Guyana, Guadeloupe, Martinique, die Südsee oder Neu-Kaledonien mit Paris verband, flog ich fast jährlich einmal nach Kuba und war auch kurz auf Guadeloupe, drei Wochen in der Südsee und nun auf dem Flug nach Französisch Guyana in den Hinterhof der Grande Nation, „wo der Pfeffer wächst“, wo politische Gefangene auf einer Insel verbannt wurden und die Europäische Weltraumstation (ESA) sich in Kourou niedergelassen hat. Das exotischste aller EU-Mitglieder ist bestenfalls durch den Film „Papillon“, als einstige Strafkolonie bekannt und so ist das Bild von Französisch Guyana auch von diffusen Vorstellungen und schillernden Legenden geprägt. Guyanas Ruf als gemein-gefährliches Land, das mit Heerschaaren von giftigen Insekten, fürchterlichen Vogelspinnen, tödlichen Schlangen, meterlangen Aligatoren und Piranhas bevölkert ist, stimmt wohl, aber darüber hinaus, ist das Land, wo Europa ausläuft, verdampft und im grünen Urwald-Dickicht verschwindet, eines der stabilsten in der Region.

«Das gefährlichste Wesen hier ist der Mensch, gefolgt von den Wespen», relativiert Philippe Gilabert, der Gründer von «CISAME» (Centre Initiation Survie et Aventure au Millieu Equatorial), einem idyllischen Camp inmitten der grünen Hölle nach ungefähr 60 Kilometern Pirogenfahrt flussaufwärts am Ufer des Approuague nahe der brasilianischen Grenze gelegen. „Die Menschen“, so erzählt der einstige Fallschirmspringer der «Legion Etrangere» und Terrorismusexperte Gilabert, „sind die schädlichste Kreatur für den fragilen Ökokreislauf des Primärwaldes. Dann kämen die Wespen, die aber nur für den unachtsamen Menschen eine Bedrohung seien, fügte der damals 43-jährige Franzose, der als Fallschirmjäger und Terrorismusexperte arbeitete, ironisch hinzu. Er und Manoel, ein Karipuna-Urwald-Indio müssen es wissen, denn sie haben sich darauf spezialisiert, möglichst vielen Zivilisierten den wilden Urwald näher zu bringen (als ihnen lieb ist) und den Härtesten ein 10 Tage Survival Training anzubieten. Also übt sich der Zivilisationsgeschädigte erst einmal in Bogenschiessen, Fallen stellen, Klettern, Kanufahren, Fischen, Feuermachen und Behausungen bauen, bevor er seine eigenen Erfahrungen macht, wie es ist, im Urwald überleben zu müssen. Die Dschungelexperten zeigen den Zivilisationsmüden also, wie man im Urwald überlebt und Naturver-bundenen, welche Schätze und Funktionen der Primärwald hat und weshalb er unbedingt weltweit zu schützen ist.

Zu den Gästen von Miriki-tares, dem Camp der Flussleute, wie die Karipunas diesen Ort nennen, gehören sowohl Reservisten europäischer und nordamerikanischer Streitkräfte als auch Kaderleute von Firmen, die hier ihre Top Shots auf Vordermann bringen wollen. Auch ganz normale Touristen lassen sich begeistern, sich den Traum zu erfüllen und in ein gewagtes Urwaldabenteuer zu stürzen. Dass es sich hier nicht um eine reine Macho-welt handelt, beweist die wachsende Anzahl Frauen, die hier her kommen und es mit dem Survival Training mit den Männern oft locker aufnehmen können. So oder so, lernt jeder sich und seine Grenzen oder Fähigkeiten kennen. Der Einsatz geht an die Substanz des Mentalen und Verkraftbaren, der Überlebensmodus schaltet sich ein und erstaunliche, existenzielle Einsichten eröffnen sich einem. Man merkt plötzlich wie klein und unscheinbar, wie verletzlich und allein man ist. Man wird zum Jäger und Gejagten. Eine einzigartige Erfahrung.

Kaum dem Regenwald unversehrt entkommen, eröffnen sich neue Lebensräume zumindest in der Fantasie bei einem galaktischen Trip auf den Mond, offenbart sich den neugierigen Reisenden in Kourou, nicht weit von Guyanas Hauptstadt Cayenne, im europäischen Luftfahrt-zentrum dem «Centre Spacial» der (ESA). Von hier aus führt also die Reise ins All. Der Ort selbst bietet nichts, ausser dem üblichen Drittwelt-Anschauungsunterricht über die Klassenhierarchie des Landes. In der Altstadt leben die sozial schwächsten, die Kreolen, Indios und weissen Hilfsarbeiter, umgeben von deplatziert wirkenden Betonbauten für den Mittelstand und am Strand die prunkvollen Villen der Europäer, der Wissenschaftler und Mitarbeiter der Weltraumstation im nahegelegenen Kourou. Nach einem Besuch in der Weltraumstation der Europäischen Union, fahre ich mit einem Boot zur Teufelsinsel, die als Strafkolonie im Film Papillon bekannt wurde. Die drei der Küste vorgelagerten Inseln, Ille Royale, St. Jospeh und Ille Diable, wo politische Gefangene jahrelang unter extremen Bedingungen inhaftiert waren, bevor sie unter der Guillotine landeten. Einige, so sagt man hier, hätten es vorgezogen, von den Haien verspiesen zu werden auf der Flucht durchs Meer, als die hier angesiedelte irdische Qual weiter erleiden zu müssen. Zu Guyana’s Highlights gehört der Wilde Westen des Landes, insbesondere die pittoreske Kolonialstadt St. Laurent-du-Moroni, am Grenzfluss zu Surinam ist ein Besuch wert. Das bunte Völkergemisch aus Indios, rabenschwarzen Pirogenführern, geschäftigen Indochinesen und Hmongs, die auf der Flucht vor dem Pol Pot Regime via Frankreich hier her gekommen sind, aber auch haitianische Stoffhändler, Dominikanerinnen und Kreolen aller Schattierungen sowie ein paar Weisse, war und ist auch heute noch beeindruckend vielfältig.

Brasilien/Salvador de Bahia: Im Hexenkessel magischer Sklavenenergie

Bei einer der ersten von insgesamt fünf Reisen nach Brasilien entdeckte ich nach den Iguacu-Fällen, Rio de Janeiro auch Salvador de Bahia, den Landeplatz der Europäer und die erste Hauptstadt Brasiliens. Wer die exotischen Facetten des baianischen Lebens kennen lernen will, der mache sich zumindest in Karnevalszeiten auf heisse anmache, coole Abweisung und köstliche Trostspender gefasst. Taucht man in die mystische Welt des Candoble ein und lässt sich von der überwältigenen Spiritualität überwältigen, verlässt die hiesige Welt und gerät in Trance bis zur Ekstase.

Eine Reise nach Salvador de Bahia ist wie ein Aufbruch zu neuen Ufern. Zunächst einmal bewunderswert we beschwingt die Baihanos durch das Leben gehen. Bemerkenswert wie sie Ihre Freude und Trauer ausdrücken. Die mystische Göterwelt und spirituelle Quelle der Bahanos wiederspiegelt sich im Candomble, der Grund zur christlichen Mission gab zumal Bahia der Augangspunkt der westlichen Entdecker und Eroberer war Davon zeugen nicht nur die Bastionen entlang der Küste.

Die Wurzeln des Sklaventurms sind in der hiesigen Kultur tief verankert. Gerade die im Verborgenene ausgelebte Candomble-Spiritualität zeugt davon. Wenn Hunderte von Gospelstimmern aus voller Inbrunst ertönen, dann erzittert nicht nur die Erde, sondern vibriert auch die Luft im weiten Umkreis, wie bei einem heranheulenden Orkan. Da hört sich der Pslame quietschende katholische Knabenchor nebenan im Kloster Sao Fransico im barocken Altstadtviertel Pelourinho wirklich eher kläglich an.

Selten entdeckt man so ein verspieltes Volk, dass unglaublich viele tänzerischen und musikalisch begabte Leute hervorgebracht hat. In Salvador de Bahia, der Wiege des Karnevals und des Samba gibt es kein Stillstehen und kein stocksteifes Auftreten. Alles ist im Fluss, alle sind ständig in Bewegung, mehr oder minder grazil. Eine weitere bahianische Spezialität ist der Capoeira, der als Tanz getarnte Kampfsport.

Auch hier sind die anmutigen fliessenden Bewegungen erkennbar, die das ganze Leben durchströmen und Impulse auslösen. Doch nicht nur im Gefühle ausdrücken auch der Körperkult steht ganz oben auf der Agenda. Darin unterscheiden sich die Bahianos kaum von den Cariocas. Kaum ein Adonis, der nicht seinen sportlich gestählten Körpger im knappen Slip präsendtiert. Keine Frau, die nicht stolz in ihrem Fio dental (Zahnfaden)-Bikini am Strans rumspaziert und mit ihrer Grazie und Freizügigkeit kokettiert. Kein Wunder hat die Kirche hier her mehr Ordensbrüder entsandt, als sonstwo in der Welt. Allein in Salvador de Bahia wurden 165 Gotteshäuser errichtet.

2003 wurde ich für drei Monate als Resident Manager für ein Schweizer Reiseunternehmen in Fortalezza im Nordosten Brasilien stationiert und hatte dort eine verdammt gute Zeit. Wenig Gäste, also keinen Stress, ein Hotelzimmer direkt an der Beira Mar (das ist wie die Copaca-bana in Rio) und ein gutes Fahrzeug, mit dem ich bis nach Jericoacoara zu den fantastischen Sanddünen oder in den Süden bis nach Moro Branco fahren konnte. Das brasilianische Lebensgefühl, die Musik, die Sprache und die Kulturen haben mich schon auf früheren Reisen sehr angezogen, dadurch habe ich auch ein wenig portugiesisch gelernt.

Da ich gut spanisch sprach, viel mir der Einstieg leicht und die brasi-lianischen Dialekte gefallen mir besser, als die harten spanischen Akzente. Auch die Musik vieler lateinamerikanische Klänge verzaubern mich: Vom Tango in Argentinien über den Bossa Nova eines Gilberto Gil in Brasilien oder den Volkstanz Forro, wie in Fortalezza, vom Salsa und Son auf Kuba zum Merengue auf der Dominikanischen Republik, all diese Musikstile und Tanzformen sprechen mich sehr an.

In Fortalezza lebte ich während dieser drei Monate als Station Manager an der Beira Mar, ideal gelegen auch für tägliche Auflüge an den schönen Stadtstrand die Praia do futuro und nachts hin zur Iracema am Ende der Beira Mar, wo sich das touristische Vergnügungsquartier mit allen Nachtclubs befand, was sehr praktisch für die Touristenbetreuung vor Ort war. Nach Ablauf der drei Monate wurde ich in den Sinai verfrachtet, kehrte aber nach dem sechsmonatigen Einsatz in Sharm el Sheikh, wieder arbeitslos nach Fortalezza zurück, weil der Tsunami über Asien heringebrochen war und dadurch alle Reiseunternehmen weniger Station Managers und Reiseleiter brauchten.

Bei meiner Rückkehr nach Fortalezza, lebte und wohnte ich erst zwei Monate im Favela Serviluz nahe der Praia do Futuro bei einem Freund, der ein kleines Backstein-Häuschen nahe der Praia do Futuro hatte und fühlte mich da ganz wohl. Bald kannte ich via Heldon und seinen Freund Joaquin viele Leute und die Nachbarn im Favela kannten mich ebenfalls, sodass ich mich dort Tag und nachts frei bewegen konnte. Es war eine gemütliche Zeit, denn ich hatte im Sinai und schon zuvor in Brasilien gute Devisengeschäfte mit den Touristen gemacht. Das war immer eine erträgliche Neben-Einnahmequelle bei diesem Job. In Polen bin ich so ja fast Zloty-Millionär geworden.

Dann besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz und wir mieteten uns einen «Highlux», also einen Offroader, um entlang der brasilianischen Küste von Fortalezza im Staat Ceara via die Bundesstaaten Maranhão und Piaui bis nach Manaus hochzufahren und im Inland die Rückreise zu vollziehen. Das sind gut 6000 Kilometer, die wir in 11 Tagen zurücklegen wollten. Die Geländefahrten waren bequemer, als die Fahrt auf der Asphaltstrasse, die mit Löcher, bis zu einem halben Meter tief, völlig übersät war. Der Asphalt sah aus, wie nach einem flächendeckenden Bombenbangriff! Deshalb fuhr ich oft auf dem Geröllstreifen rechts der Fahrbahn. Da kommt man grundsätzlich schneller voran und wirbelte kräftig Staub auf, was schon von weitem zu sehen ist und der Unfallgefahr vorbeugt.

Die Reise verlief über Jericoacoara, mit seiner fantastischen Dünnenlandschaft, die aber im nächsten Bundesstaat Maranhao noch an Schönheit übertroffen wurde von den kristallklaren Seen in den Sanddünen-Landschaften. Eine äusserst faszinierende Gegend! Der tiefblaue Atlantik mit einsamen Traumstränden zur Linken, ein gigan-tischer Sanddünenstreifen entlang der Küste und im Inland der esmeradgrüne Dschungel. Die Nationalparks von Jericoacoara und Lençóis Maranhenses an der Atlantikküste sind einzigartige Biotope.

Wüsten gefallen mir besser, als Urwälder. Man kommt besser voran. Im 4×4 wenigstens. Doch auch hier, wäre ich ohne die Hilfe der einhei-mischen Fischer arg gestrandet, denn auf dieser Reise mussten zahlreiche Flüsse überquert werden. Bis auf ein Mal ging das ganz gut, doch dann kamen wir zu einem Fluss, der auf unserer Seite erst ca. 30 Meter weit seicht war, dann gab es ein kleines Sandinselchen vor der Stelle, wo der Fluss eine enge, reissende Mündung, wie in einem Trichter durchfloss. Das konnte man aus 40 Metern Entfernung gerade noch erkennen und war wohl die gefährlichste Stelle.

„Wenn ich nicht mit Vollgas die letzten zehn Meter nach der winzigen Flussinsel würde durchqueren können“, sähe es schlecht aus, dachte ich. Und genau so war es dann auch. Also fuhr ich mit viel Speed durch den gut 30 Meter breiten, seichten Flussverlauf auf die Insel zu, geriet dort aber durch die Steigung ins Stocken und hatte dadurch zu wenig Schwung um in den  Strömungskanal mit dem reissenden Durchfluss zu durchqueren. und kam mit der Motorhaube im 45 Grad Winkel zu dreiviertel im Wasser feststeckend abrupt an. Nach einigen Stunden kamen ein paar Fischer herbei. Nur dank eines Bootes im Strömungskanal, das den Wagen ein wenig anhob und einem Auto, das uns von hinten mit dem Drahtseil über die seichte Flussstelle zurück zog, schaften wir es aus dem Fluss herauszukommen.

Ein anderes Mal, als ich gerade alleine in der brütenden Mittagshitze unterwegs war, blieb ich im tiefen Treibsand stecken. Es dauerte vier Stunden, viele Schweisstropfen und unendlich viele Ruckelstösse für ein paar Meter weiter. Der Sand war glühend heiss, ich schaufelte stundenlang wie ein Verrückter und dachte nicht, dass ich es noch schaffen würde. Doch schliesslich klappte es doch noch. Und so ging die Reise weiter zur Ilha de Maranhão, eines der grössten Schwemmgebiete der Welt an den Ausläufern des Amazonas. 800‘000 Büffel be-völkern die Insel, die nur wenigen Hindert Grossgrundbesitzern gehören, welche kaum Arbeiter beschäftigen. Wo die Tiere in der Trocken-zeit passieren, dort entsteht in der Regenzeit ein Flusslauf.

So wird das fragile Ökosystem und die dünne Humusschicht schon in wenigen Jahren zerstört. Jahr für Jahr werden riesige Urwald-Flächen erst für die Rinderzucht und dann für eine intensive Landwirtschaft wie die der Sojaplantagen vereinnahmt. In den vergangen 30 Jahrne wurde fast ein Viertel des Amazonas Deltas vernichtet. Dabei ist die Artenvielfalt hier unvergleichlich. Allein im Amazonas gibt es über 2000 verschiedene Fische. Zum Vergleich: In ganz Europa sind es gerade Mal 150 Fischarten. Das gleiche gilt für alle Tierarten und Spezies, die meisten davon sind endemisch.

Weiter verlief die abenteuerliche Reise durch den Bundesstaat Piaui und von dort bis nach Manaus weiter. Dann nochmals gut 3000 Kilometer im Inland zurück nach Fortalezza, wobei wir am Nationalpark Ubajara, rund 300 km westlich von Fortaleza entfernt, die Gruta de Ubajara, Brasiliens grössten Höhlen mit neun Kammern und einer Tiefe von gut einem Kilometer besichtigten.

Amazonas Artensterben durch Raubbau und Cruise von Peru bis Kuba

Sein Name ist Legende und klingt so exotisch, wie der Mythos, der ihn umrankt: Der Rio Amazonas. Er ist der zweitlängste und wasser-reichste Fluss der Erde, der mit den meisten Nebenflüssen, dem stärksten Wasserabfluss, dem grössten Einzugsgebiet und gewaltigsten Delta. In abertausenden von Mäandern fliesst er majestätisch durch den facettenreichsten und opulentesten Regenwald der Erde, nährt, tränkt und erhält eine unermessliche Vielfalt von Fauna und Flora und ist die Lebensader von Millionen von Menschen.

Der spanische Konquistador Francisco de Orellana war sein erster Botschafter, als er der westlichen Welt nach seinem Vorstoss in „die grüne Hölle“ um 1542 vom grössten Flusssystem erzählte; der deutsche Forscher Alexander von Humboldt war sein aufregendster Berichterstatter und Cineasten erinnern sich bestimmt an die fantastischen Impressionen des Films «Fitzcarraldo» mit Klaus Kinsky in der Hauptrolle des verrückten und angefressenen Opernfans. Der Amazonas wird von den Indios „Maranao“ genannt, der „den nur Gott allein enträtseln kann“ und besteht aus einem bizarren Geflecht von über 1100 Flüssen, davon 20 länger als der Rhein.

Doch erst nach dem encuentro dos aguas, dem Zusammenfluss des Rio Negro und Rio Branco bei Manaus, wird der Fluss Rio Amazonas genannt. Mit seinem Einzugsgebiet, dass mehr als sieben Millionen km2 gross ist und seiner täglichen Ablagerung von drei Million Tonnen Sedimenten im Delta, läuft der Amazonas allen anderen Strömen den Rang ab. Ein Fünftel des Süsswassers in den Weltmeeren wird vom König der Flüsse gespiesen. Über 30’000 Pflanzenarten, die auf drei Etagen übereinander gedeihen und mehr als 2000 Fisch- und Vogelarten leben in seinem Einzugsgebiet.

Eine Expedition in den Amazonas-Urwald ist sowohl eine Reise in eine exotische Welt voller überwältigender Flora als auch eine Begeg-nung mit einer artenüppigen Fauna – voll von Riesenschlangen, wie die Anaconda, Ameisenbären, Faultiere, Brüllaffen, Piranhas, scheuen Flussdelfinen, bunten Papageien (Aras) oder prächtigen Tucans als auch flinken Kolibris. Die Liste liesse sich, so scheint es, fast unendlich fortsetzen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Anzahl der vom Aussterben bedrohten Arten nimmt dramatisch zu.

Experten zufolge ist er Regenwald unwiderbringlich zerstört, wenn 40 Prozent seiner Fläche vernichtet wurden. In den letzten 50 Jahren wurde ein Viertel des Regenwaldes abgeholzt und abgebrannt – mit katastrophalen Folgen für das Klima, die Umwelt, die Menschen und die Tiere. Die Ureinwohner in den Regenwäldern hatten über den Zeitraum der letzten 15‘000 Jahre kaum ein Prozent des Regenwaldes vernichtet.

Eine einzige Generation reicht nun aus, um das ganze Ökosystem des Planeten Erde aus dem Gleichgewicht und die Menschheit als solche in Gefahr zu bringen. In Brasilien gibt es heute noch rund eine Million Quadratkilometer Amazonas Regenwald, der nicht geschützt und nicht eingezont ist und auch nicht indigenen Stämmen gehört (wobei die in langwierigen Prozessen erst ihre jahrhunderte alte Legitimität beweisen müssen) und damit das Ziel der Investoren-Raubgier ist. Das Prinzip verläuft folgendermassen.

Die Gebiete werden illegal beschlagnahmt und abgebrannt und/oder gerodet und damit ausgebeutet und zerstört. In den Jahren danach wird dann versucht, die Landnahme auf diesem Gebiet durch die lukrative Viehwirtschaft zu legalisieren, was spätenstens seit Präsident Bolsonaro ein Kinderspiel ist. Die Bodenspekulation wird durch internationale Investoren angeheizt. In der Region werden in den nächsten Jahren rund 30 Milliarden US-Dollars in Strassenbau, Elektrizität und die Infrastruktur zur Erschliessung und Ausbeutung des Primärwaldes gesteckt. 92 Staudämme sind im Amazonas Gebiet geplant.

Zu allem Elend plant die Regierung von Jair Bolsonaro eine Eisenbahn fast 1000 Kilometer quer durch den Urwald und viele indigene Schutzgebiete zu bauen. Die Agrarlobby ist entzückt, verspricht das Infrastrukturprojekt des Ferrogrão doch in Zukunft tiefere Transport-kosten bis zum Atlantik und damit höhere Gewinne. Das befeuert weitere Rodungen des Urwaldes mit desaströsen Folgen: Eine Studie der Ökonomen Juliano Assunçao, Rafael Araújo und Arthur Bragança hat ergeben, dass dadurch mit zusätzlichen Rodungen auf einer Fläche von 2050 Quadratkilometern, was rund 300000 Fussballfeldern entspricht. Das Abholzen dieses Urwaldes würde nicht nur rund 75 Millionen Tonnen Kohlenstoff produzieren, sondern der zunehmende Verlust der grünen Lunge führt bald zum Kollaps des ganzen Klima- und Bewässerungssystems im gesamten Amazonas Becken.

Wo jetzt Wald ist, droht Viehzucht, Sojaplantagen und dann die Wüste. Je weni-ger zusammenhängenden Regenwald vorhanden ist, umso weniger funktioniert der Kreislauf der im Amazonsbecken aufgesogenen Feuch-tigkeit und dem Abregnen an den Andenhängen, sagt der renommierte Amazonas-Ökologe Lovejoy von der «George Mason University». Er ist auch der Meinung dass der «Tipping Point», der Zeitpunkt an dem der Kollaps droht, bedrohlich nahe ist. Das renommierte Nature Magazin kommt zum Schluss, dass der Regenwald bereits heute so angeschlagen ist, dass er mehr CO2 ausstösst als absorbiert. Das wird sich auf für Fauna und Flora in allen Amazonasregionen katastrophal auswirken. Die nächsten zehn Jahre werden entscheind sein, ob wir das Amazonas-Refugium vernichten und für immer verlieren. Die Aussicht auf eine Abkehr der Abholzung und Ausbeutung sowie ein Umdenken erscheint allerdings minimal. Eine traurige Geschichte.

Einer der bequemsten und zugleich aufregendsten Wege, dieses opulente Naturwunder und ausgeklügelte Ökosystem zu erkunden, ist eine Schiffsreise, wie man sie beispielsweise mit der MS Bremen – dem Expeditionsschiff von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten oder der Hanseatic, einem weiteren Kreuzfahrtschiff der Hamburger Reederei unternehmen kann. Da wird die sonst eher mühselige, schweisstreibende und gefährliche Amazonas-Expedition zum unbeschwerlichen Hochgenuss.

Doch infolge (m)eines Terminfehlers, hatte die «MS Bremen» in der peruanischen Amazonas-Metropole Iquitos – einem 400’000 Seelen-Provinznest, dass zwar sehr ärmlich ist, aber unzählige Casinos mit Geldspielautomaten und Spieltischen hat – schon vor Stunden ohne mich abgelegt. Nun stand ich da und versuchte während drei Tagen ein Boot zu chartern, um dem Luxusdampfer hinterher zu fahren. Es dauerte schliesslich eine ganze Woche lang, bis ich endlich mit kleinen Speed-Booten im brasilianischen Manaus ankam und die «MS-Bremen» nach 1000 km wilder Bootsfahrt durch den Urwald endlich eingeholt hatte. Auf der abenteuerlichen Bootsreise wurde mir ein Rucksack gestohlen und der Grenzübertritt von Peru nach Brasilien war auch nicht ohne. Wir kamen in finsterster Nacht an der Grenze an. Vor Ort gab es keine Hütte zum Schlafen. Auf der anderen Seite in Brasilien schon. Zwei Mitreisende und ich fanden einen alten Mann, der uns in der stockfinsteren Nacht über den Grenzfluss fuhr und am nächsten Morgen wieder in Brasilien abholte und uns nach Peru zurück brachte, da wir einen ordentlichen Grenzübertritt machen mussten, um nicht illegal in Brasilien anzukommen.

Nachdem die Operation ordentlicher Grenzübertritt soweit gelungen war und ich also sechs Tage später als geplant, abgebrannt sowie am Ende meiner Kräfte an Bord der «MS Bremen» war, entspannte ich mich erst einmal auf dem Luxusdampfer und wurde wahrlich köstlich und exotisch verpflegt. Nicht nur kulinarisch sondern auch mit wertvollen Informationen und super Vorträgen über die jeweilige Region, garniert mit fantastischen Büffets und niveauvollem Unterhaltungsangebot.

Die MS Bremen bietet alles, was das Entdeckerherz begehrt: Eine 100-köpfige, perfekt aufeinander abgespielte Crew, die stets darum bemüht ist, den Passagieren jeden Wunsch zu erfüllen und sie mit kleinen Aufmerksamkeiten glücklich zu machen. Auch bietet das Kreuz-fahrtschiff eine große Auswahl an Möglichkeiten zur abwechslungsreichen Gestaltung der Tage an Bord mit verschiedensten individuellen Tätigkeiten. Ausflüge mit den PS-starken Schlauchboten ermöglichen den Zugang zu sonst unzugänglichen Regionen und daher auch eine sehr intensive Wahrnehmung all der geheimnisvollen und wunderschönen exotischen Orte und Begegnungen mit der Fauna, die aus beeindruckender Nähe erlebt werden können. Und dank den sich an Bord befindlichen wissenschaftlichen Referenten erfährt man mehr über die ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge zwischen Nutzung und Ausbeutung.

Kaimane, Rosa Flussdelfine und Wasserbüffel bevölkern den mächtigen Fluss und lassen sich höchst bequem vom Deck des Luxus-Kreuzschiffes aus beobachten. Das Schiff bahnt sich unbeirrt den Weg durch den Dschungel. Vorbei an flinken Affen und gemächlichen Faultieren geht die Fahrt von Peru, durch Kolumbien und Brasilien bis zum Delta am Atalantik. Da der Flusslauf des Amazonas im Oberlauf noch sehr untief ist, kommen eben nur kleinere Flusskreuzfahrt und Expeditionsschiffe zum Einsatz.

An Bord dabei waren Dr. John H. Harwood, Neotropikaner der Amanzonas-Region und Biomassen-Experte (INPA), dann Prof. Dr. Lothar Staeck von der Technischen Uni-versität in Berlin, Experte für Biologier und Artenvielfallt, ebenso Dr. Harmut Roder, Historiker und Museumswissenschaftler und Lehrbeauftragter der Hochschule in Bremen, Dr. Thomas Henningsen, Experte für Meeresbiologie und Flussdelphine sowie Kampagnenleiter für die Bereiche Wälder und Meere bei «Greenpeace» Deutschland sowie Frau Dr. Claudia Roedel, Expertin für Biologie und tropische Ökolo-gie. Also ein wahrhaft namhaftes Expertenteam, das in solch einer breit diversifizierten und hochkarätigen Besetzung selten auf einer Amazonas-Kreuzfahrt zu finden ist. Geplant war, in Iquitos an Bord der «MS Bremen» zu gehen und zwar von Cachamarca im Hochland von Peru bei den Inka-Thermalquellen aus via Stoppover in Lima her kommend.

So verläuft die Schiffsreise über gut 1700 Kilometer via Pevas bis nach Leticia ins Dreiländereck Brasilien, Peru und Kolumbien und ins Reich der Drogenbarone und Schmuggler hinunter. In der oberen Amazonasregion am Rio Negro und Rio Tabajos werden die Expeditions-gäste komfortabel und sicher mit den Zodiac’s des Mutterschiffs in die umliegenden Wasseradern des grössten Flussgebietes der Welt geführt. Wissenschaftler begleiten die Ausflüge und erklären den Kreuzfahrern die üppige Wildnis sowie die artenreiche Fauna und Flora. Stück um Stück setzt sich ein komplexes Puzzle biologischer, geologischer und meteorologischen Einflüssen zusammen und ergeben ein facettenreiches Bild dieses fantastischen Ökosystems.

Durch die Vorträge renommierter Wissenschaftler, Amazonas-Forscher und Umwelt-schützern erhalten die Gäste an Bord der MS Bremen fundierte Hintergrundinformationen über die Biodiversität des Regenwaldes. In den täglichen „Recap’s“ fassen die Referenten die Eindrücke zusammen und geben weitere Geheimnisse des Urwaldes preis. So vergeht die Zeit an Bord der MS Bremen sehr schnell und nach fünf fantastischen Flussfahrtstagen ist bereits die Oper von Manaus in Sichtweite gerückt.

Das berühmte «Theatro do Amazonas» mit seiner glitzernden Kuppel ist das krönende Kulturerbe des hiesigen Kautschukbooms, der das Urwaldnest Mitte des 19. Jahrhunderts über Nacht in die reichste Stadt Brasiliens und der Welt verwandelte.Der Prachtbau im Urwald ist Zeuge des ungeheuren Reichtums der Gummibarone, die zu jener Zeit den höchsten Verbrauch an Diamanten und Edelsteinen hatten, ihre Hemden zum Stärken nach Lissabon schickten und die Fin-de-Siècle-Markthalle bei Gustave Eiffel in Auftrag gaben.50 Jahre lang dauerte die Goldgräberstimmung der eitlen und mächtigen Gummibarone an, bis ein Engländer die wertvollen Kautschuksamen in einem ausge-stopften Krokodil ausser Landes nach England schmuggelte.

In London konnten daraufhin ein Dutzend Samen der hevea brasiliensis kultiviert und bald darauf in Malaysia en gros angepflanzt werden. Schon 1912 hatten die britischen Plantagen in Asien Manaus vom Weltmarkt verdrängt. Zwei Millionen Gummizapfer wurden innert Kürze im Amazonas arbeitslos. Heute baumeln in den Markthallen von Manaus nebst Fleisch- und Fischstücken zwischen Frucht- und Gemüseständen auch allerlei Indianer-Fetische. Auch breitet sich ein würziges Sammelsurium von Pulvern und Salben, Pasten und Wurzeln aus. Eine der Mixturen nennt sich Viagra regional und findet reissenden Absatz. Kondome hingegen sind bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung verpönt. Der Kinderreichtum ist entsprechend hoch.

Gleich nach Manaus kommt es zur Vereinigung der beiden grossen Urwaldströme Rio Negro und Rio Solimoes. Aus der Luft siehtes aus. wie wenn zwei Riesen-Anacondas sich umschlingen. Erst nach der Vereinigung der beiden Flüsse, dem encouentro das aguas, erlaubt der Atlas die offizielle Bezeichnung Rio Amazonas. Die beiden Fluss-Mäander umschlingen sich wie zwei Riesen-Anacondas, bevor sie sich gemeinsam weit über tausend Kilometer durch die grüne Lunge Brasiliens winden. Sie hinterlassen links und rechts der Hauptschlagader zahlreiche Seitenarme, Tümpel und Biotope.

In diesen Refugien steigen Wolken von bunten Papageien auf, schiessen die Eisvögel flink übers Wasser und die Brüllaffen turnen um die Wette im Geäst der tennisplatzgrossen Baumkronen. Denn die Urwaldriesen wie die Parakautschuk-, Woll-, Paranuss- oder Kapokbäume werden 40 bis 60 Meter hoch und beanspruchen das meiste Sonnenlicht für sich und für die Fotosyntese, die der Welt ihren Atem einhauchen. In den darunter liegenden schattigen Etagen gedeihen Palmen, Myrten, Lorbeer, Zedrelen und die begehrten Mahagonibäume. Diese bieten ihrerseits wiederum anderen Pflanzen Lebensraum, insbesondere allen Arten von Epiphyten, die ohne Wurzeln im Boden als Schmarotzer in den Rinden ihrer Artgenossen vegetieren.

Der nächste Halt der «MS Bremen» ist in Paritins. Jeweils Ende Juni verwandelt sich die Stadt auf der Fluss- Insel für drei Tage in einen brodelnden Hexenkessel. Dann beginnt die grösste Amazonas-Party – ein Spektakel, dass dem Karneval ähnelt. Fast haushohe, fantastische Kostüm- kreationen paradieren durch die Strassen: Delphine in Schiffsgrosse, Riesen-Wildschweine, Schlangen, Federvieh und Fabelwesen gibt es zum tänzerischen und musikalischen Spektakel zu bewundern. Dazu drehen und winden sich federnumwölkte Primaballerinas und spärlich bekleidete Flussnympfen im Schein der bunten Lichter.

Auch die Sänger, Musikanten und das Publikum lassen ihre kräftigen, halbnackten Körper ekstatisch zu den Trommelwirbeln und Klängen der Sertaneja-Musik rythmisch zucken. Natürlich fliesst auch der Caipirinha (Zuckerrohrschnaps) in Strömen und Wolken von Marihuana liegen in der Luft. Bis zu 250’000 Besucher aus allen Teilen des Amazonasgebietes strömen auf Einbäumen, Yachten und Amazonasschiffen durch die zahlreichen Flussläufe nach Paritins. Der Höhepunkt findet im Bumbodromo, dem eigens für die Show eingerichteten Amphitheater am Flussufer statt. Bis zu 35’000 Menschen reiben sich dann schwitzend bis zum orgiastischen Delirium aneinander.

Der amazonische Regenwald verbraucht für die Fotosynthese mehr Kohlendioxyd, als irgendein anderes Gebiet auf der Welt. Durch die Bindung von Feuchtigkeit bilden tropische Regenwälder die grösste Süsswasserreserve der Welt. Existieren sie nicht mehr, verstärken sich die Verdunstungseffekte und die Niederschläge gelangen direkt ins offene Meer, was Trockenheit und Dürre zur Folge hat. Durch die Verringerung des Waldbestandes steigt der Kohlendioxydgehalt in der Erdatmosphäre, was wiederum auch den Treibhauseffekt anheizt. Auch als Sauerstoff-Produzent dürfen die Regenwälder nicht unterschätzt werden.

Nach dem Phyto-plankton im Meer produzieren sie am meisten Sauerstoff. Anderseits binden Sie durch die Fotosynthese grosse Mengen an CO2. Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe und Brandrodung verschärft sich das Problem ausserordentlich. Laut Wissenschaftlern sind bereits 17% des Amazonas-Regenwaldes durch Rodung verloren gegangen. Und ein Ende des Raubbaus ist nicht in Sicht. Dabei enthält ein Hektar Wald hier 60 bis 200 verschiedene Baumarten. In unseren Breitengraden sind es nur etwa zehn im Schnitt. Die Zahl der Pflanzenarten wird auf über 30’000 geschätzt, davon über 4000 Baum- und nahezu 1500 Bromelienarten.

Nach diesem vertieften Einblick in der brasilianischen Kulturszene ging die Schiffsreise weiter via Santarem zum brasilianischen Bade-ferienort Alter do Chao am Rio Tapajos, die den Gästen einen wunderschönen Badeausflug auf der Landzunge zwischen den beiden Fluss-armen bietet. Als die MS Bremen bei Sonnenuntergang von hier ablegt, bricht über Nacht auch der letzte Teil der Amazonas-Flussreise an, denn das Delta ist erreicht und das Meer in Sicht. Nun begibt sich das Schiff auf hohe See mit dem Ziel Frz. Guyana, wo Europa in der grünen Hölle des Amazonas ausufert und die exotischsten Europäer leben.

Die Überfahrt war ruhig, spiegelglatt das Meer und endlos der Horizont. Zum ersten Mal bin ich in Havanna mit einem Kreuzschiff angekommen und an der Skyline des Malecons vorbeigefahren und das ist schon ein ganz anderer, erhabener Anblick und eine neue Form der Begrüssung auf der Zucker- und Tabakinsel. Viel besser als der Anblick auf die Bucht von der gegenüberliegenden Festung. Jetzt verlassen wir Lateinamerika und brechen nach Asien auf. Mal sehen, was es dort spannendes zu erleben gibt.

5. Asien: Magische Highlights und Desasters

Sri Lanka 1992: Die Perle des Orients nach dem Bürgerkrieg

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=35115 )

Ceylon‘s Vergangenheit ist voll Zauber, Mythen und Gewalttaten. Sri Lanka’s Geschichte ist aber auch wie ein Märchen aus «1001 Nacht». Als die Griechen den Zenit überschritten hatten, war Sri Lanka bereits Lebensraum einer hochentwickelten Kultur und Metropole der damaligen fernöstlichen Welt. Noch heute hat die metamorphorische Bezeichnung Perle des Orients Gültigkeit, auch wenn Armut und die Folgen des Bürgerkrieges ein kontroverses Zeugnis ablegten. Doch schon die Araber schwärmten und nannten Sri Lanka «Serendib», die «Insel der Glücklichen» – meinten aber kaum die politischen Verhältnisse und Intrigen, unter denen die Völkergemeinschaft am Südzipfel Indiens oft litt, sondern den paradiesischen Zuständen hinsichtlich des Agrarreichtums, der später auch zur Ausbeutung durch die Kolonial-mächte führte. Die Liste derer, die sich um die Vorherrschaft der Gewürzinsel stritten ist lang. Erst griffen die Chinesen, dann die Malayen und auch die Inder das Königreich des anaradhapuristischen Herrschers an – deren Einfluss vom Tiber bis zum Gelben Meer reichte. Ab 1505 folgten die schlimmsten Eroberer –man kann es sich denken, die Europäer. Portugiesen und Holländer rissen die Insel mehrmals an sich, bevor die Engländer dem Hin- und Her ein Ende machten. Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1848 zeigten sich bei der Machtverteilung erneut die alten ethnischen Spannungen: Singhalesische Nationalisten und der buddhistische Klerus wehrten sich die Vorherrschaft der Tamilen (Hindis) in Verwaltung, Handel und den freien Berufen und wollten zur singhalesische Dominanz zurückkehren. In der Folge wurden die Rechte der Tamilen schrittweise abgebaut, wodurch sich dir jüngeren Leute radikalisierten und als «Befreiungstiger» den bewaffneten Kamp aufnahmen.

Kriegerische Akte haben hier Tradition – das wird einem bewusst beim Besuch der antiken Tempelstätte in Sri Lanka. Immer wieder kam es in der Geschichte des Inselstaates zu dynastischen oder ethnischen Machtkämpfen. Schon die erste Königsstadt Anarudhapura (4. Jh. Vor Chr.) erlebten während 1400 Jahren des Bestehens 121 Könige. Die singhalesische Herrscherserie wurde vom Chola-König Elara (2. Jh. V. Chr.) unterbrochen. Dem Heldenkönig Dutugemenu gelang es, die Vorherrschaft zurückzuerobern. Auch um die imposanten Felsenpalast von Sigirya ranken sich gewaltige Legenden: Um an die Macht zu kommen, mauerte Kasyapaya seinen Vater, den König, bei lebendigem Leib ein. Und als Schutz vor dem entthronten Prinzen (und Halbbruder) Moggalana baute er im Jahre 473 n. Chr. Die Felsenburg Sigiriya. Diese Festung sollte ihn von seinen ärgsten Befürchtungen schützen und Platz schaffen für seine schönsten Träume, die er in Form und Figur von nackten vollbusigen Frauen in Wickelröcken als pittoreske Fresken erstellen liess.

Nicht minder beeindruckend sind die Paläste und Tempel der erhabenen Stadt, wie Polonnaruwa, wie die zweite Königsstadt nach Kandy genannt wird. Die Monumente zeugen von der Pracht und dem Glanz  des einstigen Herrscherreiches. Mönche in leuchtend orange Talare gehüllt, pilgern aus allen Teilen des Landes heran. Sie beten am Fuss der Gal Vilhare, einer in den Fels gehauenen Skulpturengruppe, die drei Buddhastatuen in meditierender, also sitzender, liegender und ins Nirwna übertretender Haltung zeigt und die Quintessenz des buddhistischen Glaubens offenbart. Ein Rundgang durch die von Parakamabahu im 12. Jahrhundert angelegte Tempelstadt mit ausgeklügelten Bewässerungskanälen  ist eine Reise durch die epochale Vergangenheit.

In Kandys engen Strassen brodelt es wie in einem Hexenkessel: Fröhliche Menschen in farbenprächtigen saris und Sarongs gehüllt, Elefanten, die Autos abschleppen oder in die Schranken weisen, Ochsenkarren, turmhoch mit Palmweinfässern beladen, schlängeln sich nebst hupenden Bussen, Autos und Mopeds durch die engen Gassen. Fliegende Händler verhökern ihre funkelnde Ware: scharlachrote Rubine, Aquamarine und Mondsteine. Von den Gewürzständen wehen herrliche Düfte herüber. Berge aus Zimt, Kardamon, Tee und Kaffee, Chilli und Pfefferschoten türmen sich auf den Strassenständen. Koriander, Kardamon und Kümmel, Gelbwurz, Gewürz-nelken, Paprika und feinstes Curry werden hier feilgeboten. Aber der imposanteste Ort ist die Wolkenstadt Nurwa Eliya, die man auf einer spektakulären Reise durch die mäandrierenden Teeanbaugebiete erlebt. Nach 100 Kilometern und rund 1000 Höhenmetern ist man am Ziel angelangt.

Malediven 93: Erste Anzeichen des Klimawandels werden sichtbar

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Via Sri Lanka, dass ich zehn Tage lang auf einer kulturellen Rundreise kennenlernte und mit zahlreichen Besuchen in Ayurveda-Kliniken garnierte, um mehr über das 3000 jährige Gesundheitswissen zu erfahren, gelangte ich in die Malediven. Dank der grossen Entfernung zum Kontinent als auch die gigantischen insularen Distanzen von 764 km Länge und 128 km Breite, konnte sich das Inselreich dem Zugriff der Kolonialmächte entziehen. Das Staatsgebiet des Inselreichs umfasst 90’000 qkm  und beherbergt über 1300 Islande. Den grössten Einfluss übten die Araber auf die Dhivehi-Insulaner aus. Die Islamisierung begann bereits im Jahre 1153, als der buddhistische König Kalamaninja zum Islam bekehrte. Die Kalamaninja Dynastie währte 148 Jahre und regierte mit 15 Sultanen. Weitere 78 Sultane folgten in der über 800 jährigen Geschichte der Malediven.

Wie eine leuchtend weisse Perlenkette heben sich die knapp 1800 Korallenatolle vom tiefblauen Indi-schen Ozean ab. Ein Mosaik aus Licht und Farben umspielt die von Norden nach Süden über sieben Breitengrade hinweg versprengte Inselkette. Jedes dieser von smargdgrüner Vegetation überzogenen und mit türkisblauen Lagunen und kranzförmigen Riffen umsäumte Eilande, welche sich aus der Tiefe des Meeresbodens erheben und dessen opulente Unterwasserpracht nach oben kehren, sieht wieder etwas an-ders aus. Die Aussenriffe schirmen das oft nur wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche ragende Atoll gegen die Brandung ab. Farbenprächtige Korallengärten beherbergten damals eine ungeheure Artenfülle. Eine Bilderbuchidylle von Meer, Sonne und Palmenstrand und abgeschiedener Inselromantik sowie ein Eldorado für Taucher als auch Wassersportler, erwartete mich auf der ersten Touristeninsel Ihuru. Die Schattenseiten: Ein fragiles Öko-system, das insbesondere durch den Tourismus gefährdet ist.

Ein Inselreich, das durch die globale Kli-maerwärmung und den Anstieg des Meeresspiegels bereits in den frühen 90er Jahren sichtbar in seiner Existenz bedroht und wohl unwiderruflich dem Untergang geweiht ist. Die Abfallberge, die die Touristen auf den Inseln und auf der nahe Male gelegenen Müllinsel zurück-lassen, sind Zeugnisse der wachsenden Umweltverschmutzung und der Zerstörung fragiler Ökosysteme. Seit der Tourismus den Fischfang als Haupteinnahmequelle abgelöst hat, hat sich mit dem Touristenboom auch eine Müllflut über die Touristeninseln und die Korallengärten ergossen. Ausser Fisch, Kokosnüssen und Bananen müssen alle anderen Konsumgüter importiert werden. Der Spritverbrauch für den Transport der Güter zu den Touristeninseln verschlang damals schon viel Treibstoff und schlug sich an zweiter Stelle in der Importstatistik nieder.

Auf Ihuru sah ich damals schon, wie die einheimischen Fischer Schiffsladungen von Sandsäcken heranführten und am Strand Wälle gegen die Erosion aufschichteten. Dies führte mir vor fast 30 Jahren vor Augen, dass es einen Klimawandel gibt, der noch als «El-Nino»-Effekt heruntergespielt wurde. Doch mit zunehmender Erkenntnis über die weltweite Gletscherschmelze und dass damit der Meeresspiegel ansteigen und die klimaentscheidende Atlantikwalze abrupt abreissen werde, publizierte ich mehrere Berichte und Kommentare in Schweizer Tageszeitungen.

Damals schon zeichnete sich die globale Erwärmung ab, die dann vier Jahre später im ersten «IPPC»-Bericht ausführlich und wissenschaftlich fundiert dargelegt wurde. Der «El nino» Effekt zerstörte 1993 die submarine Korallenwelt der Malediven dramatisch. Sie bleichte aus und starb weitgehend ab. Zum Glück erlebte ich die unglaubliche Farbenpracht der schillernden Weichkorallengärten noch bei meinen ersten Tauchgängen auf Ihuru und Rihiveli sowie auf den Schwesterinseln «Dighofinolu »und «Veliganda Hura». Vier Jahre später reiste ich ins Ari Atoll zur Insel Makafushi und nahm an einer Frachterversenkung teil, mit der wieder ein künstliches Korallenriff geschaffen werden sollte. Doch das alles sind Tropfen auf einen heissen Stein und so werden die Malediven in weniger als 50 Jahren wieder in den Fluten untergehen und als versunkenes Inselatoll in Erinnerung bleiben.

1992 an der Konferenz in Rio für nachhaltige Entwicklung war der Tourismus noch kein Thema. Doch das änderte sich danach rasch durch das globale Flugverkehrswachstum. 1994 publizierte das «World Travel and Tourism Council» (WTTC) und die «World Tourism Organization» (WTO) gemeinsam mit dem «Earth Council» die «Agenda 21» für die Reise und Tourismusindustrie und wandten sich mit einem Appell an die Vereinten Nationen, die «Agenda 21» besser zu verankern. Doch erst im April 1999 legte die Kommission ein erstes Vier-Jahresprogramm über «Tourismus und Nachhaltige Entwicklung» vor. In der Zwischenzeit entstand eine Flut von Öko-Gütelsiegel und Öko-Zertifizierungen und auch die CO2-Kompensationsmodelle wie «My Climate» beim Fliegen, die alle eine Art ökologische Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen, was reel betrachte natürlich keineswegs der Fall ist. 

Borneo 96: Mit handicapiertem Orang Utan durch den Urwald pirschend

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1996 unternahm ich eine Reise nach Malaysia zur Feier der 50 jährigen Unabhängigkeit von der britischen Krone und nach der Staatsfeier mit allen asiatischen Staatschefs reiste ich erst zehn Tage lang mit dem Auto in ganz Malaysia rum und besuchte den Taman Negara Nationalpark im Regenwald bevor ich nach Borneo flog und in Sarawak landete. Ziel war es, die Situation der Waldrodung für die Palmöl-gewinnung und die Lage der Orang Utan, deren Lebensraum zerstört wurde, zu erkunden. Beim Lake Batang Ai startete ich die Expedition in den Regenwald und mietete einen Führer mit Einbaumboot der mich zu den hier lebenden Iban Headhunters führen sollte.

Nach zwei Tagesreisen vom Lake Batang Ai aus mit einem Kanu Flussaufwärts durch das Meer der abgeholzten, flussabwärts strömenden Tropenstämme, landete ich in so einem Langhaus-Dorf. Diese Langhäuser sind auf Stelzen gebaut, bis zu 100 Meter lang und haben einen durchgehenden breiten Gang der zur Längsveranda führt. Im Langhaus ist dann eine Wohnung neben der anderen angereiht. Damit jeder weiss, was der andere der Sippe macht. Leider war es sehr umständlich, mit den Headhuntern Gespräche über ihre Traditionen und Lebensweise zu führen, da niemand Englisch verstand. Also ging alles nur über Beobachten und eine «Low-level»-Kommunikation. Zudem erkrankte ich an Malaria, die mich komplett flach legte. Zwar hatte ich einige «Lariam»-Tabletten geschluckt, aber es ging mir immer noch sehr schlecht. Von Fieber-krämpfen geschüttelt und schachmatt, lag ich drei Tage wie eine tote Fliege im «Longhaus» der Kopfjäger herum, bevor ich mit dem Einbaum retour zu einem Dschungelcamp fahren konnte, das über eine Funkstation verfügte.

Dort versuchte ich mit der Schweiz über die Funkverbindung und dem andernorts ans Funkgerät gehalten Telefonhörer, mit meiner Familie Kontakt aufzunehmen. Als zu Hause in der Schweiz das Tonbandgerät statt einer Verbindung zustande kam, weil es dort mitten in der Nacht war, sagte ich nur kurz, dass ich mich verabschieden wolle, weil ich die Nacht wohl nicht mehr überleben würde. Danach legte ich mich von weiteren Fieberschüben durchge-schüttelt draussen unter den nächtlichen Sternenhimmel hin. Ich wollte wenigstens im Freien sterben und nicht in der winzigen, stickigen Bretterbude, in der man mich einquartiert hatte.

Was nun geschah war einzigartig und fuhr mir fundamental ein. Ob es nur Halunzinationen waren oder ob ich tatsächlich von der Him-melfahrt zurückgeholt wurde, ist bis heute nicht klar. Jedenfalls sah ich rein optisch schon die Sterne mit kometenhaft rasender Geschwin-digkeit auf mich zukommen und fühlte mich schwerelos in den Orbit hoch gezogen und gleitete sozusagen wie das Raumschiff «Enterprise», das mit Lichtgeschwindigkeit durch den Orbit düste, dem Sternenhimmel entgegen. Aber da die Sterne ja nicht auf mich zukommen können, wurde mir klar, dass ich entweder wie ein Engel abgehoben bin und nun mit Lichtgeschwindigkeit dem funkelnden Firmament entgegen raste oder mein fieberndes Hirn seine Mätzchen mit meinem Astralkörper treibt und die Reise zu den Sternen nur eine hallunzigone Vision, ulta spannend und wahrlich erleuchtend war.

Da erscholl ein Schrei und Kreischen in meinen Ohren und ich hörte meine Tochter und ihre Mutter in entsetzten Tönen heulen, verstand aber kein Wort. „Was zum Teufel wollen die denn hier oben“, dachte ich einen Moment lang und dann beschäftigte mich die Stimme meiner kleinen Tochter so sehr, dass mein Lichtgeschwindigkeit-Flug zu den Sternen jäh an Fahrt verlor und ich eine Schlaufe zurück zur Erde vollzog und mir sagte, dass die Zeit, abzutreten, noch nicht gekommen ist, da es ja zwei Menschen gibt, die mich brauchen. Also schluckte ich noch drei «Lariam»-Tabletten und hatte nun die Dosis für einen Elefanten erreicht, wie mir ein Tropenmediziner einige Tage später sagte. Doch ging es danach langsam wieder bergauf.

Mit Hilfe der Dschungelcamp-Bewohner kam ich wieder auf die Füsse, reiste weiter nach Kota Kinabalu zur Orang Utan Reha-bilitationsstation in Sepilok und kam gerade zur rechten Zeit, weil um 11.00 Uhr die Fütterung der Orang Utan von einer Plattform ungefähr zwei Kilometer weiter im Waldesinnern stattfand. Zwei Touristengruppen waren schon vor mir auf dem Holzsteg losmarschiert, der gut zwei Meter über Boden in den Regenwald zur grossen Besucherplattform und den dahinter befindlichen zwei Fütterungsplätze in den Bäumen rein führte. Als ich mit meinem Teleobjektiv langsam auf die Szenerie zukomme und die jungen Orang Utans auf den Fütterungsplätzen, als auch den ausgewachsenen Orang Utan an dem Drahtseil hängend erkenne, das zwischen den beiden Fütterungsplätzen gespannt war, hörte ich auch die Rufe einzelner Besucher, die den grossen Orang Utan dazu bewegen wollten, sich umzudrehen, da er uns allen nur seinen Hintern entgegen reckte. Die vereinzelten Rufe waren vergeblich. Als Fotograf war ich ebenfalls interessiert, dass der fette Kerl uns sein Antlitz zeigt. So stiess ich ein paar laute Grunzlaute aus, wie ich sie schon gehört hatte und traf offenbar den richtigen Ton. Und siehe da, im Nu drehte sich der Orang Utan um und sah neugierig zu uns rüber. Perfekt: „Ready fürs Foto-Shooting!“

Danach blieb ich noch eine Weile, sah zu wie die Babies ihre Nahrung bekamen und verschlangen und dann wieder abrupt in den Bäumen verschwanden. Doch wollte ich nach der Fütterung vor den anderen wieder zurück in der Reha-Station sein und machte mich etwas früher auf den Rückweg auf dem Steg. Als ich an einem jungen handicapierter Orang Utan, mit einem abgehackten, aber schon verheilten Arm vorbeischleichen wollte, der rücklings auf dem Steg lag und den Durchgang blockierte, packte er mich am Unterschenkel. Was sollte ich tun? Als ich seine Hand, die mein Bein umklammerte, sachte lösen wollte, nahm er mich einfach bei der Hand also am Handgelenk, worauf wir beide, der junge Orang Utan und der immer noch fiebernde und verschwitze Fotograf Hand in Hand bis zur Station liefen. Das war ein herrliches Gefühl. Der Orang Utan hätte mich gleich mit hinauf in die Baumkronen zu seinen Kumpanen mitnehmen können. Das ging zwar nicht, dafür hatte ich aber einen verdammt guten Approach in der Reha-Station, als wir immer noch Hand in Hand wie gute Freunde dort eintrafen, um mit dem Stations-Leiter zu sprechen. Also ich wenigstens, ob der Orang Utan auch mit ihm sprach, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Reportage über die «bedrohten» Menschenaffen kam in den Schweizer Medien gut an und nebst den sieben Tageszeitungen, die den Bericht abdruckten, publizierte auch der «Brückenbauer» damals die Story mit einem Spendenaufruf, worauf einige zehntausend Franken zusammen und der Orang Utan Reha Station in Sepilok zu Gute kamen.

Der Orang Utan, auf malaiisch der „Waldmensch“, ist seit Mitte der 60er Jahre vom Aussterben bedroht. Trotz internationaler Artenschutz-abkommen, damals noch äusserst restriktiven Handelsabkommen und den beiden Rehabilitationsstationen auf Semengho in Sarawak und Sepilok in Sabah auf der malaiischen Insel Borneo sind die nahen Verwandten des Homo Sapiens akut gefährtet. Die Gier nach Tropenholz und Palmöl zerstören ihren Lebensraum, den Primärwald. Durch die Vernichtung ihrer Refugien sind sie heute in kleinen Gruppen isoliert. Bekannt sind die Menschenaffen durch den Schweizer Umwelt- und Menschenrecht-Aktivisten Bruno Manser geworden, der sich vehement für die Ureinwohner des Regenwaldes, die einstigen Kopfjäger, eingesetzt hat und dann spurlos verschwand und möglicherweise von der „Holzmafia“ ermordet wurde, denen er ein Dorn im Auge war.

Das freute mich umso mehr, als ich doch durch den Schweizer Etnologen und Umweltaktivisten Bruno Manser inspieriert war, den indigenen Völker zu helfen, den artenreichen Lebensraum und die Prímärwälder zu schützen und daher dies ein erster Beitrag in diese Richtung war. Der Appenzeller Bruno Manser lebte von 1984 bis 1990 auf Borneo, machte Aufzeichnungen über die Fauna und Flora des tropischen Regenwaldes und lernte die Sprache und Kultur der Penan, einer NomadenVolksgruppe auf Borneo kennen und lebte mit ihnen zusammen. 1990 musste er in die Schweiz fliehen, nachdem er von der malaysischen Regierung ausgewiesen und zur „unerwünschten Person“ erklärt wurde. Auch ein Kopfgeld von 50000 Dollar wurden auf ihn ausgesetzt. 1993 beteiligte sich Manser an einer Fastenaktion und. einem Hungerstreik vor dem Bundeshaus in Bern zum Protest gegen den Import von Tropenholz. Im Jahr 2000 reiste er trotz Einreise-verbot und ausgesetztem Kopfgeld vom indonesischen Teil Borneos (Kalimantan) über die grüne Grenze in das malaysische Sarawak zu den Penan und ward nie mehr gesehen. Seither gilt Bruno Manser als verschollen und wurde 2005 amtlich für tot erklärt.

Wie sieht die Situation heute aus? Der Lebensraum der Menschenaffen hat sich weiter drastisch reduziert und so ist auch ihr Bestand nicht gewachsen sondern wurde weiter dezimiert. Zwar haben Genomiker an Universität in Zürich kürzlich eine neue Art auf Sumatra entdeckt, den Tapanuli-Orang Utan, deren Refugium in den zerklüfteten Bergen der Region Batang Toru in Indonesien liegt. Ein erschossener Orang Utan in Raja wurde näher untersucht und von den Wissenschaftlern als neue Art eingestuft. Sie wird zugleich aber auch die Art sein, die am schnellsten wieder verschwunden sein wird. Die geschätzten 800 Primaten sind wie auf Borneo auch hier von Palmölplantagen, Wald-rodungen, Zersiedlung und von einem Staudamm-Projekt betroffen. Und nicht nur sie sterben lautlos aus. Auch viele andere Spezies gehen unter. Eine Million Arten sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Das ist das vernichtende Fazit des «Weltbiodiversitäts-rates» (IPBES) von 2019. Reptilien und Vögel haben es schwer, aber auch immer mehr Säugetiere sterben aus. 540 Landwirbelarten wurden im 20 Jahrhundert ausgerottet. Die meisten im asiatischen Raum.

Die Schweiz hat gerade mit Indonesien ein umstrittenes Wirtschaftsabkommen abgeschlossen und setzt dabei im Abkommen auf «RSPO»-Standards, die in Zusammenarbeit mit Unternehmen, Umweltorganisationen und Hilfswerken entstanden war. Gemäss dem Verordnungsentwurf würden Zertifizierungen nach vier Standards geprüft. Neben dem «Round table on sustainabel Palm Oil» (RSPO) der «Standard ISCC Plus» (International Sustainability and Carbon Certification) und die sogenannte «POIG» (Palm Oil Innovation Group). Doch damit werden weder die Abholzung noch Staudamm-Projekte gestoppt und auch der Lebens-raum der Orang Utan und vieler anderer Spezies ist dem Untergang geweiht. Ein Abkommen mit Nachhaltigkeitszielen ist zwar ein Fortschritt, ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass der Raubbau weiter geht und es zu wenig Schutzgebiete gibt. Der Bedarf an Palmöl ist extrem gestiegen. Entsprechend wuchs die Anbaufläche, die nur durch Rodung des Primärwaldes zustande kam. Seit 2008 ist die Fläche dafür jährlich um 0,7 Millionen Hektaren angestiegen, eine Fläche viermal so gross wie der Kanton Zürich. Und der Bedarf wird sich bis 2050 voraussichtlich verdoppeln. Auf der Insel Borneo gehen 50 Prozent der Rodungen auf den Palmölanbau zurück. Im viel grösseren Indonesien sind es auch schon 20 Prozent. Es gibt zwar auch positive Anzeichen der RSPO-Zertifizierung, doch das Gros der Betriebe handeln nach dem Prinzip der Ökonomie der Grösse (70 Prozent) und nur ein Drittel werden über Kleinbauern und Kooperativen angebaut. Damit bleibt das weitere Zerstörungspotential eminent hoch.

Sechs Prozent aller Tierarten befinden sich auf der Insel Borneo. Seit über 4000 Jahren werden die Regenwälder Borneos von den Indigenen bevölkert. Im Laufe der letzten 50 Jahren wurde knapp die Hälfte des Regenwaldes in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos abge-holzt. Es gibt tausende von Landkonflikten von indigenen Gemeinden mit grossen Holzunternehmen. Zwar gibt es seit 30 Jahren eine Kon-vention zum Schutz der Regenwälder, doch die wurde nie vom indonesischen Parlament ratifiziert und umgesetzt. Ausserdem ist zu beobachten, dass fast alle Politiker entweder ehemalige oder noch amtierende Holzindustrielle in Jakarta sind, wie Norman Jiwan von der NGO «TuK» berichtet. Und von der Palmölindustrie profitieren nur weniger als 30 der reichsten indonesischen Familien.

Da die Rechte der indigenen Völker und ihre seit Jahrhunderten ökologisch genutzter Grundbesitz nicht annerkannt sind, kann die Holztindustrie schalten und walten wie sie will, notabene mit den notwendigen Papieren der Regierung. Die Abnehmer der Holzfirmen sind auch die Eigentümer der Palmölindustrie, die so durch den Raubbau gleich doppelt verdienen, denn nur fünf Jahre nach dem Abholzen des Regenwaldes können schon die ersten Gewinne aus dem Palmölgeschäft vernbucht werden. Die Kleptokratie in Indonesien kennt keine Grenzen. Die Rechte der Indigenen Völker werden gnadenlos unterminiert, ihr Grundbesitz kaum oder ohne Entschädigung  enteignet. Ist der Urwald einmal geroderd kann die Regierung ihn problemlos als minderwertigen Wald bzw. landwirtschftliche Nutzfläche deklarieren und an durch Lizenzen an die Palmölgesellschaften verpachten und die lokalen Gemeinschaften verlieren für immer die rechte an ihrem Land. Die internationalen Profiteure nebst den indonesischen Firmen sind  global Players wie «Nestle», «Cargill», «Unilever», «Procter & Gamble» usw..

Die Hafenstadt Samarinda an der Mündung des Flusses Mahakam, ist ideal gelegen um das grünbe Gld nach Übersee zu verschiffen. Das lokale Sägewerk in Samarinda und die Holzfällerfirma sind «FSC»-zertifiziert. Viele streben die «FSC»-Zertifizierungen an und erhalten sie auch, obschon sie ihr Geschäft mit Landraub auf indigenen Gebieten rücksichtslos ausdehnen. Daher kann man den Zertifizierungen keinen Glauben schenken. Es ist reine Augenwischerei, darauf vertrauen zu wollen. Denn die Kontrolleure sogenannter Zertifizierungslabels sind private Firmen, die sich die nächsten Aufträge dadurch sichern wollen, dass sie möglichst viel und bedenkenlos zertifizieren, sagt die öster-reichische «Greenpeace-Sprecherin» Ursula Bittner. „Eines der grössten Probleme bei den Kontrollen sind die Akteure im Geschäft. Je lascher die Kontrollen sind, desto mehr Aufträge fliessen den Kontrolleuren zu“. Das führe zu wenigen und ungenügenden Kontrollen, zu Intransparenz, die kaum eine echte Ursprungs-Rückverfolgbarkeit zulassen, moniert «Greenpeace». Die Entscheidungen orientieren sich an der Industrie und der korrupten Politik. Auch Lukas Straumann vom «Bruno Manser Fond» in Basel bestätigt, dass die Korruption in Malaysia und in Indonesien weitverbreitet ist.

Tropisches Regenwald-Sperrholz gelangte so auch zu den Olympischen Spielen in Tokyo und wurden via die «Firma Sumitomo Forestry», einer der wichtigsten Holzlieferanten für die Olympischen Spiele in den Stadien dafür gebraucht wurden, die Betonfundamente auszu-formen, so Hanna Heineken, Finanzexpertin von «Rainforest Action Network». Die japanische Regierung musste in der Folge zugeben, dass in allen Olympischen Stadien tropisches Regenwaldholz verbaut wurde, das aus zwielichtigen Quellen und von Firmen kam, die in Landkon-flikte, Menschenrechtsverletzungen, Steuerbetrug, Lizenz-Betrug und viele andere Wirtschaftsdelikte involviert waren. Tja und wo ist der Sitz der Olympischen Gemeinde? In der Schweiz, in Lausanne. Da fragt man sich doch, wie weit die Verantwortung des Olympischen Kommitees reicht? Offensichtlich nirgendwo hin! Das «Olympische Kommitee» scherte sich offensichtlich keinen Deut um nachhaltige Spiele und sollte fortan in die Pflicht genommen werden. Leider ist es aber auch so, dass die Schweizer Regierung mit der Indonesischen Regierung ein als nachhaltig gelobtes Witschaftsabkommen abgeschlossen hat, das wie soviele Papiertiger, keinen Cent Wert ist. Es dient lediglich zur Beruhigung allzu gläubiger KonsumentInnen, der Rechtfertigung durch die Ausbeuter und Profiteure in Banken- und Wirtschaftskreisen, niemals aber zum Schutz des Regenwaldes oder zur tatsächlichen Einhaltung indigener Menschenrechte. So auch im malayischen Teil von Borneo. Die Sarawaker Familie Taib Mahmud ist anüber 400 Firmen beteiligt und hat ihr Vermögen in Dutzende von Ländern verschoben. 150 Millionen US Dollar wurden nach Angaben von «Interpol» jährlich von der Taib Mahmud Familie nachweislich über ein internationales Bankengeflecht gewaschen. Die «Deutsche Bank» war da sehr involviert. Auch dem Malayischen Premierminister Najib Rasak wurde im «1MbD-Skandal» nachgewiesen, dass er 681 Millionen Dollar von einer Singaporer Bank erhalten hat, die im Zusammenhang mit der immensen Geldwäsche beim «1MbD-Fund» abgezweigt hat.

Philippines 95: Unglaubliche Geistheiler-Fähigkeiten

Bei einer zweiten Reise in die Philippinen leistete ich mir erst eine Schiffsreise zur Erkundung der Insel Palawan, Busuanga Island und den Coron Inseln zu machen und hernach philippinische Geistheiler in Luzon aufzusuchen. Denn ein halbes Jahr zuvor kam ein knapp 25 jähriger Heiler in die Schweiz und nach Deutschland, der offensichtlich schon Kultstatus hatte. Jedenfalls warteten damals in Zürich gewiss drei Dutzend Personen auf eine kurze Session mit dem Geistheiler. Der Reihe nach fanden sich die Personen in einem abgedunkelten Raum ein und sagten dem in Trance befindlichen Geistheiler kurz ihr Anliegen, worauf er sie untersuchte und abtastete und so merkwürdige Dinge vor meinen Augen tat, wie das Körperöffnen mit der Fingerspitze an gewissen Stellen, worauf die Fleischwunde aufklaffte und er mit den Fingern darin eintauchte. Den philippinischen Geistheilern wird nachgesagt, dass sie die Fähigkeit haben, ihre Finger beim Eintauchen zu entmaterialisieren und so mit dem Körpergewebe zu verschmelzen. Ob man daran und an ihre Fähigkeit Krebstumore zu entfernen glauben mag ist die eine Sache, was ich gesehen habe eine andere. Doch seine Finger, die er tief in das Fleisch reinschob, wurden sogleich unsichtbar unter der Hautoberfläche und verschmolzen mit dem Gewebe. Es waren keine Fingerspitzen oder kuppen mehr zu sehen, nur der Fingeran-satz über der Hautoberfläche blieb ersichtlich. Ich konnte mir das von oben und seitlich von ganz nah anschauen, so unglaublich es war. Als er die Finger herauszog, verschloss sie die klaffende Wunde sofort und zurück blieb eine leicht gerötete Stelle an der Hautoberfläche. „Der absolute Wahnsinn!“ So etwas habe ich noch nie und nur zwei Mal bei zwei Geistheiler, dem in der Schweiz und eben dem hier in Luzon gesehen. Seither nehme ich die Welt mit anderen Augen und Sensoren wahr.

Dieses spirituelle Handwerk faszinierte mich derart, dass ich mich zuvor in Zürich ohne zu zögern in eine Session begab. Mein Anliegen war der starke chronische Husten infolge exzessiven Rauchens. Also drang er erst mit der Hand in meinen Kehlkopf ein, dann als er in meine Brust eindrang, spürte ich einen leichten Spreizdruck auf den Rippen, aber nicht schmerzhaft und zum Schluss spürte ich seine Hände auch noch in meine Bauchhöhle eintauchen. Bei vollem Bewusstsein sah ich zu, wie seine Finger in der klaffenden Wunde verschwanden. Einfach unglaublich die Fähigkeiten dieses jungen spirituellen Geistheiler, der seine Magie direkt von der „Jungfrau Maria“ gespendet erhält, wie er sagte. Aber das verrückteste ist, dass sich der Husten augenblicklich in Luft auflöste, die Lungenfunktion beträchtlich besser war und dieser Zustand gewiss drei, vier Monate anhielt! Auch bei der Mutter meiner Tochter, die einen Krebsabstrich mit einem PAP3 Befund in der Schwangerschaft hatte und deshalb den Heiler aufsuchte, regenerierte sich und die Krebszellen nach dieser Session. Kein Mensch würde mir die Story glauben, wenn ich nicht einige Beweisfotos dieser OP-Schnitte und manuellen, spirituellen Eingriffe gemacht hätte. Das war so faszinierend, dass ich mehr über die Heiler-Methoden der philippinischen Geistheiler auf der Insel Luzon in Erfahrung bringen wollte und dort hin fuhr. Nach längerem Herumfragen fand ich dort dann einen weiteren Geistheiler, der auch westliche Touristen behandelte. Es hatte sich ähnlich, wie bei Ayurveda in Indien, in europäischen Kreisen bei Krebskranken herumgesprochen, dass vielleicht Hoffnung bestand, so geheilt zu werden, wenn die westliche Medizin an den Anschlag kam.

Beim Heiler in Luzon nahm ich an einer Elektro-Kabel-Session teil, bei der die Teilnehmer sich im Kreis die Hände gaben und dann an einen niedrigen Voltanschluss unter Strom gesetzt wurden. Auch der hiesige Geistheiler öffnete die Körper mit seinen Händen und wurstelte darin herum. Manchmal zog er kleine Gewebeteile heraus uns schmiss sie in einen Plastikeimer neben dem Untersuchungsbett. „Das sind Meta-stasen gewesen“, erklärte er und zu gern hätte ich Gewebeproben mitgenommen und untersuchen lassen. Bei diesem Geistheiler war ich nicht ganz so überzeugt, ob es sich hier nicht um ein „Hokuspokus“ handelte, denn es gab auch Mitläufer unter ihnen, die versuchten mit dem Ruf der Geistheiler Geld mit westlichen Touristen zu verdienen. Der junge Philippino, der in der Schweiz war, geniesst aber meinen höchsten Respekt und mein uneingeschränktes Vertrauen. Schliesslich liess sich die Wirkung der aussergewöhnlichen Behandlung bei einigen Personen verifizieren. Die Session in Luzon hat bei mir scheinbar nichts bewirkt aber auch nicht geschadet.

Am Schluss dieser Philippinen Reise erlebte ich noch eine ungemütliche Überraschung. Ich wurde am Flughafen bei der Ausreise verhaftet. Angeblich weil ich den Namen einer Person habe, die in den Philippinen ausgeschrieben war und gesucht wurde. In der Tat haben die Grenzbeamten bei meiner ersten Einreise mich ausführlich zu meinen Namen und meiner Herkunft befragt und wollten wissen, ob ich schon mal in den Philippinen gewesen war? Als ich verneinte liessen sie mich einreisen. Aber jetzt schien das alte Problem wieder auf dem Radar der Migrationsbehörden aufgetaucht und verhinderte meine Ausreise. Also musste ich den Tourismusminister bemühen, auf dessen Ein-ladung ich in den Philippinen war, um nach zwei Tagen von Fieber und Schüttelfrost geplagten Inhaftierung wieder frei kam und ausreisen durfte. Wäre er nicht gewesen, hätte ich nach Manila reisen und mich im Justizministerium präsentieren müssen. Das blieb mir glück-licherweise erspart und damit so etwas anderen Touristen in der Schweiz auch erspart würde, falls dies weiteren Reisenden passiert, publi-zierte ich die Telefonnummer des Justizministers in der Zeitung mit dem Verweis, in so einem Fall solle man sich doch direkt an den Chef der Justizbehörde wenden. Dieser Hinweis in den Medien wurde von der philippinischen Botschaft nicht goutiert. Mehr noch: Ein paar Jahre später bei einer weiteren Presseeinladung in die Philippinen wurde ich dann plötzlich wieder ausgeladen und auch meine Bemühungen bei der philippinischen Botschaft in Bern blieben erfolglos, obschon ich ihnen alle Passauszüge mit meinen Auslandreisen zugesandt habe. Als der philippinische Militärattaché sich mit einem abschlägigen Bescheid bei mir meldete und mich zur Persona non grata stempelte, wusste ich, dass gewiss auch US-Behörden dahinter steckten. Die hatten nun gewiss auch detailliert Kenntnis von meinen zahlreichen Kuba- und Ostblockreisen. Damit war ich definitiv als Sozialisten-Freund auf dem «NSA und «CIA-Radar» angelangt.

Vietnam (1993) entwickelte sich schneller als ein Polaroid-Foto

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=35113 )

Durch die Kooperation mit «Singapore Airlines», die gerade ihren Anfang nahm und dank Chrstina Hollenweger über 15 Jahre lang anhielt, brachte mich nach Vietnam zu einer Zeit, als die kriegsversehrte Nation noch am Boden lag und die Bevölkerung vor Hunger und Entbehrungen darbte. Doch von da an entwickelte sich Vietnam schneller als ein Polaroid-Foto. Ho-Chi-Minh hat abgedankt – Honda und Coca Cola sind «in» geworden. Spektakuläre Landschaften, unverbrauchte Ressourcen, faszinierende, uralte Kulte der Minoritäten und als Kontrast das schnelle Leben der Kinhs in einer turbulenten Aufbruchphase – Vietnam ist ein Land voller Wunder, Wonnen und Wider-spenstigkeiten auf dem Weg zwischen gespenstischer Vergangenheit und hoffnungsgeladener Zukunft. In den Strassen Saigons, dem heuti-gen Ho-Chi-Ming City, spielte sich der verrückteste Tanz auf zwei Rädern ab, den man sich vorstellen kann: Tausende von Moped-Fahrer-Innen brausen oft mit der ganzen Familie, also auch schon Mal zu Viert kreuz und quer, hupend und knatternd durch die Strassen und auf die Kreuzungen zu, verweben sich dort zu einem dichten Knäuel, quetschen und quengeln sich durch den verqueren Richtungs-strom und stieben kurz darauf wieder wie ein Fischschwarm auseinander. Halsbrecherische Manöver sind die einzige Ordnung und verlässliche Konstante in diesem Verkehrschaos. Wer sich nicht selbst auf so ein gemietetes Moped wagt, kann sich von einem Cyclo-Fahrer durch die Strassen kutschieren lassen.

Der Mobilitätswahn signalisierte damals die ungezügelte Aufbruchstimmung und spiegelte den «song voi», das schnelle Leben wieder,  dass die Bewohner von «Motorroller City» wie ein Fieber ergriffen hatte. Für Vietnams Jugend, die den zähen und blutigen Befreiungskampf nur noch aus den Schulbüchern kennt, sind Coca Cola, Hamburger und Honda wichtiger als Ho Chi Mings Revolution. Frech geschminkte Mäd-chen in knallengen Jeans, glutroten Cocktailkleidern oder dottergelben Hot Pants, allesamt auf High Heels stolz durch die Strassen stolzierten, verkörperten den westlich orientierten Trend und kontrastierten das Bild traditionell gekleideter Frauen im blütenweissen, halb-durchsichtigen «ao dais» mit flatternden Haaren  wie Feen auf ihren Fahrrädern über den glühenden Asphalt hinweg glitten. Durch die «Doi-Moi-Politik», die vietnamesische Perestroika Richtung Marktsozialismus, hat die Metamorphose vom abgehalftertem Kommunismus zum hemmungslosen Konsum rasend beschleunigt und im Land des aufsteigenden Drachens eine gewaltige unternehmerische Energie entfacht. Die Machtelite visierte damals bis zum Jahr 2000 den Beitritt zum Kreis der «asiatischen Tiger» zu schaffen und den Tourismus mächtig ankurbeln zu können. Und sie schafften beides.

Ho-Chi-Ming-City und Hanoi tickten damals komplett anders und unterschieden sich wie Tag und Nacht. In der 1600 Kilometer nördlich von Ho-Chi-Minh-City gelegenen Machtmetropole der kommunistischen Partei, spielte sich das Leben weitaus gemütlicher und beschau-licher ab, gedieh die neue Freiheit verhaltender und auch das Klima wahr angenehmer. Der Einfluss der Franzosen, die Hanoi 1883 zur Verwaltungsstadt von Tonkin und später von ganz Indochina erklärten, ist noch immer deutlich zu sehen und das nicht nur anhand der französischen Baguettes, die in Vietnam Tradition haben, sondern vereinzelt auch noch an den alten Kolonialstilbauten, welche das Savoir vivre der Franzosen und ihren Boheme-Einfluss auf die Kultur, die Malerei und die Infrastruktur wiederspiegelten und wenig mit der hektischen, freisinnigen Vitalität des Südens zu tun hatte. Aber natürlich hat auch hier der Dollar den Dong in eine blosse Zuschauerrolle gedrängt. Zwischen den beiden Metropolen liegen die mystischen Welten der Bergvölker, wie die der Thai, der Khmer, Kohor und der Halbnomanden, den Hmong. Die 53 Minoritäten stellen zusammen zwar nur 10 Prozent der Bevölkerung der Kinh, wie sich die Vietame-sInnen selbst nennen, aber sie bewohnten damals fast siebzig Prozent der vietnamesischen Landoberfläche. Ausser der Region Lang Bien bei Dalat, wo sich am Fusse des Nui Baz (Frauenberg). In der «verbotenen Gegend» des gebirgigen Hinterlandes, eines der letzten Matriarchate verbirgt, gab es noch weitere Sperrbezirke für Ausländer entlang der chinesischen Grenze. Die Hauptachsen vom Mekong Delta über Saigon nach Dalat im südvietamesischen Hochplateau und via dem Badeferienort Nha Trang bis zur alten Kaiserstadt Hue hoch waren dank den Amerikanern gut ausgebaut, die Strasse nach dem Wolkenpass bis nach Hanoi hingegen katastrophal, als wäre sie mit einem Bombenteppich überzogen worden, was ja auch stimmt. Zudem sind die Passstrassen ins Hochland in der Regenzeit oft unpassierbar. Zu den touris-tischen Highlights gehörten: Da Lat, das «Valle d‘amour» der Hochzeitspärchen, der Ferienort der reichen aus dem damaligen Saigon und davor für die Franzosen. Ein schmuckes, melancholisch verträumtes Städtchen, mit gediegenen provenzialischen Kolonialstilhäusern und um den Seufzer-See, eingebettet in die Hügelzüge mit smaragdgrünen Reisterrassen, Gemüsefeldern, Reben, Kaffe- und Teeplantagen. Die Tem-peratur ist auch im Sommer moderat, das Klima angenehm kühl, wie in einem Schweizer Bergkurort. Ferner: Der Badeferienort Nha Trang, ein quirliger Badeferienort, der mit einem malerischen Fischerhafen, einer idyllischen Küsten- und Flusslandschaft, den Cham-Tempeln von Po Nagar (aus dem 7. Nis 12. Jahrhundert) sowie mit feinen französischen Strassencafés, schwülen Nachtclubs und ausge-zeichneten Hotels sowie alle Facetten kultureller und touristischer Anreize. Auch Hue die Kaiserstadt am Parfümfluss mit den verbotenen Palästen, turmhohen Pagoden und prächtigen Boulevards zählt zu den schönsten Reisezielen Vietnams. Wer auch den Norden Vietnams bereist, sollte eine Schifffahrt durch die Halong Bay im Golf von Tonkin machen. Hast du die Bucht des herabsteigenden Drachens nicht besucht, hast du Vietnam nicht gesehen, flötet die bildhübsche Auflugsagentin Thuy (was klares Wasser bedeutet). Eine Fahrt auf einer Dschunke durch die mit 3000 steil aus dem Meer ragenden Felsnadeln gespickte Bucht, fühlt sich an wie ein kleines Piratenabenteuer.

Zwar war die Prostitution schon seit den Tagen von Madame Nhu, der ebenso schlitzäugigen wie schlitzohrigen Schwägerin des Präsidenten Diems, gesetzlich verboten, das änderte aber damals nichts daran, dass mehr als eine halbe Million Frauen und minderjährige Mädchen die Bars und Bordelle Südvietnams bevölkerten und man überall viele con gai sah. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem Zustrom devisenkräftiger Ausländer war die Prostitution wieder stark angestiegen. Das lebhafte Interesse und betörende Lachen einer Phu Nu Viet Nam könnten also auch von rein geschäftlicher Natur her gerührt haben. Vielen ging es wohl ums nackte Überleben zur Linderung der Armut und des Hungers. Denn selbst Mädchen im zarten Alter scheuten sich nicht mir ihre Schwester feilzubieten. Wie das zu dem konfuzianischen Weltbild passte, war mir nicht klar. Handkehrum gab es bereits in der Dong-Son Kultur (700 bis 257 v. Chr.) etablierte sich fortan zusehends eine matriarchalisch dominierte Gesellschaft, die bekannt für ihre freizügigen Sitten und den konfuzianisch patriarchalisch eingefleischten Chinesen ein steter Dorn im Auge und auch die Ursache vieler Kriege. Die Vermutung, dass es die selbstbewussten und emanzipierten Frauen Vietnams sich nicht nur das gleiche Recht wie die Männer heraus nahmen, wobei auch die Inanspruchnahme von Liebesdiensten fast zum guten Ton gehörte, wurde weder bestätigt noch dementiert.

Weise sprach Konfuzius: «Mit Frauen und Untertanen umzugehen ist äusserst schwierig». Um die Schwierigkeiten zu verringern, ersann der chinesische Philosoph drei patriarchalische Regeln, die lange Bestand hatten. Die Frau hat sich als Mädchen, dem Vater, als Ehefau dem Mann und als Witwe dem ältesten Sohn unterzuordnen. Der Mann aber hatte alle Freiheiten, er durfte seine Frau verstossen und seine Töchter verkaufen. Dergestalt patriarchalische Vorstellungen kamen in der vietnamesischen Gesellschaft schlecht an. Auch wenn der Kon-fuzianismus rund hundert Jahre vor dem Christentum in Vietnam ankam und den Ahnenkult verdrängte, vermochte sich er die seit der Dong-Son Kultur etablierte Matriarchat nicht beseitigen. Kurz nach Christi Geburt stellten sich die Trung Schwestern an der Spitze des Lac-Heeres und – auf ihren Kampf-elefanten – den Feinden entgegen. Trotz heldInnenhaften Gegenwehr wurden sie schliesslich besiegt. Aber statt vor dem nach Rache dürstenden Gegner zu kapitulieren, gingen sie lieber in den Fluten des Roten Flusses unter. Als Heldinnen werden die Hai-Ba Trung Schwestern bis heute verehrt. Das machte sie auch für mich begehrt und so beschloss ich in eines dieser Matriarchate zu gelangen, die ja in einem für Ausländer gesperrten Bezirk befanden. Mit Hilfe eines in Saigon lebenden Schweizers, der einen vietnamesichen Jour-nalisten kannte, der wiederum Kontakte in einem dieser Gebiete hatte, gelang ich im Kofferraum des lokalen Radioteams in das Matriarchat und am Ende des Tages auf dem gleichen Weg auch so wieder heraus. Dazwischen standen spannende Stunden am Fusse des Nui Baz. Da und dort ragten die spitzen Strohhüte der Bäuerinnen über die Bepflanzung hinaus, bewegten sich rythmisch vorwärts und mit riesigen Heuballen beladene Frauen stapften breitbeinig über die dampfende Erde an uns vorbei. Unübersehbare Schilder mahnten uns unmissver-ständlich (wenn man vietnamesisch konnte), dass wir uns hier in Lang Bien in einer «verbotenen Zone» befänden. Bei unserer Ankunft im Dorf wurden wir kaum beachtet. Üblicherweise strömte das ganze Dorf zusammen und du wirst von einer Kinderschar umringt, die nach Bonbons betteln. Hier nicht. Wir wandten uns an einen alten Man, der im kühlen Schatten eines Tamarindenbaumes sass und fragten ihn nach dem oder der Dorfälteste/n, worauf er sich erhob und uns zu einer Hütte führte, die einzig von glimmenden Holzstücken beleuchtet wird, worauf erst vier Frauen mit mongolischen Gesichtern den dunklen Raum betraten, ein tönernes Gefäss vor unsere Füsse stellten und uns zum Trinken aufforderten. Schwerer süsslicher Wein rannte durch unsere Kehlen, eher schon ein alkoholischer Dicksaft. Dann kommt das Gespräch über ihre Bräuche in Gang. Ihre Dorfgemeinschaft umfasst rund 35 Familien und über 300 Seelen. Wir kommen gleich zur Sache und wollen mehr über die matriarchalischen Strukturen wissen. Mit grosser Selbstverständlichkeit erzählen sie, dass hier die Frauen einen Mann aussuchen und dessen Familie um die Hand des Auserwählten bitten; dass der Mann nach der Heirat den Namen der Frau annimmt und in ihr Haus einzieht; dass das Erbe beim Tod der Frau an die älteste Tochter übergeht und dass der Witwer oft von der ältesten Schwester der Verstorbenen geheiratet wird. Will er dies nicht, muss er auf dem Grab seiner Frau einen Baum pflanzen und 13 Monate abwarten, bis er sich wieder vermählen darf.

Dass im Matriarchat nicht unbedingt alles viel idyllischer zugehen muss, als in männerdominierten Gesellschaften, zeigt sich an einem brutalen Brautschau-Wettkampf, dem erst französische Missionare ein Ende setzten. Begehrten zwei Frauen brennenden Herzens ein und denselben Mann, kam es unter Aufsicht der Dorfältesten zu einem brutalen Machtkampf. Die Frauen mussten ihre Köpfe tief ins Wasser des Dorfbaches strecken und die, die länger unten blieb, hatte gewonnen. Die Verliererin ihr Leben verwirkt. Es war also eine Entscheidung und ein Kampf auf Leben und Tod. Und so kam es auch vor, dass sich eine der Frauen angesichts einer langatmigeren Konkurrentin auf verlo-renem Posten sahen, ihr Haar unter Wasser an einer Baumwurzel verknüpfte, um nicht früher als die Konkurrentin aufzutauchen und so einen wenngleich todbringenden Sieg errang. Denn die Verliererin wurde ja ebenfalls in den Tod geschickt. So musste der Bräutigam wieder auf Brautschau. Bei den Bang-Tin, Lin-Hot und Chinh-Lah, wie die meisten Familien heissen, haben die Frauen zwar das Sagen, aber sie verrichten auch die Hauptarbeit im Haushalt auf dem Feld und bei der Kindererziehung. Die Männer führen im Vergleich ein geradezu feudales Leben. Ihre Arbeit beschränkt sich auf den Hausbau und Ausbau der Wasserleitungen. Daneben bleibt ihnen viel Zeit zum Spielen und Tratschen. Wichtige Entscheide in der Familie und im Geschäft, bei der Verwaltung des Geldes sowie bei der Familienfürsorge sind aber unbestrittene Domänen der Frauen. Wenn die starken Lat-Frauen von Lang Bien auch nicht die Gesellschaftsordnung von Onkel Ho(dessen Name der Aufklärende bedeutet), anerkannten, so waren sie mit seinen Worten an die starken Frauen Vietnams einverstanden: «Anh huug, bat khuat, trung han, dam dang» – Die vietnamesische Heldin kämpft unerbittlich, patriotisch-standhaft bis zur Selbstaufgabe.

Indien: Im Reich der liebenden Hände bei den Ayurveda Pionieren

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=35225 )

1996 flog ich das erste Mal nach Indien und zwar nach Kerala an die Südspitze ins Land der aufstrebenden Ayurveda-Resorts und Kliniken. Ich hatte zuvor schon auf Sri Lanka mit der ayurvedischen Medizin hautnahen Kontakt aufgenommen und eine Pancha Karma Reinigungs-kur gemacht und auf der Tropeninsel sieben der damals Besten Ayurveda-Resorts besucht und sie miteinander verglichen. Es waren dies das «Aida» in Bentota, das «Lanka Princess» in Beruwela, «Lawrence Hill» in Hikkaduwa, das «Paragon» in Unavatuna, das «Surya Lanka» in Matara und das «Vattersgarden» in Kottegoda. Der Bericht darüber hat in diversen Wellness-Magazinen reissenden Absatz gefunden. Die ayurvedische Medizin, die ich hier kennengelernt hatte, faszinierte mich derart, dass ich beschloss nach Kerala zu reisen und dort traf ich auf die südindischen Ayurveda-Pioniere die cgh earth group, die sich mit sehr exklusiven Resorts bereits einen Namen gemacht hat.

Die ayurvedische Medizin wurde vor über 5000 Jahren von hochbegabten Indern in der Tiefe ihrer Meditation und Spiritualität entdeckt, aber infolge der Kolonialisierung und Berufsverboten der britischen Kolonialregierung über 50 Jahre lang unterbunden, bevor sie in den 90er Jahren ein Revival erlebte. «Dadurch ging viel Wissen verloren», sagt Dr. Jayawardhana von der Universität Colombo. Was vor tausenden von Jahren in Nordindien entwickelt wurde, ist ein ganzheitliches Natursystem, das Körper, Geist und Seele eine Einheit betrachtet, denn ndie Ayurveda-Philosophie geht davon aus, dass alle Materie, so auch der Mensch, auf die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer und Raum zurückzuführen sind. Aus der Verbindung der fünf Elemente bilden sich drei Grundkonstitutionen, die sogenannten Doshas. Die Elemente Luft und Raum bilden das Vata-Dosha und steht für das Lebensprinzip Bewegung. Es steuert also die Bewegungsabläufe im Körper, die Atmung und das Nervensystem. Die Pitta-Energie ist für alle Reaktionen zuständig, bei denen Wärme entsteht, also für den Verdauungstrakt und die Stoffwechselvorgänge. Die Elemente Erde und Wasser beeinflussen das dritte Dosha, das Kapha. Ihre Energie ist strukturierend, formgebend und verantwortlich für den Zell- und Skelettaufbau, gleichzeitig reguliert sie den Flüssigkeitsausgleich. Und dann gibt es noch die drei Säulen der Gesundheit: Es sind dies «Ahar» (Ernährung), « Nidra» (Schlaf) und « Bramacarya» (Mentale Ethik).

Nun hat jeder Mensch von Geburt an sein individuelles Zusammenspiel der Doshas und diese einzigartige Kombination beeinflusst seine Gesundheit und sein Körperbau als auch die charakterlichen Eigenschaften. Nur wenn sich die Doshas im Gleichgewicht befinden, sind Körper und Seele gesund. Das ist das Ziel einer Ayurveda-Behandlung, gerade im Bereich von chronischen Krankheiten. Wie Migräne oder Neurodermitis kann Ayurveda beträchtliche Erfolge aufweisen. Die Ayurveda-Kur beginnt zumeist mit einer Pulsdiagnose, wobei die Ayurveda Ärztin drei Finger sachte oberhalb der Daumenwurzel auf den Unterarm presst und den Pulsschlag misst. Sie stellt fest, ob er «stark pocht, wie Wellen durch den Körper gleitet, hüpft wie ein Frosch oder wie ein Elefant dahin trottet». So wird die Harmonie der drei Doshas festgestellt.

Ayurveda geht davon aus, dass in der Natur alles wächst, was es braucht um den Menschen gesund zu machen und und zu erhalten. So werden Pflanzen, Mineralien, Aschen, salze, Rinden, Hölzer, Wurzeln und tierische Produkte gekocht und pulve-risiert und dann zu Pillen, Salben und Ölen verarbeitet. Das zartgelbe Sesamöl ist die Basis aller Massageöle. Es ist reich an ungesättigten Fettsäuren und macht spröde Haut weich und glatt. Dem Sesamöl mischt der Arzt oder die Arztin andere natürliche Zutaten bei, die spezifisch auf den jeweiligen Dosha-Typ abgestimmt sind. Das Öl kann somit optimal auf die individuelle Konstitution des Menschen einwirken. Keine andere Medizin der Welt weist ein derart allgemeingültiges, tiefgreifendes und ganzheitliches Reinigungssystem auf, wie die ayurvedische Medizin und die Panch Karma Kur insbesondere. Sie ist die Mutter aller Kuren! Während 21 Tagen werden zuerst alle Giftstoffe aus dem Körper ausgeschieden und das Gewebe bis auf die Knochen mit den Heilölen eingerieben. Die passende Kost und die wohltuenden Behandlungen führen dazu, dass man nach der Pancha-Karma Kur vor Vitalität nur so strotzt und sich wie ein neuer Mensch fühlt.

Da sich Ende der 90er Jahre die Wellness und Wellbeing Tourismusindustrie zu etablieren begann, fokussierte ich mich einige Jahre sehr stark auf diesen Tourismuszweig und besuchte weltweit die besten Spa-Resorts, da ich nun über die Kooperation mit den Tageszeitungen hinaus auch viele weitere edle Hochglanzmagazine für Publikationen gesichert hatte und schliesslich für Publikationen wie das «Relax und Style», «World of Wellness» und «Wellness live» nicht nur Reportagen ablieferte, sondern auch Anzeigen generierte und so auch vom Verlagsgeschäft profitierte. Die Ayurvedische Medizin entwickelte sich fortan auch in Europa mit rasanter Geschwindigkeit. Ayurveda-Zentren schossen wie Pilze aus dem Boden, denn die fernöstliche Medizin wollte sich rasch über den Wellnessbereich hinaus auch im medizinischen Sektor etablieren und insbesondere die Ernährungsberatung werde gefragt sein, waren sich die Fachleute damals einig. Du bist, was du isst, hatte Hypokrates einst gesagt und war sozusagen der erste westliche Ayurveda-Botschafter. Immer mehr Menschen drehen das Rad zurück und lassen sich von uralten Heilmethoden überzeugen oder probieren sie zumindest aus. Dass auch Yoga und Meditation ihre Wirkung auf eine gesundes Leben nicht verfehlen hat sich hernach auch in der westlichen Welt zunehmend durchgesetzt. Zumindest Yoga ist zu einem unübersehbaren Trend geworden.

In Kerala angekommen, durfte ich das Kronjuwel der «cgh earth group», den alten Maharadscha-Palast «Kalari Kovilakom» besuchen und erlebte einen wahrhaft königlichen Empfang und eines der zwölf Palastgemächer. Die Authentizität der alten Kultur und die Heiligkeit eines Ashrams verliehen diesem Ayurveda-Tempel ein einmaliges Ambiente. Wer hier eintritt, der lässt die alte Welt hinter sich und lebt ein ganz anderes, in sich gekehrtes von der Aussenwelt abgeschnittenes Urerlebnis und eine höchst qualitative Behandlung. Besonders in Deutschland wurde die «Somatheeram» und «Malatheeram» in Chowara bei Trivandrum berühmt. Die beiden Resorts wurden regelmässig vom Department for Tourism als «beste Ayurveda-Resorts» ausgezeichnet und mit dem «Greenleaf-Award» geehrt. Ein weiteres Highlight war die  «Duke’s Forest Lodge» inmitten einer Gummiplantage in Anapara. Das Bijoux, das aus fünf grosszügigen Pavillions besteht ist in der prächtigen tro-pischen Fauna mitten im Wald eingebettet. Ein weiteres Highlight war die «Coconut Lagoon» in Kumarakom, das an einem zauberhaften See in einer prächtigen Gartenanlage liegt und durch die traditionellen Kerala-Häuser besticht. Sowohl das Essen, als auch die Therapeuten waren Spitzenklasse. Ebenfalls ein ganz spannender Ort ist das «Spice Village» in Periyar, das inmitten einer Teeplantage auf rund 1000 Höhenmetern liegt und daher vom Klima sehr angenehm ist. Wer ein internationales Luxushotel mit sehr guter Ayurveda-Abteilung und vielen Spa-Behandlungen sucht, der findet dies im «The Leela Meridien» an der Koralam Beach. Genug des guten Wohl-befindes in Indien, nun werfen wir kurz einen Blick auf die zweite Indien-Reise als Narenda Moodi im Wahlkampfmodus war und eine der professionellsten internationalen Wahlkampagnen (die ich je gesehen/miterlebt habe) und gleichzeitig ein Tourismusförderungsprogramm für den Bundesstaat Gujarat, aus dem Moodi als auch Ghandi stammt.

Gleich geht es nochmals um ein gesundheitspolitisches Thema, das weltweit ein ähnliches Schicksal erlitten hat, wie die Ayurvedische Medizin, nämlich Cannabis, also die Hanfpflanze, die bei vielen Krankheiten und Beschwerden nicht nur über äusserst potente Heilkräfte verfügt, sondern auch zu den am vielfältigsten verwertbaren Pflanzen gehört und von der Faser bis zur Blüte zu vielen Zwecken eingesetzt werden können. Doch zuvor noch ein Abstecher in den indischen Bundesstaat Gujarat

2013: Augenschein in Gujarat und Treffen mit Narenda Moodi

( Online: www.allmytraveltips.ch/?p=29677 )

2013 wurde ich im März an der jährlich in Berlin statt findenen Tourismusfachmesse «ITB» in der Halle, wo sich Indien und die indischen Veranstalter präsentierten, auf eine Pressereise nach Gujarat angesprochen und gab den Initiatoren meine Visitenkarte. Schon zwei Monate später flog ich wie Dehli nach Ahmedabad, die Hauptstadt des Bundesstaates Gujarat und traf dort zu meinem Erstaunen auf ca. 150 Journa-listInnen und InfluencerInnen, die aus der ganzen Welt eingeflogen worden waren, um die touristischen Reize Gujarats kennenzulernen und nachdem wir uns in verschiedene Interessengruppen aufgeteilt hatten, wurden wir fünf Tage lang durch die Gegend gekarrt und mit den touristischen Highlights vertraut gemacht. Das war zunächst der Rani ki Vavstepwell bei der Stadt Patan am Ufer des Saraswati Flusses. Die zum Unesco Weltkulturerbe zählende Tempelanlage wurde im 11. Jahrhundert zu Ehren der Königstochter von Khengara von Saurashtra der Solanki Dynastie gewidmet. Die Tempelanlage war ein riesiger, achtstöckiger Wasserspeicher und enthält über fünfhundert Fresken  aus der damaligen und bis heute gültigen Mythologie. Ein weiteres Highlight war der Hindu Sun Tempel in Modhera, auch diese Tempelanlage liegt am Ufer eines Flusses, dem Pushpavati-River. Die heilige Stätte wurde zwischen 1026 und 1027 v. Chr. Während der Aera von König Bhima I von der Chaulukya Dynasty gebaut. Die Tempelanlage besteht aus drei Komplexen: Dem Shrine Gudhamandapa, der Vereinigungshalle Sabham-andapa und dem Wasserreservoir Kunda. Dann ging die Fahrt im Jeep weiter und führte in ein unwirtliches, staubtrockenes Land zur Rann of Kutch, ein Salzwasser-Marschland an der Grenze zwischen Indien und Pakistan. Die Rann of Kutch ist in zwei Regionen unterteilt: Die Grosse und die Kleine Rann Kutch. Die grosse liegt in Pakistan, die Kleine Rann of Kutch grenzt südöstlich an den grossen Bruder und reicht bis zum Gulf of Kutch. 20,946 km2 der Kleinen Kutch sind geschütztes Gebiet mit einem Wildlife Sanctuary (7506.22 km2), das es seit 1986 gibt und dem (4953.71 km2), welches schon 1973 etabliert wurde. Am Schluss der Reise verbrachten wir noch eine Nacht im Maharadscha Palast in Poshina und bevor es in die Hauptstadt Gujarats Ahmedabad zurück ging, wo ich noch das Ghandi Museum besuchte und dann kam es zur Schlussveranstaltung des Journalisten-Events mit dem Auftritt von Narenda Moodi, von dem bis zur Stunde keiner der MedienverteterInnen wusste. Erst als einige schwerbewaffnete Soldaten mit Minenspürgeräten und Suchhunden auftauchten, war klar, dass es in Kürze Action gab. Dann fuhr eine kleine Eskorte vor und Narenda Moodi stieg im Beisein des Tourismus-ministers von Gujarat und einiger anderer Officials auf und machte allen seine Ambitionen auf das indische Präsidentschaftsamt klar, ein Ziel, dass er ja dann auch erreichte und seither Indien mit seinem Hindu-Nationalistischem Kurs spaltet.

7. Klimawandel: Wie begegnen wir dem epochalen Challenge?

„Das war das erste langfristige institutionelle «Corporate Social Responsability»-Engagement meiner eigenen Presseagentur hierzulande! Im Ausland hatte ich mich ja schon privat und publizistisch für einige Wildlife-Projekte und humanitäre Missionen engagiert. Zu dieser Zeit veröffentlichte ich zahlreiche umweltkritische Publikationen und Kommentare wie zum Beispiel «Ein Requiem aufs Korallenriff» in der «Mittelland-Zeitung» oder «Im Taucher-Paradies Malediven tickt eine Zeitbombe». Im Kommentar schrieb ich folgendes: «Nicht El-Nino ist Schuld. Es ist der Mensch, der zu weit fort schreitet. Die Alarmglocken schrillen rund um den Erdball. Zentralamerika wurde verwüstet und um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Korallenwelt im Äquatorialgürtel ist bedroht bzw. schon grösstenteils vernichtet, die Meere ver-schmutzt, die Tierwelt da und dort ausgerottet, die Alpen verbaut und versaut».

In der «Südostschweiz» ging ich 1997 als Reaktion auf den IPPC-Klimabericht auf den Klimawandel in den Alpen ein und hob unter dem Titel «Keiner kommt ungeschoren davon – Alpen von der Klimaerwärmung besonders hart betroffen». In der Zeitschrift «Touring» und im «Brückenbauer», beides Medien mit Millionen-Leserpublikum erschienen weitere kritische Berichte von mir, die weit über die Schweiz hinaus hallten, da ich den «UNEP» Direktor Klaus Töpfer, den Chef der UN-Umweltorganisation sowie mit Michael Iwand, damals Direktor Umweltmanagement bei «TUI» (Touristik Union International) und Iwand Widerpart von der «Deutschen Umwelthilfe» und dem Naturschutzbund interviewte und an der ITB der grössten Tourismusfachmesse in Berlin intervenierte, das Thema auf die Agenda zu nehmen.

Auch Prof. Hansruedi Müller vom «Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus» (FIF) plädierte für «mehr Heart-Liner als Hard-liner». Aus dieser und den folgenden Erfahrungen und Beispielen kann man getrost sagen, dass die vom Volk angenommene «Konzernver-antwortungs-Initative» und das von den Ständen abgelehnte Volksmehr nun ebenfalls zu viel mehr Papier ohne Wirkung führen und zahnlos bleiben wird. Wieder einmal ist die Schweiz und die sie beherrschenden Konzerne darum herum gekommen, ihre globale Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind also, zu unserer Schande und gegen unseren Fortschrittsglauben keinen Schritt weiter gekommen in den letzten 30 Jahren. Im Gegenteil. Der Fussabdruck ist grösser geworden und wir haben es auf Platz 4 der Umweltsünder geschafft.

Diese dringende Appelle richtete ich also vor über 25 Jahren an die Schweizer Politiker und Bevölkerung und an der ITB in Berlin an die „Weltöffentlichkeit“ und hielt damals schon fest: «Die drastische Spur der Verwüstung, die der industrialisierte Mensch und der (un-)zivili-sierte Tourist hinterlassen, wird zumeist auf dem Buckel der 3. Welt-Nationen ausgetragen und kommt immer dramatischer zum Vorschein. Aber auch wir hier in den Alpen sind wir ganz besonders vom Klimawandel betroffen. Der Temperaturanstieg dürfte weitaus höher, als im Weltdurchschnitt ansteigen und die Gletscher schmelzen genauso wie die Biodiversität dahin.

Dem können wir nicht länger tatenlos zuschauen, sagte ich mir und verzichtete fortan auch auf ein Auto oder ein Motorrad und engagierte mich für den Ausbau der Bahninfrastruktur und von Velowegen. Auch in meiner Funktion als Präsident des «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz» hielt ich kritische Referate über die eigene Reisebranche, die dazu aufgefordert wurde, mehr für die Umwelt und gegen die enormen Schäden durch den Flugverkehr und den überbordenden Massentourismus zu tun, was mir mehr Feinde als Freunde verschaffte. Die Tourismus-Propagandisten waren nicht gerade erfreut, dass die globalen Auswirkungen ihres Geschäftsmodells zunehmend kritisiert wurden. Nachdrücklich forderte ich den Reise-büroverband heraus, mehr als nur die üblichen Lippenbekenntnisse abzugeben. Doch was geschah: Um es mit den Worten von Greta von Thunberg auszudrücken: «Wenn ein Feuer ist, reiben sich die Leute oft am Feuermelder, anstatt das Feuer zu löschen». Auch mir war innerlich so zu Mute, «I want you to panic» zu sagen.

Die Behörden waren damals wie heute allerorts im Vollzugsnotstand. Ob es sich nun um die Einhaltung der Luftreinhalteverordnung, um die Lärmwerte zum Schutz der Bevölkerung, um internationale Abkommen über die Reduktion des CO2-Ausstosses oder um die Erfüllung von Absichtserklärungen und Zielsetzungen, wie der «Agenda 21», der «Charta von Lanzarote» oder der «Erklärung von Kreta» geht, wo immer wir hinschauen, müssen wir feststellen, dass keines der Ziele nur annähernd erfüllt worden ist. „Die Krux ist, dass die Notwendigkeit eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus zwar unbestritten ist, aber trotzdem nicht viel passiert“, was ich damals als Präsident des «Tourismus & Umwelt Forum» in den Referaten und Berichten aufs heftigste kritisierte.

Die Reiseveranstalter, allen voran die drei grossen «Kuoni Reisen», «Hotelplan» und «Tui Reisen» kümmerten sich kaum um die Wasser- und Energieversorgung und das Abfallmanagement vor Ort, was insbesondere auf den Malediven und anderen Inseln zu verheerenden Verschmutzung der Strände und Meere geführt hat. Eine Untersuchung der «Höheren Fachschule für Tourismus» (HFT) kam damals zum Schluss, dass die «Erklärung von Kreta ein toter Papiertiger geblieben ist»! Und das Greenwashing ging von da an unverändert aber inflationär weiter. Wir haben gewisse Klimakippunkte an einigen Orten rund um die Welt bereits erreicht, sind sich einige Wissenschaftler einig. Die kostbaren, lebensnotwendigen Schätze unserer Erde verschwinden mit Lichtgeschwindigkeit. Alle vier Sekunden wird weltweit Wald von der Fläche eines Fußballfeldes abgeholzt – auch oder vor allem für Soja oder Palmölplantagen.

Die Zerstörung der Regenwälder durch Brandrodung im Amazonas, im Kongo und in Indonesien machen elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus! Die Biodiversität nimmt rasant ab, jeden Tag verschwinden bis zu 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde. Je mehr die natürlichen Lebensräume schrumpfen, desto grösser ist die Gefahr, dass Viren von Tieren auf den Menschen überspringen. Corona ist das jüngste Beispiel. Ebola, Dengue, Mers, Sars, Zika, all diese Viren sind nachweislich auch auf den Klimawandel und die schwindende Bio-diversität zurückzuführen. Deswegen müssen wir viel entschlossener die natürlichen Lebensräume schützen und gegen Wildtierhandel und Wildtiermärkte vorgehen.

Das Sechste Massensterben hat begonnen – gehen wir mit unter?

Laut der Fachzeitschrift «Nature Ecology and Evolution» kommt es zu einem dramatischen Insektensterben mit dramatischen Folgen fürs Ökosystem und die menschlichen Gesellschaften. Die Prognosen zeigen, dass wir in den nächsten Jahren über eine Million Tierarten verlieren werden und viele Arten werden in ihren Beständen so dezimiert sein, dass sie keine Rolle mehr spielen. Mit maximalen Auswir-kungen für die Menschen: Durch die Zerstörung der Regenwälder ebenso wie durch den Biodiversitätsverlust der einheimischen Fauna und Flora entstehen vermehrt z. B. auch Borreliose. Es ist erwiesen dass, bei weniger Kleinsäuger-Biodiversität eine höhere Borrelien-Last in den Zecken anfällt. Durch die Klimaerwärmung mit heisseren und trockeneren Sommer entstehen in den gemässigten Zonen durch den Biodiver-sitätsverlust so auch mehr und mehr Pandemien.

Auf einer der Erdoberfläche von 20 Prozent sind 80 Prozent der Biodiversitäts-Hot Spots aller Arten in den Tropen zu finden. Eine der um-fangreichsten Studie um Anthony Warden von der Uni Cambridge bei der rund 100 Ökonomen weltweit untersucht haben, wie die globale Wirtschaft von der Natur profitiert und dabei feststellten, dass wenn 30 Prozent der Erdoberfläche mit den wichtigsten Schutzgebieten geschützt würden, dann überwiege der Nutzen des Schutzes dieser Gebiete die Kosten im Verhältnis 1:5. Das heisst, wenn wir einen Euro in den Schutz investieren, gewinnen wir längerfristig vier Euro hinzu. Aber bis diese Erkenntnis sich auch in den Niederungen der ressourcen intensiven Wirtschaft durchsetzt, wird wieder viel Zeit vergehen. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, dass trotz all der Erkenntnisse, die schon in den frühen 90er Jahren, spätestens aber 1997 mit dem «IPPC»-Bericht vorlagen und den einsamen Rufern in der Wüste Recht gaben, kaum griffige Massnahmen getroffen bzw. konsequent umgesetzt wurden.

Allein zwischen 1961 und 1990 waren die Temperaturen bereits um zwei Grad Celsius gestiegen, während sie im weltweiten Mittel nur um 0,6 Prozent gestiegen sind. Die damaligen Voraussagen für den Alpenraum reichten bis zu fünf Grad mehr in den nächsten 30 Jahren. Passend zum «Kyoto-Gipfel» im Dezember 1997 wirbelte «El-Nino» durch die Schlagzeilen und mit ihm verdurstete Tiere in Australien, im Schlamm versunkene Felder in Malaysia, Waldbrände in Indonesien und anderswo. Die Warnung konnte deutlicher nicht genug sein. Noch 1992 beim Umweltgipfel in Rio hatten die Politiker versprochen das Klimasystem für heute und künftige Generationen zu schützen. Die Entwicklung verlief aber in die entgegengesetzte Richtung. Die «Generation Easy Jet» rollte bzw. flog gerade heran, alle düsten für einige Tage nach London oder New York zum Shoppen, nach Ibiza für «Raves» usw. und nach Milano um ein paar Schuhe zu kaufen. Plötzlich kostete ein Flugticket nach London weniger als die Zugfahrt von Zürich nach Bern oder Genf. Eine katastrophale Wende, die weiterhin nichts Gutes verheisst.

Wir vermeintlich so „sauberen“ Schweizer und unsere uns fast ebenbürtigen deutschen Nachbarn sind Weltmeister im Verbrauch, im Konsum, im Abfall und im CO2-Ausstoss. Die Schweiz hat es auf Platz Vier auf der Weltrangliste der Umweltsünder und CO2-Emmis-sionäre geschafft doch haben wir unseren grossen Fussabdruck ins Ausland exportiert. So wird der von der Entstehung bis zur Vernichtung entstehende Zivilisations-Müll unserer über alle Massen konsumierenden und Ressourcen verschleudernden Gesellschaft aus unseren Augen und unseren Umfeld verbannt. Eine der dreckigsten Branchen, die Textilindustrie und andere umweltbelastende Produktionen wurden in den letzten Jahrzehnten nach China, Vietnam und Bangladesch verlegt. Die CO-2 Emissionen werden so grösstenteils in strukturschwache oder menschenrechtsverachtende Regionen ausgelagert. Dafür haben «My climate»-Kompensationszertifikate und ähnliche Instrumente geschaf-fen, um unser Gewissen zu beruhigen, nicht aber, um die Situation zu entschärfen.

Unsere Bilanz ist keineswegs gut und sauber sondern schlicht und ergreifend miserabel. Erst jetzt im November 2020 hat der Bundesrat die Vernehmlassung zur «Strategie Nachhaltige Entwick-lung (SNE) vorgelegt, und sie sind erneut ein Armutszeugnis für die „saubere“ Schweiz. Noch übler sieht die Bilanz der Vorzeigeschweiz aus, wenn man die wirtschaftlichen Faktoren des grössten Off-Shore Finanzplatzes berücksichtigt. Ende 2019 verwalteten Schweizer Banken ein Viertel des Weltvermögens. Sagenhafte 3742,7 Milliarden Franken. Aber das immense Vermögen wird kaum in nachhaltige Projekte investiert. Im Gegenteil. Die Goldgrube und Steueroase Schweiz begünstigt und schützt hunderte potenter Hauptsitze multinationaler Konzerne und trägt massiv zum Abfluss von Privatvermögen aus den Entwicklungsländern und damit zur weltweiten Umverteilung von unten nach oben bei. Die Ausbeutung und Gier kennt keine Grenzen, auch nicht in Zeiten von Covid-19. Im Gegenteil sie begünstigt die Globalen Technogiganten und Superreichen. Und dieser grosse Schatten fällt auf die Schweiz zurück. Egal wie weiss wir das Image waschen und wie schön wir es uns einreden oder anderen predigen!

Auch hierzulande ist es um die Biodiversität, die Gewässer, Gletscher und die Luftschadstoffe schlecht bestellt. Das «My-Climate» CO2 Kompensationsgeschäft ist reine Augenwischerei und hilft niemandem, wenn wir unseren Konsum und die Verschleuderung der Ressourcen stetig steigern, statt drastisch zu senken und unsere Wegwerfgesellschaft nicht radikal umdenken. Buchhalterisch gesehen, müssten über 30Millionen Tonnen CO2 (statt auf Schweizer Boden) ausserhalb der Landesgrenzen eingespart werden. Das wird nicht nur etliche Milliarden kosten, sondern ist auch ökonomisch und ökologisch unsinnig. Diese Beträge für die im Inland nicht erbrachten CO2-Reduk-tionen fehlen der Wirtschaft. Die «Dekarbonisierung der Gesellschaft» wird dergestalt keinen Millimeter vorwärts kommen, die Abhän-gigkeit und Sauerei würde immer grösser, allein schon durch die ansteigende Bevölkerungsdichte. Nun die dünne Schutzschicht in der Atmosphäre ist in der freien Marktwirtschaft keinen Heller wert, sie kostet nichts und sie zu verpesten auch nicht. Die Bodenschätze werden gnadenlos ausgebeutet.

Die junge und die nächste Generation werden fassungslos erkennen müssen, dass wir im Konsumrausch nach der Ölkrise 1975 und vor allem seit Beginn der 90er Jahre fast so viel Gas, Kohle und Öl verfeuert haben, wie in Million Jahre Erdgeschichte zuvor. Und das, obschon die Sonne seit je her 10000 Mal mehr Energie auf die Erdoberfläche schickt, als der Mensch braucht und die Menschheit trotz wissenschaftlichen Erkenntnissen politisch nicht zu folgen und schon gar nicht adäquat zu handeln vermag. Der Müllplatz der Menschheit ist mittlerweile nicht nur in den entferntesten Regionen und in den Weltmeeren sichtbar, auf und unter der Meeresoberfläche gleichermassen erkennbar. Ein Glück können wir all den Schrott im All noch nicht von Auge sehen. Und das ist bekanntlich nur die Spitze des Eisberges. Mikro-Plastik, Nanopartikel und Pestizid-Giftstoffe sind längst im Grundwasser und in der Nahrungskette angekommen und richten dort weitere Gesundheitsschäden und grosses Leiden an.

Äusserst bedauerlich aber nicht weiter verwunderlich ist es da auch, dass die Schweizer Bevölkerung 2021 sowohl die Trinkwasser-, als auch die Pestizid und zudem auch noch die CO2-Initiativen alle bachab geschickt hat. Es darf also weiterhin gespritzt werden, was das Zeugs hält, was die Bauern freut. Auch naturnahe Landwirte und Bio-Bauern haben sich dagegen gestemmt. Gut, die Covid-19 Krise hat die Lust auf neue Restriktionen und neue Innovationen geschmälert. Doch die Schweizer Wirtschaft ist insgesamt mit einem blauen Auge davon gekom-men, bis auf gewisse Kreise wie Tourismus- Gastro- und Eventbranche, aber auch die wurden gut entschädigt.

Gesellschaft: Ein radikaler gesellschaftlicher Paradigmenwechsel ist notwendig

Gemäss «Copernicus» war das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 global das heisseste Jahr seit Messbeginn. Auch in Europa vor allem aber in der Arktis wurden Rekordwerte bis sechs Grad im Zeitraum von 1981 bis 2010 über dem Durchschnitt verzeichnet. 2020 sind die hohen Temperaturen besonders extrem, da sie ohne El-Nino-Effekt im Vorjahr zustande kamen. 2021 dürfte infolge des La-Nina-Effekt wieder ein Temperaturanstieg zu verzeichnen sein und das, obschon wir nun ein Covid-19 Jahr lang einen sehr eingeschränkten Luftverkehr hatten. Auch die CO2-Zunahme wird mit Sicherheit weiter ansteigen. Die Arktis wird weiter schmelzen und wenn es zum „Worst Case“ Szenario kommt und sich die Atlantikwalze nicht mehr so wie bis anhin bewegt, blicken wir düsteren Zeiten entgegen.

Angesichts der leidigen Tatsache, dass nach über 30 Jahren Zaudern und Zögern, Abwiegeln und Verleugnen, der Zerstörung zuschauen und den erdrückenden Fakten fast tatenlos ins Auge schauend im Bewusstsein und mit dem schlechten Gewissen lebend, noch viel mehr Raubbau als jemals zuvor zu betreiben, muss jetzt jeder von uns das Heft selbst in die Hand nehmen und substanzielle Beiträge leisten. „Reduce to the max“, lautet das Motto. Also den Ressourcenverbrauch auf allen Ebenen absenken. Wir sitzen alle im selben Boot. Das hat Covid uns eindrücklich vor Augen geführt. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Daher ist es nur richtig, wenn die Klimabewegung und die Klimajugend die Grünen links überholen bzw. überflügeln und eine viel raschere und konsequentere Vorgehensweise fordern. Covid-19 kostet uns Billionen. Fügen wir ein paar Billionen für die Transformation der Wirtschaft hinzu, hätten wir enorm viel gewonnen. Wir müssen unbedingt weitere Pandemien vermeiden, da würde sich jede Investition lohnen. Jeder von uns hat es in der Hand, dazu beizutragen, doch geht es nicht mehr ohne einschneidende Schritte in nie gekanntem Ausmass.

Lange gewohnte Lebensweisen werden sich stark verändern müssen. Zum Beispiel beim Konsumverhalten: weniger Fleisch-Konsum, weniger Verpackung, geringere Transport- und Arbeitswege, ökologische Verkehrsmittel zu nutzen und überall bio-diversifizierter, lokaler Anbau fördern usw. In der Landwirtschaft die Pestizide und Herbizide drastisch reduzieren und Anreize für den ökologischen Anbau schaffen sowie den Gewässerschutz konsequent anwenden. Alle Subventionen für die fossile Energiegewinnung sind einzustellen, im Flugverkehr muss flächendeckend eine hohe Treibstoffbesteuerung eingeführt und so der Flugverkehr erheblich reduziert werden. In der Geschäftswelt überall die CO2-Fussabdruck-Bilanzierung in den Unternehmen einführen, beim Bau die nachhaltige Gebäudetechnik fördern sowie die Begrünung der Städte an die Hand nehmen. Wiesen statt Grünflächen, Bodenversiegelung vermeiden und in der Forstwirtschaft, alters- und artengemischte Wälder kultivieren.

Zwar kam es 2020 zu einer Wiederbelebung der «Pariser Koalition der hohen Ambitionen» auf dem ersten virtuellen Klimaschutzgipfel der Vereinten Nationen, wo sich 75 Nationen zum Ziel der «Netto-Null-Emissionen» bekannt haben. Die meisten Staaten streben das Ziel bis 2050 an. Bisher haben aber nur 75 von 197 Staaten neue oder erhöhte Klimaziele vorgelegt. Aber nur Grossbritannien und die EU haben ihre Ziele substanziell erhöht. Bei allen anderen Staaten sind die Ambitionen gering. Viel zu gering, als dass die Ziele des Pariser Klima-abkommens je erreicht würden. Damit verfügt die von Uno-Generalsekretär Antonio Gutierrez ausgerufene «Koalition für Kohlenstoff-neutralität» über gut 65 Prozent des weltweiten CO2-Ausstossvolumens, die noch ansteigen könnte, wenn die Finanzzusagen für den grünen Klimafonds von jährlich 100 Milliarden Franken vorankommen.

Als zentrales Instrument gilt der auch von der EU anerkannte Kohlenstoff-preis der bis 2030 stetig ansteigen soll. Der Wirtschaftsnobelpreisträger William Nordhaus hatte 2015 vorgeschlagen, einen Klimaklub zu schaffen, der einen wechselseitigen Nutzen aus der Aufteilung des Klimaschutz zieht und Trittbrettfahrer ausschliesst, denn nur so komme man aus dem „Gefangenen-Dilemma“ heraus. Die Koalition der Willigen soll einen möglichst grossen Nutzen und Vorteile für die Mitglieder ein räumen. So könne man der Problematik des Nutzniessens ohne eigene Anstrengungen und Beitragszahlungen entgegenwirken.

Auch der Kapitalmarkt wäre gut beraten, in nachhaltige und grüne Produkte und Ressourcen zu investieren und aus der Kohle rasant auszusteigen.  Für UNO-Generalsekretär Guttierez ist das ein wichtiger Schritt nach vorne, aber es reiche noch nicht aus. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt noch immer auf dem Weg zu einem globalen Temperaturanstieg von über drei Grad sei, was einer Katstrophe gleich käme. Mit anderen Worten. Wir sind immer noch mit 180 kmh unterwegs, was den fossilen Verbrauch anbelangt. Eine Temporeduktion tut not. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, was in ausserordentlichen Lagen möglich ist und mobilisiert werden kann. Der Patient Erde liegt auf der Intensivstation und röchelt in den letzten Zügen.

Es ist höchste Zeit zu handeln und einschneidende Massnahmen umzusetzen. Denn auch die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC) in den letzten Jahrzehnten dramatisch an Kraft verloren. Die Meeres-strömung ist auch als Golfstrom bekannt und führt in den höheren Wasserlagen selbst im Winter milde Temperaturen zu den Kanalinseln, nach Irland und Großbritannien, weiter Richtung Niederlande bis nach Westdeutschland und Skandinavien hoch. Das Golfstrom-System bewegt fast 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde, etwa das Hundertfache des Amazonasstroms“, so Stefan Rahmstorf, der Forscher vom «Potsdam Institut für Klimafolgenforschung» zur Bedeutung dieses Klimasystems (PIK). ist Initiator und Ko-Autor einer Studie, die im Frühling 2021 in der Fachzeitschrift «Nature Geoscience» erschienen ist. 

Schmetterlingseffekt: Hedge Fonds, die Treiber von Kriegen und Klimawandel

Seien wir uns bewusst, die Finanzmärkte stehen im Zentrum der Wirtschaft und bestimmen weltweit die Preise für Rohstoffe und Lebens-mittel und sie diktieren das Geschehen rund um den Globus. Hedge-Fonds sind der Fluch des Nahrungs- und Wasser- sowie Rohstoff-Kapitalismus in Reinkultur. Schauen wir uns das einmal näher an: 2008 stiegen die Preise für Lebensmittel und Rohstoffe stark an, obschon sich die Welt nach der Finanzkrise in einer Rezession befand. Das zeigt, dass die Preise aufgrund von Spekulationen und nicht aufgrund einer erhöhten Nachfrage gestiegen sind. Was als Flügelschlag eines Schmetterlings an der Wallstreet 2010 begann, führte fortan zu Auf-ständen, Kriegen und weltweiten Flüchtlingskrisen. Den Flügelschlag lösten der damalige Präsident Bill Clinton und der Nationalbankpräsi-dent Alan Greenspan mit dem Commodity Modernisation Act aus, d.h. mit der Liberalisierung der seit den 30er Jahren strikt regulierten Märkten und begrenzten Anzahl von Spekulanten.

Doch von nun an, konnte jeder unbegrenzt mit Rohstoffen und Lebensmitteln spekulieren. Daraufhin leckten die Finanzmärkte Blut und die Wallstreet und die Hedge-Fonds diktieren das Geschehen auf übelste Art und Weise. Im gleichen Jahr fuhr Russland aufgrund des Klimawandels und der Trockenperiode über 30 Prozent weniger Weizenernte ein. Die Wall-street spekulierte auf eine Verknappung des Angebotes und trieb den Weizenpreis um 50% in die Höhe, was in Tunesien und Ägypten zum Arabischen Frühling führte, weil Ägypten fast 80 Prozent des Weizens aus Russland importierte. Ein rascher Anstieg der Lebensmittelpreise und ein geringer Anstieg der Erdölpreise führt zwangsläufig zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen, stellten auch Wissenschaftler und Mathematiker fest. So artete 2011 in Lybien nach dem Sturz Gaddhafis als auch im Irak-Krieg, beides führende Ölexport-staaten, die Kriege aus, befeuerten weitere Konflikte in der Region und lösten einen Flächenbrand aus, der den ganzen Orient überzog. So auch der unendliche Krieg in Syrien. Auslöser dafür waren wiederum die Hedge-Fonds und Spekulanten an der Wallstreet und in London. Sie trieben den Ölpreis massiv in die Höhe, weil sie auf Export-Verluste spekulierten. Der Flügelschlag des Schmetterlings hat auch hier zugeschlagen und so sind die deregulierten Märkte zu einem Motor des Chaos geworden.

Diese Spekulationen und die Entwicklung in den Ölstaaten hatte zudem noch weitreichendere Folgen. Durch den enormen Kursanstieg der Petrodollars kamen Russland und Saudi Arabien aber auch Venezuela zu immensem Reichtum und vergrösserten ihre Militärbudgets und Polizeikräfte entweder zur Unterdrückung von Revolten im eigenen Land oder für weitere Offensiven. Russland in Syrien, in der Ukraine und zuletzt auf der Krim. Im Falle von Saudi Arabien kam es zu kriegerischen Zuspitzung in Jemen und in vielen anderen Regionen im Konflikt zwischen Shiiten und Suniten, derweil der Iran, den Nahen Osten auf seine Weise infiltrierte und mit seinen kruden Ideologien, Waffen und Kämpfern vollpumpte. Der Anstieg des Ölpreises war auch der Anfang des Verderbens für Venezuela, das am Ressourcen-Fluch zu Grunde ging. Die Spekulanten waren auch hier letztlich Auslöser und verantwortlich für die Flüchtlingsströme von Lateinamerika in die USA und von Afrika und dem Orient nach Europa. In Grossbritannien und unter dem Einfluss des neoliberalen Medienmoguls Rupert Murdoch zum Brexit und zu den rechtsradikalen Regierungen in Polen, Ungarn und Italien, also auch den Auftrieb der Neonazis und Faschi-sten in Deutschland. Nach der Hausse folgt die Flaute, nach dem Boom folgt der Crash, soviel Ökonomie hat jedes Kind schon in der 3. Klasse mitbekommen.

Die Folgen sind wiederum verheerend. In Venezuela gibt es eine apokalyptische Hungersnot, dasselbe in Kuba, in Kenya und im gesamten Subsahara-Gürtel, wo verheerende Dürren zu Bürgerkriegen führen und im Orient, dem Nabel der Despoten zu desaströsen Wirtschaftskurs- und katastropalen Menschenrechtslagen führt. Der völlig entfesselte Rohstoff- und Finanzmarkt ist wie die Pest, weil er dank Algorithmen und Herdenmentalität sowie auf zynische Weise immer gegen den Wohlstand der fragilen Ökonomien wettet Mit der Covid-Krise wurde überdeutlich, dass die Märkte über das Wohl der Menschen gestellt werden und ein System geschaffen wurde, das kein Mitleid mit den Menschen, sondern nur Gewinner und Verlierer kennt. Jedes Waschmittel und jede Nahrung muss heute jede Komponente und den Anteil aller Komponenten deklarieren, bei der künstlichen Intelligenz, bei der eine Machine die Entscheidungen über unser Sein oder Nicht sein Entscheiden, braucht hingegen keine Deklaration und Regulation. Absurder geht es nicht.

Artensterben & Pandemien: Werden wir das überleben?

Die Erde leidet an drei Krankheiten: Artensterben, Klimawandel und Pandemien! Dies ist, als hätte der Patient eine Leberzirrhose, eine Herz-schwäche und einen Niereninsuffienz zugleich. Es wird demzufolge zu vielen Komplikationen kommen: Noch mehr Kriege, Krankheiten, Konflikte, Natur-Katastrophen und Bürgerkriege geben, wenn wir das Bevölkerungswachstum nicht in den Griff bekommen. Ernährungs-knappheit, Verteilungskämpfe und Migrationsströme sind jetzt schon als Folge davon zu sehen. Wenn wir an unserem Verhalten nichts ändern, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Ende der Menschheit naht und unsere Population weitgehend kollabieren wird. Das wird zwar nicht das Ende der Evolution sein, gewiss aber das Ende einer Ära, wie wir sie kennen und lieb(t)en! Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass mit dem grossen Artensterben auch unsere Spezies weitgehend ausgerottet wird und der Mensch zur planetarischen Geschichte wird. Der Mensch hat auf dem Planet Erde gewütet und wird ihn bald ganz zu Grunde richten. Erst haben wir die pleistozäne Tierwelt in Nord-amerika und in Südamerika dann in Australien die grossen Riesenbeuteltiere und -vögel ausgerottet und als der Mensch Polynesien bevölkert hat, sind bis hin zu Neuseeland die grossen Megafaunelemente verschwunden. Wenn diese fehlen, hat das auch Auswirkungen auf die gesamte Fauna und Flora hat. So haben wir in den letzten 10.000 Jahren ungefähr die Hälfte der natürlichen Waldbedeckung der Erde vernichtet und die Biosphäre so weit verändert, dass ganze Tierpopulationen ausgelöscht wurden. Wobei die Roten Listen nur einen Bruchteil, kaum zehn Prozent der beschriebenen Arten, geschweige denn aller auf der Erde lebenden Arten, aufweisen. Das heisst, die 800 Arten, die nachweislich in den vergangenen 500 Jahren ausgestorben sind, stellen nicht die Anzahl der Tiere und der Tierarten dar, die verschwunden sind oder derzeit verschwinden. Wir verlieren in den letzten verbliebenen Primärwäldern viele Arten, lange bevor wir sie überhaupt entdeckt und wissenschaftlich beschrieben haben.

Heute wissen wir, dass 78 Prozent der Fluginsekten in 40 Jahren zurückgegangen sind. In naher Zukunft werden wir rund eine Million Tierarten verlieren. Erst haben wir mit der Landwirtschaft und dem Ressourcen-abbau die Vegetation und die Tierwelt verändert, dann haben wir in die Geosphäre vergiftet, erst mit FCKW, nun mit Treibhausgasen. Was müssen wir tun, um der Zerstörung unseres Planeten Einhalt zu gebieten? Nun wir müssten eine ganze Reihe von einschneidenden Mass-nahmen treffen. Die Pandemie gibt uns einen Vorgeschmack dessen, was uns erwartet oder besser gesagt  Ende des Jahres 2020 hätte die Schweiz Bilanz ziehen sollen, wo sie hinsichtlich des Schutzes ihrer biologischen Vielfalt steht, zur Überprüfung der erreichten Zielsetzungen sowohl bei der schweizerischen Biodiversitätsstrategie als auch der weltweiten Biodiversitätskonvention: Da steht: «Der Erhaltungszustand der Populationen von National Prioritären Arten wird bis 2020 verbessert und das Aussterben so weit wie möglich unter-bunden.» Doch allein unter den Vögeln sind aber Ende des Jahrzehnts Rebhuhn, Bekassine, Grosser Brachvogel, Rotkopfwürger und Ortolan als Brutvögel ausgestorben oder in winziger Anzahl vorhanden. Die Schweiz ist nur bei einem einzigen Ziel der Biodiversitätsstrategie auf Kurs, und zwar bei der biologischen Vielfalt des Waldes. Bei einem Drittel der Ziele ist das Ergebnis geringer, bei einem Drittel sind keine Fortschritte zu sehen und beim letzten Drittel geht die Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung. Auch bei den «Aichi»-Biodiversitätszielen, die 2010 im Rahmen der Biodiversitätskonvention vereinbart wurden ist das Bild fast deckungsgleich mit der nationalen Strategie: Nur bei einem Fünftel ist die Schweiz auf Kurs. Bei 35 Prozent der Ziele gibt es aber gar keine Fortschritte.

Die Schweizer Flora war eine der reichsten und vielfältigsten Europas. Allerdings gelten über 700 Pflanzenarten als vom Aussterben bedroht. Forschende der «Universität Bern» und das Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora haben die Ergebnisse mit der Hilfe von 400 ehrenamtlichen BotanikerInnen analysiert und zwischen 2010 und 2016 über 8000 alt bekannte Fundstellen der 713 seltensten und ge-fährdetsten Pflanzenarten in der Schweiz besucht und überprüft. Von der «Universität Bern wurde dieser einzigartige Datenschatz nun analy-siert und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift «Conservation Letters» publiziert. Bei ihrer «Schatzsuche» gingen die BotanikerInnen oft leer aus – 27% der 8024 Populationen konnten nicht wiedergefunden werden. Arten, die von Expertinnen und Experten als am stärksten gefähr-det eingestuft werden, verloren gar 40% ihrer Populationen im Vergleich zu den Fundangaben, die aus den letzten 10 – 50 Jahren stammten. Diese Zahlen sind alarmierend und dokumentieren eindrücklich den Rückgang vieler gefährdeter Arten in der Schweiz. Besonders betroffen sind Pflanzen aus sogenannten Ruderalstandorten – Flächen, die unter ständigem menschlichen Einfluss stehen. Zu den betroffenen Pflan-zenarten gehören die Randvegetation von landwirtschaftlich genutzten oder besiedelten Flächen. Diese Populationen zeigten mehr als dop-pelt so grosse Verluste wie Arten aus Wäldern oder alpinen Wiesen. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit einem grossen Dünge- und Herbizideinsatz, aber auch der Verlust von Kleinstrukturen wie Steinhaufen und Ackerrandstreifen setzen dieser Artengruppe besonders zu. Ähnlich stark betroffen sind Pflanzenarten der Gewässer, Ufer und Moore. Auch hier sind die Ursachen gemäss den Forschenden haus-gemacht: Wasserqualitätsverluste durch Mikroverunreinigungen und die Düngemittelbelastung aus der Landwirtschaft, der Verlust natür-licher Flussdynamiken durch Flussbegradigungen, die Nutzung von Flüssen als Stromlieferant, oder das Trockenlegen von Moorflächen.

In Deutschland wurden im Rahmen des «Jena» Experimentes 80.000 Messungen wurden von interdisziplinär aufgestellten Arbeitsgruppen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden durchgeführt. Auf mehr als 500 Versuchsparzellen hatten sie unterschiedlich viele Pflanzenarten angesät, von Monokulturen bis zu Mischungen von 60 Arten. Neben Pflanzen wurden auch alle im Ökosystem vorkom-menden Organismen untersucht – im Boden und oberhalb davon. Ausserdem die Stoffkreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff und Nitrat und auch der Wasserkreislauf über den gesamten Zeitraum von 15 Jahren hinweg. So konnten die WissenschaftlerInnen belegen, wie sich die Artenvielfalt auf die Kapazität des Bodens, Wasser aufzunehmen, zu speichern oder abzugeben auswirkt. Wie sehr etwa der Stickstoffkreislauf eines Bodens von vielen Faktoren wie der Artenvielfalt, von mikrobiologischen Organismen, dem Wasserkreislauf und der Pflan-zeninteraktion abhängt, wurde im Jena Experiment erstmals deutlich. Artenreichere Wiesen hatten über die gesamte Zeit des „Jena Experiments“ eine höhere Produktivität als artenarme Wiesen. Eine gesteigerte Bewirtschaftungsintensität durch zusätzliche Düngung und eine häufigere Mahd erreichte denselben Effekt: Wenn ein Landwirt bestimmte Arten fördert und düngt, ist er im Durchschnitt betrachtet folglich nicht erfolgreicher als die Natur. Die Energie der Biomasse (Bioenergiegehalt) von artenreichen Wiesen war deutlich höher als der von artenarmen Wiesen, zugleich aber ähnlich hoch wie viele der heute stark subventionierten Arten, etwa von Chinaschilf. Artenreiche Flächen hatten eine bessere Kohlenstoffspeicherung. Die Anzahl von Insekten und anderen Arten war deutlich höher. Wechselwirkungen zwischen Arten wie Bestäubungen fanden häufiger statt. Artenreichere Wiesen transportierten Oberflächenwasser besser in den Boden. Artenreiche Ökosysteme waren stabiler gegenüber Störungen, beispielsweise Dürren oder Überschwemmungen, als artenarme Ökosysteme.

In Frankreich gingen in den letzten 30 Jahren 80 Prozent der Insekten verloren. In der Schweiz sind es etwa 60 Prozent  und in Deutschland ist der Artenverlust ebenfalls dramatisch hoch. Angesichts des rasanten Biodiversitätsverlustes und der Verödung der Städte, frage ich mich schon lange, warum nicht all die nutzlosen Rasenflächen vor allen Miet- und Wohnhäusern zu Gärten für geneigte Hobby-Gärtner und Selbstversorger unter den Anwohner/innen umfunktioniert werden und gerade die ärmeren Leute und solche mit Migrationshintergrund und Agrar-Know-how ihre Nahrung teilweise vor dem Haus anbauen könnten. Das würde auch der Armut ein wenig entgegensteuern und vielen Familien das Überleben garantieren sowie sinnstiftend sein. Warum sollten wir alle Lebensmittel aus Afrika, China und Lateinamerika importieren, wenn wir mit lokalem Anbau unsere Städte verschönern, die Biodiversität steigern und dem Klimawandel entgegen wirken könnten. Sobald sich ein Grashalm bemerkbar macht, ist der Rasenroboter schon da. Nutzlose Thuya-Hecken soweit das Auge reicht. Die meisten Menschen wissen nichts mehr mit Natur anzufangen. Wir sollten darüber nachdenken, was unsere Gemeinden eigentlich mit ihren Gemeindeflächen machen. Sie schaffen grosse Anbau-Strukturen, statt die kleinräumige, lokale Bewirtschaftung zu fördern.

Unser aller Kernproblem ist es, dass jedes Jahr 80 Millionen Menschen hinzu kommen dazu und die jetzt erst geboren haben theoretisch eine höhere Lebenserwartung auch in den Entwicklungsländern. Bis Ende des Jahrhunderts werden wir elf Milliarden Menschen sein, die also noch mehr Lebensraum und noch mehr Landwirtschaft für die Nahrungsmittelproduktion brauchen. Durch den Total-Umbau der Erdoberfläche für die Landwirtschaft und Versorgung kommender Generationen, vernichten wir die Schatzkammern der Artenvielfalt auf alle Ewigkeit. Es kann nicht sein, dass wir allein mit der Viehwirtschaft für die Fleischproduktion ganze Artenbestände und wichtige Ökosysteme unwiederbringlich vernichten. Eine vegane Ernährung wird daher zum obersten Credo für die wachsende Weltbevölkerung. Und wie steht es um eine noch wichtigere Ressource, dem Trinkwasser? Durch den Einsatz von Pestiziden vergiften wir unser Trinkwasser, die Flüsse und die Seen – auch in der Schweiz. Es gibt nur eine Lösung: Auf den Pestizid intensiven Anbau zu verzichten und zu Mischkulturen zurückzukehren, die sich über Jahrhunderte bewährt und die Biodiversität gefördert haben.

Die Palmölindustrie hat in den letzten 30 Jahren in den indonesischen Provinzen Kalimantan und Sumatra über die Hälfte des Regenwaldes (die Grösse Deutschlands) abgeholzt und fängt nun auch in Papua Neuginea damit an, den Urwald im grossen Stil zu vernichten. Die Holz-industrie freut das ebenso wie die Oligarchie und das Militär. Dabei werden zwangsläufig Kleinbauern enteignet, was in Indonesien ganz legal geht. Auch hat das indonesische Parlament jüngst ein Gesetz verabschiedet, dass die nationalen Umwelt-, Arbeits- und Sozialstandards radikal beschneidet und Null Umweltverträglichkeitsprüfungen vorsieht. Daher ist das fortschrittlich formulierte Abkommen ein weiterer illusionärer Papiertiger, der zur besorgniserregenden Vernichtung von riesigen Regenwald-Gebieten in Brasilien, Indonesien, Malaysien, Papua Neuguinea führt. Mit dem Freihandelsabkommen mit Indonesien würde die Schweiz diesen Zustand legitimieren und die völlig ungenügenden Öko-Labels einmal mehr zum Standard erklären.

Rohstoffhändler und andere Freibeuter in die Schranken weisen

Gut 500 Firmen mit weit über 10000 Angestellten arbeiten in der Schweiz in der Rohstoffbranche, die durch March Rich ihren ersten berüch-tigten Protagonisten, der es zu trauriger oder zweifelhafter Berühmtheit brachte, als er zum ersten mal in den 70er Jahren in die Schlagzeilen geriet. Der in Belgien geborene US Bürger sorgte dafür, dass der Rohstoffhandel in der Schweiz bedeutend wurde. Seine skrupellosen Öldeals mit Südafrika und dem Iran unter Umgehung internationaler Sanktionen verhalfen dem „Vater des Schweizer Erfolgsmodels“ zu immensen Reichtum und brachten ihn auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher in den USA, bis Bill Clinton ihn 2001 begnadigte. Wir erinnern uns, dass Bill Clinton und Alan Greenspan auch die Liberaliserung der Nahrungsmittel-Märkte vorantrieben und damit die Hedge-Fond Plage auslöste. Zurück in die Schweiz.

Hier gehörten Christoph Blocher und Martin Ebner zu den skrupellosesten Liberalisierer in den 90er Jahren. Von den «Bloomberg» Journalisten Javier Blas und Jack Farchy wissen wir, dass Ebner zu den Rettern von Marc Richs Imperium gehörten und auch der heutige «Glencore» Ivan Glasberg Chef seine Sporen in Johannesburg in Südafrika abverdiente und viel von seinem Meister bei den illegalen Öl-Deals und der Umgehung von Sanktionen gelernt hat, auch wenn er in der Kohleabteilung tätig war. Tiefe Steuern, die zentrale Lage in Europa, der stabile Schweizer Franken und der Zugang zum internationalen Finanzsystem sowie die schwache Regulierung boten in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz einen fruchtbaren Boden für Unternehmen, welche die Ressourcen weltweit ausbeuten. Aus «Glencores» Umfeld gingen andere erfolgreiche Rohstoffhändler wie «Vitol» hervor, das dem Inselstaat Cuba zu Öl verhalf und dafür den Zucker zu günstigen Preisen abnahm, als Kuba in den 90er Jahren zahlungsunfähig war. Es wurde gemunkelt, dass «Vitol» in Kuba ein Luxushotel finanzierte und betrieb und sich der damalige wie «Vitol»-Chef Ian Taylor ab und zu mit Fidel Castro zu einem Zigarrenschmauch und Cuba libre traf. In den 90er Jahren kamen dann die ehemaligen Sowjetrepubliken zu den neuen Rohstoff-Eldorados hinzu. Die Schweizer Rohstoffhändler kontrollieren fast 80 Prozent des weltweiten Handels und agieren skrupellos.

Der Fall «Gunvor» im Kongo, die Machenschaften der «Credit Suisse» in Mocambik sowie die Geldwäscher-Affäre in Bulgarien zeigen exemplarisch die Spitze des Eis-bergs der Korruption. Der Bundesrat bestätigte zwar in einem Bericht „das grosse Korruptionsrisiko“, tat aber nichts weiter, um die Banken-aufsicht zu stärken, um die Geldwäscherei einzudämmen. Die Rohstoffhändler «Glencore», «Trafigura», «Vitol», «Mercuria» und «Gunvor» erhielten nach Recherchen von Public Eye von 2013 bis 2019 insgesamt 363,8 Milliarden US-Dollar an Krediten. Public Eye untersuchte auch die hochrisikoreichen Finanzinstrumente und –praktiken der Rohstoffhändler, die mittlerweile selbst als Banken fungieren, sich aber weitgehend der Finanzkontrolle und der Banken- und Finanzaufsicht «finma» entziehen. «Gunvor» zahlte in den USA 164 Millionen Strafe für die Verfehlungen in Brasilien, Equador und Mexico. Es ist stossend, dass sich grosse Konzerne, Banken und Superreiche immer wieder mit lächerlichen Bussen freikaufen können, derweil andere für viel geringe Taten ins Gefängnis wandern. Beispiele gibt es auch in der Schweiz genug.

Der Milliardär Urs E. Schwarzenbach hat gemäss Obergerichtsurteil eine ganz erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt, bei den Tatbeständen Kunstschmuggel und Steuerhinterziehung. Er schuldet allein dem Zürcher Steueramt mehrere Hundert Millionen Franken und lebt nach wie vor nach zahlreichen Bundesgerichtsurteilen unbeschwert und unversehrt in Freiheit. Auch der Unternehmer Remo Stoffel musste keine Gefängnisstrafe absitzen, obschon er die Firmenbilanz um über 100 Millionen frisiert hatte. Ein weiterer Goldküsten-Millionär, der ein marodes Immobilien-Imperium mit Gammelwohnungen zu Wucherpreisen vermietete und wegen gewerbsmässigem Betrug, Wucher, Nötigung und Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt wurde, musste auch nicht ins Gefängnis. Auch bei der Erb Gruppe und den fehlbaren Banken und Finanzinstituten verlief es ähnlich. Die Liste der Usupatoren liesse sich beliebig lang fortsetzen.

Die Credit Suisse ist Weltmeisterin im bezahlen von Bussen für ihre zahlreichen Vergehen in den USA und anderswo, aber keiner der verantwortlichen Verbrecher wurde inhaftiert. Die Finma, die Schweizer Finanzmarkaufsicht ist eine Schlafmützen und Beschwichtigungsbehörde par exce-llence. Bei Whistleblowern sieht die Sache ganz anders raus. Die werden verfolgt und wie Kriegsverbrecher behandelt. Es scheint in der Schweiz zum guten Ton zu gehören, dass reiche Menschen und Finanzinstitute sich an keine Regeln halten müssen und für ihre Delikte nicht inhaftiert werden. „Der Kuhhandel hat in der Schweiz eben Tradition“, möchte da wohl manch einer salbungsvoller Politiker sagen. Aber auch in Deutschland passiert dasselbe, wenn man auf den Abgasskandal der Deutschen Autobauer schaut. Bisher wurde noch keiner der glorreichen Automanager dafür persönlich gebüsst und belangt und in der Schweiz warten die geprellten Käufer von Stinkautos noch immer auf eine Entschädigung oder Nachrüstung.

Die Schweiz glänzt in vielen Statistiken wie beim Gold- und Geld-Reichtum, beim Glücklich sein, bei den Patenten, beim Receyclen doch die Realität sieht ganz anders aus. Neben den 810‘000 Millionären und einigen Milliardären gibt es in der kleinen Schweiz über 300‘000 Familien, die ihre Krankenkassenprämie nicht bezahlen können, 240‘000 Personen, die für ihre Steuerschulden betrieben wurden und über 400‘000 Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Die Sozialausgaben bei Bund, Kantonen und Gemeinden verdreifachten sich in den letzten 15 Jahren. Dazu kommt, dass ein Prozent die Hälfte des Gesamtvermögens für sich behält. Was heisst das? Das bedeutet das Unternehmen in der freien Marktwirtschaft Arbeitsplätze mit existenzsichernden Löhnen anbieten müssten und über Coperate Governance hinaus eine Wertschöpfung für die Gemeinschaft ausweisen müssten anstatt Dividenden für reiche Aktionäre.

Ferner sollte der Staat vermehrt Anreize für sinnvolle Aufgaben im Sozial- Bildungs-, Gesundheitswesen aber auch im Natur- und Umweltschutz schaffen. Aufgaben gäbe es mit dem Klimawandel zu Hauf. Und statt dass der Staat immer mehr Sozialhilfegeld bezahlt, sollten diese menschliche Ressourcen für den klimaneutralen Umbau unserer Gesellschaft eingesetzt werden. Aus allen Alters- und Bildungsschichten, Kultur- und Sprachräumen. De Facto finden ja nur wenige Arbeitnehmer über 50 Jahre wieder eine Stelle. Warum also sollten sie nicht entsprechend ihren Qualifikationen für soziale Aufgaben und Natur- und Umweltschutzprojekte eingesetzt und entsprechend entschädigt werden. Wir müssen eine permanente Spitex für die Natur einrichten. Und die dazu nötigen Mittel bei den Superreichen eintreiben.

Bis in die 80er Jahre gaben die Menschen ihre Kleider über Generationen hinweg an ihre Kinder weiter. Qualitativ hochwertige Textilien wurden über Generationen hinweg getragen. Unvollstellbar heute, wo sich die Frauen BHs und Höschen in 10 Pastellfarben und die passenden Outfits über der Unterwäsche farblich assortiert dazu kaufen. Natürlich müssen auch die Schuhe dazu passen. Schön und gut, nur blen-den die Schönheitsköniginnen der heutigen Zeit aus, dass ihre Textilien aus Sklavenarbeit stammen und die übelsten gesundheitlichen Schäden an den Textilarbeiter/innen und an der Umwelt verursachen. Da laufen alle gestylten veganen, bio- und receycling konformen Beauties blind durch die Welt und negieren, die seit ölangem bekannten Fakten.

7. Artensterben & Pandemien: Werden wir das überleben?

Die Erde leidet an drei Krankheiten: Artensterben, Klimawandel und Pandemien! Dies ist, als hätte der Patient eine Leberzirrhose, eine Herzschwäche und einen Niereninsuffienz zugleich. Es wird demzufolge zu vielen Komplikationen kommen: Noch mehr Kriege, Krankheiten, Konflikte, Natur-Katastrophen und Bürgerkriege geben, wenn wir das Bevölkerungswachstum nicht in den Griff bekommen. Ernährungsknappheit, Verteilungskämpfe und Migrationsströme sind jetzt schon als Folge davon zu sehen. Wenn wir an unserem Verhalten nichts ändern, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Ende der Menschheit naht und unsere Population weitgehend kollabieren wird. Das wird zwar nicht das Ende der Evolution sein, gewiss aber das Ende einer Ära, wie wir sie kennen und lieb(t)en! Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass mit dem grossen Artensterben auch unsere Spezies weitgehend ausgerottet wird und der Mensch zur planetarischen Geschichte wird.

Der Mensch hat auf dem Planet Erde gewütet und wird ihn bald ganz zu Grunde richten. Erst haben wir die pleistozäne Tierwelt in Nordamerika und in Südamerika dann in Australien die grossen Riesenbeuteltiere und -vögel ausgerottet und als der Mensch Polynesien bevölkert hat, sind bis hin zu Neuseeland die grossen Megafaunelemente verschwunden. Wenn diese fehlen, hat das auch Auswirkungen auf die gesamte Fauna und Flora hat. So haben wir in den letzten 10.000 Jahren ungefähr die Hälfte der natürlichen Waldbedeckung der Erde vernichtet und die Biosphäre so weit verändert, dass ganze Tierpopulationen ausgelöscht wurden. Wobei die Roten Listen nur einen Bruchteil, kaum zehn Prozent der beschriebenen Arten, geschweige denn aller auf der Erde lebenden Arten, aufweisen. Das heisst, die 800 Arten, die nachweislich in den vergangenen 500 Jahren ausgestorben sind, stellen nicht die Anzahl der Tiere und der Tierarten dar, die verschwunden sind oder derzeit verschwinden. Wir verlieren in den letzten verbliebenen Primärwäldern viele Arten, lange bevor wir sie überhaupt entdeckt und wissenschaftlich beschrieben haben.

Heute wissen wir, dass 78 Prozent der Fluginsekten in 40 Jahren zurückgegangen sind. In naher Zukunft werden wir rund eine Million Tierarten verlieren. Erst haben wir mit der Landwirtschaft und dem Ressourcenabbau die Vegetation und die Tierwelt verändert, dann haben wir in die Geosphäre vergiftet, erst mit FCKW, nun mit Treibhausgasen. Was müssen wir tun, um der Zerstörung unseres Planeten Einhalt zu gebieten? Nun wir müssten eine ganze Reihe von einschneidenden Massnahmen treffen. Die Pandemie gibt uns einen Vorgeschmack dessen, was uns erwartet oder besser gesagt

Biodiversität in die Städte zurückholen

Ende des Jahres 2020 hätte die Schweiz Bilanz ziehen sollen, wo sie hinsichtlich des Schutzes ihrer biologischen Vielfalt steht, zur Überprüfung der erreichten Zielsetzungen sowohl bei der schweizerischen Biodiversitätsstrategie als auch der weltweiten Biodiversitätskonvention: Da steht: «Der Erhaltungszustand der Populationen von National Prioritären Arten wird bis 2020 verbessert und das Aussterben so weit wie möglich unterbunden.» Doch allein unter den Vögeln sind aber Ende des Jahrzehnts Rebhuhn, Bekassine, Grosser Brachvogel, Rotkopfwürger und Ortolan als Brutvögel ausgestorben oder in winziger Anzahl vorhanden.

Die Schweiz ist nur bei einem einzigen Ziel der Biodiversitätsstrategie auf Kurs, und zwar bei der biologischen Vielfalt des Waldes. Bei einem Drittel der Ziele ist das Ergebnis geringer, bei einem Drittel sind keine Fortschritte zu sehen und beim letzten Drittel geht die Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung. Auch bei den («Aichi»- Biodiversitätszielen), die 2010 im Rahmen der Biodiversitätskonvention vereinbart wurden ist das Bild fast deckungsgleich mit der nationalen Strategie: Nur bei einem Fünftel ist die Schweiz auf Kurs. Bei 35 Prozent der Ziele gibt es aber gar keine Fortschritte.

Die Schweizer Flora war eine der reichsten und vielfältigsten Europas. Allerdings gelten über 700 Pflanzenarten als vom Aussterben bedroht. Forschende der «Universität Bern» und das Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora haben die Ergebnisse mit der Hilfe von 400 ehrenamtlichen BotanikerInnen analysiert und zwischen 2010 und 2016 über 8000 alt bekannte Fundstellen der 713 seltensten und gefährdetsten Pflanzenarten in der Schweiz besucht und überprüft. Von der «Universität Bern wurde dieser einzigartige Datenschatz nun analysiert und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift «Conservation Letters» publiziert. Bei ihrer «Schatzsuche» gingen die BotanikerInnen oft leer aus – 27% der 8024 Populationen konnten nicht wiedergefunden werden. Arten, die von Expertinnen und Experten als am stärksten gefährdet eingestuft werden, verloren gar 40% ihrer Populationen im Vergleich zu den Fundangaben, die aus den letzten 10 – 50 Jahren stammten. Diese Zahlen sind alarmierend und dokumentieren eindrücklich den Rückgang vieler gefährdeter Arten in der Schweiz.

Besonders betroffen sind Pflanzen aus sogenannten Ruderalstandorten – Flächen, die unter ständigem menschlichen Einfluss stehen. Zu den betroffenen Pflanzenarten gehören die Randvegetation von landwirtschaftlich genutzten oder besiedelten Flächen. Diese Populationen zeigten mehr als doppelt so grosse Verluste wie Arten aus Wäldern oder alpinen Wiesen. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit einem grossen Dünge- und Herbizideinsatz, aber auch der Verlust von Kleinstrukturen wie Steinhaufen und Ackerrandstreifen setzen dieser Artengruppe besonders zu. Ähnlich stark betroffen sind Pflanzenarten der Gewässer, Ufer und Moore. Auch hier sind die Ursachen gemäss den Forschenden hausgemacht: Wasserqualitätsverluste durch Mikroverunreinigungen und die Düngemittelbelastung aus der Landwirtschaft, der Verlust natürlicher Flussdynamiken durch Flussbegradigungen, die Nutzung von Flüssen als Stromlieferant, oder das Trockenlegen von Moorflächen.

In Deutschland wurden im Rahmen des «Jena» Experimentes 80.000 Messungen wurden von interdisziplinär aufgestellten Arbeitsgruppen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden durchgeführt. Auf mehr als 500 Versuchsparzellen hatten sie unterschiedlich viele Pflanzenarten angesät, von Monokulturen bis zu Mischungen von 60 Arten. Neben Pflanzen wurden auch alle im Ökosystem vorkommenden Organismen untersucht – im Boden und oberhalb davon. Ausserdem die Stoffkreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff und Nitrat und auch der Wasserkreislauf über den gesamten Zeitraum von 15 Jahren hinweg. So konnten die WissenschaftlerInnen belegen, wie sich die Artenvielfalt auf die Kapazität des Bodens, Wasser aufzunehmen, zu speichern oder abzugeben auswirkt. Wie sehr etwa der Stickstoffkreislauf eines Bodens von vielen Faktoren wie der Artenvielfalt, von mikrobiologischen Organismen, dem Wasserkreislauf und der Pflanzeninteraktion abhängt, wurde im Jena Experiment erstmals deutlich. Artenreichere Wiesen hatten über die gesamte Zeit des „Jena Experiments“ eine höhere Produktivität als artenarme Wiesen.

Eine gesteigerte Bewirtschaftungsintensität durch zusätzliche Düngung und eine häufigere Mahd erreichte denselben Effekt: Wenn ein Landwirt bestimmte Arten fördert und düngt, ist er im Durchschnitt betrachtet folglich nicht erfolgreicher als die Natur. Die Energie der Biomasse (Bioenergiegehalt) von artenreichen Wiesen war deutlich höher als der von artenarmen Wiesen, zugleich aber ähnlich hoch wie viele der heute stark subventionierten Arten, etwa von Chinaschilf. Artenreiche Flächen hatten eine bessere Kohlenstoffspeicherung. Die Anzahl von Insekten und anderen Arten war deutlich höher. Wechselwirkungen zwischen Arten wie Bestäubungen fanden häufiger statt. Artenreichere Wiesen transportierten Oberflächenwasser besser in den Boden. Artenreiche Ökosysteme waren stabiler gegenüber Störungen, beispielsweise Dürren oder Überschwemmungen, als artenarme Ökosysteme.

In Frankreich gingen in den letzten 30 Jahren 80 Prozent der Insekten verloren. In der Schweiz sind es etwa 60 Prozent  und in Deutschland ist der Artenverlust ebenfalls dramatisch hoch. Angesichts des rasanten Biodiversitätsverlustes und der Verödung der Städte, frage ich mich schon lange, warum nicht all die nutzlosen Rasenflächen vor allen Miet- und Wohnhäusern zu Gärten für geneigte Hobby-Gärtner und Selbstversorger unter den Anwohner/innen umfunktioniert werden und gerade die ärmeren Leute und solche mit Migrationshintergrund und Agrar-Know-how ihre Nahrung teilweise vor dem Haus anbauen könnten. Das würde auch der Armut ein wenig entgegensteuern und vielen Familien das Überleben garantieren sowie sinnstiftend sein.

Warum sollten wir alle Lebensmittel aus Afrika, China und Lateinamerika importieren, wenn wir mit lokalem Anbau unsere Städte verschönern, die Biodiversität steigern und dem Klimawandel entgegen wirken könnten. Sobald sich ein Grashalm bemerkbar macht, ist der Rasenroboter schon da. Nutzlose Thuya-Hecken soweit das Auge reicht. Die meisten Menschen wissen nichts mehr mit Natur anzufangen. Wir sollten darüber nachdenken, was unsere Gemeinden eigentlich mit ihren Gemeindeflächen machen. Sie schaffen grosse Anbau-Strukturen, statt die kleinräumige, lokale Bewirtschaftung zu fördern.

Ernährung, Landwirtschaft, Grundwasserschutz und Pestizid-Verbot

Unser aller Kernproblem ist es, dass jedes Jahr 80 Millionen Menschen hinzu kommen dazu und die jetzt erst geboren haben theoretisch eine höhere Lebenserwartung auch in den Entwicklungsländern. Bis Ende des Jahrhunderts werden wir elf Milliarden Menschen sein, die also noch mehr Lebensraum und noch mehr Landwirtschaft für die Nahrungsmittelproduktion brauchen. Durch den Total-Umbau der Erdoberfläche für die Landwirtschaft und Versorgung kommender Generationen, vernichten wir die Schatzkammern der Artenvielfalt auf alle Ewigkeit. Es kann nicht sein, dass wir allein mit der Viehwirtschaft für die Fleischproduktion ganze Artenbestände und wichtige Ökosysteme unwiederbringlich vernichten. Eine vegane Ernährung wird daher zum obersten Credo für die wachsende Weltbevölkerung. Und wie steht es um eine noch wichtigere Ressource, dem Trinkwasser? Durch den Einsatz von Pestiziden vergiften wir unser Trinkwasser, die Flüsse und die Seen – auch in der Schweiz. Es gibt nur eine Lösung: Auf den pestizid intensiven Anbau zu verzichten und zu Mischkulturen zurückzukehren, die sich über Jahrhunderte bewährt und die Biodiversität gefördert haben.

Die Palmölindustrie hat in den letzten 30 Jahren in den indonesischen Provinzen Kalimantan und Sumatra über die Hälfte des Regenwaldes (die Grösse Deutschlands) abgeholzt und fängt nun auch in Papua Neuginea damit an, den Urwald im grossen Stil zu vernichten. Die Holzindustrie freut das ebenso wie die Oligarchie und das Militär. Dabei werden zwangsläufig Kleinbauern enteignet, was in Indonesien ganz legal geht. Auch hat das indonesische Parlament jüngst ein Gesetz verabschiedet, dass die nationalen Umwelt-, Arbeits- und Sozialstandards radikal beschneidet und Null Umweltverträglichkeitsprüfungen vorsieht. Daher ist das fortschrittlich formulierte Abkommen ein weiterer illusionärer Papiertiger, der zur besorgniserregenden Vernichtung von riesigen Regenwald-Gebieten in Brasilien, Indonesien, Malaysien, Papua Neuguinea führt. Mit dem Freihandelsabkommen mit Indonesien würde die Schweiz diesen Zustand legitimieren und die völlig ungenügenden Öko-Labels einmal mehr zum Standard erklären.

Grüne Fassaden und Gebäudetechnik

Pensionskassen müssten dazu verpflichtet werden, ihre Vorsorgegelder in CO2 neutrale Gebäude-Sanierung zu investieren. Auch für private Eigentümer müssten Anreize und Steuererleichterungen geschaffen werden, wenn sie ihre oelheizungen rausreissen und durch die Energieversorgung durch eine Erdsonde, Solarenergie oder Erdgas ersetzen. Auch sollten wir uns Singapore als Vorbild nehmen und die Gebäude als auch Hochhäuser und Wolkenkratzer vertikal begrünen und die Flachdächer und mit Solarpanels bestücken. In Singapore werden auch auf Wolkenkratzern Bäume und Sträucher angepflanzt. Extra grosse Balkontröge stehen da zur Verfügung und die Bäume können über mehrere Stockwerke hinweg hochwachsen. Ganze Gebäudehüllen werden so begrünt und AnwohnerInnen können wiederum auf ihren Balkonen Kräuter und Gemüse anbauen.

Schweizer Rohstoffhändler kontrollieren 80 Prozent der Ausbeutung weltweit

Gut 500 Firmen mit weit über 10000 Angestellten arbeiten in der Schweiz in der Rohstoffbranche, die durch March Rich ihren ersten berüchtigten Protagonisten, der es zu trauriger oder zweifelhafter Berühmtheit brachte, als er zum ersten mal in den 70er Jahren in die Schlagzeilen geriet. Der in Belgien geborene US Bürger sorgte dafür, dass der Rohstoffhandel in der Schweiz bedeutend wurde. Seine skrupellosen Öldeals mit Südafrika und dem Iran unter Umgehung internationaler Sanktionen verhalfen dem „Vater des Schweizer Erfolgsmodels“ zu immensen Reichtum und brachten ihn auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher in den USA, bis Bill Clinton ihn 2001 begnadigte. Wir erinnern uns, dass Bill Clinton und Alan Greenspan auch die Liberaliserung der Nahrungsmittel-Märkte vorantrieben und damit die Hedge-Fond Plage auslöste. Zurück in die Schweiz. Hier gehörten Christoph Blocher und Martin Ebner zu den skrupellosesten Liberalisierer in den 90er Jahren.

Von den «Bloomberg» Journalisten Javier Blas und Jack Farchy wissen wir, dass Ebner zu den Rettern von Marc Richs Imperium gehörten und auch der heutige «Glencore» Ivan Glasberg Chef seine Sporen in Johannesburg in Südafrika abverdiente und viel von seinem Meister bei den illegalen Öl-Deals und der Umgehung von Sanktionen gelernt hat, auch wenn er in der Kohleabteilung tätig war. Tiefe Steuern, die zentrale Lage in Europa, der stabile Schweizer Franken und der Zugang zum internationalen Finanzsystem sowie die schwache Regulierung boten in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz einen fruchtbaren Boden für Unternehmen, welche die Ressourcen weltweit ausbeuten. Aus «Glencores»  Umfeld gingen andere erfolgreiche Rohstoffhändler wie «Vitol» hervor, das dem Inselstaat Cuba zu Öl verhalf und dafür den Zucker zu günstigen Preisen abnahm, als Kuba in den 90er Jahren zahlungsunfähig war. Es wurde gemunkelt, dass «Vitol» in Kuba ein Luxushotel finanzierte und betrieb und sich der damalige wie «Vitol»-Chef Ian Taylor ab und zu mit Fidel Castro zu einem Zigarrenschmauch und Cuba libre traf. In den 90er Jahren kamen dann die ehemaligen Sowjetrepubliken zu den neuen Rohstoff-Eldorados hinzu.  

Die Schweizer Rohstoffhändler kontrollieren fast 80 Prozent des weltweiten Handels und agieren skrupellos. Der Fall «Gunvor» im Kongo, die Machenschaften der «Credit Suisse» in Mocambik sowie die Geldwäscher-Affäre in Bulgarien zeigen exemplarisch die Spitze des Eisbergs der Korruption. Der Bundesrat bestätigte zwar in einem Bericht „das grosse Korruptionsrisiko“, tat aber nichts weiter, um die Bankenaufsicht zu stärken, um die Geldwäscherei einzudämmen. Die Rohstoffhändler «Glencore», «Trafigura», «Vitol», «Mercuria» und «Gunvor» erhielten nach Recherchen von Public Eye von 2013 bis 2019 insgesamt 363,8 Milliarden US-Dollar an Krediten. Public Eye untersuchte auch die hochrisikoreichen Finanzinstrumente und –praktiken der Rohstoffhändler, die mittlerweile selbst als Banken fungieren, sich aber weitgehend der Finanzkontrolle und der Banken- und Finanzaufsicht «finma» entziehen. «Gunvor» zahlte in den USA 164 Millionen Strafe für die Verfehlungen in Brasilien, Equador und Mexico. Es ist stossend, dass sich grosse Konzerne, Banken und Superreiche immer wieder mit Bussen freikaufen können, derweil andere für viel geringe Taten ins Gefängnis wandern. Beispiele in der Schweiz gibt es genug.

Der Milliardär Urs E. Schwarzenbach hat gemäss Obergerichtsurteil eine ganz erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt, bei den Tatbeständen Kunstschmuggel und Steuerhinterziehung. Er schuldet allein dem Zürcher Steueramt mehrere Hundert Millionen Franken und lebt nach wie vor nach zahlreichen Bundesgerichtsurteilen unbeschwert und unversehrt in Freiheit. Auch der Unternehmer Remo Stoffel musste keine Gefängnisstrafe absitzen, obschon er die Firmenbilanz um über 100 Millionen frisiert hatte. Ein weiterer Goldküsten-Millionär, der ein marodes Immobilien-Imperium mit Gammelwohnungen zu Wucherpreisen vermietete und wegen gewerbsmässigem Betrug, Wucher, Nötigung und Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt wurde, musste auch nicht ins Gefängnis. Die Liste der Usupatoren liesse sich beliebig lang fortsetzen. Auch bei der Erb Gruppe und fehlbaren Banken und Finanzinstituten verlief es ähnlich. Es scheint in der Schweiz zum guten Ton zu gehören, dass reiche Menschen sich an keine Regeln halten müssen und für ihre Delikte nicht inhaftiert werden. Der Kuhhandel hat in der Schweiz eben Tradition, möchte da wohl manch einer salbungsvoller Politiker sagen. Aber auch in Deutschland passiert dasselbe, wenn man auf den Abgasskandal der Deutschen Autobauer schaut. Bisher wurde noch keiner der glorreichen Automanager dafür persönlich gebüsst und belangt und in der Schweiz warten die geprellten Käufer von Stinkautos noch immer auf eine Entschädigung oder Nachrüstung.

Umverteilung und Besteuerung Superreicher sowie Tech-Giganten

Die Schweiz glänzt in vielen Statistiken wie beim Gold- und Geld-Reichtum, beim Glücklich sein, bei den Patenten, beim Receyclen doch die Realität sieht ganz anders aus. Neben den 810‘000 Millionären und einigen Milliardären gibt es in der kleinen Schweiz über 300‘000 Familien, die ihre Krankenkassenprämie nicht bezahlen können, 240‘000 Personen, die für ihre Steuerschulden betrieben wurden und über 400‘000 Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Die Sozialausgaben bei Bund, Kantonen und Gemeinden verdreifachten sich in den letzten 15 Jahren. Dazu kommt, dass ein Prozent die Hälfte des Gesamtvermögens für sich behält. Was heisst das? Das bedeutet das Unternehmen in der freien Marktwirtschaft Arbeitsplätze mit existenzsichernden Löhnen anbieten müssten und über Coperate Governance hinaus eine Wertschöpfung für die Gemeinschaft ausweisen müssten anstatt Dividenden für reiche Aktionäre.

Ferner sollte der Staat vermehrt Anreize für sinnvolle Aufgaben im Sozial- Bildungs-, Gesundheitswesen aber auch im Natur- und Umweltschutz schaffen. Aufgaben gäbe es mit dem Klimawandel zu Hauf. Und statt dass der Staat immer mehr Sozialhilfegeld bezahlt, sollten diese menschliche Ressourcen für den klimaneutralen Umbau unserer Gesellschaft eingesetzt werden. Aus allen Alters- und Bildungsschichten, Kultur- und Sprachräumen. De Facto finden ja nur wenige Arbeitnehmer über 50 Jahre wieder eine Stelle. Warum also sollten sie nicht entsprechend ihren Qualifikationen für soziale Aufgaben und Natur- und Umweltschutzprojekte eingesetzt und entsprechend entschädigt werden. Wir müssen eine permanente Spitex für die Natur einrichten. Und die dazu nötigen Mittel bei den Superreichen eintreiben.

Menschenunwürdige und Dreckschleuder Textilindustrie umkrempeln

Bis in die 80er Jahre gaben die Menschen ihre Kleider über Generationen hinweg an ihre Kinder weiter. Qualitativ hochwertige Textilien wurden über Generationen hinweg getragen. Unvollstellbar heute, wo sich die Frauen BHs und Höschen in 10 Pastellfarben und die passenden Outfits über der Unterwäsche farblich assortiert dazu kaufen. Natürlich müssen auch die Schuhe dazu passen. Schön und gut, nur blenden die Schönheitsköniginnen der heutigen Zeit aus, dass ihre Textilien aus Sklavenarbeit stammen und die übelsten gesundheitlichen Schäden an den Textilarbeiter/innen und an der Umwelt verursachen. Da laufen alle gestylten veganen, bio- und,  receycling konformen Beauties blind durch die Welt und negieren, die seit ölangem bekannten Fakten. Zwar schreien die Ladies hierzulande laut für Gleichberechtigung, Lohngleichheit, Mutterschafts und Vaterschaftsurlaub geben sich gerne klimaneutral, umweltsensibel und menschenrechtsaffin und gehen paradoxerweise wie Süchtige bei Zara, H&M und Pritty Little Thing schoppen.

7. Drogenpolitik: 50 Jahre Repression und kafkaeske Bevormundung

Machen wir noch eine spirituelle Reise von den Hochkulturen indigener Völker bis zu den heutigen Niederungen, Irrungen und Wirrungen beim Drogengenuss, vertiefen uns dabei auch auf die internationale und staatliche Repressionsmaschine im Umgang mit psychoaktiven Substanzen und fokussieren auf die hiesige Drogenpolitik, die vor allem die Pharmaindustrie schützt und stützt, aber wenig mit Prävention und Volksgesundheit zu tun haben. Denn derweil die weltweit salonfähige Droge Alkohol, weit mehr Gesundheitsschäden und Tote fordert, wird die Hanfpflanze und der THC-Konsum noch immer stigmatisiert und sind in Nordeuropa, also in Deutschland, Frankreich, Grossbri-tannien und in der Schweiz verboten. Spanien und Portugal sowie die Tschechoslowakei haben die Gesetze gelockert und den Konsum im beschränkten Rahmen in sogenannten Social Clubs zugelassen. Nebst den USA und Kanada, die schon lange die Legalisierung vollzogen haben, folgt nun auch Mexico. In der Schweiz läuft 2022 eine 5-jährige Pilotprojektversuchsphase an, damit wird klar, dass es hierzulande noch 10 Jahre dauern könnte, bis die Politik sich dazu geändert hat. Die Hanfpflanze und deren Substrate die Cannabinoide und Terpene werden wider besseren Wissens seit bald 50 Jahren als Teufelsdroge verurteilt, verdammt und kriminalisiert, dabei spendet die uralte Kultur- und Kultpflanze weltweit seit tausenden von Jahren wertvolle Heil- und Nahrungsmittel. So ist das Hanföl sehr reich an ungesättigten Omega 3 und Omega 6 Fettsäuren und erst noch im optimalen Verhältnis. Die Anwendungen in der Medizin sind unglaublich weitreichend. Auch die Kosmetik hat die heilsamen Hanf-Wirkstoffe wieder-entdeckt und in Frankreich beginnen einzelne Winzer ihren Wein mit Hanf anzurei-chern. Das taten übrigens schon die Römer. Sie wussten um die potenzierte Wirkung von Alkohol und Cannabis. Und die indigenen Hoch-kulturen in Lateinamerika, allen voran Teotihuatlan, waren die Hochburgen der experimentellen Drogen-Höhenflüge. Wer zur Elite der ……….. und …………gehören wollte, musste sich einem wochenlangen, Drogen-Höllentrip in den dunkeln Tempeln unterziehen. Der Cocktail bestand nicht nur aus Cannabis sondern hautsächlich auch aus psychoaktiven Pilzen und Kakteen wie Don Pedro und Meskalin.

Haben wir in der Jugend in den 60er und 80er Jahren erst einmal die berauschende und horizonterweiternden Aspekte der THC-Substanz geschätzt, kommen mit zunehmendem Alter und neuen Erkenntnissen weitere wertvolle medizinische Wirkungen hinzu, wie geistige und körper-liche Entspannung, eine gute Schlaf und Einschlafhilfe, intensiveren und kreativeren Sex, eine verbesserte Hautstruktur sowie veritable gesundheitliche Hilfen bei vielen Krankheiten, wie wir gleich sehen. Mary Jane wurde oft als Einstiegsdroge für härtere Substanzen verantwortlich gemacht und dabei wurde ausgeblendet, dass Alkoholkonsumation der erste und wichtigste Schritt hin zu allen anderen Drogen ist und handkehrum auch die Medikamentensucht nicht zu verunglimpfen ist. Heute ist der Mix von Alkohol, Designer-Drogen und schubverleihenden Medikamenten besonders gefragt und gefährlich. Synthetische Spice Produkte können auch tödlich sein. Eine Folge der verfehlten, weltweit auf Repression ausgerichteten und sehr verlogenen, rassistisch und politisch motivierten Drogenpolitik Nixons und somit ihren Ursprung in Amerika hat. Unter Präsident Nixon wurde behauptet „Cannabis mache Menschen“ zu Tieren. Ziel der diskriminierenden Kampagne des «War on Drugs» waren die Schwarzen und die weissen Kriegsgegner. Und in der Schweiz hingen Plakate mit dem Slogan «Hasch macht doof». Gemeint waren auch hier die Hippies, die Freaks und die „Bewegten“.

In den 90er Jahren wurde erst Zürich, dann die ganze Schweiz zum Hanf-Mekka mit den legendären Hanflädelis und Duftstoffsäcklis oder Badezusätze, die THC-haltiges Grass und Haschisch enthielten. Auch mit Löchern versehene Ping Pong Bälle gefüllt mit MariJane waren erhältlich. Damals war Gras als solches legal, solange es nicht explizit zum „Drogenmissbrauch“, also zum Handel und Vertrieb der Blüten verwendet wurde. Für die Herstellung von Duftstoffen oder zum Brauen von Hanfblüten-Bier gab es lasche Regulierungen, die auch nicht vom THC Gehalt abhingen. So wurden Tonnen von Outdoor-Cannabis legal und kostengünstig im grossen Stil wie im Hexenkessel oder in Videotheken, Kleider-Boutiquen, Drogerien und anderen Lädeli gehandelt. Das änderte sich erst, als die Schweiz der UNO beitreten wollte und die darauf bestand, dass die Schweiz den „Single Convention Act“ von 1961 anerkenne. Zudem übten auch die Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich Druck auf die Schweiz aus, die Liberalisierung, die der Bundesrat noch 2002 dem Parlament vorschlug und im darauf folgenden Jahr von beiden Kammern gutgeheissen wurde, wieder zurückzufahren, die ihnen der Drogentourismus ein Dorn im Auge war. Mit der Reform des BetmG wurde der der EU ähnliche Status übernommen, mit der Ausnahme, dass bei uns die Toleranzgrenze für Nutzhanf etwas höher ist und CBD seit 2016 legalisiert ist. Das Problem ist nur, dass man eine Pflanze schlecht halb legalisieren und immer noch kriminalisieren kann. Darum heisst der jetzige Artikel für die fünfjährigen Pilotprojekte in den vier Städten (Basel, Bern, Genf und Zürich) mit maximal je 5000 Personen pro Stadt auch „Experimentierartikel“. Doch die Bedingungen sind etwas abstrus. Ebenso frustrierend ist es, wenn man zwar unter gewissen medizinischen Kriterien eine Ausnahmebewilligung für Dronabinol (synthetisches THC) bekommt, dieses aber nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Statt den flächendeckenden, nachhaltigen, ökologischen und Landschaftsschutz trächtigen Outdoor-Anbau zu fördern, der für Medizin, Kosmetik, Nahrungsmittel, Baustoffe, Textilien usw. genutzt werden könnte und auch als Lawinenschutz und zur CO-2 Reduktion eingesetzt werden könnte, den Berg-Bauern eine wirtschaftliche Bio-Grundlage bieten würden, wird weiterhin auf den Indoor-Anbau gesetzt und einseitig die Synthetisierung der Inhaltsstoffe für pharmazeutische Produkte gesetzt.

Zwar wurde in den USA Hanf, Gras, Hasch etc. in vielen Bundesstaaten schon länger weitgehend legalisiert, in der Schweiz lassen wir gerade einmal ein paar Pilotversuche zu, die in dieser Form untauglich sind und die lediglich dazu dienen, bei einer Liberalisierung die Pharma-Industrie zu begünstigen und diese zu protegieren. In seinen «Perspektiven der Drogenpolitik 2030» kündigt der Bundesrat an die Vor und Nachteile des Sanktionsverfahren prüfen zu wollen und so die Chancen und Risiken einer Legalisierung neu beurteilen zu können. Das heisst mit anderen Worten, die Regierung denkt über die nächsten zehn Jahre hinweg über eine Entkriminalisierung und Legalisierung nach. Derweil Portugal schon vor zehn Jahren, 2001, diesen Weg eingeschlagen hat mit durchaus positiven Konsequenzen. Dass die Schweizer Regierung 30 Jahre oder mehr dazu braucht, ist nicht gerade berauschend. Zwar gab es einen Versuch, aber Bundesrätin Ruth Dreyfuss scheiterte damals im Parlament knapp mit ihrer Vorlage. Dabei hat die Schweiz, die in den 80er Jahren in der grossen Heroinkrise und angesichts der vielen Drogentoten ein weltweit einzigartiges Methadonabgabe-Programm entwickelt und den Heroinkonsum entkriminalisiert und praktisch eliminiert. Durch dieses Erfolgsmodell wurde Zürich und mit ihr die Schweiz zur Vorreiterin einer humanitären Drogen-politik, die das Suchtpotential anerkannt hat. Seither setzt die Regierung auf das Vier-Säulen-Prinzip (Prävention, Therapie, Schadensmin-derung und Repression).

Derweil Hunderte von Verkehrstoten und tausende von Gewaltakten unter Alkoholeinfluss als normal in Kauf genommen werden, hat Cannabis noch keinen umgebracht und führt in der Tendenz eher zu einem ruhigen, friedlichen wenn nicht gar apathisch bekifften Zustand. Wo ist da die weitgerühmte Verhältnismässigkeit und helvetische Einsicht zur Faktenlage? Bei der Volksdroge Alkohol nimmt man all die Verkehrstoten, familiären Gewalt-Exzesse, Vergewaltigten und Aggressionen hin? Grotesk nicht? Als die Fussball WM 2012 in Portugal stattfand, verbot die Regierung Alkohol für drei Tage aber drückte beide Augen beim Cannabis-Konsum zu. Und siehe da, es waren die friedlichsten Fussballspiele aller Zeiten. Jetzt vertiefen wir die heutigen medizinischen Fakten und die politische Grosswetterlage. Cannabis wird international zwar nicht mehr mit Heroin gleichgesetzt, seit die «Suchtstoffkommission der Vereinten Nationen» (United Nations Com-mission on Narcotic Drugs» (CDN) im Dezember 2020 auf einer Tagung in Wien über diverse Vorschläge abgestimmt hat, die 2019 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Neueinstufung von Cannabis gemacht wurden. Es ging darum Cannabis aus der «Schedule IV der «Single Convention on Narcotic Drugs» aus dem Jahr 1961 herauszunehmen und zu zu entkriminalisieren. Weil Cannabis bisher zusammen mit Heroin und Methaphetamin, den illegalen Opiaten und Kokain in der Liste IV gestanden hat, beriefen sich viele konservative Staaten weiterhin auf die uralte Verordnung. die vor über 50 Jahren durch die messianische und heuchlerische US-Politik geprägte Drogenpolitik (und die Ambitionen eines arbeitslos gewordenen US-Alkoholprohibitions-Chefbeamten) weltweit im Umbruch ist.

Die Prohibition hat noch nie funktioniert, das medizinische Potenzial wurde kastriert

Das Drogenverbot soll uns schützen, heisst es allenthalben. Unsere Gesundheit wird mit zwangs- und strafrechtlichen Mitteln durchgesetzt. Auf sehr fadenscheinige, heuchlerische Weise, obschon die WHO Sucht per se als eine Krankheit definiert. Ob es nun Fresssucht, Alkohol-sucht, Heroin oder Opium-Sucht oder Cannabis-„Missbrauch“ ist. Doch wie sieht die Realität aus? Ein obskures, kafkaeskes Wirrwarr, das jeglicher Logik widerspricht. Klingelt die Polizei, wenn Diabetiker, die Empfehlungen der Ärzte die Rezepturangaben missachten? Sanktioniert und büsst die Polizei Vergehen bei «Ritalin»- oder verschreibungspflichtigem Tablettenmissbrauch? In den USA gab es aufgrund der geldgierigen Pharmaunternehmen und lockeren Verschreibungspolitik von Opiaten wie «Oxytoxin» als Schmerzmittel hunderttausende von Toten. Eine Katastrophe biblischen Ausmasses, die nur noch von Trumps primitiver Corona-Seuchenpolitik übertroffen wurde. Mittlerweile ist in vielen Bundesstaaten in den USA, in Kanada und in Uruguay, als auch in einigen Ländern in Europa (Spanien, Portugal, Tschechien) Cannabis legalisiert, wurde hinkt die Schweiz wie immer und überall hinterher. Das liegt hierzulande wohl daran, dass die Pharmagiganten sich dieses Big Business, einen Markt von über fünf Milliarden Franken nicht entgehen lassen wollen und in Bundesbern dafür lobbyieren, dass ja keine eigentliche Liberalisierung sondern nur eine pharmazeutische Regulierung angestrebt wird. Mit anderen Worten, dürfte es wohl auch weiterhin für Kreti und Pleti verboten bleiben, diese uralte Kulturpflanze im Garten neben die Tomaten und anderen Kräutern anzubauen und zu ernten. Wäre dies der Fall, könnte die Schweiz ein halbes Kernkraftwerk abschalten, wenn die Grower in diesem Land nicht dazu gezwungen wären, die Nutzpflanzen unter Leuchten in Kellern und Industrieanlagen mit einem immensen Strombedarf hochzupäppeln, derweil der Hanf unsere Berg und Lawinenhänge sichern könnte, würde er im grossen Stil draussen anpflanzt. Gewiss ist nur, dass das grüne Gold, wie fast alles in der Schweiz, von der Pharmaindustrie einträglich zu Kohle gemacht und Cannabis nur auf Rezept medizinisch, klinisch und evtl. erst noch synthetisch gegen teures Geld abgegeben wird. So kosten die derzeit für sehr wenige Personen (rund 3000) legal erhältlichen CBD oder THC-Präparate zwischen 600 bis 800 Franken und die Krankenkassen übernehmen die Kosten erst noch nicht oder nur in den seltensten Fällen. So wird eine dergestalt legalisierte Abgabe den Schwarzmarkt nicht beseitigen. Und der Weg zu einer Sonderbewilligung ist bisher nur in vier Fällen möglich: bei Spastik wie Multipler Sklerose, bei chronischen Schmerz-patienten, bei HIV-Erkrankungen und bei Krebsleiden und Chemotherapien. Da lohnt sich kurz ein Blick zurück in die 80er Jahre.

«Blickt man auf die Heroinkrise in der 80er Jahren zurück, kann man heute sagen, dass die Illegalität und Kriminalisierung den grössten Schaden verursacht hat», sagt Toni Berthel, der als Psychiater die «Eidgenössische Kommission für Suchtfragen» (EKSF) geleitet hat, die inzwischen zur «Eidgenössische Kommission für Sucht und Prävention nicht übertragbarer Krankheiten» (EKSN) umbenannt wurde. Berthel und andere SuchterxpertInnen sind überzeugt, in einer freiheitlichen Gesellschaft brauchen Erwachsene keine «Lebensführungs-Besserwis-serInnen», das gelte auch für psychoaktive Substanzen aller Art. Verbote bringen nichts, eine geregelte Abgabe verbunden mit Sucht-Präven-tion sei der bessere Weg, ist Berthel überzeugt, «eine Drogenfreie Gesellschaft eine Illusion». Und es sei nicht haltbar, eine Droge mit gerin-gem Suchtpotential und wenig schädlichen Indikationen wie Cannabis zu verbieten, derweil eine Substanz mit einem so hohen Suchtpo-tential wie Alkohol blauäugig konsumiert werde, sei nicht mehr haltbar. In diesem Punkt sind sich Berthel und der Pharmakopsychologe Boris Quednow, der an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich zu Substanzkonsum und dessen Folgen forscht einig. Auch er ist der Meinung, dass der Konsum so bald wie möglich entkriminalisiert werde, «sonst bestrafe man die Schwerstbetroffenen weiterhin». Aber jede einzelne Substanz einzeln zu regulieren, sei enorm komplex. Und darüber hinaus stellen sich viele weitere Fragen ob dann diese Substanzen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten würden und welche Anforderungen an die hergestellten Substanzen bestünden. Also sprechen wir auch über Legalisierungsschritte bei Kokain, von dem in der Schweiz jährlich über fünf Tonnen konsumiert werden. Oder auch über Crystal Meth, LSD und Meskalin. Allerdings sei auch klar, dass man ohne enge Rahmenbedingungen für die Abgabe, sofort die Kontrolle verliert, weil die Tabaklobby oder andere (auch dubiose) Interessenten den Startlöchern steht. Doch zurück zu Cannabis, welches hier und nun auch im Fokus der vom BAG bewilligten Pilotprojekte über einen Zeitraum von drei Jahren (2022 – 2025) im Fokus der Kantone steht. Eine Substanz, die seit Jahrtausenden verwendet wird und ein seit langer Zeit bewiesenes, hohes medizinisches  Potential aufweist, wurde zu Unrecht stigmatisiert. Soviel ist heute schon klar. Denn:

Der Katalog der Krankheiten, bei denen Cannabis nachweislich eine positive aber keine oder kaum negative Auswirkungen hat, schon lange sehr viel weiter. In der Medizin werden THC und CBD daher immer öfters für therapeutische Zwecke eingesetzt, bei Kopfschmerzen und Migräne, Übelkeit oder Erbrechen. Es wirkt Angst lösend, antipsychotisch, lindert Schmerzen bei Nervenverletzungen, hemmt Entzünd-ungen, unterdrückt Muskelspastiken und Krampfanfälle, stimuliert das Knochenwachstum, senkt den Blutzuckerspiegel und Augeninnen-druck und kann auch Krebszellen zerstören. Das ist längst nicht alles, schauen wir uns das reichhaltige Potential dieser halb legalen, halb illegalen Pflanze einmal medizinisch und wissenschaftlich näher an. Israelische ForscherInnen sind weltweit führend bei der Untersuchung von medizinischem Cannabis. Dr. RaphaelMechoulam, hat vor 50 Jahren THC und später auch CBD entdeckt. Untersuchungen der «Jüdischen Universität» und der «Universität Tel Aviv» haben ergeben, dass THC und CBD die Heilung von Knochenbrüchen fördert und die Lysylhydroxylasen (die zur Knochenheilung nötigen Enzyme) in den Zellen aktivieren können. THC bindet sich im Körper an die Canna-binoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Beim andocken an die CB1-Rezep-toren, wird die Signalübertragung an die Synapsen beeinflusst, die Informationen an das zentrale und periphere Nervensystem übertragen, worauf sich ein Glücksgefühl einstellt, man entspannter wird und Schmerzen nachlassen. In Israel wurde auch die heilende Wirkung von Cannabis auf Darmkrebszellen und adenomatöse Polypen nachge-wiesen. Hier zeigte sich, dass CBG einen Zellstillstand bei Darmkrebszellen und einen apoptotischen Zelltod verursachte. Die häufigste Form von Krebs ist Hautkrebs. also ein Melanom.

Kommen wir nun zu einer der Haupttodesursachen in der westlichen Welt, Typ-2-Diabetes. Fettleibigkeit ein entscheidender Risikofaktor, der mit der Erkrankung in enger Verbindung steht. Bestimmte Moleküle, die in der Cannabispflanze gebildet werden, können dazu beitragen, die Krankheit zu verhindern und zu therapieren. Bei Typ-1-Diabetes geht es sich um eine genetische Störung, bei der der Körper kein Insulin produzieren kann. Typ-2-Diabetes oder Diabetes mellitus kommt viel häufiger vor und tritt auf, wenn die Bauchspeicheldrüse, nicht genügend Insulin produziert. Ist dies der Fall, kann kein normaler Blutzuckerspiegel aufrecht erhalten werden. Ein in Grossbritannien ansässiges entwickelt derzeit ein Cannabismedikament, das potenziell die Notwendigkeit von Insulininjektionen bei Diabetes ausschaltet. Das Unternehmen hat bereits ein orales Spray namens «Sativex» auf den Markt gebracht, das gegen die Muskelkrämpfe bei Multipler Sklerose hilft. Dieses Medikament zielt auf die Verwendung der Cannabinoide CBD und THCV (Tetrahydrocannabivarin) ab, bei denen es sich um Moleküle handelt, die den Blutzuckerspiegel senken und die Insulinproduktion verbessern. THCV ist ein wirkungsvolles Cannabi-noid und hat sich zunächst einmal als Appetitzügler erwiesen. Eine Studie, die von der «American Diabetes Association» veröffentlicht wurde, untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von THCV und CBD bei Patienten mit Typ-2-Dia-betes. Die Forscher, fanden heraus, dass THCV auch die Nüchtern-Plasmaglukose signifikant verringerte. Die Cannabinoide CBD und THC verstärken sich wiederum gegen-seitig in ihren therapeutischen Eigenschaften. Cannabigerol (CBG) ist wie Cannabidiol (CBD) ein nicht-psychoaktives Cannabinoid aus der Cannabispflanze. Dabei ist der CBG-Gehalt in der Regel in Indica-Sorten höher als in Sativa-Sorten und wirkt entzündungshemmend, antibakteriell, schmerzlindernd sowie augeninnendrucksenkend. Forscher der «University of Barcelona» haben bewiesen, dass CBG ein partieller Agonist des Cannabinoidrezeptors 2 (CB2) und als Regulator der Endocannabinoid-Signale wirkt.

Italienische Forscher belegten, dass Entzündungen und oxidativer Stress bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Multipler Sklerose eine zentrale Rolle spielt und fanden heraus, dass Cannabis auch neuroprotektive Wirkungen gegen Entzündungen und oxidativen Stress ausübt und so vor dem Verlust neuronaler Zellen schützt. Forscher der «Universidad Complutense» Madrid in Spanien untersuchten die Auswirkungen von CBG und identifizieren Gene, die mit der Huntington-Krankheit in Zusammenhang stehen (z. B. das Gamma-Aminobuttersäure-A-Rezeptors (GABA). Die Untersuchung wurde unter der Aufsicht von WissenschaftlerInnen aus 18 Ländern vorgenommen wurde. Das „Journal of Investigative Dermatology“ publizierte eine Studie, in der Mäuse mit Melanomen mit THC und CBD behandelt wurden und ein internationales Team von Forschern hat herausgefunden, dass diese Stoffe durch Apoptose und Autophagie zum Tod der Krebszellen führen. Unter dem Begriff Autophagie versteht man einen Prozess bei dem die Zelle sich selbst demontiert, um geschädigte Teile loszuwerden. Die Apoptose ist der natürliche Selbstmord der Zelle. Sie bricht auseinander und dann räumt das Immun-system den Rest auf. Durch Studien an Tieren konnte gezeigt werden, dass THC und CBD beide Prozesse stimulieren und unterstützen können. Die Forscher nutzten bei ihrer Studie THC und CBD zu gleichen Teilen, so wie bei dem Medikament Sativex gegeben, das momentan eine Testphase als Schmerzmedikament für Krebspatienten durchläuft. Die Forscher entdeckten das Potential von Cannabinoiden zur Behandlung von Melanomen bereits im Jahr 2006. Damals fanden sie den CB1- und den CB2-Rezeptor in Melanomzellen. Diese Rezep-toren sind gleichzeitig die Bindungsstellen für THC im menschlichen Körper. Durch die Aktivierung dieser Rezeptoren war es den Forschern möglich das Wachstum der Krebszellen zu verlangsamen, weil durch die Behandlung Apoptose und Autophagie ausgelöst wurden. Wie wir sehen ist das rein medizinische Spektrum der Hanfpflanze enorm, ganz davon abgesehen dass die Pflanze, also die Samen und das Öl sehr gute zur Ernährung sind, weil sie einen überaus hohen Anteil und ein ideales Verhältnis an ungesättigten Fettsäuren und Aminosäuren enthalten.

Die Hanfpflanze hat unbestritten sehr viel medizinisches Potential, dass durchaus auch von der Pharmaindustrie vermehrt genutzt werden sollte. Aber bitte nicht ausschliesslich und unter Diskriminierung derer, die die phytomedizinischen Qualitäten mit Sonnenlicht und Regen-wasser, CO2-neutral mit geringerer THC-Potenz gratis anbauen und jederzeit unbeschwert legal konsumieren wollen, egal, ob als Joint, als Hasch-Keckse oder als Hanföl. Das allein würde schon der Volksgesundheit dienen und der Wirtschaft als auch dem Staat, der Polizei und Justiz helfen. Steuereinnahmen für Jugendschutz und Prävention, für Staat und Kantone, die Entlastung der Strafverfolgungsbehörden von der sinnlosen Kifferjagd, einen wirtschaftlichen Innovationsschub auch bei Textilien und Baumaterialien.

Hanf zur Hautpflege und in der Kosmetik: Cannabinoide und die Homöostase der Haut

Die Haut ist unser grösstes Organ und dient als Schutzschild gegen Infektionen und Verletzungen. Es ist ein äusserst komplexes Membran mit der Epidermis und den Poren zu oberst, dann in der Derma mit den Talg- und Schweissdrüsen sowie den Haarfolikeln, gefolgt von der Subcutis mit den Adipozyten und dann der Muskelaufbau. Die Lipidschicht ist eine physiochemische Barriere mit antimikrobiellen Eigenschaften die das Hautmikrobiom steuert. Die Talgdrüsen (Sebozyten) tragen mit ihrem fettreichen Talg dazu bei und entscheiden bei unausgewogener Produktion über Akne, ausgetrocknete Haut und weiteren dermatologischen Krankheiten. Neusten Erkenntnissen zu folge gibt es eine interessante Verbindung zwischen Cannabinoiden und den Stoffwechselvorgängen in der Haut. Bei einer systematischen Unter-suchung der Auswirkungen auf die Haut beim Konsum von synthetischen Cannabinoiden, die rezeptfrei gekauft werden können, stellten Wissenschaftler fest, dass es zwischen Cannabinoiden und der Homöostase der Haut eine aktive Wechselwirkung gibt. An der dermato-logischen Universität  Münster wurden 2015 erstmals die humanen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 in den Talgdrüsen nachgewiesen. Eine weitere Forschergruppe fand heraus, dass das Potenzial der Cannabinoide einen erheblichen Einfluss auf die Homöostase der Talg-produktion (Sebum) hat. In einem Experiment wurden die CB2 Rezeptoren gezielt in den Sebozyten ausgeschaltet, was zur Folge hatte, dass die Talgproduktion gedrosselt wurde. Im zweiten Experiment, stellte sich heraus, dass exogen applizierten Endocannabinoide die Lipidpro-duktion steigern, was die Bedeutung des CB2 Rezeptors in der sebozytischen Lipogenese aufzeigt. Mit anderen Worten: Das Phyto-Cannabi-noid Cannabidiol zeigt klar Anti-Akne Effekte auf, durch eine Normalisierung der Talgproduktion, vermehrter Proliferation von Keratino-zyten und bakteriellen Entzündungen. CBD hemmt die Sebum Lipogenese nicht, sondern sie bringt sie in die richtige Balanace. Auch ätherisches Öl, dass aus der Hanfpflanze extrahiert wird, besteht aus einer Vielzahl von Terpenen und antimikrobiellen Eigenschaften gegenüber P.acnes und sind überdies entzündungshemmend. Dadurch können bzw. müssen auch die Terpene als weiterer Baustein in der komplexen Wirkung der Hanfpflanze für medizinische Zwecke und gesundheitliche Aspekte vermehrt in den Vordergrund gerückt werden. Uebrdies haben Cannabinoide auch eine Schlüsselfunktion in der Haut, die nicht nur auf die Immunzellen beschränkt ist. Die modulierende Wirkung ist auch in den Talgdrüsen und vielen anderen Zelltypen wirksam, die phatogene und gefahrassoziierte Erkennungsrezeptoren enthalten. Diese Zellen koordinieren und formulieren die lokalen Immunantworten und die Produktion von pro- und anti inflammatorischen Mediatoren. Und das alles geschieht unter dem strengen Regime des menschlichen Cannabinoidsystems (ECS), wie die Quelle dieser spannenden Erkenntnisse, Dr. Christian Löfke, Zellbiologe beim Bio-Hanfproduzenten «BioBloom» erklärt.

Hanf als Baustoff

Die Hanffaser wurde schon bei der Schifffahrt sehr geschätzt, neuerdings kommt er auch als Baustoff wieder ins Gespräch und eröffnet ganz neue, nachhaltige Bauweisen für den Bau von Kleinsthäusern bis hin zu Mehrfamilienbauten. Und zwar beim Boden, bei den Innen- und Aussenwänden, bei den Zwischendecken bis hin zum Dach können die hervorragenden, atmungsaktiven Dämmstoffe eingesetzt werden. Da gibt es zunächst einmal den Hanfkalk für die Aussenwände, der sehr flexibel bei verschiedensten Konstruktionen eingesetzt werden kann. Man kann den Hanf in beliebig grosse Blöcke (wie Ziegelsteine) verbauen oder auch ganze Wände und Böden massgeschneidert damit konstruieren. Hanflehm kommt wegen der hervorragenden thermischen Masse in den Innenwänden und im Fussbodenaufbau zur Anwendung. Hanfwolle glänzt durch aussergewöhnliche Dämmeigenschaften bei gleichzeitig hoher Leichtigkeit und Zähigkeit. Hanfvlies wieerum ist ein guter Trittschalldämmer. Und mit dem Hanfkalk erschliessen sich ganz neue, nachhaltige Einsatzmöglichkeiten in der Bau- und Holz industrie.So kann man zum Beispiel auch ein Bauernhaus mit Holzfachwerk komplett restaurieren und die Aussenwände mit Hanfkalk abdichten. Der notabene alle Energiestandards erfüllt ohne zusätzliche Verwendung von anderen Dämmstoffen. Hanfkalk entsteht aus Hanfschäben (gehäckselte Hanfstengel) die schon als Tierstreu verwendet werden und unter Beigabe von Kalk und Wasser ergibt sich dann eine Art Naturbeton. Das Verfahren lässt sich auch mit Lehm statt mit Kalk machen, wodurch die Bauweise wiederum für viele andere Weltregioinen erschlossen werden könnte. Für ein kleines Häuschen braucht es dazu etwa zwei Tonnen Hanfschäben und –fasern, ein Einfamilienhaus benötigt schon mal 15 Tonnen Hanfschäben und vier Tonnen Hanffasern. 

73 Milliarden Dollar werden Cannabisfirmen nach Schätzungen der US-Firma «Grand View Research» im Jahr 2027 weltweit erwirtschaf-ten. Die auf Cannabis spezialisierte Londoner Firma «Prohibition Partners» schätzen das Marktvolumen für Europa bis 2028 auf 115 Milliar-den Euro. Das Umsatzpotential für die Schweiz wird derzeit auf gut fünf Milliarden veranschlagt, es könnte aber sehr viel höher sein. Zur Zeit haben Kanadische Firmen die Nase vorn, gefolgt von Unternehmen in den USA und in Grossbritannien, aber auch in der Schweiz sind einige schon recht grosse Players am Start. Die Drogenprohibition hat nie funktioniert, das medizinische Potenzial wurde kastriert. Das wissen wir jetzt seit 50 Jahren. Also sollten wir nun zumindest G®as geben, statt mit abstrusen Pilotprojekten wertvolle Zeit verstreichen zu lassen. Die Bevölkerung ist reif genug dafür und will sich auch hier nicht länger bevormunden und für dumm verkaufen lassen.

8. Kapitel: Asoziale Medien und disruptive Medienmogule

Die Rolle der (a)sozialen Medien kritisch hinterfragen

Wer nach draussen geht, begreift schnell, dass er sich warm anziehen muss. Wut, Hass und Denunziation beherrschen das Klima und die Lagerbildung, Blasen und Wagenburg-Mentalität schüren den Zwiespalt und verhindern den nötigen Dialog. Ein vernünftiger Austausch zwischen den Pole-Positionen kommt kaum mehr zustande, ein Diskussionsfortschritt und Bereicherung für beide Seiten fallen unter den Tisch. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Diskreditierung von anders denkenden Menschen als billiger Ersatz für eine seriöse, fundierte und lösungsorientierte Politik verwendet wird.  Anstatt uns immer mehr mit allem Lebendigen zu verbinden, haben wir unsere kognitiven Fähigkeiten sukzessive von allem Lebendigen getrennt. Mit den Smart Phones, PCs und Laptops. Augenfällig ist, dass sich die Sichtweise auf ein Display und 35 cm Horizont reduziert hat und die meisten ständig auf dem Smart Phone herum wischen, statt einem interessanten Dialog ins Auge zu sehen oder ein wenig zu flirten. Interessante Begegnungen im Öffentlichen Verkehr sind dadurch weitgehend verloren gegangen und das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Im Gegensatz zur Pandemie, haben wir die negativen Auswir-kungen der Digitalisierung noch immer nicht im vollen Ausmass erkannt und das geniale und fortschrittliche Potential der Technologien und des Internets nicht in den Dienst der Gesellschaft und Menschheit gestellt, sondern Tech-Giganten bedingungslos zu unsere Ausbeutung, Versklavung und Entmenschlichung überlassen und machen bei dem tragischen Spiel munter mit. Die schrittweise Abkopplung von allem, was uns als Menschen und das Menschsein an sich ausmacht, die ständig künstliche Verführung von Apps und Algorithmen, die unser Leben diktiert, da unterscheiden sich die wenigsten mittlerweile von Spielsüchtigen, Tabletten- oder Alkoholsüchtigen, ja gar von Fixern. Eigent-lich unterscheiden wir uns in der Masse gesehen, nicht mehr von (digitalen) Zombies. Wir unterscheiden uns immer weniger von Robotern, die entweder nach „Schema F“ funktionieren oder ausgemustert werden.

Was wäre, wenn die nächste globale Pandemie ein weltumspannender Cyberangriff auf das Internet wäre. Dann würde die Welt buchstäblich still stehen, dafür aber Millionen von Leuten durchdrehen. Wer noch Zugang zu seinen simplen, lebendigen Grundbedürfnissen hat und mit all seinen Fasern, ungebrochener Neugier und Freude am Austausch mit fremden Personen wird abgeschreckt. Wo ist da die Freiheit geblieben? Wir brauchen eine vernünftige globale Einkommens und Sozialpolitik und keine Wirtschaftswachstums-Politik auf Gedeih weniger und Verderben für alle. Die meisten sozialen Medien, allen voran «Facebook» und «Twitter» sind wie «Höllenmaschinen zur Destabilisierung ganzer Gesellschaften». Die USA und Trump haben es gerade bewiesen und auf die Spitze getrieben, aber der disruptive SM-Dämon ist rund um die Welt im Dauereinsatz und dirigiert die Regierungen und die Gesellschaft vor sich her. Sie sind medienmächtig aber nicht medienmündig geworden – und die meisten von uns ebenfalls nicht im Gebrauch dieser perfiden Techno-Tools, welche die Gesellschaft spalten. Die heuchlerischen und verantwortungslosen Netzfürsten verfolgen eine „kafkaeske-Zensur-Politik“: Mal folgend die mit der Verbannung von ein paar Brustwarzen obskuren evangelischen Moralvorstellungen und undurchsichtigen Filtern, dafür ignorieren sie Posts, die zu Gewalt auf rufen, sei es in den USA und Europa oder bei diktatorischen Nachbarn und Despoten, wie die Militärjunta in Burma bei der Ver-treibung der Rohinas Agitatoren freien Lauf liess (und nicht zensuriert wurde) und in China sowieso im Umgang mit den Iuguren, den Hong Kong Chinesen, Taiwanesen usw. Welche Wirklichkeits- und Diskursverzerrungen werden hier propagiert oder unterdrückt? Wo liegen genau die Grenzen des Vertretbaren? Wie werden Zielkonflikte, politische Einflussnahme und Machtmissbrauch eingeschränkt und verhindert? Ganz einfach, es müssten für alle verbindliche und exakt formulierte Ethik-Standards und journalistische Grundlagen, was Faktentreue und Quellenangabe anbelangt eingeführt sowie die volle Transparenz bei den Filtereinstellungen und der „Weltsicht“ der Platt-form hergestellt werden. Doch das wichtigste ist, dass die Unternehmen ausreichend besteuert werden, um tatsächlich einen sozialen Beitrag zum Weltgeschehen zu leisten und nicht nur Marc Zuckerberg, Jeff Bezos und einige andere zu Multimilliardären zu machen. Kein Mensch sollte eine oder mehrere Milliarden allein besitzen. Milliardäre müssten meiner Meinung nach jeden Cent über eine Milliarde an die Gesell-schaft zurückgeben.

Missbrauch, Misstrauen und Machtmonopole

Rupert Murdoch ist einer der übelsten Strippenzieher bei der Spaltung der Gesellschaft in Grossbritannien und in den USA, er war ein Irak-Kriegstreiber und ist ein bekennender Klimaskeptiker wie Donald Trump. So unterstützten er und seine Medien nach dem Niedergang der Konservativen in Grossbritannien den Kurs der Regierung Toni Blair, der ein Referendum über den Euro Beitritt Grossbritaniens im Wahlkampf 1997 versprach. Unter anderem wird Murdoch vorgeworfen, dass Fox TV und die 175 Zeitungen der «News Corporation» im Vorfeld des Irak Krieges eine euroskeptische Grundhaltung eingenommen hätten. «The Sun» und die 2011 eingestellte «News of the world» waren für ihre EU-kritische und anti-deutsche Haltung bekannt. «Fox TV» wurde immer wieder wegen einseitiger Parteinahme zugunsten der Regierung Bush vorgeworfen. 2007 räumte Murdoch  in einem Interview am «World Economic Forum» in Davos öffentlich ein, dass er aktiv versucht habe, die öffentliche Meinung zu Gunsten George W. Bush Nahost-Politik zu beeinflussen. Murdoch war öfters bei Blair, als Aussenminister o. andere Regierungsmitglieder in der heissen Phase und Debatte zum Kriegseintritt Grossbritanniens in Allianz mit den USA Murdoch hat Blair dazu gedrängt sich auf die Seite der USA zu schlagen. Erst desavouirten Murdochs Boulevardmedien unter der Thatcher-Regierung alle Minister der Labour Regierung mit Schmutzkampagnen und brachten so die Torries an die Macht. Unter Cameron kam es dann zur Aufdeckung im gigantischen Abhörskandal der «News of the world“. Der Journalist Nick Davis hat 2009 hat die Hintergründe des Abhörskandals im «The Guardian» publiziert. Demzufolge wurden systematisch Hunderte von Politikern und Prominenten jahrelang ausspioniert, überwacht, erpresst oder bestochen. Vier britische Premierminister werden schliesslich  zum «Leveson-Untersuchungsausschuss» eingeladen. Murdoch ermunterte auch Nigel Farage von der «UKIP» den Brexit weiter zu forcieren und hat es tatsächlich geschafft, die britische Gesellschaft so stark zu spalten. Murdoch stelle eine echte Gefahr für liberale Demokratien dar – ohne ihn hätte es keinen Brexit gegeben, sind sich Politiker und Politologen einig. Der Brexit war der Höhepunkt Murdochs Macht in Grossbritannien und mit «FOX NEWS» hat er Trump gross gemacht und zum Präsidenten befördert. Nicht die Russen. verbuchte er in den USA. Yvanka Trump verwaltete offenbar die Vermögen von Murdochs Töchtern und so kam der Kontakt zustande. Erst war Murdoch von Trump nicht begeistert, aber er erkannte Trumps Potential für seine Zwecke. Das Treffen der Stammeshäuplinge fand 2006 in Schottland auf dem Golfplatz. Dort entschied Rupert sich für Trump statt für Hillary Clinton. Der Rest ist Geschichte. Trump wäre ohne «Fox News» nie Präsident geworden, soviel steht fest. Murdoch ist direkt verantwortlich für die politische Verseuchung der Medien und damit die Verseuchung der Gesellschaft.

9. Orient: Im Sinai, im Libanon und in der iranischen Botschaft

2005 im Sinai, genauer gesagt in Sharm el Sheikh angekommen, sah die Situation wiederum ganz anders aus, als in Brasilien. Hier hatte ich rund 700 Gäste pro Woche zu betreuen, die mit diversen Flügen an fast allen Tagen ankamen und täglich Dutzende Ausflüge zu managen und das unter erschwerten Bedingungen. Das war eine echte Herausforderung und in etwa so heftig wie in London 1987. Erstens war der lokale Tour Operator lausig und unfähig, worauf ich die Zusammenarbeit nach zwei Vorwarnungen mit dem Agenten vor Ort sistierte und mich neu organisierte. Das hatte ich schon in Brasilien getan und in beiden Fällen habe ich die richtige Entscheidung getroffen, die ich mir dann auch zu Nutze machte. Handkehrum hatte ich natürlich etliche troubles mit den abgehalfterten Kooperationspartner und dazu die erneute Aufregung in der Schweizer Reisezentrale. Da ich aber mein Talent mit Umstrukturierungen in Brasilien bewiesen  und der von mir eingesetzte Agent sich bewährt hatte, vertrauten sie mir und wurden nie enttäuscht. Operationell war ich ein Ass und zudem ein Meister der Improvisation. Auch hatte ich einen krisenerprobten Background, reichlich Erfahrung und ein gutes Gespür. Das Wichtigste!  Die vielen Reisen durch Konfliktregionen und an die unwirtlichsten Orte der Welt in über 50 Ländern, haben meinen ausgeprägten Spürsinn und meine Adleraugen geschärft, das Feingefühl und die Intuition bis hin zur gelegentlicher Telepathie verfeinert. Dank meinen analytischen und taktisch-strategischen Fähigkeiten gepaart mit Schlagfertigkeit, rhetorische Dominanz, Sachverstand, einer guten Portion Frechheit aus den 80er Jahren resultierend und das volle Vertrauen in meinen Schutzengel, habe ich immer wieder das Aussergewöhnliche gewagt, so nach dem Motto. „Was ist ein Leben wert, dass man aus Angst vor dem Tod aufgibt, bevor es begonnen hat!“

Zurück in den Sinai: Die ersten zwei Monate als Resident Manager lebte ich im «Radisson»Hotel“ mit allen touristischen Annehmlichkeiten und guter Infrastruktur, nettem Ambiente. Dann wurde ich in einen spartanischen Betonblock für die Reiseleiter verfrachtet, worauf ich mir beim Generalgouverneur für die militärischen Sperrbezirke im Sinai (aufgrund der UN-Friedensmission nach dem Sechs-Tage Krieg eine Sondergenehmigung besorgte, damit ich auch Nachts in die Sperrgebiete in der Wüste ausserhalb von Sharm-el-Sheikh fahren durfte. Denn gleich hinter demletztem Hotel ist der Checkpoint, der Abends um 18.00 Uhr schliesst. Was wollte ich nachts dort? Nun wie immer Zugang zum Lokalkolorit und zu den Einheimischen ausserhalb der Touristen-Hotspots. In diesem Fall Zugang zum Leben der Beduinen im Sinai. Und bei Aussentemperaturen tagsüber bis über 50 Grad Celsius spielt sich das Leben in der Wüste Nachts ab.

Da ich schon Bekanntschaft mit Faroud beim Schiffswrack «Maria Schroeder» im Nabq Nationalpark gemacht hatte, konnte ich ihn nun nach Feierabend in die Abgeschiedenheit der Wüste, dem touristischen Trubel entfliehend, treffen und ein paar spirituelle und poetische Stunden unter dem funkelnden Firmament verbringen. Die Fahrt zu ihm war gar nicht so einfach, denn die 35 km durch die Wüste und Sanddünnen hatten es in sich. Ich legte die Strecke mit dem Dienstfahrzeug, also einem herkömmlichen PKW zurück. In stockdunkler Umgebung hiess es dann mit speed über die Dünen zu fahren, ohne ins Stocken zu geraten, denn ohne 4-Rad Antrieb war hier normalerweise nichts zu machen. Aber ich fand eine ideale Strecke und bretterte zwei Mal pro Woche nachts in die Wüste rein, um mit dem jungen Beduinen zu parlieren, zu philosophieren und die funkelnden Sterne ohne Lichtverschmutzung zu geniessen. Dort habe ich auch den Eintritt der letzten Raumfähre in die Erdatmosphäre in einem unvergesslich glühenden Spektakel am Firmament gesehen. Während etwa eineinhalb Minuten schwirrte der leuchtende Erdtrabanten-Komet und Lichtpunkt mit seinem riesigen Feuerschweif, der wohl mehrere hundert Kilometer lang gewesen sein musste, am Sternenhimmel über den ganzen Erdball hinweg und entschwand am Horizont am Zielort. Das war ein erleuchtendes Spektakel.

Im Sinai lernte ich Opium kennen, dass die Beduinen essen, um so durch die Wüste zu kommen. Das hilft wirklich enorm, wenn man auf dem Kamel den Sinai oder andere Wüsten durchquert. Ich habe es mit den Beduinen, die beim Schiffswrack «Maria Schröder» leben auf meinem Kameltrip von Sharm-el-Sheikh über Dahab bis zum St. Katarinen-Kloster am Fusse des Berg Moses ausprobiert. Bei über 45 Grad im Schatten ging die schaukelnde Reise vier Tage auf dem Dromedar durch die zerklüfteten Täler des Sinai-Gebirges. Das war hart, doch dank der Opium-Ration bin ich wie ein Derwisch durch die Wüste geritten. Das muss wohl ähnlich «powerfull» gewirkt haben, wie das «Pervertin», das den Nazis den Durchmarsch in Frankreich erlaubte und auch an der Kriegsfront im Osten auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurde. Oder die Speed-Pillen, die den japanischen Kamikazeflieger für ihre „heldenhaften“ Todesflüge verabreicht wurde.

Zu jener Zeit, in der ich im Sinai war, gab es zwei von drei Terror-Anschlägen. Der erste war in Taba, der zweite in Sharm-el-Sheikh, der dritte in Dahab und zum Glück geschah keinem unserer Gäste etwas. Aber die Furcht war gross und die Sicherheitsmassnahmen vor jedem Hotel rigoros. Jeder Wagen wurde bei der Einfahrt sorgfältig gespiegelt und gefilzt, bevor er in die Hoteleinfahrt reinfahren konnte. Am Abend des 24. April 2006 wurde in Dahab ein Terroranschlag verübt, bei dem drei Splitterbomben gezündet wurden. Die erste detonierte an einer belebten Kreuzung vor dem Supermarkt «Ghazala» gegenüber der Polizeistation. Zwei weitere explodierten kurze Zeit darauf an der Strandpromenade. Bei dem Anschlag verloren um die 30 Menschen, fast alle Ägypter, ihr Leben. Viele weitere Personen wurden schwer verletzt.

Im Juli 2005 fand der nächste und schlimmste Terroranschlag statt. in Sharm El-Sheikh gegeben. Bei mehreren Sprengsätzen wurden 88 Menschen getötet und über 100 verletzt. Damals herrschte Hochalarm im Sinai in die Militärkontrollen nahmen zu. Die «MFO»-Truppen waren in höchster Alarmbereitschaft. Wenn Mubarak jeweils in Sharm el Sheikh landete und in einem Konvoi einige Meilen zum Hafen fuhr, stand jeweils alle 50 Meter ein bewaffneter, weissgekleideter Posten stundenlang rechts und links der Fahrbahn in der staubtrocken Wüste in der prallen Sonne. Also auch hier konnte ich mich über mangelnde action am Rande der Weltpolitik und bei meiner Reiseleiter-Tätigkeit nicht beklagen.

Umso verrückter war eine Reise mit zwei Fahrzeugen und sieben Schweizer Touristen, die unbedingt mit mir einen Trip nach Cairo im Auto machen wollten. Und zwar durch den ganzen Sinai hindurch, von der Südspitze Sharm-el-Sheikh in einem Tag nach Cairo inklusive Rückfahrt mit insgesamt über 1000 KM Strecke und gut 30 Militär-Strassensperren auf einer Wegstrecke. Mein einheimischer Co-Fahrer und ich haben das Kunststück bewältigt und für die Ochsentour über 1000 Kilometer 27 Stunden gebraucht. Drei Stunden länger, als geplant und zwar weil ich die vorletzte Militärsperre in meiner Müdigkeit nach über 24 Stunden am Steuer übersehen und mit ca. 70 Stunden-kilometern durch die in Schlangenlinie aufgebauten Barrieren hindurch gebraust war – notabene ohne eine einzige zu streifen. Der Begleit-fahrer hinter mir vollbracht die waghalsige Manöver ebenso gut und mit ebenso quietschenden wie qualmenden Reifen fuhren wir an den verdutzten Soldaten vorbei zischten, gleich wieder voll auf das Gaspedal traten, um rasch aus der Schusslinie zu geraten, die Lichter löschten und zur Sicherheit nach etwa 10 KM von der Strasse in die Wüste abbogen und uns einen Weg durch das Gebirge und die Sanddünen bis nach Sharm-el-Sheikh zu suchen, weil sonst an der über Funk verständigten nächsten Sperre Endstation gewesen wäre. Auch hier hatten meine Schutzengel, von der ich eine ganze Fachtruppe habe, einen grossartigen Job gemacht. Ansonsten vermisse ich ausser den Sternstunden mit den Beduinen und dem Kameltrip nichts.

Die Kultur der Ägypter ist mir fremd geblieben. Auch hier wohl in erster Linie ein Sprachproblem. Könnte ich arabisch, sähe das schon wieder ganz anders aus. Auch der legendäre «Pasha Club», in den es jede Woche Tausende von Ravern zog, konnte mir gestohlen bleiben. Durch den Einsatz im Sinai wurde ich natürlich auch vermehrt in die geostrategische Lage und Konflikte eingeführt und eingeweiht, auch wenn der Nahe Osten nicht meine bevorzugte Reiseregion war. Und weil der Iran eine immer bedeutendere Rolle in der Region spielt komme, werfe ich hier noch einen oberflächlichen Blick auf diese Nation und ihre Gescchichte.

In der iranischen Botschaft in Bern und General Qassam Soleimanis Exekution

Was „zum Teufel“ den iranischen Botschafter in der Schweiz Alireza Salari veranlasst hat, mich zur diplomatischen Feier aus Anlass des 35. Jahrestages der iranischen Revolution gegen Schah Reza Pahlevi in die Botschaft in Bern einzuladen, weiss ich nicht. Da dachte ich noch an einen kurzen Medientermin und ein paar Worte „zur Lage der Nation“. Doch es kam anders. Ich war der einzige Medienschaffende und Fotograf und einer handverlesenen Auswahl Nicht-Staatsgäste. Alle anderen gut 150 geladenen Gäste waren Diplomaten oder Spione oder beides. Noch interessanter wurde es, als auch der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif in der iranischen Botschaft in Bern erschien und von Alireza Salari begrüsst wurde. Die Schweiz und die iranische Botschaft in Bern als auch die akkreditierten Vertreter bei den Vereinten Nationen spielen eine wichtige Rolle in der Weltpolitik bei den diplomatischen Beziehenung zwischen dem Iran und der USA.

Wie bei Kuba auch, dient die Schweiz als neutrales Land und Vermittlerin der diplomatischen Interessen dieser Länder untereinander auf. Die Atom-Verhandlungen mit dem Iran fanden auch in Montreux statt. So gesehen sind die Schweiz und die UNO in Genf die Drehscheibe für die diplomatischen Beziehungen der USA zum Iran und zu Kuba. Doch wollen wir an dieser Stelle nicht darüber sprechen, sondern erst einen Strippenzieher der iranischen Aussenpolitik vorstellen und seine Fähigkeiten sowie sein grossen Einfluss auf das Weltgeschehen an-schauen, welches dasjenige amerikanischer Präsidenten bei weitem übersteigt.  Der «Che Guevara» der iranischen Revolution endete auch inetwa so, wie sein berühmter kubanischer Vorgänger, der dieselbe Idee hatte und die kubanische Revolution nicht nur in alle Länder Latein-amerikas exportieren, sondern er ging soweit, dass er logischerweise auch kommunistische oder marxistische Länder in Afrika unterstützte. So ähnlich ging ja auch Gaddafi mit der Finanzierung von Befreiungs- und Terrororganisationen (je nach Ansicht und Sprachgebrauch) vor

General Qassam Soleimani, also Teherans langjährige graue Eminenz, wurde 1998 von Chomenei zum Chef der «Khuz»-Brigaden ernannt und koordinierte die Angriffe auf die israelischen Besatzer vom Libanon aus, bis diese zwei Jahre später abzogen. Der Einmarsch Israels im Libanon ist rückblickend einer der schwersten Fehler, weil er den Iran dazu befeuerte, im Libanon die Hizbollah aufzubauen und im Irak mit shiitischen Milizen die Sunniten anzugreifen, wie der damalige iranische Vize-Aussenminister Hossein Amir-Abdollahian bestätigte. General Qassam Soleimani war der Schöpfer der «Widerstandsachse gegen den Imperialismus» und der langjährige Chefstratege bei der iranischen Aussenpolitik, die darauf abzielte, die Imperialisten im Ausland zu beschäftigen und die shiitische Gemeinschaft im ganzen Nahen Osten zu vereinen und die Glaubensgemeinschaft gegen die sunnitischen Machtansprüche zu verteidigen. Insbesondere der acht jährige Irak-Krieg, der über eine Million Iraner das Leben kostete und der israelische Einmarsch im Libanon, prägte den unter den «Revolutionsgarden» und «Khuz»-Brigaden, einer Sondereinheit gross gewordenen Soleimani.

Als Osama Bin Laden die Twin Towers in Schutt und Asche legte, wollte die Amis plötzlich wieder mehr von den Iranern über die Taliban und die Lage in Afghanistan wissen. Auch der Iran sah Osama Bin Laden als Feind an und so lieferte Solemani als Chef der Khuz-Brigaden in Genf der CIA die wichtigsten Informationen. Doch die iranisch-amerikanische Allianz dauerte nicht lange, schon befeuerte der bescheu-erte Bush die Iraner wieder zu Staatsfeinden hoch und kreeirte die «Achse des Bösen». Der Iran fühlte sich durch die US-Intervention im Irak und der Umzingelung von aggressiven, imperialistischen US-Truppen bedroht, intervenierte bei den Vereinten Nationen und sie warnten die Amerikaner vor den Konsequenzen einer Intervention im Irak in Genf.

Doch die Amerikaner zerstörten dann „binnen weniger Monate die gesamte Struktur im Irak, schwächten den Staat und lösten die  Streitkräfte auf“, wie Hossam Dawod, ein Berater des irakischen Diktators sagte. „Die Fundamente der irakischen Gesellschaft wurden dabei total zerstört“. Das von den Amis herbeigeführte Machtvakuum nutzte auch Soleimani. „Er spielte eine zentrale Rolle bei der Nachkriegs-En-twicklung im Irak“ und beeinflusste die Geschichte auch dort, in dem er die im Iran ausgebildeten, irakischen, shiitischen Milizen zurück in die Heimat schickte, mit Waffen ausstattete und auch finanziell unterstützte, bestätigen mehrere Insider. Daraufhin griff die pro-iranische Hisbollah die US-Streitkräfte derart gnadenlos an, dass die Amerikaner sich zurück ziehen mussten und wieder einmal ein gigantisches Chaos hinterliessen, das die westliche und nahöstliche Welt auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird. Denn durch die shitische Aggression Irans im Irak entstand die sunnitische Extremismus-Variante, der IS, der wie wir wissen, ebenfalls viel Elend verursacht hat, um es gelinde auszudrücken und die bekannten Ereignisse kurz zu fassen.

Die Lage ist kompliziert. Bashar Assad ist ja ein Christ und daher verzeihen ihm die westlichen Staaten den bisher unangetasteten Macht-anspruch in Syrien trotz einst lauen Protesten gegen sein diktatorisches Regime zu Beginn der Revolution im Schatten des arabischen Frühlings, dass er bis heute verteidigen konnte. Weil die Sunniten und insbesondere der erstarkte IS nun auch in Syrien für Bashar Assad zur Gefahr wurden, solidarisierten sich Solemani und Assad im Kampf gegen die Sunniten. Solemani flog in einem mit humanitären Gütern beladenen Flugzeug nach Amman zu Assad und koordinierte mit ihm die Angriffe gegen den IS. Also so gesehen, müsste Europa und der Westen Solemani ironischerweise ein klein wenig dankbar sein.

Nun zu einem weiteren genialen Strategie-Spielchen Soleimanis, das zur Kontrolle des Iraks von Teheran aus führte und die Amerikaner Milliarden für den Erzfeind kosteten. Von der Wiederaufbauhilfe zwischen 2005 – 2015 im Umfang von rund  800 Mia. US-Dollars an den Irak wurden gemäss Aussagen des ehemaligen irakischen Ministers, Ahmed Al Hadj, aufgrund eines Finanzausschussberichtes etwa 312 Mia. von den Iranern via Hisbollah und andere pro iranische Organisationen ab-gezweigt und ausser Landes geschafft. „Der Irak wurde zum Goldesel des Irans“, bekräftig auch Hosham Dawod. Doch 2019 wird Solemani durch ein Geheimdienst-Leak beim iranischen Geheimdienst MOIS desavouiert. Dann kamen die Kriegs-Verbrechen von 2014 in «Jurf al Sakhar» ans Licht. Die shiitische Hisbollah verübte grauenhafte Verbrechen, was zu über 150000 vertriebenen unter der sunnitischen Bevölkerung führte.

Qassem Solemani ist tot. Und das ist gut so. Doch fragt man sich auch, wieviele Amerikaner zuvor so hätten getötet beziehungsweise eliminiert werden sollen, um all das Unheil zu vermeiden, dass die USA schliesslich in ihren eigenen Interessen in der ganzen Welt verursacht haben. Doch muss man sich bei aller Schuldzuweisung an die USA schon auch fragen, was denn eigentlich die muslimische Gesellschaft und Diaspora weltweit macht, um den fortwährend schwelenden religiösen Konflikt zwischen Sunniten und Shiiten endlich zu befrieden und den gordischen Knoten vieler Konflikte und Terrorakte zu beenden? Da geschieht fast gar nichts. Und das ist das grösste Problem. Aber erinnern wir uns kurz daran, wie lange der Konflikt zwischen Christen und Katholiken angedauert hat und wie viele Menschenleben die Religionskriege in Europa forderten. Seien wir uns bewusst, dass wir in unserer zumeist passiven Rolle als ungläubige Zuschauer beim grotesken Weltgeschehen und den übelsten Machtgebaren, auch im kleinen oft korrumpieren und bei vielen Missständen die Augen zudrücken und weitere Interventionen bequem ausblenden.

2006: In Beirut im Palästinenser-Flüchtlingscamp «Schatila»

Es war wieder einmal eine alte „Airline-Connection“ die mich in den Libanon verfrachteten sollte, denn ich wollte schon immer dorthin. In meiner Jugend war der Libanon die «Schweiz des Nahen Ostens», eine kulturelle Hochburg im Orient, ein Schmelztiegel von Jet Set, Aus-steiger und kreativen Musik-Freaks. Ausserdem kam von der Beeka Ebene in meinen Augen der weltbeste Shit, also Haschisch aus von Hand geernteten Hanfblüten, von feinstem Geschmack und bestem Feeling sowie besonders intensiven und wohlriechenden Geschmacks-noten versehen. Tempi passati, als ich endlich in den Libanon kam. Da war das Land schon vom Krieg mit Israel gezeichnet und wirtschaftlich am Boden zerstört, sowie gesellschaftlich zu tiefst gespalten zwischen den ethnischen Gruppen wie den Shiiten, Suniten, Drusen und Maroniten sowie anderen Ethnien.

Das war ein heisser Boden und eine heikle Mission, selbst für einen krisenerprobten Reporter. Das grösste Problem war, dass ich kein Wort arabisch sprach oder verstand. Ich habe ja schon viele Konfliktregionen besucht und das selbst kritisch heisse Phasen erlebt, aber in die Hisbollah-Quartiere vorzustossen, habe ich mich ohne entsprechende Kontakte und Verbindungen oder eine ortsvertraute Person im Hinter-grund nicht getraut. Doch um Kontakte zu knüpfen, war die Zeit bis zur Abreise innert wenigen Tagen zu knapp. Ausserdem ist ein guter Schutzfaktor in meiner Tätigkeit, nicht nur die Sprache der Bevölkerung zu sprechen, sondern wenn möglich gar nicht als Ausländer oder Fremdling erkannt zu werden.

Diese Asse konnte ich hier nicht einsetzen. Während meines kurzen Aufenthaltes wurde ich alleine drei Mal an einem Tag von der libanesischen Armee angehalten und kurz verhört und in den Hisbollah Quartieren wurde es noch ungemütlicher. Fast an jeder dritten Ecke wurde man als Ausländer angehalten und gefragt, wer man sei und was man hier wolle. Also zog ich mich ohne Kontaktpersonen und einen angemessenen Schutz aus diesem Quartier zurück und kam stattdessen im Palästinenser-Flüchtlingscamp Schatila an. Dort zeigte mir ein palästinensischer Flüchtling die drei Massakerstätten.

Während meines kurzen Aufenthaltes wurde ich alleine drei Mal an einem Tag von der libanesischen Armee angehalten und kurz verhört und in den Hisbollah Quartieren wurde es noch ungemütlicher. Fast an jeder dritten Ecke wurde man als Ausländer angehalten und gefragt, wer man sei und was man hier wolle. Die Hisbollah ist Irans wichtigster Verbündeter im Libanon und das nicht nur aus militärischer sondern auch aus politischer Sicht, denn die Hisbollah ist zusammen mit ihren Verbündeten die wichtigste politische Kraft im implodierten Land an der Levante. Doch der Libanon dient dem Iran als militäri-sche Front gegen Israel und das ausserhalb des Irans. Daher ist das Assad Regime in Syrien auch ein Verbündeter und Irans einziger strategischer Partner.

Aufgrund der prekären Sicherheitslage und ohne lokale Kontaktpersonen sowie einen angemessenen Schutz zog ich mich aus diesem Quartier zurück und kam stattdessen im Palästinenser-Flüchtlingscamp Schatila an. Dort zeigte mir ein palästinensischer Flüchtling die drei Massakerstätten.

Als Massaker von Sabra und Schatila wird eine Säuberungsaktion von phalangistischen Milizen, also christlich maronitischen Soldaten bezeichnet, die gegen die im Süden von Beirut lebenden palästinensischen Flüchtlinge gerichtet war. Im September 1982 – mitten im libanesischen Bürgerkrieg – wurden die beiden genannten Flüchtlingslager gestürmt, die zu jener Zeit von israelischen Soldaten umstellt war und Hunderte von Zivilisten massakrierten die christlichen, also phalangistischen Milizen. Da es sich bei der Kampfhandlung um einen Konflikt zwischen christlichen Milizen und palästinensischen Kämpfern handelte, entzündete sich die internationale Empörung an der israelischen Mitverantwortung. Denn nach dem Abzug des israelischen Militärs in eine Sicherheitszone vor der israelischen Grenze übernahm Syrien die militärische Kontrolle des Gebiets rund um das Flüchtlingslager. Und sie liessen es zu, dass Hunderte von Palästinensern massakriert wurden. Da auch Syrien daran interessiert war, die im Libanon verbliebenen «PLO»-Kämpfer und palästinensischen Nationalisten zu schwächen, wurde die Lage der Menschen im Flüchtlingslager noch schlimmer. Im Zuge der Lager-Kriege verübte die schiitische Amal-Miliz im Mai 1985 ein von libanesischen und syrischen Armeeverbänden geduldetes Massaker an Zivilisten in denselben palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila. Der libanesische Bürgerkrieg dauerte noch bis 1990.

Das Massaker wurde daraufhin von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 16. Dezember 1982 als Genozid gewertet. Wenn man bedenkt, dass der Libanon ein sehr liberales Land in den 70er und frühen 80er Jahren war und hier, als auch übrigens in Kabul in Afghanistan, Hochburgen des Vergnügens waren und den internationalen Jet-Set ebenso wie Aussteiger anzog, so strahlte Beirut nun nur noch einen erbärmlich heruntergekommen „Katastrophen-Chick“ aus. Die Spuren der Kriege und Bombenattentate sind unübersehbar und sehr bedrückend.

Als 2020 auch noch der ganze Hafen in die Luft flog und das umliegende Quartier pulverisierte, war der von einigen Clans ausgeblutete Staat total am Ende angelangt. Zudem beherbergt der

Ich miete mir noch ein Auto und fuhr über die Tempelruinen des Unesco Weltkultuerbe Byblyos nach Tripolis und dann in das Hochgebirge weiter bis nach Bsharreh zu den maronitischen Felsenkloster hoch. Für die Bekka-Ebene reichte die Zeit leider nicht. Heute ist der Libanon ein implodierter, höchst korrupter, abgehalfter Staat und die religiösen Gruppen sind zerstrittener, den je zuvor. Aber halten wir uns in Erinnerung, dass auch Europa über 150 Jahre von religiösen Konflikten erschüttert wurde bis eine säkulare Gesellschaft entstand.

10. Australien: Aborigines und Evolutionsperlen

Auf der grössten Sandinsel der Welt ragen tropisch bewaldete Dünen am Ufer kristallklarer Süsswasser-Seen inmitten smaragdgrüner Regenwälder empor. Vor Fraser Islands Küste tummeln sie Wale und Delphine. Doch das Inselbiotop ist nicht nur Zufluchtsort rarer Pflanzenarten und Tiere sondern auch der Homo Ökotourismus nistet sich hier zunehmend ein. Bis zu 240 Meter hohe Sanddünen, 120 Kilometer Strand und eine geschützte Bucht, ist die Hervey Bay, wo sich Wale zwischen August und Oktober tummeln und sie sind der Reiz des Inselmikrokosmos. Nicht nur für Geologen, Botaniker, Natur-, Tier- und Vogelfreunde auch für Segler, Surfer und Erholungssuchende bot Fraser Island vor 20 Jahren paradiesische Zustände. 2020 gab es dagegen verheerende Waldbrände und auch sonst ist das Ökosystem ein wenig aus den Fugen geraten, wie im gesamten Great Barrier Reef. Der gesamte Archipel leidet unter der globalen Klimaerwärmung und der Verschmutzung durch Öl und Plastikmüll der Touristen.

Fraser Island ist uralt, 123 Kilometer lang, 14 bis 22 Kilometer breit und trägt die Ewigkeit von über 220 Millionen  Jahre Evolutionsgeschichte auf dem Buckel. Seit zwei Millionen Jahren wird Sand auf die Insel angeschwemmt und angehäuft. Im Eiszeitalter wurde diese Landschaft geformt und in ihrer heutigen Prägung existiert sie seit ungefähr 6000 Jahren. Mit der Erwärmung des Klimas vor 140‘000 Jahren, tauchten dort auch die ersten Spuren der Aborigines auf, doch geht man davon aus, dass die «Butschulla»-Ureinwohner sich erst vor 20 Millionen Jahren auf «KGari» Island niederliessen. Für die westliche Welt wurde Fraser Island von James Cook 1770 entdeckt. Die gigantischen Süsswasser-Reservoire bergen zusammen gerechnet zehn bis zwanzig Millionen Mega-Liter Frischwasser. Das von leuchtend weissen Sandstränden gesäumte, kristallklare Trinkwasser des Lake McKenzie lädt zu einem Bad ein. Auch Dingos sind am Ufer zu beobachten. Sie kommen aber nicht etwa zur Tränke, sondern wegen der prall gefüllten Provianttüten der Touristen. Da fällt manch ein feiner Happen für die Wildhunde ab.

Schon im Vorfeld der Australien Reise habe ich mich für das „Walfang-Verbot“ stark gemacht und darüber in verschiedenen Zeitungen berichtet, u.a. in der Sonntags Zeitung unter dem Titel «Lieber touristisch ausschlachten, als abschlachten»! Nun wollte ich mir selbst den Traum erfüllen und bei einer Walbeobachtung teilnehmen. Hervey Bay ist nur einer von einem Dutzend Orten im Great Barrier Reef, wo sich die Wale tummeln. Gegen 100 Personen drängeln sich auf dem «Kingfisher»-Katamaran zur Reling und suchen den Horizont nach Fontänen oder einer hochragenden Schwanzflosse ab. „Da sind sie“, schreit einer und die Menge jubelt! Ein vielleicht 30 Tonnen schwerer Koloss mit gewiss über 16 Meter langem Leib schiesst wie ein silbriger Pfeil hoch in die Luft führt eine Pirouette aus und taucht dann kopfüber wieder in die Fluten ein. Was für ein erhabener Anblick! Zum Glück sind sie hier geschützt.

«Whale-Watching» hat sich in den 90er Jahren zu einem 600 bis 700 Millionen schweren Tourismuszweig gemausert. Whale-Watchers reisen zur Baja California, zur Küste von Brasilien, Patagonien oder Südafrika, um die schwimmenden Säugetiere zu sehen. Australien hat schon 1994 jährlich über 50 Millionen Einnahmen aus den Walbeobachtungen eingenommen. Kein Wunder, die Giganten der Meere sind faszinierend in jeder Beziehung! Wie verschlüsselte Botschaften (heute sind es wohl Klagegesänge) klingen ihre Töne aus der Tiefe des Ozeans, ähnlich einem Sonar, dem Echolotsystem der Schifffahrt bestimmen sie mit Radarsignalen ihren Kurs. Sie senden exakte Sendeintervalle ab und sind imstande mit ihrem sensiblen Feingespür die Signale der Schallwellen wieder aufzunehmen und präzise zu analysieren und orten, so dass sie sich über tausende von Kilometern orientieren können. Die bis zu dreissig minütigen Gesänge dienen der Kommunikation mit Artgenossen. Von den türkisfarbenen Gestaden des Great Barrier Reefs nun in eine ganz andere Gegend, die im Kontrast zu dem maritimen Leben steht, aber ebenso ums Überleben kämpft.

Die Northern Territories sind die Region, um die Kultur der Ureinwohner Australiens zu entdecken, eine Welt vieler Kontraste zwischen dem grünen, tropischen Norden und dem rot glühenden Herzen Austaliens, dem Outback. Besonders das Arnhemland ist Aborigines Land und es grenzt östlich an den Kakadu Nationalpark. Mehr als 40 Aborigines-Dialekte werden hier gesprochen. Alice Springs ist die zweitgrösste Stadt und Darwin die am Meer liegende Hauptstadt der Northern Territories. Die Schatzkammer der Ureinwohner liegt aber im Kakadu National Park, der zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Berühmt sind auch die heissen Thermalquellen von Mataranka südlich von Katherine im Elsey National Park, wo täglich 30 Millionen Liter Wasser aus der Tiefe hervorströmen. Der Kings Canyon ist Australiens grösste Schlucht und bis zu 300 Meter tief. Dieser grandiose Mikrokosmos, der vom Regenwald bis zur Wüste und von traumhaften Stränden bis zu den weltweit schönsten Tauchgründen reicht, sprengt alle Grenzen. Kein Wunder lässt sich so mancher vom Australien-Virus anstecken. Zur Zeit ist nur das Corona Virus noch ansteckender. Die Ostküste gilt als idealer Einstieg in die von Mythen umwobene Welt Australiens. Fliegt man nach Brisbane und von dort gleich nach Cairns hoch, gelangt man zu den Regenwäldern am Cape Tribulation, an den Gestaden des Great Barrier Reefs oder man fährt von Brisbane mit dem Boot zur Evolutionsperle Fraser Island rüber.

Ausgangspunkt für viele in Queensland Angereiste, ist das «Tapukjai Cultural Village», in dem die Besucher/innen der Kultur der hiesigen Aborigines näher geführt werden. Fährt man der Küste entlang weiter nördlich, kommt man erst nach Palm Cove, ein kleines charmantes Nest, dann geht es nach Port Douglas weiter, wo die berühmte Thala Beach Lodge und die Daintree Forest Lodge, mehrfach als umweltfreundlichste Unterkunft Australiens gekürt wurde. Im Wawu-Jirakul Spa (was in der Sprache der Ureinwohner so viel wie «Reinigung des Geistes» bedeutet), werden die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther zu einem fantastischen Wellness-Cocktail inmitten eines Wasserfalls im Urwald zelebriert, der den Kuku Yalanji Aborigines als heiliger Reinigungskral und Brook Shields als Yoga Ort diente. Für die Spa-Behandlungen werden nebst ätherischen Ölen auch verschiedene Sandsteine verwendet, welche die Aborigines nicht nur für ihre Körperbemalung sondern auch als Nahrung dient. Der Aborigines läuft mit mir um die Quelle herum, greift an drei Stellen in die lehmige Erde und streicht einen Abstrich auf mein nacktes Bein. Sofort sehe ich dass der eine Streifen sandgelb, der zweite lehmgrau und der Dritte rötlich gefärbt ist. Siehst du hier haben wir Zink, Kupfer und Calcium mineralhaltige Schichten. „Wenn du einmal keine Nahrung mehr hast“, meint er zu mir, „spülst du den Lehmbrei mit Wasser runter und kommst so zu Mineralstoffen“!

Kurz vor dem „Millenium“ machte ich eine weitere Australien-Reise der besonderen Art. Für eine Lifestyle-Reportage waren die besten Hotels, Spa-Lodges und Restaurants auf der Menü-Palette. Das führte zum Flagschiff der australischen Hotellerie «Hayman» Island inden White Sunday Islands, dann zum damals neu eröffneten «Palazzo Versace» Hotel und anschliessend zu den beiden Luxus Outback Feeling «Peppers Lodge»und «Spicers Peak Lodge». Auf dem Weg zu dieser geriet mein Geländewagen auf der nassen Natur- und Splitterstrasse durch ein Ausweich-Manöver infolge hervor springender Kängurus ins Schleudern und in einen Stacheldrahtzaun, der über die ganze Motorhaube, Windschutzscheibe und das Dach schrammte, sodass das brandneue Fahrzeug total zerkratzt und schrottreif aussah aber immer noch fuhr. Nur die total zerkratze Windschutzscheibe trübte den Fahrspass. Doch es hätte weitaus schlimmer ausgehen können.

Opalsucher in Coober Pedy: Die Hoffnung lebt im Untergrund

Zwischen Adelaide und Alice Springs irgendwo inmitten einer glühend heissen, unwirtlichen Mondlandschaft liegt das damals 5000 Seelen zählende Nest Coober Pedy, auch «Opal-Miner City» genannt. Die Bewohner leben in unterirdischen Maulwurfartigen Bauten und verbringen auch den Tag unter der Erde, im Stollen, mit Dynamit bestückt um weitere Sprengungen vorzunehmen. Einblicke in das Leben der Opalschürfer in einem dynamitgeladenen Untergrund. Angetrieben von der Hoffnung auf schnellen Reichtum und dem Risiko ausgesetzt, mausarm zu scheitern, echte Glücksucher also, aus allen Teilen der Erde. Doch was zieht die Menschen nur hier her? Einöde, sengende Hitze, jede Menge Staub und Geröll und Strapazen ohne Ende. Nichts bleibt den Opaschürfern hier erspart. Vierfünftel der Bevölkerung lebt im Untergrund in den Stollen, die Lüftungsschächte nach oben haben. Auch der Supermarkt, die Tankstelle und die Kirche sind im Untergrund.

Hier im heissen Outback schürfen Männer aus Albanien, Italien, Kroatien, Griechen, Serbien, Polen und auch Schweizer sind darunter. Sie alle suchen nach den kostbaren Steinen. Zu dieser Zeit konnte man sich einfach einen «Claim» abstecken und zu bohren und sprengen beginnen. Glückspilze, die Coober Pedy als reiche Männer verlassen haben, gibt es nur wenige. Dafür ist der grosse Friedhof in dem Wüstennest ein beredtes Zeugnis.  Es gibt auch einen Postboten für die Region. Die Ochsen-Tour von John Stillwell zeigt die hiesigen Dimensionen aufs Deutlichste auf. Zweimal pro Woche fährt John von Coober Pedy aus nach William Creek, ein Provinznest mit neun Häusern und dann nach Oodnadata, einer verkommenen Aborginies-Siedlung und versorgt so auf den 650 Kilometern noch drei Farmer mit der Post.

John fährt diese Tour nun schon seit sechs Jahren und er hat die Strecke schon über 700 Mal gemacht.  Er durchquert dabei auch die Moon Plain Area, eine trockene, steinige, sandige und mit kleinen Hügeln besetzte Mondlandschaft zur Rinderfarm Anna Creek, deren Zaun über 9600 Kilometer lang ist. Die Farm ist somit fast so gross wie die Niederlande. Dann fahren wir weiter nach William Creek und obschon da nur neun Häuser stehen, gibt es die wahrscheinlich teuerste Sattelitenfunk-Telefonkabine der Welt sowie einen schattigen Parkplatz samt Parkuhr. Weiter geht es einem alten Aborginies-Trail entlang zu den unterirdischen, heissen Quellen und der «Great Overland Telegraph Linie» von London nach. Bei Sonnenuntergang spielten wir noch eine Runde Wüstensand-Golf.

Sehnsuchts-Orte: An der Pforte zum Paradies

Ein Mosaik aus Licht und Farben umspielt die weit versprengten Inselkette. Jedes dieser von smaragdgrüner Vegetation überzogenen Inseln ist von türkisblauen und kranzförmigen Riffen umsäumt. Sie begrenzen die Tiefe des Meeres, kehren dessen opulente Unterwasserpracht nach oben und entfalten die Schönheit der farbenprächtigen Korallengärten mit grosser Artenfülle und schirmen die oft nur weinge Meter über der Meeresoberfläche gelegenen Islande gegen die Brandung ab.

Nach einem unendlich langen Flug von Zürich, via Paris, New-York, San Francisco und Hawaii landete ich an der «Pforte zum Paradies» auf Tahiti – auch «Insel der Liebe» genannt und Synonym für den Stoff aus dem die Träume sind. Das französische Übersee-Territorium mit seinen 118 Inseln ist aufgeteilt ind die Austral- und die Gesellschaftsinseln, die Marquesas  und den Tuamotu-Archipel. Da fällt die Wahl schwer. Doch grundsätzlich stehen zwei sich zu einem fulminanten Ensemble vereinigender Inseltypen zur Auswahl: hohe Vulkaninseln wie Moorea, Huahine oder Tahiti und flache Atolle wie Tetiaroa.

Tahiti, die «Insel der vielfarbigen Wasser» ist auch Symbol für den verklärten Mythos, der die Südsee wie ihr funkelndes Firmament mit zauberhaften Impressionen überziehen. In der Südsee hat der Schöpfer einmal zeigen wollen, was er zu leisten vermag, hielt der Dichter Robert Brooke fest. Auch Gaugin geriet in einen malerisch impressionistischen Farben- und Sinnesrausch. Vorallem  Moorea die keine halbe Stunde mit dem Katamoran von Papeete entfernt ist, wird von vielen ins Herz geschlossen. Berühmt wurde die Ferieninsel, auf der etliche Vulkanspitzen wie Lanzen in den Himmel ragen, durch Dino de Laurentis Film „Meuterei auf der «Bounty» Gleich neben dem 900 Meter hoch aufragenden Mount Rotui liegt die berühmte Cook Bay.

In der Tat kommt man nicht umhin, die Südsee in den schönsten Farben zu malen und in den höchsten Tönen zu loben. Angesichts der sanftmütigen und straken Ausstrahlung der Insulaner, ist man versucht ihre Welt zum Paradies auf Erden hochzustilisieren. Wenn anmutige, kräftige Männer pfeilschnell mit ihren Kanus durch das Wasser rudern oder anmutige Geschöpfe unter den Kokospalmen, Mango-, Papaya-, Avocado- und Brotfruchtbäumen sitzen.  Seither messen die Europäer die Südsee mit der Elle ihrer Wünsche und Träume; phantasieren, fabulieren und dichten Poeten aller Couleur viel verrückt Schönes zusammen. Doch ein Ort der lasterhaften Vergnügen  ist die Südsee trotz allen matriarchalischen Sitten und der freizügigen Sinnlichkeit nicht. Aber auffallend viele Transvestiten (raerae) geben sich in Papeete ein Stelldichein. Und eine polynesische Besonderheit sind die Marus – von klein auf von den Müttern feminisierte Söhne, zumeist die Letztgeborenen in einer Familie, die keine Töchter hat. Sie benehmen sich wie Frauen und verrichten die Hausarbeit. Beide Randgruppen erfreuen sich einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz.

30 Jahre nach der französischen Invasion auf Tahiti und Mururoa durch ein Heer von Atomphysikern, Ingenieuren und Militärs, kennen die Südsee-Insulaner nicht nur den Gott der Liebe, sondern auch den Gott und die Macht des Geldes. Das Leben im Paradies hat seinen Preis. Der Preis für den Luxus ist hoch. Probleme mit Alkohol und anderen Drogen sowie die Armut und Verslumung nehmen zu. Tatsächlich kommt man als Reiseberichterstatter nicht umhin, die Südsee in den schönsten Farben zu beschreiben und angesichts der sanftmütigen und beschaulichen Lebensart der überausgastfreundlichen Insulaner zum Paradies hochzustilisieren. Hohe Vulkaninseln wie Moorea, Huahine und Tahiti, flache Atolle wie Marlon Brandos Reich Tetiaroa. Huahine teilt sich wie Tahiti in eine grosse und eine kleine Insel auf. Dazwischen eine Meeresenge, die bei Surfern sehr beliebt ist. Bora Bora besitzt gewissermassen die spektakulärste und schönste Lagune der Welt. Fürwahr ist das nur 30 Quadratmeter kleine aber 30 Millionen Jahre alte Atoll ein kostbares Juwel im Pazifik. Auch Moorea hatten damals viele Touristen in ihr Herz geschlossen aufgrund des dort in der Oponohu-Bucht gedrehten Filmes «Die Meuterei auf der Bounty

WIDMUNG

DAS BUCH IST MEINEN BEIDEN IRDISCHEN SCHUTZENGELN – MEINER MUTTER ROSEMARIE MÜLLER UND MEINEM JUGEND-FREUND UND MÄZEN DANIEL HAUSER – SOWIE MEINEN ZU KURZ GEKOMMENEN TÖCHTERN AIALA UND TIARA, MEINEM HILFSBEREITEN BRUDER ERIC SOWIE ALL MEINEN WEGGEFÄHRT/INNEN GEWIDMET

DANKSAGUNG

Aiala Cella (Übersetzung ins Englische)

Daniel Hauser, Notar und Rechtsanwalt (für seine Freundschaft und finanzielle Unterstützung)

Silvio Imseng, Künstler & Philosoph (Inspiration und Lektorat)

UEBER DEN AUTOR

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62), reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, (Ägypten, Brasilien, Polen, Senegal, Südafrika, UK, USA). In den 80er Jahren war er mit 18 Jahren Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen um das «AJZ». Dann ging er in Südafrika in den Untergrund und engagierte sich fortan für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika sowie humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Gerd Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen.

QUELLENVERZEICHNIS:

POLITIK & HUMAN RIGHTS

«Amnesty International», «Arte», «Bellingcat», «BBC», «Bloomberg»,, «3 SAT», «ICRC», «Public Eye», «NZZ», «SRF», «Tages-Anzeiger», «The Guardian», «UNICEF»

KLIMA,NATUR UND UMWELT

«Baobab Trust», «Campaign for nature»,  «Conservation International», ETH-Studie «Nature & Plants», «Forum ökologische Marktwirtschaft» , «IPPC», «Weltbiodiversitätsrat»

WILDLIFE CONSERVATION

«Bruno Manser Fonds», «Rhinos without Boarders», «Wilderness Leadership School», «Internationale Tierschutz Fond» (IFAW), «Weltbiodiversitätsrat», ETH-Studie «Nature & Plants», «WWF»Selten dringen die Sonnenseiten des kolumbianischen Lebens und die Schönheiten des Anden und des Urwald-Staates ans Licht. Wer der Terra incognita im Garten Eden Südamerikas trotz Armut und Gewalt furchtlos gegenübertritt, der wird vom Zauber Kolumbiens und dem feurigen Temperament der Bevölkerung magisch angezogen werden. Wenige Länder sind mit der imposanter landschaftlicher Vielfalt und einer unvergleichlichen Fülle von Naturwundern gespickt, wie der viert grösste Staat Lateinamerikas.«Bruno Manser Fonds», «Rhinos without Boarders», «Wilderness Leadership School», «Internationale Tierschutz Fond» (IFAW), «Weltbiodiversitätsrat», ETH-Studie «Nature & Plants», «WWF»

80er Jahre: Ungehemmte Lust an der Befreiung von Zwängen

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch «DAS PENDEL Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch «POLITISCHE & ÖKOLOGISCHE METAMORPHOSEN» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln und im Laufe der 80-Jahre umpflügen sollte. Im Mai desselben Jahres begannen die «Opernhauskrawalle» als Auftakt zu den «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für sie zur Verfügung stehenden Einrichtungen und Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligsten Beispiel der bevorstehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich. Zu jener Zeit gab es noch die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pubertierende Jugendliche gab es überhaupt keine, nur ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren.

Drei kurze Sätze waren in meiner Jugend prägend: „Das kannst du nicht!“ „Das darfst du nicht!“ Und: „Das geht nicht!“. Das war Motivation pur für eine Revolution nach dem Motto: „Klar geht das!“ Warst du einen Zacken neben der Spur, das heisst abseits der biederen bürgerlichen Norm von Moral und Ordnung, wurdest du gleich eines Aussätzigen behandelt. Radio und TV waren tote Hose damals. In der Schweiz und in ganz Europa war es in den 70er  grau Jahren und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Ein Nachtleben, Internet oder Streaming gab es nicht. Gute Musik oder Filme waren rar bis Videotheken aufkamen und der «Walkmen» die Musikwelt veränderte. Aber Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. gab es nicht. Kein Wunder, dass es in der jugendlichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte, die im Mai 1980 begann.

Die Tristesse war eine Folge der Ölkrise, des «Kalte Krieges», der Mauer und Bedrohung durch die Kommunisten, des Vietnamkrieges, der immer brutaler und grotesker wurde, in Europa weit verbreitet. Erst flächendeckende Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung. Dann die «Agent Orange» Entlaubungsaktionen, schliesslich die grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern durch die Napalm-Bombardements, all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager. Einfach nur grauenhaft und sinnlos.

Da schrien Herz, Seele und Verstand nach Gerechtigkeit, wenn nicht gar nach Vergeltung. Unerklärlich an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom US-Kongress abgesegnet und von der «CIA» finanziert wurde und die hat die Kriegskosten dadurch bezahlt, indem die US-Truppen im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachteten und nach Mexico brachten, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die eigene Haustüre geschaffen und den Mexikanern ihre Drogenlabore und -kartelle beschert. Bei dieser kafkaesken Operation ist der «CIA» definitv das «I» also die «Intelligence» abhanden gekommen. Nebst dem «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst.

Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden und im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gekommen. Dann kam es zu dem Reaktorunfall in Tschernobyl und später haben die Gebrüder Tinner skandalträchtigbewiesen, dass man das Atom Know How auch exportieren kann. Und Peter Regli, ein Schweizer Geheimdienst-Offizier, arbeitete mit dem Apartheidregime beim ABC-Waffenprogramm zusammen. Dazu kommen wir noch ausführlicher. Die Schweiz hat also nicht nur ihre politische Kurzsichtigkeit exportiert, sondern auch Südafrika und Pakistan mit Atom-Know-how und Uran versorgt.

Doch zurück nach Zürich zur hiesigen explosiven Lage: Schon im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit am jährlich stattfindenden «Allmendfest» über Pfingsten mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde mir die Bedeutung der Hippie-Bewegung vor Augen geführt, so nach dem Motto: «Peace, Love, Happiness & Freedom». Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war absolut grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68ern in der Subkultur unter den Jugendlichen und so kam dieser Power-Sound gerade zur richtigen Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen die Wut in meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadt strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.

Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizei-Fahrzeuge brannten völlig aus und auch der Eingang zum Rathaus sah dementsprechend übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dichter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unfassbar, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68ern in blanke Wut verwandelte (angestachelt durch die Gewalt der Ordnungskräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest), mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten.

Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Strassen-Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autonomen jeweils Mittwoch‘s in den Volksversammlungen («VV‘s») im Volkshaus oder vereinzelt auch auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum!“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und Gesprächsthema Nr. 1 des Landes werden: Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren schlugen die Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Polit-Persiflage die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen jene «Krawallanten» vorzugehen, denn zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war ich auch verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots revolutionaires!“

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber 3. Mai 1981 die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Giorgio Bellini» (ein anarchistischer Tessiner Buchhändler, der Sprengstoffanschläge auf AKWs verübte und zuletzt einen Strommasten in die Luft sprengte, weil er mit einer Gruppe militanter Autonomer gegen die Atomkraftwerke war) vor die Brust und in die Kamera und verschwanden unerkannt. „Wir haben uns köstlich amüsiert über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“. Aber Bellini hat es nichts genützt. Er wurde verurteilt und inhaftiert.

Erst zu ein paar Details, wie die spektakuläre TV-Aktion ablief: Insgesamt drangen fünf Personen, zwei Frauen und drei Männer beteiligt, die als PolizistInnen verkleidet das Fernsehstudio betraten unter dem Vorwand eine Drogenrazzia zu machen, was damals offenbar beim Schweizer Fernsehen kein Stirnrunzeln oder einen Verdacht hervor rief. Zwei Personen drangen in den Regieraum ein und sorgten dort für Ablenkung und ein wenig Chaos.

Zeitgleich drangen zwei weitere Personen in die Sprecherkabine ein und hielten Leon Huber das Schild vor die Nase in die Kamera der Hauptausgabe. Es kommt aber noch besser: Als die beiden Chaoten aus dem Regieraum angehalten und der Polizei übergeben werden sollten, holten die KollegInnen von der Sprecherkabine die beiden ab und sagten, sie nähmen sie gleich mit. So kamen alle fünf unerkannt davon. Zurück zu Giorgio Bellini, der in Zürich einen revolutionären Buchladen an der Engelstrasse betrieb.

Als das Schweizer Stimmvolk am 18. Februar 1979 die Atomschutzinitative mit einem knappen Anteil von 51,2 Prozent ablehnte machte sich eine kleine Gruppe von militanten AKW-Gegnern auf den Weg ins Fricktal. Die Gruppe „Do it yourself“ hatte acht Kilo Sprengstoff im VW-Bus und sprengte damit den Informations-Pavillion beim geplanten KKW Kaiseraugst in die Luft. Personen kamen keine zu Schaden, doch über den materiellen Schaden hinaus, entzündeten die AktivistInnen eine harsche politische Debatte, denn Sprengstoffanschläge haben in der Schweiz zum Glück Seltenheitswert. Nach dem Sprengstoffanschlag in Kaiseraugst folgten weitere Anschläge auf die AKWs Leibstadt und Gösgen.

Auf die Frage, wie die Gruppe an den Sprengstoff heran kam, sagte Bellini, dass dieser in der Landwirtschaft und auf dem Bau verfügbar war und zu seiner Zeit sowas wie das Spielzeug für „die dem Kindesalter entwachsenen war“. In der Tat kann ich das bestätigen und hinzu fügen, dass wir als Kinder auch mit Armee-Pistolen und anderen Waffen gespielt haben und schon als 14 jährige auf grösseren Motorrädern ohne Helm Jumps in der Kiesgrube übten.

Das was damals alles nichts aussergewöhnliches. Natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Doch welch eine grossartige Freiheit unter vielen weiteren. Kein Vergleich zur heutigen Schisskultur und Risikoarmut. Doch gingen die AktivistInnen sehr professionell vor und lernten vom Klassenfeind und seinen Institutionen. So wurde das berühmte Guerillia-Handbuch eines schweizer Geheimdienst-Offiziers «Der totale Widerstand – Kriegsanleitung für jedermann» zur Hilfe genommen und bei der Spurentilgung half die Fachzeitschrift «Kriminalistik» den militanten AKW-Gegnern weiter.

Dann gab es auch noch den zum «Bündner Okoterroristen»abgestempelten Marco Camenisch, der 1979 ebenfalls zwei Sprengstoffanschläge auf Strommasten verübte und zu zehn Jahren Zuchthaus verbannt wurde. Die beiden waren aber nicht die einzigen radikalen AKW-Gegner. Einer ging noch weiter, Chaim Nissim, der später für die Grünen im Genfer Kantonsparlament sass griff mit einem Raketenwerfer sowjetischer Bauart, Typ RPG-7 1982 den Reaktor Creys-Malville im französischen Rhonetal an.

Legal? Illegal? Scheissegal, so waren wir drauf

Als nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Autonomes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich zu unserer Freude das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für uns gebeutelten Stadtindianer/innen. Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde daraufhin „subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt und überdies ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippie-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und deren waren viele.

Zugegeben: Nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos lauthals skandiert wurden. Das war damals schon „Landesverrat“ und so wurden wir Sympatisanten auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Freunde abgestempelt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Und so kam es auch zu vielen Verstössen und Gewaltexzessen seitens der Polizei. Einer meiner Freunde verlor dadurch ein Auge durch ein Gummigeschoss und meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum bis ihr Gesicht danach arg zerschrammt war. Ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt. Danach freigelassen und später mit Fr. 80.- für die Haft entschädigt. Weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war.

«Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints, sodass die Polizei gar nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuana- Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süssiche Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. Nie war die Freiheit lebendiger, grossartiger und vielfältiger, als in den 80er Jahren, einer Zeit, die ich als «Zenit des letzten und 21. Jahrtausends» bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die neue Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Möglichkeit zur autonomen Schwangerschaftsverhütung verschaffte voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form der ersten Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia»? Nun, warum die Qual der Wahl? Am besten alles zusammen.

Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonismus pur war das Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt auf allen Ebenen experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare damals gesetzlich noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen One Night Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten, die Lust und das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirierende Zeit, die ihres gleichen sucht!

Die Frauen waren für uns Lichtgestalten, viele sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „Emanzipation, ja klar, sagten wir uns und führten endlich das Frauenstimmrecht ein. One (wo)man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und liefen öfters mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemalten Gesichter und flatternden Haaren durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ». So haben wir auch vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht unterstützt und schliesslich durchgesetzt.

In meiner Jugend war ich begeistert von Pippi Langstrumpf, vom Buch und der TV-Serie. Das freche Mädel war revolutionär und mein anarchistisches, feministisches Vorbild für die „Befreiung von Kinder, Küche und Kirche“ damit vorgespurt. Die autonomeste und frechste Rotzgöre und der erste weibliche Punk, der mir begegnete, hat wohl auch mein Frauenbild geprägt.  Sinnlich, frech, unkonventionell, unabhängig und voll geil drauf. Handkehrum waren Tom Sawyer und Huckley Berry Finn meine abenteuerlich, brüderlichen Vorbilder. Ich liebte ihre Lagerfeuer-Romantik und Streiche. Sie waren unsere Vorbilder und die Schreckgespenste unserer Eltern. Doch auch wir betrieben viel Unfug und loteten die Grenzen mächtig aus. Kitas gab es nicht, der Spielplatz war der grosse Wald mit all seinen Bewohnern und Geheimnissen. So verschwand ich den ganzen Tag im Gestrüpp des Zolliker Waldes, verweilte bei den Kaulquappen und Feuersalamander an den Teichen, kletterte bis in die Baumspitzen und baute Baumhütten und Staudämme wie die Biber und kam nur zum Mittagessen und Abends zurück.

Eine Aufsicht gab es nicht, dafür jede Menge Abenteuer bis hin zu Schusswaffengebrauch, frisierten Floretts und Motocross-Töffs mit denen wir die Steilwände in den Kiesgruben hochfuhren und anderen wilden Spielchen. Wir konnten uns irre austoben, etwas was den Jugendlichen heute für die persönliche Entwicklung fehlt, da sie nur noch virtuell am Geschehen teilnehmen und schon da reizüberflutet durchdrehen. Ein weiteres Problem ist auch das abstrakte virtuelle Anbandeln und der digitale Austausch mit dem anderen Geschlecht sowie das heutige Sexual- und Rudelverhalten an sich, dass einerseits wieder ultra konservativ, andererseits extrem egozentrisch geworden ist. Da kommt kein Spass mehr auf, wenn man sich auf ein Rudel Jungs oder eine Mädchen-Traube einlassen muss, um in die Nähe des oder der Auserwählte/n zu kommen.

Zurück in die experimentell sehr bewegten 80er Jahre. Die ungehemmte Lust an der Befreiung von allen sexuellen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte dann vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ»-Zeiten noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus Poona oder von Goa zurück und waren entweder total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, das Stadtbild und auch die politische Weltanschauung.

MTV und der Walkman revolutionierten die Musikwelt

Es war die Zeit der Rebellen, der freien Entfaltung, der Politisierung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten. Der «Rolling Stones», «Doors», «Deep Purple», die ebenso zu unseren Musikgöttern zählten wie Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück. Als Mitte der 1970er die «Punks» erst in New York und dann die Punkszene in London aufkam, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Die Sex Pistols und Talking Heads, Ramones oder under sex zählten zu den heissesten Bands, der damaligen Zeit.

Bald entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk– und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» mit und der «Club Hey» der ersten Punk-Discos ebenso wie im Umfeld verschiedener autonomer Netzwerke, wie der Reithalle in Bern oder bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. So findet man zum Beispiel auch in Winterthur politisierte Punks, die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld und zu den Skinheads in der Schweiz verstanden. Und auch in Basel gab es ein «AJZ», indem die Punks und Autonomen sich trafen.

Mit dem Piratensender «Radio 24» von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «MTV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos und revolutionierte nicht nur die Musikwelt sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein genialer Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei alternative Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen so auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den unglaublichen Liberalisierungsschub hinsichtlich kultureller Freiräume lieferten. So ausgeflippt und trendy hat man die Städte Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen.

Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Andersdenkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Anarchisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu.

Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen gnadenlosen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern.

In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch», der Slang-Name für Heroin. Die Situation verbesserte sich erst, als die Methadon-Abgabe eingeführt wurde und die Fixer, Dealer und Drogentoten von den Zürcher Strasse verschwanden und die Süchtigen sich in den Kontakt- und Methadon-Abgabestellen wieder trafen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico B. und Tommy M., zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayga» (russische Hexe) herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar P. gedruckt wurde. Ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössen Plattenladen von Zürich und er hatte seine über 900 LPs (Schallplatten) umfassende Kollektion in unsere WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein unfassbares musikalisches Universum für uns alle und wir schwebten im siebten Himmel.

Von da an ging die Post ab, denn wir waren alle „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen und legten los, die Welt zu verändern. Unverheiratete Paare durften damals gesetzlich noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen.

Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging es uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei Neues aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen, die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“. Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler.

Doch einhergehend mit der Heroinschwemme kam es zu vielen sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Auch Mandy, meine damals ein Jahr jüngere, also 17 jährige  Freundin starb später an einer Überdosis. Ich hatte stets Glück, doch das war zu viel für mich und für die Stadt Zürich. Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen zusammen mit der Stadträtin Emilie Lieberherr die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschenwürdig im Methadon-Programm betreut wurden. Das war ein mutiger Schritt in die richtige Richtung und das Modell wurde auch international kopiert.

Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir  alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Die Heroinschwemme führte auch zu sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Das war too much. Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen und Stadträtin Emilie Lieberherr die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschenwürdig betreut wurden. Das war ein mutiger Schritt in die richtige Richtung und das Modell wurde auch international kopiert.

Das AJZ war unsere Heimat. Hier trafen wir uns, hier schliefen wir oft, hier engagierten wir uns sehr kreativ. Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem autonomen Jugendzentrum Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen.

Radio 24, Roger Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero in Norditalien erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und musikalisch ebenso wie mit Marie-Jane voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – war prägend für viele meiner Generation.

Im Strudel SchweizerPolitskandale

In den 80er Jahren gab es noch hinreichend gute Jobs. Zuerst arbeitete ich bei der «Brauerei Hürlimann» im Export, danach für kurze Zeit bei einer Handelsfirma, der ich den gesamten Import von Getreidemehl aus Schweden vom Strassenverkehr auf die Bahn verlagerte und so ein ökologisches Ziel umsetzte als der Firma auch viel Geld sparte, da die Bahnlösung auch erheblich günstiger war. Danach kamen drei Reiseleiter-Einsätze für je drei Monate im Senegal, in Polen und in London ins Spiel. Daraufhin arbeitete ich beim «Media Daten Verlag», der die «Werbewoche» und das «Media Trend Journal» heraus gab und so wurde ich Anzeigenleiter der «Neuen Zürcher Zeitung» für die Bereiche Tourismus, Schulen und Institute sowie Verkaufsleiter der «Swiss Review of World Affairs», dem damaligen, hochkarätigen, englisch sprachigen Magazin der Neuen Zürcher Zeitung «NZZ». Später produzierte ich die Wälzer, der «Portraits der Schweizer Werbewirtschaft» und «Portraits der Schweizer Kommunikationswirtschaft» beim «Bertschi-Verlag». So rückte ich dem Journalismus immer näher und ich beschloss das Handwerk über eine PR-Ausbildung am «SAWI» zu erlernen.

Im Oktober 1989 nahm ich an einem einwöchigen Journalismus-Workshop mit dem linken Journalisten, Schriftsteller und Historiker Niklaus Meienberg teil, der kurze Zeit zuvor den «Villiger-Skandal» im 2. Weltkrieg aufdeckte. Dieser führte uns überraschend nach Kreuzlingen zur Asylantenempfangsstelle, bei der wir noch am selben Abend unserer Ankunft eine menschenunwürdige Situation vorfanden. Vor der geschlossenen Asylanten-Empfangsstelle hatten gut ein Dutzend frierender Flüchtlinge ein Feuer angezündet, um sich vor der bitteren Oktoberkälte zu schützen und aufzuwärmen, denn sie seien von der Asylanten-Empfangsstelle ausgeschlossen worden, erklärten sie uns.

Die Polizei war gerade dabei das Feuer zu löschen, was uns in Rage brachte. Niklaus Meienberg kam so richtig in Fahrt und der wortgewaltige Hühne orchestrierte eine verbale Schandtirade feinster Didaktik. Aber Meienberg wäre nicht Meienberg, wenn den Worten nicht auch Taten folgen würden und so wies er uns an, die Flüchtlinge in die Jugendherberge zu verschieben, die gerade noch geöffnet hatte. Der arme Herbergen-Verwalter fiel fast vom Stuhl als er das Dutzend Flüchtlinge im Schlepptau der JournalistInnen vor sich sah, Da ging das bürokratische Prozedere mit den Papieren los und musste nach den ersten fünf Personen, aufgrund fehlender Papiere, als hoffnungslos, abgebrochen werden und kurz darauf konnten die Flüchtlinge wenigsten diese Nacht in der Wärme verbringen.

Meienberg indes hatte schon am nächsten Morgen die halbe Deutschschweizer Presse auf den Plan gerufen und über die menschenunwürdigen Vorkommnisse und Praktiken vor der Flüchtlingsstelle (Strafaktion) hingewiesen. So sahen wir uns plötzlich im Presse-Trubel mit einer Schar Journalisten konfrontiert und belagerten so das Flüchtlingszentrum, bis wir mit dem Leiter der Empfangsstelle eine Aussprache hatten. Dann kamen die Politiker und Stadträte, die mauerten, Peter Arbenz, der Flüchtlingsdelegierte meldete sich zu Wort und stellte dem Empfangsstellenleiter einen Persilschein aus derweil die kirchlichen Organisationen mehr Menschenwürde einforderten.

Und so war die ganze Woche action. Der Kurs ging am Freitag-Abend zu Ende, jeder konnte über Nacht eine Story über das Geschehen der letzten Woche schreiben und sie Meienberg am Samstag Morgen zeigen, der dann einen kurzen Kommentar dazu abgab. Sein Kommentar war lausig. Doch hatte ich die Unverfrorenheit und das Glück, dass mein Beitrag in der «Weltwoche» mit der Essenz eines anderen Schreibwerkstatt-Teilnehmers an meinem 27. Geburtstag abgedruckt wurde. Der Einstieg war gelungen und der Ansporn, weiter in diese Richtung zu gehen da und weil Fotografieren zu einer Leidenschaft geworden war, wollte ich Journalismus und Fotografie miteinander kombinieren.

Der «Fichenskandal» und die «P-26» Geheimloge

Im Jahre 1990 war ans Licht gekommen, dass sowohl die Bundesbehörden als auch die kantonalen Polizeikorps seit Beginn des Jahrhunderts rund 900’000 «Fichen» über politisch verdächtige Personen angelegt hatten. Laut offiziellen Angaben waren mehr als 700’000 Personen und Organisationen erfasst, also über ein Zehntel der Bevölkerung war subversiv. Der Beobachtungsradius erfasste zuerst ausländische Anarchisten, Schweizer Sozialisten und Gewerkschafter, Schriftsteller, unwillkommene politische Flüchtlinge und Ausländer, die oft wieder ausgewiesen wurden. Mit dem Aufkommen des Antikommunismus wurden vor allem linksstehende Politiker und Mitglieder von Gewerkschaften überwacht. Offizielles Ziel der «Fichierung» war es, das Land vor aus dem Ausland gesteuerten subversiven Aktivitäten zu schützen.

Die Bekämpfung der Subversion war während des Kalten Krieges ein weitverbreitetes Schlagwort. Die Parlamentarische Untersuchungskommission PUK brachte zu Tage, wie weit dieser schwammige Begriff aufgefasst wurde. Wie aus den Unterlagen der «Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr» (UNA) hervorging, empfanden eifrige Staatsschützer „Alternative“, „Grüne“, Friedensbewegte, Drittwelt-Aktivisten, Frauenbewegungen und Fremdarbeiterbetreuer, Anti-AKW-Aktivisten, „Linke“ aller Art also per se, als potentiell gefährlich einzustufen seien, denn sie könnten kommunistisch unterwandert, feind- oder fremdgesteuert oder sonst wie manipuliert sein.

Auch ich bestellte meine Fiche beim Polizei und Justizministerium, die dann doch detaillierter als angenommen war, was das Bewegungsprofil und die Kontakte angeht, aber ansonsten sehr belanglos war, bis auf die vielen schwarzen Stellen in dem 14 seitigen Protokoll, das wohl mehr die Spitzel-Identitäten verdecken und schützen sollte, als Staatsgeheimnisse, staatsfeindliche Aktivitäten oder einen «Landesverrat» des Überwachten zu Tage gebracht hätte. Es zeigte den blinden Eifer der Behörden und das traurige Abbild der Spitzel. Die wenigsten von uns waren Marxisten, Leninisten, Maoisten oder Kommunisten oder Staatsfeinde auch wenn das Motto: «Macht aus dem Staat Gurkensalat» skandiert wurden. Da wurde viel Staatspropaganda aufgefahren und mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Dann gab es noch einen weiteren Politskandal: Die «P-26» Geheimloge (Projekt 26) war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung. Sie wurde 1979/1981 als Nachfolgerin des Spezialdienstes in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) eingesetzt und 1990 nach der Bekanntmachung durch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) durch Bundesrat Moritz Leuenberger aufgelöst. Für die P-26-Mitglieder war in Friedenszeiten keine Bewaffnung vorgesehen, doch darum scherte sich der illustre Geheimbund nicht. Vorgesehen war, dass sie als Gruppe auf Befehl einer allenfalls im Ausland verbleibenden Exilregierung aktiv würden, um als Nachrichtenquelle zu dienen, ein Kampfauftrag war nicht vorgesehen, denn der war allein der Armee vorbehalten. Dennoch hortete die Organisation Waffen und legte Munitionsdepots an.

Beruflich war ich zu Beginn der 90er Jahre mit meiner Public Relation Ausbildung und bei der PR-Agentur «Leipziger & partner» in Zumikon beschäftigt. Unser Dr. Emil S. war Chef war Oberst im Militär und ein kleiner Nazi und gehörte so betrachtet nicht zu meinen speziellen Freunden oder Vorbildern. Aber beruflich gesehen, war er ein Ass und bestens vernetzt wodurch ich viel von seinem Know-How und den Kontakten zum militärischen Kader und zu Zivilorganisationen wie «Helvetas» und dem «Europa Institut» profitierte. Bei der PR-Agentur organisierte ich u.a. das «Forum 91» und das «Colloquium Sicherheitspolitik & Medien» mit «NATO»-General Klaus Naumann, zwei hochpolitische Foren mit hochrangigen Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Medienvertretern. Da prallten zwei Welten aufeinander:

Hier der junge Freak, der Sympathie für die «Armee-Abschaffungs-Initiative» hatte und sich der Rekrutenschule entzog, dafür aber gerne Zivildienst leistete. Einer der auch mit der Anti-AKW-Bewegung sympathisierte Auf der anderen Seite das bürgerliche Establishment, die Spitze der Schweizer Armee bis hin zum Gastreferenten, «NATO»-General Klaus Naumann, der nur von drei Kantonspolizisten eskortiert herein geführt wurde. Insgeheim malte ich mir aus, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die Militärelite mit einem Schlag mit einem der 35mm Flabgeschosse aus meinem Lehrbetrieb Oerlikon Bührle hätte vernichten können.  Da habe ich gemerkt, dass man auch als Pazifist einige abgründige Szenarien in Erwägung ziehen kann, wenn man in militärischen Kategorien denkt, so wie das in Militär- und Spionagekreisen eben alltäglich und branchenüblich ist. 

Nachdem das PR Diplom geschafft war, gründete ich meine Presse und Bildagentur, bezog mit einem «K-Tipp» Recherche-Journalisten und zwei Medienschaffenden aus dem Hotel/Gastrobereich ein Büro, baute die Kooperation mit der Tourismus-Fachzeitschrift «Travel Inside» und einigen Deutschschweizer Tageszeitungen sowie internationalen Bildagenturen aus und reiste in diesem Jahr zwei Mal in die Karibik, zuerst für einen Segeltörn von Grenada nach Trinidad und Tobago, dann nach Kuba. Auf dem ersten Segeltörn meines Lebens wollte ich mit ein paar Berner und Zürcher den Karneval in Trinidad erleben, da ich schon vom Nottinghill Carnival in London begeistert war.

Nach einer wilden Überfahrt von Grenada aus, die beinahe mein Leben gekostet hat, weil ich bei Aufnahmen auf dem Boot vorne im Bugkorb von einer Welle zwei Meter hochgerissen und in den Spinacker geschleudert wurde, im Segeltuch mit der schweren Kameraausrüstung runterrutschte, aussen am Bugkorb gegen das Geländer knallte und mich im letzten Moment an der verbeulten Eisenstange aussen am Bug baumelnd festhalten und dann mit grösster Mühe wieder in das Boot und auf das Deck ziehen konnte. Das war knapp und der Segeltörn eine Kotz-Tortur. Viele lagen nach 10-15 Stunden hohem Wellengang wie Sardinen eng beieinander auf dem Deck herum rollend, geschwächt und sich immer wieder übergebend. Zum Glück hatten wir einen erfahren Skipper und zwei hart gesottene Jungs, die das Segelboot bis zum Hafen mitten im Stadtzentrum von Port of Spain steuerten und dort anlegten. So konnten wir die nächsten drei Tage bequem von der Segelyacht zu den Calypso-Paraden und wieder zurück aufs Boot gehen. Der Karneval mit den gigantischen, fantasievollen Kostümen und den Steelbands, die durch die Strassen paradierten war der Hammer und sehr sexy. Die anmutigen, ekstatischen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer waren magisch, erotisch, anziehend. Auch wenn alle halb nackt herumtanzten.

Lebenslust und Protest zu Calypsoklängen

Was 1777 mit den französischen Einwanderern seinen Anfang nahm und einer kolonialherrschaftlichen Minderheit vorbehalten war, entwickelte sich nach der Sklavenbefreiung zu einer musikalischen Protestbewegung. So ist der Karneval auf Trinidad und Tobago für viele das zum Lebensinhalt gewordene Ereignis. Zelebriert wird in ekstatischer Lebensfreude beflügelt von heissen Calypso-Klängen. Während mehreren Monaten beschäftigt sich eine ganze Familie an den Vorbereitungen für die Kostümkreationen und die -parade. Nebst Glamour spielt Prestige eine grosse Rolle, Ruhm und Ansehen der Familie steigen beträchtlich, wenn sich eine Königin oder ein König des Karnevals in die Familienchronik einreihen lässt. Dabei sein ist alles, siegen ist noch schöner.

Lange vor den Paraden werden in Ausscheidungsverfahren die Favoriten unter den Steelbands bestimmt. Nicht nur die spielerische Virtuosität zählt, auch die provozierende Originalität der Texte wird bewertet und ausgezeichnet. Denn der Calypso kennt keine Tabus. Alles ist erlaubt, was gefällt und ankommt. Auch nach der Sklavenzeit blieb der Calypso das satierische und auch zynische Sprachrohr der Unterdrückten. Die Texte der Sängersklaven waren mit sozialkritishen Untertönen und aufmüpfigen politischen Parolen gespickt. Dann endlich kommen die drei magischen Tage der Steeldrum-Paraden durch die Innenstadt von Port of Spain, deren Sound mit eruptiver Kraft die Bewegungen der Treibenden Tänzer und Tänzerinnen auf einen swingenden Rhythmus einstimmt und den Queens Park Savannah in einen brodelnden Hexenkessel verwandeln.

Dabei umschmiegten sich die Tänzer/innen hautnah und rieben sich aufreizend und leicht bekleidet aneinander. Und die Girls hatten Spass auch mal zu zweit von vorne und von hinten anzudocken, dich ins Sandwich zu nehmen und sich mit erhitzten Körpern an dir zu reiben. So lernt man blitzschnell tanzen und sich rythmisch zu den heissen Calypso-Klängen zu bewegen. Und dies geschah in einem ebenso katholischen wie muslimischen und chinesischen Umfeld, denn Trinidad ist ein Schmelztiegel aus all diesen und vielen karibischen und lateinamerikanischen Nationen. 1833 gelangten auch zehntausende von indischen Kontraktarbeitern auf der südlichsten, kleinen Karibik-Insel vor der Küste Venezuelas.

Am Nachmittag paradieren die Bands auf den Sattelschleppern und ihr kostümierter Tross dahinter durch die Strassen Trinidads und zu den Tribünen, wo auch die Jury sitzt. Jetzt sieht man die gigantischen, filigranen, prächtig glitzernden und fächerartig schwingenden Kunstwerke, die mit Abertausenden von glitzernden Pailletten bestückt sind besonders gut. Der Karneval in Trinidad riss uns derart mit, dass wir ihn nach Zürich holen wollten. Und das gelang uns, dank dem Trinidader Percussionisten an Bord des Schoners. Ralph R. und seiner Frau Angi, die beide leidenschaftlich Steeldrum spielten und Ralph überdies einige Steeldrum-Bands und Kinderbands in Zürich unterrichtete.

Durch Ralphs Kontakte konnten wir Mighty Sparrow, der achtfache «King of Calypso» zu einem Exklusiv-Galakonzert im «Hotel International» in Oerlikon, verpflichten. Dazu arrangierten wir ein Open-Air auf dem Marktplatz in Oerlikon mit acht Stelldrum-Bands am Vortag, an einem Samstag. Dank der Kooperation mit der «British West India Airlines» (BWIA), die damals neu nach Zürich flog, konnten wir während sechs Wochen vor dem Calypso & Steeldrum Festival karibische Spitzenköche nach Zürich einfliegen, mit allen frischen Zutaten und reichlich tropischer Dekoration, um im «Hotel International» in Oerlikon karibisches Flair, tropische Cocktails und leckere exotische Spezialitäten und Speisen anzubieten. 

Durch das «Calypso & Steeldrum Festival» durfte ich mit Roger Schawinskis «Radio 24» kooperieren und war bei ihm zu einem Interview und bei einer Sondersendung zu Gast. Auch bei «Radio DRS 3», das eine einstündige Sendung über den Calypso aus Trinidad und zu Mighty Sparrow machte, kurbelte die Promotionsschiene kräftig an. Zudem war auch Frederic Dru von «Radio Tropic» daran interessiert, diesen Event so richtig zu zelebrieren. Auch das Schweizer Fernsehen für liess sich für ihre erste Reisesendung von der Karibik und dem Mighty Sparrow-Konzert inspirieren, da «SRF»-Reise-Redaktor Kurt S. und der Musik-Redaktor des Schweizer Fernsehens an unserem Galakonzert waren.

Ebenso erfreulich war, dass ich dadurch bei «Radio Tropic» auf freiwilliger, unentgeltlicher Basis zu arbeiten begann und dann bald eigene Reisesendungen mit den Airlines, Reiseveranstaltern und Fremdenverkehrsämtern produzierte und dabei völlig freie Hand hatte. Was für eine geniale Erfahrung! So konnte ich auf dem werbefreien Radiosender zweistündige Spezialsendungen über Australien, Afrika und die Karibik machen und hatte zwei Jahre später die Gelegenheit beim «Radio Kanal K» ebenfalls Sendungen zu produzieren.

Der ebenfalls als Musik- und Kulturradio bekannte Sender im Kanton Aargau liess mir auch viel Spielraum und so machte ich zur Verblüffung aller ein hochkarätiges Interview mit vier kantonalen Parteipräsidenten zur heiss debattierten Asyl-Initiative der SVP. Mit dabei waren Gerry Müller, der später Stadtpräsident von Baden wurde. Der nächste Protagonist war Andreas Glarner von der SVP aus der Aargauer Gemeinde Arni, der durch seine Skandale in Sachen Migrationspolitik (Verhüllungsverbot und Minarett-Initiative) zu medialer Präsenz gelangte. Zudem kamen auch die beiden kantonalen FDP und CVP-Präsidenten zum Streitgespräch ins Studio. Das war mein erstes hochpolitisches und zugleich hochkarätiges besetztes Interview mit vier Spitzenpolitikern zu einem der heissesten Themen im Inland dazumal. Und es war eine sehr engagierte und kontroverse Diskussion, die ich als Moderator gut im Griff hatte.

Mein beruflicher Status als Fotojournalist und Radioproduzent liessen meinen Wert bei den Fluggesellschaften stratosphärisch in die Höhe schnellen. Für Reisen nach Afrika berief ich mich auf die «SAA» South African Airways an, in die Karibik flog ich mit der «BWIA», nach Brasilien mit der «TAM», zu den französischen Übersee-Territorien mit der «AOM» und nach Asien oder Australien mit «Singapore Airlines» und «Malaysia Airlines» von denen ich die Flugtickets gratis erhielt, da ich die Reportagen oft in sieben Tageszeitungen publizierte und auch für Hochglanz-Magazine arbeitete. So veröffentlichte ich Reisereportagen, Aviatik- und Wirtschaftsberichte in der «Aargauer Zeitung», «Der Bund», «Neue Luzerner Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Südostschweiz», «Facts», «SonntagsZeitung» und in Hochglanzmagazinen wie «Globo», «Animan» «Relax & Style», «World of Wellness» und in der «Welt am Sonntag» wurden Reportagen von mir publiziert. 

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Die Jugendunruhen zu Beginn der wilden der 80er

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch «POLITISCHE & ÖKOLOGISCHE METAMORPHOSEN» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62), reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur, spannendem Politthriller, gespickt mit abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln sollte und im Lauf der 80-Jahre umpflügen würde. Im Mai desselben Jahres begannen die «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für Junge zur Verfügung stehenden Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligen Beispiel der bevorstehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich.

Zu jener Zeit gab es die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pupertierende Jugendliche gab es überhaupt keine. Einzig ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren. TV, Radio, Nightlife, Internet, Streaming komplett tote Hose. Gute Musik oder Filme absolut rar. Dann kamen Videotheken auf und der «Walkmen» verändert die Musikwelt. Aber ohne Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. war das Leben so trist wie bei den Corona Lockdowns einfach ohne Internet, digitale Medien und Smartphones. Kein Wunder, dass es in der jugendlichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte.

In der Schweiz war es grau und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Die Tristesse war weit verbreitet in Europa. Der «Kalte Krieg», die Mauer und die Bedrohung durch die Kommunisten, der Vietnamkrieg, der immer brutaler und grotesker wurde. Erst die flächendeckenden Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung. Die «Clockwork Orange» Entlaubungsaktionen, die grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern, all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager.

Das Perverseste an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom Kongress abgesegnet war, sondern von der «CIA» finanziert war. Und  wie hat die «CIA» die Kriegskosten bezahlt? Indem sie im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachtete und nach Mexico brachte, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die Haustüre gebracht und den Mexikanern die Drogenkartelle beschert. Bei dieser kafkaesken Operation ist der CIA definitv das «I» komplett abhanden gekommen.

Durch den «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst. Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden. Im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gab. Und später haben die Gebrüder Tinner bewiesen, dass man das Know How auch exportieren kann. Die Schweiz hat nicht nur Pakistan sondern auch Südafrika mit Atom-Know-how versorgt.

Beim Versagen des Kühlsystems eines experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt gab es im Reaktor eine partielle Kernschmelze. Im Mai wurde der Reaktor in Betrieb genommen, aber bald bis wieder abgeschaltet. Während dieses Stillstandes lief Wasser über eine defekte Gebläse-Dichtung in den Kühlkreis des Reaktors. Die aus Magnesium bestehenden Brennstab-Umhüllungsrohre korrodierten. Als der Reaktor im Januar 1969 wieder in Betrieb genommen wurde, behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung. Der Brennstoff überhitzte, die Brennstäbe schmolzen und gerieten in Brand. Das brachte den Moderatortank zum Bersten. Dabei wurden 1100 kg Schweres Wasser geschmolzenes radioaktives Material und Kohlendioxid (Kühlmittel) in die Reaktorkaverne geschleudert.

Doch zurück nach Zürich zur hiesigen Lage: Schon im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit am «Allmendfest», dem jährlich stattfindenden, dreitägigen Pfingstfest in der Allmend mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde für mich die Bedeutung der Hippi-Bewegung so richtig vor Augen geführt. Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68er in der Subkultur unter den Jugendlichen. Da kam dieser Power-Sound gerade zur rechten Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadat strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.

Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizei-Fahrzeuge brannten völlig aus. Auch der Eingang zum Rathaus sah übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dichter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unglaublich, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68er in blanke Wut verwandelte, angestachelt durch die Gewalt der Ordnungskräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest, mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten.

Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autonomen jeweils Mittwoch‘s in den Volksversammlungen («VV‘s») im Volkshaus oder auch Mal auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum!“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden. (Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren schlugen die Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Persiflage die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen jene «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war ich auch verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber 3. Mai 1981 die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Giorgio Bellini» (ein anarchistischer Tessiner Buchhändler, der Sprengstoffanschläge auf AKWs verübte und zuletzt einen Strommasten in die Luft sprengte, weil er mit einer Gruppe militanter Autonomer gegen die Atomkraftwerke war) vor die Brust und in die Kamera und verschwanden unerkannt. „Wir haben uns köstlich amüsiert über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“. Aber Bellini hat es nichts genützt. Er wurde verurteilt und inhaftiert.

Erst zu ein paar Details, wie die spektakuläre TV-Aktion ablief: Insgesamt drangen fünf Personen, zwei Frauen und drei Männer beteiligt, die als PolizistInnen verkleidet das Fernsehstudio betraten unter dem Vorwand eine Drogenrazzia zu machen, was damals offenbar beim Schweizer Fernsehen kein Stirnrunzeln oder einen Verdacht hervor rief. Zwei Personen drangen in den Regieraum ein und sorgten dort für Ablenkung und ein wenig Chaos. Zeitgleich drangen zwei weitere Personen in die Sprecherkabine ein und hielten Leon Huber das Schild vor die Nase in die Kamera der Hauptausgabe. Es kommt aber noch besser: Als die beiden Chaoten aus dem Regieraum angehalten und der Polizei übergeben werden sollten, holten die KollegInnen von der Sprecherkabine die beiden ab und sagten, sie nähmen sie gleich mit. So kamen alle fünf unerkannt davon. Zurück zu Giorgio Bellini, der in Zürich einen revolutionären Buchladen an der Engelstrasse betrieb.

Als das Schweizer Stimmvolk am 18. Februar 1979 die Atomschutzinitative mit einem knappen Anteil von 51,2 Prozent ablehnte machte sich eine kleine Gruppe von militanten AKW-Gegnern auf den Weg ins Fricktal. Die Gruppe „Do it yourself“ hatte acht Kilo Sprengstoff im VW-Bus und sprengte damit den Informations-Pavillion beim geplanten KKW Kaiseraugst in die Luft. Personen kamen keine zu Schaden, doch über den materiellen Schaden hinaus, entzündeten die AktivistInnen eine harsche politische Debatte, denn Sprengstoffanschläge haben in der Schweiz zum Glück Seltenheitswert. Nach dem Sprengstoffanschlag in Kaiseraugst folgten weitere Anschläge auf die AKWs Leibstadt und Gösgen.

Auf die Frage, wie die Gruppe an den Sprengstoff heran kam, sagte Bellini, dass dieser in der Landwirtschaft und auf dem Bau verfügbar war und zu seiner Zeit sowas wie das Spielzeug für „die dem Kindesalter entwachsenen war“. In der Tat kann ich das bestätigen und hinzu fügen, dass wir als Kinder auch mit Armee-Pistolen und anderen Waffen gespielt haben und schon als 14 jährige auf grösseren Motorrädern ohne Helm Jumps in der Kiesgruber übten. Das was damals alles nichts aussergewöhnliches. Natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Doch welch eine grossartige Freiheit unter vielen weiteren. Kein Vergleich zur heutigen Schisskultur und Risikoarmut. Doch gingen die AktivistInnen sehr professionell vor und lernten vom Klassenfeind und seinen Institutionen.

So wurde das berühmte Guerillia-Handbuch eines schweizer Geheimdienst-Offiziers «Der totale Widerstand – Kriegsanleitung für jedermann» zur Hilfe genommen und bei der Spurentilgung half die Fachzeitschrift «Kriminalistik» den militanten AKW-Gegnern weiter. Dann gab es auch noch den zum «Bündner Okoterroristen»abgestempelten Marco Camenisch, der 1979 ebenfalls zwei Sprengstoffanschläge auf Strommasten verübte und zu zehn Jahren Zuchthaus verbannt wurde. Die beiden waren aber nicht die einzigen radikalen AKW-Gegner. Einer ging noch weiter, Chaim Nissim, der später für die Grünen im Genfer Kantonsparlament sass griff mit einem Raketenwerfer sowjetischer Bauart, Typ RPG-7 1982 den Reaktor Creys-Malville im französischen Rhonetal an.

Dann gab es noch die Nacktdemos, auch dies ein bisher Undenkbares Ereignis im spiessigen Zürich, einer Stadt, die an Prüderie kaum zu überbieten war, ein Zürich mit einer Sperrstunde ab Mitternacht und einem ganz konservativen kulturellen und musikalischen Korsett. Für Jugendliche und ihre Musik gab es keine Orte, an denen sie sich ohne Konsumationszwang hätten treffen können. Dabei brodelte es schon seit 1968 unter der Betondecke, dieser selbstgefälligen Stadt.

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und das Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden.  Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren und deren Wogen bis zum Hudson River schwappten und von der «New York Times» aufgegriffen wurden. Die beiden geladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen die «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Amsonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Auch ich war zuerst verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Persiflage und die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Legal? Illegal? Scheissegal, so waren wir drauf

Als dann nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Automes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für die gebeutelten Stadtindianer/innen. Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde damals „subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt. Überdies wurde ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippi-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und das waren viele.

Zugegeben, nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos skandiert wurden. Das war damals schon „Landesverrat“ und so wir wurden auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Sympatisanten hingestellt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Und dann kam es auch zu vielen Verstössen und Gewaltexzessen seitens der Polizei.

Einer meiner Freunde verlor ein Auge durch ein Gummigeschoss. Meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum und ihr Gesicht war arg zerschrammt. Auch ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt.

Einige weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war. «Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints und Bongs und die Polizei kam nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuanna «Duftsäckli-Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süsse Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. Nie war die Freiheit lebendiger und grösser, als in den 80er Jahren, einer Zeit, die ich als «Zenit des letzten und dieses Jahrtausends» bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Schwangerschaftsverhütung verschaffte, voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form von Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia». Was darf es denn sein?

Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonimus war unser Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen «One Night» Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten. mit dir das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirerende Zeit.

Kurz gesagt: Die Frauen waren für uns Lichtgestalten. Sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „One man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und ich lief öfters mal mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemaltem Gesicht und flatterndem Haar durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ». Einer der vielen Stadtindianer eben.

Diese ungehemmte Lust an der Befreiung von allen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ-Zeiten aber noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus «Poona» zurück und waren entweder total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, als auch das Stadtbild und zugleich die politische Weltanschauung.

Es war die Zeit der «Rolling Stones», der «Doors», «Deep Purple», von Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Es war die Zeit der «Punks», der Rebellion, der freien Entfaltung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück.

Sex, Drugs oder «Amore et Anarchia»

Als Mitte der 1970er eine Punkszene in New York und folgend in London entstand, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Schnell entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk- und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» mit und der «Club Hey» mit den ersten Punk-Discos.

Im Umfeld verschiedener autonomer Netzwerke wie der Reithalle in Bern oder bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. So findet man zum Beispiel auch in Winterthur politisierte Punks., die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld in der Schweiz verstehen.

Mit dem Piratensender «Radio 24“ von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «M-TV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos und revolutionierte nicht nur die Musikwelt sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen, die nicht zuletzt auch durch die musikalischen Protagonisten unserer Zeit zu denen nebst den «Rolling Stones», «Queens»,, David Bowie Janis Joplin und Jimi Hendrix oder «The Scorpions» auch massgeblich auch durch die «Punk-Bands» angefacht wurde. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den unglaublichen Liberalisierungsschub lieferten. So ausgeflippt und trendy hat man die Stadt Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Andersdenkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Paradiesvögel und der Anarchisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu.

Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen gnadenlosen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern.

In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch». Die Situation verbesserte sich erst, als die Methadon-Abgabe eingeführt wurde und die Fixer und Drogentoten von den Zürcher Strasse verschwanden und sich in den Kontakt- und Methadonabgabestellen wieder trafen.

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico Bilger und Tommy Müller, zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayga» herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar Pfenninger gedruckt wurde. Ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössen Plattenladen von Zürich und er hatte über 900 LPs (Schallplatten) in die WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein musikalisches Universum für uns alle und wir schwebten im Siebten Himmel.

Von da an ging die Post ab. Wir alle waren „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen. Unverheiratete Paare durften damals noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen.

Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei auch Mist aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen,  die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“.

Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir  alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Die Heroinschwemme führte auch zu sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Das war «too much». Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschlich betreut wurden.

Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem «AJZ». Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen.

Radio 24, Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – prägend für viele meiner Generation.

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

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Wie der Bundesrat den Dschihad-Terrorismus in der Schweiz bekämpfen will

Bern, 02.11.2015 – Der Bundesrat hat den zweiten Bericht über die Bekämpfung des dschihadistisch motivierten Terrorismus in der Schweiz zur Kenntnis genommen. Er begrüsst die Fortschritte der Sicherheitsbehörden und die geleisteten Koordinationsarbeiten. Der Bundesrat will prüfen, ob präventive polizeiliche Massnahmen verstärkt werden sollen, beispielsweise um einen mutmasslichen Dschihadisten an der Ausreise aus der Schweiz zu hindern. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) ist deshalb beauftragt worden, eine entsprechende Evaluation vorzunehmen. Der Bundesrat weist ausserdem darauf hin, wie wichtig lokale und kantonale Strukturen jenseits der Sicherheitsbehörden bei der Bekämpfung der Radikalisierung sind. Diese bestehenden Strukturen gilt es zu nutzen, anstatt neue zu schaffen.

Bereits im Januar dieses Jahres hatte der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) die terroristische Bedrohung in der Schweiz als erhöht eingestuft. Mittlerweile hat sich die Bedrohungslage nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa leicht verschärft. Die Zahl der dschihadistisch motivierten Reisen nach Syrien nimmt weiter zu. Waren es bisher hauptsächlich Männer, sind es nun auch Frauen und Minderjährige. Diese Entwicklungen werden in allen Ländern Europas beobachtet. Auch die Schweiz ist davon betroffen.

Der erste Bericht der Task-Force TETRA erschien im Februar 2015. Seither haben die Sicherheitsbehörden die Koordination auf allen Ebenen intensiviert und beachtliche Fortschritte erzielt. So beschäftigen sich fedpol und der NDB derzeit mit rund siebzig konkreten Fällen von mutmasslichem dschihadistisch motiviertem Terrorismus. In mehr als zwanzig dieser Fälle hat die Bundesanwaltschaft (BA) Strafverfahren eröffnet. Diesen Herbst hat sie einen ersten Fall vor dem Bundesstrafgericht zur Anklage gebracht. Weitere werden folgen.

Sensibilisierung und Zusammenarbeit

Um Personen zu erkennen, die sich radikalisieren, ist die Sensibilisierung und Ausbildung in den kantonalen Polizeikorps, den Grenzwachtkorps und den Konsularabteilungen verstärkt worden. Um die Koordination auf nationaler Ebene zu erleichtern und der Bedrohung besser begegnen zu können, stützen sich die kantonalen Polizeikräfte auf die bestehenden Strukturen der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten der Schweiz (KKPKS). Gestärkt werden diese Strukturen durch einen Führungsstab, der nach einem Terroranschlag (oder anderen einschneidenden Ereignissen) zum Einsatz kommen kann. Auch auf internationaler Ebene wurde die Koordination und Zusammenarbeit verstärkt. Beispielsweise hat die Schweiz das Zusatzprotokoll zum Übereinkommen des Europarates zur Verhütung des Terrorismus unterzeichnet.

Eine Reihe von Punkten muss noch vertiefter analysiert werden, insbesondere die Zweckmässigkeit präventiver Polizeimassnahmen, um einen mutmasslich dschihadistisch motivierten Reisenden an der Ausreise aus der Schweiz zu hindern. Der Bundesrat hat deshalb das EJPD beauftragt, den Nutzen solcher Massnahmen und deren Konsequenzen zu evaluieren. Diese Analyse soll auch die Prüfung der gesetzlichen Grundlagen umfassen, aufgrund derer die Polizei verdächtigte Personen zur Fahndung ausschreiben kann.

Terrorismus-Bekämpfung geht über den Wirkungsbereich der Sicherheitsbehörden hinaus

Obwohl die Arbeit der Sicherheitsbehörden unentbehrlich ist, stellt sie nur einen Teilaspekt in der Terrorismusbekämpfung dar. Die Radikalisierung ist ein Phänomen, das weit über den Wirkungsbereich der Sicherheitsbehörden hinausgeht. Alle in der Schweiz und im Ausland gemachten Erfahrungen verdeutlichen es: Radikalisierung muss auf lokaler Ebene und unter Einbindung der Sozial-, Familien- und Bildungsstrukturen bekämpft werden. Die Kantone und Gemeinden mit ihren gut funktionierenden Strukturen spielen hier eine zentrale Rolle. Der Bundesrat legt Wert darauf, keine neuen Strukturen zu schaffen. Vielmehr gilt es, die bestehenden Strukturen auf das Phänomen der dschihadistischen Radikalisierung auszurichten, vermehrt Erfahrungen und Fachkenntnisse auszutauschen und Synergien zu nutzen. Der Bundesrat hat deshalb beschlossen, keine nationale Hot- oder Helpline einzurichten.

Zusammen mit den interkantonalen Konferenzen und den zuständigen kantonalen Stellen wird der Delegierte des Sicherheitsverbundes Schweiz (SVS) bestehende, ausserhalb der Zuständigkeit der Justiz- und Strafverfolgungsbehörden getroffene Präventionsmassnahmen erheben. Ziel ist es, bewährte Methoden und Verfahren (best practices) zu nutzen und Massnahmen zur Prävention von Radikalisierung zu verbessern.

Zusammensetzung und Auftrag der Task-Force TETRA

Die Task-Force TETRA (TErrorist TRAvellers) ist eine von der Kerngruppe Sicherheit des Bundes (KGSi) eingesetzte interdisziplinäre Arbeitsgruppe. Geleitet wird die Gruppe von fedpol. In der Gruppe vertreten sind der NDB, die BA, die Politische Direktion und die Direktion für Völkerrecht des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA), das Grenzwachtkorps, das Staatssekretariat für Migration (SEM), das Bundesamt für Justiz (BJ), die Flughafenpolizei Zürich und einzelne Kommandanten kantonaler Polizeikorps der Schweiz sowie der Delegierte des Sicherheitsverbundes Schweiz. Die Ziele der Task-Force sind die Verhinderung von Terroranschlägen in der Schweiz oder die Nutzung der Schweiz als Durchgangs-, Vorbereitungs- oder Logistikbasis für terroristische Straftaten im Ausland sowie der gezielte Schutz des Schengen-Raums und der Schengen-Aussengrenzen. Diese Ziele stehen im Einklang mit der vom Bundesrat am 18. September 2015 gutgeheissenen Strategie der Schweiz zur Terrorismusbekämpfung.

(Quelle: EJPD/Fedpol)

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Amnesty und Privacy International fordern ein Stopp der Massenüberwachung

Zwei Jahre nach den Snowden-Enthüllungen, zeigt sich

Regierungen halten an Massenüberwachung fest

Edward Snowden
Edward Snowden auf einer Amnesty-Veranstaltung in London, Juni 2015. | © Rudi Netto

Amnesty International und Privacy International fordern in ihrem neusten Bericht zur Massenüberwachung, dass Regierungen ihre menschenrechtsverletzende und unrechtmässige Politik ändern müssen. Auch das Vorgehen der Schweizer Regierung steht am Pranger.

Im Bericht «Two years after Snowden: Protecting human rights in an age of mass surveillance» stellen die beiden Organisationen fest, dass Regierungen an der Massenüberwachung festhalten oder diese gar ausbauen wollen, obwohl Gerichte, Parlamente und Menschenrechtsinstitutionen diese Praxis als Menschenrechtsverletzung verurteilen.

«Dank Whistleblower Edward Snowden wissen heute Millionen von Menschen, dass nicht einmal ihre intimsten Geheimnisse vor der Überwachung der Regierungen geschützt sind. Nationale und internationale Expertengremien haben sich klar ausgesprochen: Die verdachtsunabhängige Massenüberwachung ist eine Verletzung der Menschenrechte», sagt Carl Nyst von Privacy International. «Es ist enttäuschend, dass Regierungen nicht akzeptieren wollen, dass Massenüberwachung die Menschenrechte verletzt. Die Verabschiedung des USA Freedom Act zeigt zwar, dass Überwachung eingeschränkt werden kann. Zugleich zeigen Entwicklungen in vielen Ländern, dass der Datenhunger der Regierungen weiterhin unersättlich ist», kritisiert Sherif Elsayed-Ali von Amnesty International.

Ausbau der Überwachung trotz Widerstand

Trotz wachsender Kritik an der Massenüberwachung – etwa durch die Uno oder den Europarat – bleiben die Überwachungsprogramme der USA und Grossbritanniens durch Geheimhaltung geschützt, während andere Regierungen ihre Überwachung noch ausbauen. Dazu zählen beispielsweise Dänemark, Finnland, Frankreich, Pakistan – und die Schweiz.

Im Juni verhandelt das Parlament das neue Nachrichtendienstgesetz sowie die Revision des Überwachungsgesetzes Büpf, die neue und weitergehende Überwachungsmassnahmen vorsehen. Mit der Kabelaufklärung könnte der Nachrichtendienst alle Datenströme anzapfen, die von der Schweiz ins Ausland fliessen. Er hätte dabei sowohl auf Metadaten Zugriff wie auch auf sämtliche Inhalte der elektronischen Kommunikation (Mails, Suchanfragen, Internet-Telefonie). Amnesty International und andere NGOs kritisieren diese Ausweitung scharf.

Der neue Bericht warnt davor, dass technologische Fortschritte die Überwachung billiger, einfacher und wirkungsvoller machen – und sie immer weiter verbreitet ist. Technologie, die heute vor allem in den Händen grosser Mächte ist, wird sehr bald vielen Ländern zur Verfügung stehen.

Sieben Forderungen für die Menschenrechte

Amnesty International und Privacy International fordern die Regierungen in einem Sieben-Punkte-Plan auf, Einschränkungen und Kontrollen für die Überwachung einzuführen, damit diese rechtmässig und menschenrechtskonform ist.

Um menschenrechtskonform zu sein, muss jegliche Überwachung gezielt, durch einen ausreichenden Verdacht begründet, sowie richterlich angeordnet sein. Zudem braucht es Kontrollen durch Gerichte, eine parlamentarische Aufsicht sowie klare gesetzliche Grundlagen und Regeln.

Die beiden Organisationen rufen auch die mächtigen Internet- und Telekommunikationsfirmen auf, mehr zu tun, um das Internet und die Kommunikation von Milliarden von Menschen besser vor Überwachung und Kriminalität zu schützen. Firmen müssen Verschlüsselungstechnik entwickeln und anbieten.

Den Amnesty/Privacy International Bericht auf englisch herunterladen