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Ein Blick hinter die Kulissen der iranischen Botschaft in Bern

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Müller prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend Eine gelungene Mischung aus gehobener Reiseliteratur, globalen Polit-Thrillern, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten und persönlichen Essays – den Highlights und der Essenz seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Was „zum Teufel“ den iranischen Botschafter in der Schweiz Alireza Salari veranlasst hat, mich zur diplomatischen Feier aus Anlass des 35. Jahrestages der iranischen Revolution gegen Schah Reza Pahlevi in die Botschaft in Bern einzuladen, weiss ich nicht. Da dachte ich noch an einen kurzen Medientermin und ein paar Worte „zur Lage der Nation“. Doch es kam anders. Zu meiner Ueberraschung war ich der einzige Medienschaffende und Fotograf unter all den Staatsgästen und einer handverlesenen Auswahl privater Gäste. Alle anderen gut 150 geladenen Anwesenden waren entweder Diplomaten oder Spione oder beides. Noch interessanter wurde es, als auch der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif in der iranischen Botschaft in Bern eintraf und von Alireza Salari und den übrigen Anwesenden begrüsst wurde.

Die Schweiz und die iranische Botschaft in Bern als auch die akkreditierten Vertreter bei den Vereinten Nationen spielen eine wichtige Rolle in der Weltpolitik bei den diplomatischen Beziehenung zwischen dem Iran und der USA. Wie bei Kuba auch, dient die Schweiz als neutrales Land und Vermittlerin der diplomatischen Interessen dieser Länder untereinander auf. Die Atom-Verhandlungen mit dem Iran fanden auch in Montreux statt. So gesehen sind die Schweiz und die UNO in Genf die Drehscheibe für die diplomatischen Beziehungen der USA zum Iran und zu Kuba. Doch wollen wir an dieser Stelle nicht darüber sprechen, sondern erst einen Strippenzieher der iranischen Aussenpolitik vorstellen und seine Fähigkeiten sowie sein grossen Einfluss auf das Weltgeschehen anschauen, welches dasjenige amerikanischer Präsidenten bei weitem übersteigt.

General Qassam Soleimani, Teherans langjährige graue Eminenz, der Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif sehr ähnelt, wurde 1998 von Chomenei zum Chef der «Khuz»-Brigaden ernannt und koordinierte die Angriffe auf die israelischen Besatzer vom Libanon aus, bis diese zwei Jahre später abzogen. Der Einmarsch Israels im Libanon ist rückblickend einer der schwersten Fehler, weil er den Iran dazu befeuerte, im Libanon die Hizbollah aufzubauen und im Irak mit shiitischen Milizen die Sunniten anzugreifen, wie der damalige iranische Vize-Aussenminister Hossein Amir-Abdollahian bestätigte.

Also Osama Bin Laden die Twin Towers in Schutt und Asche legte, wollte die Amis plötzlich wieder mehr von den Iranern über die Taliban und die Lage in Afghanistan wissen. Auch der Iran sah Osama Bin Laden als Feind an und so lieferte Solemani als Chef der «Khuz»Brigaden in Genf der CIA die wichtigsten Informationen. Doch die iranisch-amerikanische Allianz dauerte nicht lange, schon befeuerte der bescheuerte Bush die Iraner wieder zu Staatsfeinden hoch und kreeirte die «Achse des Bösen». Der Iran fühlte sich durch die US-Intervention im Irak und der Umzingelung von aggressiven, imperialistischen US-Truppen bedroht, intervenierte bei den Vereinten Nationen und sie warnten die Amerikaner vor den Konsequenzen einer Intervention im Irak in Genf.

Doch die Amerikaner zerstörten dann „binnen weniger Monate die gesamte Struktur im Irak, schwächten den Staat und lösten die  Streitkräfte auf“, wie Hossam Dawod, ein Berater des irakischen Diktators sagte. „Die Fundamente der irakischen Gesellschaft wurden dabei total zerstört“. Das von den Amis herbeigeführte Machtvakuum nutzte auch Soleimani. „Er spielte eine zentrale Rolle bei der Nachkriegs-Entwicklung im Irak“ und beeinflusste die Geschichte auch dort, in dem er die im Iran ausgebildeten, irakischen, shiitischen Milizen zurück in die Heimat schickte, mit Waffen ausstattete und auch finanziell unterstützte, bestätigen mehrere Insider.

Daraufhin griff die pro-iranische Hisbollah die US-Streitkräfte derart gnadenlos an, dass die Amerikaner sich zurück ziehen mussten und wieder einmal ein gigantisches Chaos hinterliessen, das die westliche und nahöstliche Welt auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird. Denn durch die shiitische Aggression Irans im Irak entstand die sunnitische Extremismus-Variante, der IS, der wie wir wissen, ebenfalls viel Elend verursacht hat, um es gelinde auszudrücken und die bekannten Ereignisse kurz zu fassen.

Die Lage ist kompliziert. Bashar Assad ist ja ein Christ und daher verzeihen ihm die westlichen Staaten den bisher unangetasteten Machtanspruch in Syrien trotz einst lauen Protesten gegen sein diktatorisches Regime zu Beginn der Revolution im Schatten des arabischen Frühlings, dass er bis heute verteidigen konnte. Weil die Sunniten und insbesondere der erstarkte IS nun auch in Syrien für Bashar Assad zur Gefahr wurden, solidarisierten sich Solemani und Assad im Kampf gegen die Sunniten. Solemani flog in einem mit humanitären Gütern beladenen Flugzeug nach Amman zu Assad und koordinierte mit ihm die Angriffe gegen den IS.

Also so gesehen, müsste Europa und der Westen Solemani ironischerweise ein klein wenig dankbar sein. Nun zu einem weiteren genialen Strategie-Spielchen Soleimanis das zur Kontrolles des Iraks von Teheran aus führte und die Amerikaner Milliarden für den Erzfeind kosteten.

Von der Wiederaufbauhilfe zwischen 2005 – 2015 im Umfang von rund  800 Mia. US-Dollars an den Irak wurden gemäss Aussagen des ehemaligen irakischen Ministers, Ahmed Al Hadj, aufgrund eines Finanzausschussberichtes etwa 312 Mia. von den Iranern via Hisbollah und andere pro iranische Organisationen abgezweigt und ausser Landes geschafft. „Der Irak wurde zum Goldesel des Irans“, bekräftig auch Hosham Dawod. Doch 2019 wird Solemani durch ein Geheimdienst-Leak beim iranischen Geheimdienst MOIS desavouiert. Dann kamen die Kriegs-Verbrechen von 2014 in «Jurf al Sakhar» ans Licht. Die shiitische Hisbollah verübte grauenhafte Verbrechen, was zu über 150000 vertriebenen unter der sunnitische Bevölkerung.

Die Geschichte findet bald eine Fortsetzung, vorest sind weitere Bilder der Staatsfeier in der iranischen Botschaft in Bern zu sehen.

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Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

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Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln und im Laufe der 80-Jahre umpflügen sollte. Im Mai desselben Jahres begannen die «Opernhauskrawalle» als Auftakt zu den «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für sie zur Verfügung stehenden Einrichtungen und Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligsten Beispiel der bevorstehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich. Zu jener Zeit gab es noch die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pubertierende Jugendliche gab es überhaupt keine, nur ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren.

Drei kurze Sätze waren in meiner Jugend prägend: „Das kannst du nicht!“ „Das darfst du nicht!“ Und: „Das geht nicht!“. Das war Motivation pur für eine Revolution nach dem Motto: „Klar geht das!“ Warst du einen Zacken neben der Spur, das heisst abseits der biederen bürgerlichen Norm von Moral und Ordnung, wurdest du gleich eines Aussätzigen behandelt. Radio und TV waren tote Hose damals. In der Schweiz und in ganz Europa war es in den 70er  grau Jahren und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Ein Nachtleben, Internet oder Streaming gab es nicht. Gute Musik oder Filme waren rar bis Videotheken aufkamen und der «Walkmen» die Musikwelt veränderte. Aber Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. gab es nicht. Kein Wunder, dass es in der jugendlichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte, die im Mai 1980 begann.

Die Tristesse war eine Folge der Ölkrise, des «Kalte Krieges», der Mauer und Bedrohung durch die Kommunisten, des Vietnamkrieges, der immer brutaler und grotesker wurde, in Europa weit verbreitet. Erst flächendeckende Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung. Dann die «Agent Orange» Entlaubungsaktionen, schliesslich die grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern durch die Napalm-Bombardements, all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager. Einfach nur grauenhaft und sinnlos.

Da schrien Herz, Seele und Verstand nach Gerechtigkeit, wenn nicht gar nach Vergeltung. Unerklärlich an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom US-Kongress abgesegnet und von der «CIA» finanziert wurde und die hat die Kriegskosten dadurch bezahlt, indem die US-Truppen im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachteten und nach Mexico brachten, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die eigene Haustüre geschaffen und den Mexikanern ihre Drogenlabore und -kartelle beschert. Bei dieser kafkaesken Operation ist der «CIA» definitv das «I» also die «Intelligence» abhanden gekommen. Nebst dem «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst.

Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden und im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gekommen. Dann kam es zu dem Reaktorunfall in Tschernobyl und später haben die Gebrüder Tinner skandalträchtigbewiesen, dass man das Atom Know How auch exportieren kann. Und Peter Regli, ein Schweizer Geheimdienst-Offizier, arbeitete mit dem Apartheidregime beim ABC-Waffenprogramm zusammen. Dazu kommen wir noch ausführlicher. Die Schweiz hat also nicht nur ihre politische Kurzsichtigkeit exportiert, sondern auch Südafrika und Pakistan mit Atom-Know-how und Uran versorgt.

Doch zurück nach Zürich zur hiesigen explosiven Lage: Schon im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit am jährlich stattfindenden «Allmendfest» über Pfingsten mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde mir die Bedeutung der Hippie-Bewegung vor Augen geführt, so nach dem Motto: «Peace, Love, Happiness & Freedom». Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war absolut grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68ern in der Subkultur unter den Jugendlichen und so kam dieser Power-Sound gerade zur richtigen Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen die Wut in meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadt strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.

Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizei-Fahrzeuge brannten völlig aus und auch der Eingang zum Rathaus sah dementsprechend übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dichter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unfassbar, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68ern in blanke Wut verwandelte (angestachelt durch die Gewalt der Ordnungskräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest), mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten.

Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Strassen-Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autonomen jeweils Mittwoch‘s in den Volksversammlungen («VV‘s») im Volkshaus oder vereinzelt auch auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum!“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und Gesprächsthema Nr. 1 des Landes werden: Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren schlugen die Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Polit-Persiflage die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen jene «Krawallanten» vorzugehen, denn zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war ich auch verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots revolutionaires!“

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber 3. Mai 1981 die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Giorgio Bellini» (ein anarchistischer Tessiner Buchhändler, der Sprengstoffanschläge auf AKWs verübte und zuletzt einen Strommasten in die Luft sprengte, weil er mit einer Gruppe militanter Autonomer gegen die Atomkraftwerke war) vor die Brust und in die Kamera und verschwanden unerkannt. „Wir haben uns köstlich amüsiert über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“. Aber Bellini hat es nichts genützt. Er wurde verurteilt und inhaftiert.

Erst zu ein paar Details, wie die spektakuläre TV-Aktion ablief: Insgesamt drangen fünf Personen, zwei Frauen und drei Männer beteiligt, die als PolizistInnen verkleidet das Fernsehstudio betraten unter dem Vorwand eine Drogenrazzia zu machen, was damals offenbar beim Schweizer Fernsehen kein Stirnrunzeln oder einen Verdacht hervor rief. Zwei Personen drangen in den Regieraum ein und sorgten dort für Ablenkung und ein wenig Chaos.

Zeitgleich drangen zwei weitere Personen in die Sprecherkabine ein und hielten Leon Huber das Schild vor die Nase in die Kamera der Hauptausgabe. Es kommt aber noch besser: Als die beiden Chaoten aus dem Regieraum angehalten und der Polizei übergeben werden sollten, holten die KollegInnen von der Sprecherkabine die beiden ab und sagten, sie nähmen sie gleich mit. So kamen alle fünf unerkannt davon. Zurück zu Giorgio Bellini, der in Zürich einen revolutionären Buchladen an der Engelstrasse betrieb.

Als das Schweizer Stimmvolk am 18. Februar 1979 die Atomschutzinitative mit einem knappen Anteil von 51,2 Prozent ablehnte machte sich eine kleine Gruppe von militanten AKW-Gegnern auf den Weg ins Fricktal. Die Gruppe „Do it yourself“ hatte acht Kilo Sprengstoff im VW-Bus und sprengte damit den Informations-Pavillion beim geplanten KKW Kaiseraugst in die Luft. Personen kamen keine zu Schaden, doch über den materiellen Schaden hinaus, entzündeten die AktivistInnen eine harsche politische Debatte, denn Sprengstoffanschläge haben in der Schweiz zum Glück Seltenheitswert. Nach dem Sprengstoffanschlag in Kaiseraugst folgten weitere Anschläge auf die AKWs Leibstadt und Gösgen.

Auf die Frage, wie die Gruppe an den Sprengstoff heran kam, sagte Bellini, dass dieser in der Landwirtschaft und auf dem Bau verfügbar war und zu seiner Zeit sowas wie das Spielzeug für „die dem Kindesalter entwachsenen war“. In der Tat kann ich das bestätigen und hinzu fügen, dass wir als Kinder auch mit Armee-Pistolen und anderen Waffen gespielt haben und schon als 14 jährige auf grösseren Motorrädern ohne Helm Jumps in der Kiesgrube übten.

Das was damals alles nichts aussergewöhnliches. Natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Doch welch eine grossartige Freiheit unter vielen weiteren. Kein Vergleich zur heutigen Schisskultur und Risikoarmut. Doch gingen die AktivistInnen sehr professionell vor und lernten vom Klassenfeind und seinen Institutionen. So wurde das berühmte Guerillia-Handbuch eines schweizer Geheimdienst-Offiziers «Der totale Widerstand – Kriegsanleitung für jedermann» zur Hilfe genommen und bei der Spurentilgung half die Fachzeitschrift «Kriminalistik» den militanten AKW-Gegnern weiter.

Dann gab es auch noch den zum «Bündner Okoterroristen»abgestempelten Marco Camenisch, der 1979 ebenfalls zwei Sprengstoffanschläge auf Strommasten verübte und zu zehn Jahren Zuchthaus verbannt wurde. Die beiden waren aber nicht die einzigen radikalen AKW-Gegner. Einer ging noch weiter, Chaim Nissim, der später für die Grünen im Genfer Kantonsparlament sass griff mit einem Raketenwerfer sowjetischer Bauart, Typ RPG-7 1982 den Reaktor Creys-Malville im französischen Rhonetal an.

Legal? Illegal? Scheissegal, so waren wir drauf

Als nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Autonomes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich zu unserer Freude das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für uns gebeutelten Stadtindianer/innen. Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde daraufhin „subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt und überdies ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippie-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und deren waren viele.

Zugegeben: Nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos lauthals skandiert wurden. Das war damals schon „Landesverrat“ und so wurden wir Sympatisanten auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Freunde abgestempelt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Und so kam es auch zu vielen Verstössen und Gewaltexzessen seitens der Polizei. Einer meiner Freunde verlor dadurch ein Auge durch ein Gummigeschoss und meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum bis ihr Gesicht danach arg zerschrammt war. Ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt. Danach freigelassen und später mit Fr. 80.- für die Haft entschädigt. Weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war.

«Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints, sodass die Polizei gar nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuana- Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süssiche Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. Nie war die Freiheit lebendiger, grossartiger und vielfältiger, als in den 80er Jahren, einer Zeit, die ich als «Zenit des letzten und 21. Jahrtausends» bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die neue Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Möglichkeit zur autonomen Schwangerschaftsverhütung verschaffte voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form der ersten Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia»? Nun, warum die Qual der Wahl? Am besten alles zusammen.

Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonismus pur war das Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt auf allen Ebenen experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare damals gesetzlich noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen One Night Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten, die Lust und das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirierende Zeit, die ihres gleichen sucht!

Die Frauen waren für uns Lichtgestalten, viele sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „Emanzipation, ja klar, sagten wir uns und führten endlich das Frauenstimmrecht ein. One (wo)man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und liefen öfters mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemalten Gesichter und flatternden Haaren durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ». So haben wir auch vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht unterstützt und schliesslich durchgesetzt.

In meiner Jugend war ich begeistert von Pippi Langstrumpf, vom Buch und der TV-Serie. Das freche Mädel war revolutionär und mein anarchistisches, feministisches Vorbild für die „Befreiung von Kinder, Küche und Kirche“ damit vorgespurt. Die autonomeste und frechste Rotzgöre und der erste weibliche Punk, der mir begegnete, hat wohl auch mein Frauenbild geprägt.  Sinnlich, frech, unkonventionell, unabhängig und voll geil drauf. Handkehrum waren Tom Sawyer und Huckley Berry Finn meine abenteuerlich, brüderlichen Vorbilder. Ich liebte ihre Lagerfeuer-Romantik und Streiche. Sie waren unsere Vorbilder und die Schreckgespenste unserer Eltern. Doch auch wir betrieben viel Unfug und loteten die Grenzen mächtig aus. Kitas gab es nicht, der Spielplatz war der grosse Wald mit all seinen Bewohnern und Geheimnissen. So verschwand ich den ganzen Tag im Gestrüpp des Zolliker Waldes, verweilte bei den Kaulquappen und Feuersalamander an den Teichen, kletterte bis in die Baumspitzen und baute Baumhütten und Staudämme wie die Biber und kam nur zum Mittagessen und Abends zurück.

Eine Aufsicht gab es nicht, dafür jede Menge Abenteuer bis hin zu Schusswaffengebrauch, frisierten Floretts und Motocross-Töffs mit denen wir die Steilwände in den Kiesgruben hochfuhren und anderen wilden Spielchen. Wir konnten uns irre austoben, etwas was den Jugendlichen heute für die persönliche Entwicklung fehlt, da sie nur noch virtuell am Geschehen teilnehmen und schon da reizüberflutet durchdrehen. Ein weiteres Problem ist auch das abstrakte virtuelle Anbandeln und der digitale Austausch mit dem anderen Geschlecht sowie das heutige Sexual- und Rudelverhalten an sich, dass einerseits wieder ultra konservativ, andererseits extrem egozentrisch geworden ist. Da kommt kein Spass mehr auf, wenn man sich auf ein Rudel Jungs oder eine Mädchen-Traube einlassen muss, um in die Nähe des oder der Auserwählte/n zu kommen.

Zurück in die experimentell sehr bewegten 80er Jahre. Die ungehemmte Lust an der Befreiung von allen sexuellen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte dann vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ»-Zeiten noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus Poona oder von Goa zurück und waren entweder total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, das Stadtbild und auch die politische Weltanschauung.

MTV und der Walkman revolutionierten die Musikwelt

Es war die Zeit der Rebellen, der freien Entfaltung, der Politisierung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten. Der «Rolling Stones», «Doors», «Deep Purple», die ebenso zu unseren Musikgöttern zählten wie Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück. Als Mitte der 1970er die «Punks» erst in New York und dann die Punkszene in London aufkam, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Die Sex Pistols und Talking Heads, Ramones oder under sex zählten zu den heissesten Bands, der damaligen Zeit.

Bald entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk– und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» mit und der «Club Hey» der ersten Punk-Discos ebenso wie im Umfeld verschiedener autonomer Netzwerke, wie der Reithalle in Bern oder bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. So findet man zum Beispiel auch in Winterthur politisierte Punks, die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld und zu den Skinheads in der Schweiz verstanden. Und auch in Basel gab es ein «AJZ», indem die Punks und Autonomen sich trafen.

Mit dem Piratensender «Radio 24» von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «MTV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos und revolutionierte nicht nur die Musikwelt sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein genialer Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei alternative Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen so auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den unglaublichen Liberalisierungsschub hinsichtlich kultureller Freiräume lieferten. So ausgeflippt und trendy hat man die Städte Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen.

Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Andersdenkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Anarchisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu.

Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen gnadenlosen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern.

In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch», der Slang-Name für Heroin. Die Situation verbesserte sich erst, als die Methadon-Abgabe eingeführt wurde und die Fixer, Dealer und Drogentoten von den Zürcher Strasse verschwanden und die Süchtigen sich in den Kontakt- und Methadon-Abgabestellen wieder trafen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico B. und Tommy M., zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayga» (russische Hexe) herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar P. gedruckt wurde. Ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössen Plattenladen von Zürich und er hatte seine über 900 LPs (Schallplatten) umfassende Kollektion in unsere WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein unfassbares musikalisches Universum für uns alle und wir schwebten im siebten Himmel.

Von da an ging die Post ab, denn wir waren alle „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen und legten los, die Welt zu verändern. Unverheiratete Paare durften damals gesetzlich noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen.

Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging es uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei Neues aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen,  die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“.

Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir  alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Die Heroinschwemme führte auch zu sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Das war too much. Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen und Stadträtin Emilie Lieberherr die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschenwürdig betreut wurden.

Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem autonomen Jugendzentrum Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen.

Radio 24, Roger Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero in Norditalien erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und musikalisch ebenso wie mit Marie-Jane voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – war prägend für viele meiner Generation.

Im Strudel SchweizerPolitskandale

In den 80er Jahren gab es noch hinreichend gute Jobs. Zuerst arbeitete ich bei der «Brauerei Hürlimann» im Export, danach für kurze Zeit bei einer Handelsfirma, der ich den gesamten Import von Getreidemehl aus Schweden vom Strassenverkehr auf die Bahn verlagerte und so ein ökologisches Ziel umsetzte als der Firma auch viel Geld sparte, da die Bahnlösung auch erheblich günstiger war. Danach kamen drei Reiseleiter-Einsätze für je drei Monate im Senegal, in Polen und in London ins Spiel. Daraufhin arbeitete ich beim «Media Daten Verlag», der die «Werbewoche» und das «Media Trend Journal» heraus gab und so wurde ich Anzeigenleiter der «Neuen Zürcher Zeitung» für die Bereiche Tourismus, Schulen und Institute sowie Verkaufsleiter der «Swiss Review of World Affairs», dem damaligen, hochkarätigen, englisch sprachigen Magazin der Neuen Zürcher Zeitung «NZZ». Später produzierte ich die Wälzer, der «Portraits der Schweizer Werbewirtschaft» und «Portraits der Schweizer Kommunikationswirtschaft» beim «Bertschi-Verlag». So rückte ich dem Journalismus immer näher und ich beschloss das Handwerk über eine PR-Ausbildung am «SAWI» zu erlernen.

Im Oktober 1989 nahm ich an einem einwöchigen Journalismus-Workshop mit dem linken Journalisten, Schriftsteller und Historiker Niklaus Meienberg teil, der kurze Zeit zuvor den «Villiger-Skandal» im 2. Weltkrieg aufdeckte. Dieser führte uns überraschend nach Kreuzlingen zur Asylantenempfangsstelle, bei der wir noch am selben Abend unserer Ankunft eine menschenunwürdige Situation vorfanden. Vor der geschlossenen Asylanten-Empfangsstelle hatten gut ein Dutzend frierender Flüchtlinge ein Feuer angezündet, um sich vor der bitteren Oktoberkälte zu schützen und aufzuwärmen, denn sie seien von der Asylanten-Empfangsstelle ausgeschlossen worden, erklärten sie uns.

Die Polizei war gerade dabei das Feuer zu löschen, was uns in Rage brachte. Niklaus Meienberg kam so richtig in Fahrt und der wortgewaltige Hühne orchestrierte eine verbale Schandtirade feinster Didaktik. Aber Meienberg wäre nicht Meienberg, wenn den Worten nicht auch Taten folgen würden und so wies er uns an, die Flüchtlinge in die Jugendherberge zu verschieben, die gerade noch geöffnet hatte. Der arme Herbergen-Verwalter fiel fast vom Stuhl als er das Dutzend Flüchtlinge im Schlepptau der JournalistInnen vor sich sah, Da ging das bürokratische Prozedere mit den Papieren los und musste nach den ersten fünf Personen, aufgrund fehlender Papiere, als hoffnungslos, abgebrochen werden und kurz darauf konnten die Flüchtlinge wenigsten diese Nacht in der Wärme verbringen.

Meienberg indes hatte schon am nächsten Morgen die halbe Deutschschweizer Presse auf den Plan gerufen und über die menschenunwürdigen Vorkommnisse und Praktiken vor der Flüchtlingsstelle (Strafaktion) hingewiesen. So sahen wir uns plötzlich im Presse-Trubel mit einer Schar Journalisten konfrontiert und belagerten so das Flüchtlingszentrum, bis wir mit dem Leiter der Empfangsstelle eine Aussprache hatten. Dann kamen die Politiker und Stadträte, die mauerten, Peter Arbenz, der Flüchtlingsdelegierte meldete sich zu Wort und stellte dem Empfangsstellenleiter einen Persilschein aus derweil die kirchlichen Organisationen mehr Menschenwürde einforderten.

Und so war die ganze Woche action. Der Kurs ging am Freitag-Abend zu Ende, jeder konnte über Nacht eine Story über das Geschehen der letzten Woche schreiben und sie Meienberg am Samstag Morgen zeigen, der dann einen kurzen Kommentar dazu abgab. Sein Kommentar war lausig. Doch hatte ich die Unverfrorenheit und das Glück, dass mein Beitrag in der «Weltwoche» mit der Essenz eines anderen Schreibwerkstatt-Teilnehmers an meinem 27. Geburtstag abgedruckt wurde. Der Einstieg war gelungen und der Ansporn, weiter in diese Richtung zu gehen da und weil Fotografieren zu einer Leidenschaft geworden war, wollte ich Journalismus und Fotografie miteinander kombinieren.

Der «Fichenskandal» und die «P-26» Geheimloge

Im Jahre 1990 war ans Licht gekommen, dass sowohl die Bundesbehörden als auch die kantonalen Polizeikorps seit Beginn des Jahrhunderts rund 900’000 «Fichen» über politisch verdächtige Personen angelegt hatten. Laut offiziellen Angaben waren mehr als 700’000 Personen und Organisationen erfasst, also über ein Zehntel der Bevölkerung war subversiv. Der Beobachtungsradius erfasste zuerst ausländische Anarchisten, Schweizer Sozialisten und Gewerkschafter, Schriftsteller, unwillkommene politische Flüchtlinge und Ausländer, die oft wieder ausgewiesen wurden. Mit dem Aufkommen des Antikommunismus wurden vor allem linksstehende Politiker und Mitglieder von Gewerkschaften überwacht. Offizielles Ziel der «Fichierung» war es, das Land vor aus dem Ausland gesteuerten subversiven Aktivitäten zu schützen.

Die Bekämpfung der Subversion war während des Kalten Krieges ein weitverbreitetes Schlagwort. Die Parlamentarische Untersuchungskommission PUK brachte zu Tage, wie weit dieser schwammige Begriff aufgefasst wurde. Wie aus den Unterlagen der «Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr» (UNA) hervorging, empfanden eifrige Staatsschützer „Alternative“, „Grüne“, Friedensbewegte, Drittwelt-Aktivisten, Frauenbewegungen und Fremdarbeiterbetreuer, Anti-AKW-Aktivisten, „Linke“ aller Art also per se, als potentiell gefährlich einzustufen seien, denn sie könnten kommunistisch unterwandert, feind- oder fremdgesteuert oder sonst wie manipuliert sein.

Auch ich bestellte meine Fiche beim Polizei und Justizministerium, die dann doch detaillierter als angenommen war, was das Bewegungsprofil und die Kontakte angeht, aber ansonsten sehr belanglos war, bis auf die vielen schwarzen Stellen in dem 14 seitigen Protokoll, das wohl mehr die Spitzel-Identitäten verdecken und schützen sollte, als Staatsgeheimnisse, staatsfeindliche Aktivitäten oder einen «Landesverrat» des Überwachten zu Tage gebracht hätte. Es zeigte den blinden Eifer der Behörden und das traurige Abbild der Spitzel. Die wenigsten von uns waren Marxisten, Leninisten, Maoisten oder Kommunisten oder Staatsfeinde auch wenn das Motto: «Macht aus dem Staat Gurkensalat» skandiert wurden. Da wurde viel Staatspropaganda aufgefahren und mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Dann gab es noch einen weiteren Politskandal: Die «P-26» Geheimloge (Projekt 26) war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung. Sie wurde 1979/1981 als Nachfolgerin des Spezialdienstes in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) eingesetzt und 1990 nach der Bekanntmachung durch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) durch Bundesrat Moritz Leuenberger aufgelöst. Für die P-26-Mitglieder war in Friedenszeiten keine Bewaffnung vorgesehen, doch darum scherte sich der illustre Geheimbund nicht. Vorgesehen war, dass sie als Gruppe auf Befehl einer allenfalls im Ausland verbleibenden Exilregierung aktiv würden, um als Nachrichtenquelle zu dienen, ein Kampfauftrag war nicht vorgesehen, denn der war allein der Armee vorbehalten. Dennoch hortete die Organisation Waffen und legte Munitionsdepots an.

Beruflich war ich zu Beginn der 90er Jahre mit meiner Public Relation Ausbildung und bei der PR-Agentur «Leipziger & partner» in Zumikon beschäftigt. Unser Dr. Emil S. war Chef war Oberst im Militär und ein kleiner Nazi und gehörte so betrachtet nicht zu meinen speziellen Freunden oder Vorbildern. Aber beruflich gesehen, war er ein Ass und bestens vernetzt wodurch ich viel von seinem Know-How und den Kontakten zum militärischen Kader und zu Zivilorganisationen wie «Helvetas» und dem «Europa Institut» profitierte. Bei der PR-Agentur organisierte ich u.a. das «Forum 91» und das «Colloquium Sicherheitspolitik & Medien» mit «NATO»-General Klaus Naumann, zwei hochpolitische Foren mit hochrangigen Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Medienvertretern. Da prallten zwei Welten aufeinander:

Hier der junge Freak, der Sympathie für die «Armee-Abschaffungs-Initiative» hatte und sich der Rekrutenschule entzog, dafür aber gerne Zivildienst leistete. Einer der auch mit der Anti-AKW-Bewegung sympathisierte Auf der anderen Seite das bürgerliche Establishment, die Spitze der Schweizer Armee bis hin zum Gastreferenten, «NATO»-General Klaus Naumann, der nur von drei Kantonspolizisten eskortiert herein geführt wurde. Insgeheim malte ich mir aus, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die Militärelite mit einem Schlag mit einem der 35mm Flabgeschosse aus meinem Lehrbetrieb Oerlikon Bührle hätte vernichten können.  Da habe ich gemerkt, dass man auch als Pazifist einige abgründige Szenarien in Erwägung ziehen kann, wenn man in militärischen Kategorien denkt, so wie das in Militär- und Spionagekreisen eben alltäglich und branchenüblich ist. 

Nachdem das PR Diplom geschafft war, gründete ich meine Presse und Bildagentur, bezog mit einem «K-Tipp» Recherche-Journalisten und zwei Medienschaffenden aus dem Hotel/Gastrobereich ein Büro, baute die Kooperation mit der Tourismus-Fachzeitschrift «Travel Inside» und einigen Deutschschweizer Tageszeitungen sowie internationalen Bildagenturen aus und reiste in diesem Jahr zwei Mal in die Karibik, zuerst für einen Segeltörn von Grenada nach Trinidad und Tobago, dann nach Kuba. Auf dem ersten Segeltörn meines Lebens wollte ich mit ein paar Berner und Zürcher den Karneval in Trinidad erleben, da ich schon vom Nottinghill Carnival in London begeistert war.

Nach einer wilden Überfahrt von Grenada aus, die beinahe mein Leben gekostet hat, weil ich bei Aufnahmen auf dem Boot vorne im Bugkorb von einer Welle zwei Meter hochgerissen und in den Spinacker geschleudert wurde, im Segeltuch mit der schweren Kameraausrüstung runterrutschte, aussen am Bugkorb gegen das Geländer knallte und mich im letzten Moment an der verbeulten Eisenstange aussen am Bug baumelnd festhalten und dann mit grösster Mühe wieder in das Boot und auf das Deck ziehen konnte. Das war knapp und der Segeltörn eine Kotz-Tortur. Viele lagen nach 10-15 Stunden hohem Wellengang wie Sardinen eng beieinander auf dem Deck herum rollend, geschwächt und sich immer wieder übergebend. Zum Glück hatten wir einen erfahren Skipper und zwei hart gesottene Jungs, die das Segelboot bis zum Hafen mitten im Stadtzentrum von Port of Spain steuerten und dort anlegten. So konnten wir die nächsten drei Tage bequem von der Segelyacht zu den Calypso-Paraden und wieder zurück aufs Boot gehen. Der Karneval mit den gigantischen, fantasievollen Kostümen und den Steelbands, die durch die Strassen paradierten war der Hammer und sehr sexy. Die anmutigen, ekstatischen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer waren magisch, erotisch, anziehend. Auch wenn alle halb nackt herumtanzten.

Lebenslust und Protest zu Calypsoklängen

Was 1777 mit den französischen Einwanderern seinen Anfang nahm und einer kolonialherrschaftlichen Minderheit vorbehalten war, entwickelte sich nach der Sklavenbefreiung zu einer musikalischen Protestbewegung. So ist der Karneval auf Trinidad und Tobago für viele das zum Lebensinhalt gewordene Ereignis. Zelebriert wird in ekstatischer Lebensfreude beflügelt von heissen Calypso-Klängen. Während mehreren Monaten beschäftigt sich eine ganze Familie an den Vorbereitungen für die Kostümkreationen und die -parade. Nebst Glamour spielt Prestige eine grosse Rolle, Ruhm und Ansehen der Familie steigen beträchtlich, wenn sich eine Königin oder ein König des Karnevals in die Familienchronik einreihen lässt. Dabei sein ist alles, siegen ist noch schöner.

Lange vor den Paraden werden in Ausscheidungsverfahren die Favoriten unter den Steelbands bestimmt. Nicht nur die spielerische Virtuosität zählt, auch die provozierende Originalität der Texte wird bewertet und ausgezeichnet. Denn der Calypso kennt keine Tabus. Alles ist erlaubt, was gefällt und ankommt. Auch nach der Sklavenzeit blieb der Calypso das satierische und auch zynische Sprachrohr der Unterdrückten. Die Texte der Sängersklaven waren mit sozialkritishen Untertönen und aufmüpfigen politischen Parolen gespickt. Dann endlich kommen die drei magischen Tage der Steeldrum-Paraden durch die Innenstadt von Port of Spain, deren Sound mit eruptiver Kraft die Bewegungen der Treibenden Tänzer und Tänzerinnen auf einen swingenden Rhythmus einstimmt und den Queens Park Savannah in einen brodelnden Hexenkessel verwandeln.

Dabei umschmiegten sich die Tänzer/innen hautnah und rieben sich aufreizend und leicht bekleidet aneinander. Und die Girls hatten Spass auch mal zu zweit von vorne und von hinten anzudocken, dich ins Sandwich zu nehmen und sich mit erhitzten Körpern an dir zu reiben. So lernt man blitzschnell tanzen und sich rythmisch zu den heissen Calypso-Klängen zu bewegen. Und dies geschah in einem ebenso katholischen wie muslimischen und chinesischen Umfeld, denn Trinidad ist ein Schmelztiegel aus all diesen und vielen karibischen und lateinamerikanischen Nationen. 1833 gelangten auch zehntausende von indischen Kontraktarbeitern auf der südlichsten, kleinen Karibik-Insel vor der Küste Venezuelas.

Am Nachmittag paradieren die Bands auf den Sattelschleppern und ihr kostümierter Tross dahinter durch die Strassen Trinidads und zu den Tribünen, wo auch die Jury sitzt. Jetzt sieht man die gigantischen, filigranen, prächtig glitzernden und fächerartig schwingenden Kunstwerke, die mit Abertausenden von glitzernden Pailletten bestückt sind besonders gut. Der Karneval in Trinidad riss uns derart mit, dass wir ihn nach Zürich holen wollten. Und das gelang uns, dank dem Trinidader Percussionisten an Bord des Schoners. Ralph R. und seiner Frau Angi, die beide leidenschaftlich Steeldrum spielten und Ralph überdies einige Steeldrum-Bands und Kinderbands in Zürich unterrichtete.

Durch Ralphs Kontakte konnten wir Mighty Sparrow, der achtfache «King of Calypso» zu einem Exklusiv-Galakonzert im «Hotel International» in Oerlikon, verpflichten. Dazu arrangierten wir ein Open-Air auf dem Marktplatz in Oerlikon mit acht Stelldrum-Bands am Vortag, an einem Samstag. Dank der Kooperation mit der «British West India Airlines» (BWIA), die damals neu nach Zürich flog, konnten wir während sechs Wochen vor dem Calypso & Steeldrum Festival karibische Spitzenköche nach Zürich einfliegen, mit allen frischen Zutaten und reichlich tropischer Dekoration, um im «Hotel International» in Oerlikon karibisches Flair, tropische Cocktails und leckere exotische Spezialitäten und Speisen anzubieten. 

Durch das «Calypso & Steeldrum Festival» durfte ich mit Roger Schawinskis «Radio 24» kooperieren und war bei ihm zu einem Interview und bei einer Sondersendung zu Gast. Auch bei «Radio DRS 3», das eine einstündige Sendung über den Calypso aus Trinidad und zu Mighty Sparrow machte, kurbelte die Promotionsschiene kräftig an. Zudem war auch Frederic Dru von «Radio Tropic» daran interessiert, diesen Event so richtig zu zelebrieren. Auch das Schweizer Fernsehen für liess sich für ihre erste Reisesendung von der Karibik und dem Mighty Sparrow-Konzert inspirieren, da «SRF»-Reise-Redaktor Kurt S. und der Musik-Redaktor des Schweizer Fernsehens an unserem Galakonzert waren.

Ebenso erfreulich war, dass ich dadurch bei «Radio Tropic» auf freiwilliger, unentgeltlicher Basis zu arbeiten begann und dann bald eigene Reisesendungen mit den Airlines, Reiseveranstaltern und Fremdenverkehrsämtern produzierte und dabei völlig freie Hand hatte. Was für eine geniale Erfahrung! So konnte ich auf dem werbefreien Radiosender zweistündige Spezialsendungen über Australien, Afrika und die Karibik machen und hatte zwei Jahre später die Gelegenheit beim «Radio Kanal K» ebenfalls Sendungen zu produzieren.

Der ebenfalls als Musik- und Kulturradio bekannte Sender im Kanton Aargau liess mir auch viel Spielraum und so machte ich zur Verblüffung aller ein hochkarätiges Interview mit vier kantonalen Parteipräsidenten zur heiss debattierten Asyl-Initiative der SVP. Mit dabei waren Gerry Müller, der später Stadtpräsident von Baden wurde. Der nächste Protagonist war Andreas Glarner von der SVP aus der Aargauer Gemeinde Arni, der durch seine Skandale in Sachen Migrationspolitik (Verhüllungsverbot und Minarett-Initiative) zu medialer Präsenz gelangte. Zudem kamen auch die beiden kantonalen FDP und CVP-Präsidenten zum Streitgespräch ins Studio. Das war mein erstes hochpolitisches und zugleich hochkarätiges besetztes Interview mit vier Spitzenpolitikern zu einem der heissesten Themen im Inland dazumal. Und es war eine sehr engagierte und kontroverse Diskussion, die ich als Moderator gut im Griff hatte.

Mein beruflicher Status als Fotojournalist und Radioproduzent liessen meinen Wert bei den Fluggesellschaften stratosphärisch in die Höhe schnellen. Für Reisen nach Afrika berief ich mich auf die «SAA» South African Airways an, in die Karibik flog ich mit der «BWIA», nach Brasilien mit der «TAM», zu den französischen Übersee-Territorien mit der «AOM» und nach Asien oder Australien mit «Singapore Airlines» und «Malaysia Airlines» von denen ich die Flugtickets gratis erhielt, da ich die Reportagen oft in sieben Tageszeitungen publizierte und auch für Hochglanz-Magazine arbeitete. So veröffentlichte ich Reisereportagen, Aviatik- und Wirtschaftsberichte in der «Aargauer Zeitung», «Der Bund», «Neue Luzerner Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Südostschweiz», «Facts», «SonntagsZeitung» und in Hochglanzmagazinen wie «Globo», «Animan» «Relax & Style», «World of Wellness» und in der «Welt am Sonntag» wurden Reportagen von mir publiziert. 

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Schweiz-Südafrika Politik und Mandelas Besuch in Zürich

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Blenden wir kurz zurück, zum 5. August 1962 als Mandela zusammen mit Cecil Williams während einer Autofahrt nahe Howick in Natal unter dem Vorwurf festgenommen wurde, er führe den verbotenen «ANC» im Untergrund an. Die Verhaftung erfolgte, nachdem er knapp eineinhalb Jahre in Freiheit und im politischen Untergrund gearbeitet hatte, unterbrochen von öffentlichen Auftritten für den ANC im Ausland. Der Prozessauftakt wurde auf den 15. Oktober 1962 festgesetzt. Die Folge war Mandelas Verurteilung am 7. November 1962 zu fünf Jahren Gefängnis wegen Aufruf zur öffentlichen Unruhe (drei Jahre Haft) und Auslandsreisen ohne Reisepass (zwei Jahre). Er übernahm in dieser Gerichtsverhandlung seine Verteidigung selbst. Nach Verkündigung des Urteils wurde er Ende Mai 1963 auf die Gefängnisinsel Robben Island geschafft, aber schon bald wieder nach Pretoria geholt, nachdem am 11. Juli die übrige «ANC» Führungsspitze festgenommen worden war.

Ab dem 7. Oktober 1963 stand Mandela in Pretoria im «Rivonia»-Prozess mit zehn Mitangeklagten wegen «Sabotage und Planung bewaffneten Kampfes» vor Gericht. Am 20. April 1964, dem letzten Prozesstag vor der Urteilsverkündung, begründete Mandela in seiner vierstündigen, vorbereiteten Rede ausführlich die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes, weil die Regierung weder auf Appelle noch auf den gewaltlosen Widerstand der nicht-weißen Bevölkerung in ihrem Bestreben nach Gleichbehandlung eingegangen sei und stattdessen immer repressivere Gesetze erlassen habe.

Am 11. Februar 1990 wurde Mandela nach 26 Jahren aus der Haft entlassen. Staatspräsident Frederik de Klerk hatte dies veranlasst und Tage zuvor das Verbot des «African National Congress» (ANC) aufgehoben. Mandela und de Klerk erhielten 1993 den Friedensnobelpreis für ihre Verdienste. Am Tage seiner Freilassung hielt Mandela eine Rede vom Balkon des Rathauses in Kapstadt aus, Tage später richtete er einen weiteren Appell an die gut 120‘000 Zuhörerinnen und Zuhörer im Fussballstadion in Johannesburg. Dort stellte er seine Politik der Versöhnung («reconciliation») vor, indem er «alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben», zur Mitarbeit an einem «nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle» einlud.

Im Juli 1992 wurde Mandela einstimmig zum Präsidenten des «ANC» gewählt. So konnte er die Verhandlungen mit der Regierung über die Beseitigung der Apartheid und Schaffung eines neuen Südafrikas an die Hand nehmen. 1994 erschien seine Autobiographie «Der lange Weg zur Freiheit» und schrieb dort:«Während dieser langen, einsamen Jahre der Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz».

Im Februar 1996 begann die von Mandela eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. mit der Aufarbeitung der Verbrechen zur Zeit der Apartheid. Einigen Gruppen gingen die in Mandelas Amtszeit erreichten sozialen Verbesserungen auch in Bezug auf die AIDS-Krise, nicht weit genug. Kritiker bemängelten ebenso, dass die Verbrechen des Apartheid-Regimes nicht strafrechtlich genug gesühnt wurden.

Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter erhielten eine kostenlose Gesundheitsfürsorge; 1996 wurde die Gesundheitsfürsorge für alle Südafrikaner kostenfrei. Mit dem «Land Restitution Act» (1994) und dem «Land Reform Act 3» (1996) wurden Schritte zu einer Landreform unternommen. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Gesetze der Apartheit-Zeit widerrufen. Armee und Polizei wurden neu aufgestellt.

Als 1994 der frisch gekürte südafrikanische Präsident und Nobelpreisträger Nelson Mandela in die Schweiz kam und zu Gast im Dolder Hotel vor der hiesigen «class politique» und die wirtschaftliche Elite (Nationalbankpräsident und Bankenvertreter) über seine Vision eines neuen Südafrikas sprach, war auch ich als Fotojournalist eingeladen und machte ein paar Bilder von Mandela. Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass er infolge seines durch die lange Haft eingebüssten Augenlichts durch Blitzlicht geblendet würde und hatte ohne Blitzlicht die falsche Filmempfindlichkeit im Kasten. Als Mandelas Ansprache vor der versammelten Polit- und Wirtschaftselite der Schweiz vorbei war und er sich beim Apero unter die Menge mischte, hielt ich mich eher im Hintergrund auf.

Doch offensichtlich hatte Mandela ein gutes Gedächtnis und sehr aufmerksame Augen, vielleicht erinnerte er sich sogar, wo und wann in Soweto ich in der Menge der Schwarzen stand nach seiner Freilassung. Auf jeden Fall veranlasste ihn das, auf mich zuzutreten und mich darauf anzusprechen, ob wir uns schon mal getroffen haben. Da war ich baff. Und als ich ihm antwortete, reichte ihr mir verblüffender weise beide Hände. Das berührte mich sehr. Plötzlich hatte ich das Gefühl, vielleicht echt ein etwas bewirkt zu haben und dafür sozusagen einen prominenten Dank und eine unglaubliche Wertschätzung zu erfahren. Blenden wir zurück, welch unrühmliche Rolle die Schweiz während der Apartheid spielte.

Das dunkle Kapitel der Schweiz während der Apartheid

1950, als die Südafrikanische Regierung ihr Volk in Rassen unterteilt (Population Registration Act 35), zahlten die Schweizer Banken die ersten Kredite über 35 Millionen Franken. Als die Regierung dann Mischehen verbot (Prohibition of Mixed Marriage Act), flossen weitere 85 Millionen Franken an den Appartheid-Staat, der bis 1983 über dreieinhalb Millionen Schwarze enteignet und in «Homelands» deportiert hat. Und so gehörten 87 Prozent des Landes auf einmal den 16 Prozent Weissen. Und die Schweiz, genauer gesagt mein ehemaliger Lehrbetrieb, die «Oerlikon Bührle AG», lieferte Waffen, wie die «35mm Flab-Kanonen»  und «Pilatus PC-Porter»  Flugzeuge ans Kap, trotz UNO-Sanktionen.

1967 werden fast 700‘000 Schwarze innerhalb eines Jahres verhaftet, weil sie gegen die Passgesetze verstossen haben sollen. Die Ausgaben für die Innere Sicherheit betragen bereits 17 Prozent des Bruttosozialproduktes. Als die Briten im März 1968 einen zweiwöchige Einstellung des Goldhandels beschliessen, sprintet die Schweiz in die Bresche. Nun fliesst Südafrikas Reichtum in Rauhen Mengen in die Goldhandelsmetropole Schweiz. «SBG», «SKA» und «SBV» sichern sich dreiviertel des weltweiten Goldhandels.

1968 platzt die «Bührle-Affäre». Die Oerlikoner Waffenschmide hatte via Frankreich Waffen im Wert von 52,7 Millionen Franken nach Südafrika geliefert. 1973 beschliesst die «UNO» Vollversammlung Südafrika mit der «Resolution 3068» auszuschliessen und die Apartheid als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» einzustufen, derweil die Anleihen der drei Schweizer Banken schon auf 2,2 Milliarden Franken angestiegen sind. Während jedes zweite Kind unter fünf Jahren in den Homelands stirbt, geht es den weissen Herren am Kap und der «Zürcher Goldküste» immer besser. «Oerlikon Bührle» hat mehrmals die Sanktionen umgangen. Ich erinnere mich daran, als ich in der Exportabteilung die Ausfuhrbewilligungen, Frachtpapiere und Akkreditive einfach auf die «Oerlikon Bührle» Holding in Spanien ausstellen musste.

1979 kommt es zum Massaker in Soweto, als am 16. Juni 15‘000 Schüler dagegen protestierten, fortan in Africaans unterrichtet zu werden. 575 Menschen starben bei dem Aufstand, der sich über Monate hinzog. Die Schweizer Banken verdoppelten ihr Kreditvolumen. 1980 erklärt der reformierte Weltbund» die Apartheid zur Häresie. Das liess die Schweiz und den Schweizer Geheimdienst kalt. Peter Reggli richtet den Pilotenaustausch mit südafrikanischen Kampfpiloten in die Wege, der Bundesrat wurde aber erst 1986 orientiert.

Die Summe der Kreditvergaben der Schweizer Banken an das Apartheid-Regime vervierfachte sich. Jahr um Jahr um 100 Prozent. Infolge der internationalen Ächtung des Apartheid Regimes profitierte die Schweiz von der Menschen verachtenden, rassistischen Politik der Weissen am Kap. Die «ILO» forderte die Weltkonzerne auf, sich aus Südafrika zurückzuziehen und kritisierte die «SBG» namentlich als Sanktionsbrecherin. Nichts desto trotz erhält das südafrikanische Regime 1985 von Schweizer Banken weitere 75 Millionen Franken an Krediten zur freien Verfügung. 1986 wird der Ausnahmezustand über das hochverschuldete Land verhängt, über 10‘000 Menschen werden verhaftet, 1800 kamen um. „Der Frieden wurde zur Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“, sagt Erzbischoff Desmond Tutu, als das Kirchenblatt, die «New Nation» geschlossen wurde.

Als 1987 die USA Firmen bestrafen wollte, die sich nicht an die Sanktionen hielten, kam Südafrikas Präsident Peter Botha und sein Aussenminister nach Zürich um sich mit «SBG»-Vizedirektor Georg Meyer und den Vorstand der «Vereinigung Schweiz-Südafrika» zu treffen, wo ihnen an Ort und Stelle ein „Orden der guten Hoffnung“ und weitere 70 Millionen übergeben wurde. Und 1989 kommt Südafrikas Regime dank Robert Jeker auch noch zu einer Verschnaufpause bei der Rückzahlung der offenen Kredite über acht Milliarden Franken.

Dies war die Ausgangslage damals, die mich bewog, in Südafrika in den Untergrund zu gehen. Da ereignete sich noch ein kleiner Schicksalswink, der mich in dem Vorhaben bestärkte. Wie so viele Aktivisten, schrieb ich der damaligen «SGB» (und heutigen «UBS»), die damals sehr stark in Südafrika aktiv war und das Apartheid-Regime unterstützte, einen Brief in der ich der Bank mitteilte, dass ich mein Konto aus Protest gegen die Finanzpolitik und das «SBG» Engagement auflöse und sie bat, das Guthaben auf ein anderes Konto zu überweisen. Bei der Saldierung des Kontos unterlief der Bank ein Fehler und so überwies sie mir 5500 Franken mehr. Ich sagte mir, „ich lass das Geld auf meinem Konto für ein Jahr und wenn die «SBG» sich nicht mehr meldet, dann geht das Geld an Organisationen im Südafrikanischen Untergrund“, sozusagen als Kompensationszahlung. Und so ist es dann auch geschehen!

Bürgerkrieg Südafrika 94: IKRK-Einsätze im «ANC-IFP» Konflikt

1993 begleitete ich einen Freund von mir, Daniel S., der als IKRK-/Rotkreuz Südafrika-Delegierter in Johannesburg stationiert war, auf seiner Reise in die Flüchtlingslager, um die dortige Lage zu sondieren, den Opfern zu helfen und die Friedensbemühungen zur Stabilisierung des Landes im Hinblick auf eine demokratische Verfassung und Regierung der «Regenbogen-Nation» zu unterstützen. Wir fuhren zu den damaligen Hotspots «Margate» und «Ladysmith», «Ezakhweni» und «Emphangeni», «Mfung» und «Obizo» sowie «Empendle» protokollierten die abgebrannen Häuser und die Toten. Führten Gespräche mit Hinterbliebenen und versuchten zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Eine schwierige, wenn nicht fast aussichtslose Aufgabe. Damals kam es alle 40 Minuten zu einem Mord, 20‘000 pro Jahr insgesamt.

Im Februar 1996 begann die von Mandela eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. mit der Aufarbeitung der Verbrechen zur Zeit der Apartheid. Einigen Gruppen gingen die in Mandelas Amtszeit erreichten sozialen Verbesserungen auch in Bezug auf die AIDS-Krise, nicht weit genug. Kritiker bemängelten ebenso, dass die Verbrechen des Apartheid-Regimes nicht strafrechtlich genug gesühnt wurden.

Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter erhielten eine kostenlose Gesundheitsfürsorge; 1996 wurde die Gesundheitsfürsorge für alle Südafrikaner kostenfrei. Mit dem «Land Restitution Act» (1994) und dem «Land Reform Act 3» (1996) wurden Schritte zu einer Landreform unternommen. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Gesetze der Apartheit-Zeit widerrufen. Armee und Polizei wurden neu aufgestellt.

Zu dieser einmaligen Gefängnis-Inspektion stiess ich aufgrund einer spirituellen Kapazität in Südafrika. Der Zulu-Sangoma (Heiler), Bantu-Schriftsteller & Historiker Credo Vusama Mutwa, den ich im «Shamwari Game Reserve» kennen lernte zusammen mit Dr. Jan Player, dem Rhinozeros-Retter und «Wilderness-Leadership-School»-Gründer. Die ganze Nacht über erzählte mir der unglaublich gebildete Mensch die spirituellen Geheimnisse und ethnischen Zusammenhänge, die kulturellen Eigenschaften und Besonderheiten der Bantu-Völker von Nord- bis Südafrika. Es war faszinierend und sehr lehrreich. Nur war ich gerade mit meiner zweieinhalb jährigen Tochter Aiala und ihrer Mutter Roberta unterwegs und hatte noch einige Pläne, Termine und Treffen bezüglich anderen Wildlife und Ökoprojekte und konnte nicht einfach hier bleiben und Credo beim Projekt «Kaya Lendaba» helfen. Ich war echt hin und her gerissen.

Der Zulu-Heiler wollte die Wunden der Regenbogennation heilen und beim «Shamwari Game Reserve» ein multikulturelles Dorf bauen, in dem alle südafrikanischen Ethnien vertreten sein würden. Es sollte als Leuchtpfahl für die Wiedervereinigung Südafrikas dienen und helfen, die Konflikte zu beenden. Gerne hätte ich die Ausbildung zu einem «Sangoma», also einem Heiler gemacht, da Credo mir die Qualifikationen und die geistig-spirituelle Weltsicht zutraute. Dies erfüllte mich mit Stolz und wäre wohl eine wegweisende Weiche in meinem Leben gewesen. Denn ursprünglich wollte ich als Game Ranger in einem dieser neu entstehenden Wildlife-Reservate arbeiten. Ich konnte mir nichts Schöneres vor stellen, als Wildlife-Manager in einem intakten und geschützten oder schützenswerten Umfeld zu arbeiten. Daher reiste ich immer wieder nach Botswana, Südafrika und Namibia.

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND ÖKO-PROJEKTE

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Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie dies tun wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Hilfsprojekt-Empfänger/innen.

Der Karneval auf Trinidad: Lebenslust und Protest zu Calypsoklängen

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Was 1777 mit den französischen Einwanderern seinen Anfang nahm und einer kolonialherrschaftlichen Minderheit vorbehalten war, entwickelte sich nach der Sklavenbefreiung zu einer musikalischen Protestbewegung. So ist der Karneval auf Trinidad und Tobago für viele das zum Lebensinhalt gewordene Ereignis. Zelebriert wird in ekstatischer Lebensfreude beflügelt von heissen Calypso-Klängen. Während mehreren Monaten beschäftigt sich eine ganze Familie an den Vorbereitungen für die Kostümkreationen und die -parade. Nebst Glamour spielt Prestige eine grosse Rolle, Ruhm und Ansehen der Familie steigen beträchtlich, wenn sich eine Königin oder ein König des Karnevals in die Familienchronik einreihen lässt. Dabei sein ist alles, siegen ist noch schöner.

Lange vor den Paraden werden in Ausscheidungsverfahren die Favoriten unter den Steelbands bestimmt. Nicht nur die spielerische Virtuosität zählt, auch die provozierende Originalität der Texte wird bewertet und ausgezeichnet. Denn der Calypso kennt keine Tabus. Alles ist erlaubt, was gefällt und ankommt. Auch nach der Sklavenzeit blieb der Calypso das satierische und auch zynische Sprachrohr der Unterdrückten. Die Texte der Sängersklaven waren mit sozialkritishen Untertönen und aufmüpfigen politischen Parolen gespickt. Dann endlich kommen die drei magischen Tage der Steeldrum-Paraden durch die Innenstadt von Port of Spain, deren Sound mit eruptiver Kraft die Bewegungen der Treibenden Tänzer und Tänzerinnen auf einen swingenden Rhythmus einstimmt und den Queens Park Savannah in einen brodelnden Hexenkessel verwandeln.

Dabei umschmiegten sich die Tänzer/innen hautnah und rieben sich aufreizend und leicht bekleidet aneinander. Und die Girls hatten Spass auch mal zu zweit von vorne und von hinten anzudocken, dich ins Sandwich zu nehmen und sich mit erhitzten Körpern an dir zu reiben. So lernt man blitzschnell tanzen und sich rythmisch zu den heissen Calypso-Klängen zu bewegen. Und dies geschah in einem ebenso katholischen wie muslimischen und chinesischen Umfeld, denn Trinidad ist ein Schmelztiegel aus all diesen und vielen karibischen und lateinamerikanischen Nationen. 1833 gelangten auch zehntausende von indischen Kontraktarbeitern auf der südlichsten, kleinen Karibik-Insel vor der Küste Venezuelas.

Am Nachmittag paradieren die Bands auf den Sattelschleppern und ihr kostümierter Tross dahinter durch die Strassen Trinidads und zu den Tribünen, wo auch die Jury sitzt. Jetzt sieht man die gigantischen, filigranen, prächtig glitzernden und fächerartig schwingenden Kunstwerke, die mit Abertausenden von glitzernden Pailletten bestückt sind besonders gut. Der Karneval in Trinidad riss uns derart mit, dass wir ihn nach Zürich holen wollten. Und das gelang uns, dank dem Trinidader Percussionisten an Bord des Schoners. Ralph R. und seiner Frau Angi, die beide leidenschaftlich Steeldrum spielten und Ralph überdies einige Steeldrum-Bands und Kinderbands in Zürich unterrichtete.

Durch Ralphs Kontakte konnten wir Mighty Sparrow, der achtfache «King of Calypso» zu einem Exklusiv-Galakonzert im «Hotel International» in Oerlikon, verpflichten. Dazu arrangierten wir ein Open-Air auf dem Marktplatz in Oerlikon mit acht Stelldrum-Bands am Vortag, an einem Samstag. Dank der Kooperation mit der «British West India Airlines» (BWIA), die damals neu nach Zürich flog, konnten wir während sechs Wochen vor dem Calypso & Steeldrum Festival karibische Spitzenköche nach Zürich einfliegen, mit allen frischen Zutaten und reichlich tropischer Dekoration, um im «Hotel International» in Oerlikon karibisches Flair, tropische Cocktails und leckere exotische Spezialitäten und Speisen anzubieten. 

Durch das «Calypso & Steeldrum Festival» durfte ich mit Roger Schawinskis «Radio 24» kooperieren und war bei ihm zu einem Interview und bei einer Sondersendung zu Gast. Auch bei «Radio DRS 3», das eine einstündige Sendung über den Calypso aus Trinidad und zu Mighty Sparrow machte, kurbelte die Promotionsschiene kräftig an. Zudem war auch Frederic Dru von «Radio Tropic» daran interessiert, diesen Event so richtig zu zelebrieren. Auch das Schweizer Fernsehen für liess sich für ihre erste Reisesendung von der Karibik und dem Mighty Sparrow-Konzert inspirieren, da «SRF»-Reise-Redaktor Kurt S. und der Musik-Redaktor des Schweizer Fernsehens an unserem Galakonzert waren.

Ebenso erfreulich war, dass ich dadurch bei «Radio Tropic» auf freiwilliger, unentgeltlicher Basis zu arbeiten begann und dann bald eigene Reisesendungen mit den Airlines, Reiseveranstaltern und Fremdenverkehrsämtern produzierte und dabei völlig freie Hand hatte. Was für eine geniale Erfahrung! So konnte ich auf dem werbefreien Radiosender zweistündige Spezialsendungen über Australien, Afrika und die Karibik machen und hatte zwei Jahre später die Gelegenheit beim «Radio Kanal K» ebenfalls Sendungen zu produzieren. Der ebenfalls als Musik- und Kulturradio bekannte Sender im Kanton Aargau liess mir auch viel Spielraum und so machte ich zur Verblüffung aller ein hochkarätiges Interview mit vier kantonalen Parteipräsidenten zur heiss debattierten Asyl-Initiative der SVP.

Mit dabei waren Gerry Müller, der später Stadtpräsident von Baden wurde. Der nächste Protagonist war Andreas Glarner von der SVP aus der Aargauer Gemeinde Arni, der durch seine Skandale in Sachen Migrationspolitik (Verhüllungsverbot und Minarett-Initiative) zu medialer Präsenz gelangte. Zudem kamen auch die beiden kantonalen FDP und CVP-Präsidenten zum Streitgespräch ins Studio. Das war mein erstes hochpolitisches und zugleich hochkarätiges besetztes Interview mit vier Spitzenpolitikern zu einem der heissesten Themen im Inland dazumal. Und es war eine sehr engagierte und kontroverse Diskussion, die ich als Moderator gut im Griff hatte.

Mein beruflicher Status als Fotojournalist und Radioproduzent liessen meinen Wert bei den Fluggesellschaften stratosphärisch in die Höhe schnellen. Für Reisen nach Afrika berief ich mich auf die «SAA» South African Airways an, in die Karibik flog ich mit der «BWIA», nach Brasilien mit der «TAM», zu den französischen Übersee-Territorien mit der «AOM» und nach Asien oder Australien mit «Singapore Airlines» und «Malaysia Airlines» von denen ich die Flugtickets gratis erhielt, da ich die Reportagen oft in sieben Tageszeitungen publizierte und auch für Hochglanz-Magazine arbeitete. So veröffentlichte ich Reisereportagen, Aviatik- und Wirtschaftsberichte in der «Aargauer Zeitung», «Der Bund», «Neue Luzerner Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Südostschweiz», «Facts», «SonntagsZeitung» und in Hochglanzmagazinen wie «Globo», «Animan» «Relax & Style», «World of Wellness» und in der «Welt am Sonntag» wurden Reportagen von mir publiziert. 

Zu den Kuba-Printmedien Reportagen:

Die Insel der Idealisten, die sich von Hoffnung ernähren  (AT/BT)

Zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben (Der Bund)

Kuba-Krise im Touristenparadies (Sonntag Zeitung)                            

Die Gesetze der Strasse (Globo)                                                                  

Kuba’s Koloniale Pracht (Relax & Style)                                                               

Auf nach Varadero – es eilt! (St. Galler Tagblatt)                                       

Ana Fidelia Quirot: Der Sport heilt alle Wunden (Blick

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

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Australien & Südsee Expeditionen

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müllerr

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Auf der grössten Sandinsel der Welt ragen tropisch bewaldete Dünen am Ufer kristallklarer Süsswasser-Seen inmitten smaragdgrüner Regenwälder empor. Vor Fraser Islands Küste tummeln sie Wale und Delphine. Doch das Inselbiotop ist nicht nur Zufluchtsort rarer Pflanzenarten und Tiere sondern auch der Homo Ökotourismus nistet sich hier zunehmend ein. Bis zu 240 Meter hohe Sanddünen, 120 Kilometer Strand und eine geschützte Bucht, ist die Hervey Bay, wo sich Wale zwischen August und Oktober tummeln und sie sind der Reiz des Inselmikrokosmos. Nicht nur für Geologen, Botaniker, Natur-, Tier- und Vogelfreunde auch für Segler, Surfer und Erholungssuchende bot Fraser Island vor 20 Jahren paradiesische Zustände. 2020 gab es dagegen verheerende Waldbrände und auch sonst ist das Ökosystem ein wenig aus den Fugen geraten, wie im gesamten Great Barrier Reef. Der gesamte Archipel leidet unter der globalen Klimaerwärmung und der Verschmutzung durch Öl und Plastikmüll der Touristen.

Fraser Island ist uralt, 123 Kilometer lang, 14 bis 22 Kilometer breit und trägt die Ewigkeit von über 220 Millionen  Jahre Evolutionsgeschichte auf dem Buckel. Seit zwei Millionen Jahren wird Sand auf die Insel angeschwemmt und angehäuft. Im Eiszeitalter wurde diese Landschaft geformt und in ihrer heutigen Prägung existiert sie seit ungefähr 6000 Jahren. Mit der Erwärmung des Klimas vor 140‘000 Jahren, tauchten dort auch die ersten Spuren der Aborigines auf, doch geht man davon aus, dass die «Butschulla»-Ureinwohner sich erst vor 20 Millionen Jahren auf «KGari» Island niederliessen. Für die westliche Welt wurde Fraser Island von James Cook 1770 entdeckt. Die gigantischen Süsswasser-Reservoire bergen zusammen gerechnet zehn bis zwanzig Millionen Mega-Liter Frischwasser. Das von leuchtend weissen Sandstränden gesäumte, kristallklare Trinkwasser des Lake McKenzie lädt zu einem Bad ein. Auch Dingos sind am Ufer zu beobachten. Sie kommen aber nicht etwa zur Tränke, sondern wegen der prall gefüllten Provianttüten der Touristen. Da fällt manch ein feiner Happen für die Wildhunde ab.

Schon im Vorfeld der Australien Reise habe ich mich für das „Walfang-Verbot“ stark gemacht und darüber in verschiedenen Zeitungen berichtet, u.a. in der Sonntags Zeitung unter dem Titel «Lieber touristisch ausschlachten, als abschlachten»! Nun wollte ich mir selbst den Traum erfüllen und bei einer Walbeobachtung teilnehmen. Hervey Bay ist nur einer von einem Dutzend Orten im Great Barrier Reef, wo sich die Wale tummeln. Gegen 100 Personen drängeln sich auf dem «Kingfisher»-Katamaran zur Reling und suchen den Horizont nach Fontänen oder einer hochragenden Schwanzflosse ab. „Da sind sie“, schreit einer und die Menge jubelt! Ein vielleicht 30 Tonnen schwerer Koloss mit gewiss über 16 Meter langem Leib schiesst wie ein silbriger Pfeil hoch in die Luft führt eine Pirouette aus und taucht dann kopfüber wieder in die Fluten ein. Was für ein erhabener Anblick! Zum Glück sind sie hier geschützt.

«Whale-Watching» hat sich in den 90er Jahren zu einem 600 bis 700 Millionen schweren Tourismuszweig gemausert. Whale-Watchers reisen zur Baja California, zur Küste von Brasilien, Patagonien oder Südafrika, um die schwimmenden Säugetiere zu sehen. Australien hat schon 1994 jährlich über 50 Millionen Einnahmen aus den Walbeobachtungen eingenommen. Kein Wunder, die Giganten der Meere sind faszinierend in jeder Beziehung! Wie verschlüsselte Botschaften (heute sind es wohl Klagegesänge) klingen ihre Töne aus der Tiefe des Ozeans, ähnlich einem Sonar, dem Echolotsystem der Schifffahrt bestimmen sie mit Radarsignalen ihren Kurs. Sie senden exakte Sendeintervalle ab und sind imstande mit ihrem sensiblen Feingespür die Signale der Schallwellen wieder aufzunehmen und präzise zu analysieren und orten, so dass sie sich über tausende von Kilometern orientieren können. Die bis zu dreissig minütigen Gesänge dienen der Kommunikation mit Artgenossen. Von den türkisfarbenen Gestaden des Great Barrier Reefs nun in eine ganz andere Gegend, die im Kontrast zu dem maritimen Leben steht, aber ebenso ums Überleben kämpft.

Die Hoffnung lebt im Untergrund

Zwischen Adelaide und Alice Springs irgendwo inmitten einer glühend heissen, unwirtlichen Mondlandschaft liegt das damals 5000 Seelen zählende Nest Coober Pedy, auch «Opal-Miner City» genannt. Die Bewohner leben in unterirdischen Maulwurfartigen Bauten und verbringen auch den Tag unter der Erde. Im Stollen. Mit Dynamit bestückt. Einblicke in das Leben der Opalschürfer im dynamitgeladenen Untergrund. Angetrieben von der Hoffnung auf schnellen Reichtum und dem Risiko ausgesetzt, mausarm zu scheitern. Echte Glücksucher also, aus allen Teilen der Erde. Doch was zieht die Menschen nur hier her? Einöde, sengende Hitze, jede Menge Staub und Geröll und Strapazen ohne Ende. Nichts bleibt den Opaschürfern hier erspart. Vierfünftel der Bevölkerung lebt im Untergrund, in den Stollen, die Lüftungsschächte haben. Auch der Supermarkt, die Tankstelle und die Kirche sind im Untergrund.

Hier gibt es auch einen Postboten für die Region. Die Tour des Postboten John Stillwell zeigt die hiesigen Dimensionen aufs Deutlichste auf. Zweimal pro Woche fährt John von Coober Pedy aus nach William Creek, ein Provinznest mit neun Häusern und dann nach Oodnadata, einer verkommenen Aborginies Siedlung und versorgt auf den 650 Kilometern noch drei Farmer mit der Post. John fährt die Tour nun schon seit sechs Jahren und hat die Strecke schon über 700 Mal gemacht.

Die Tour führt über die Moon Plain Area, eine trockene, steinige, sandige und mit kleinen Hügeln besetzte Mondlandschaft zur Rinderfarm Anna Creek, deren Zaun über 9600 Kilometer lang ist. Die Farm ist somit fast so gross wie die Niederlande. Dann fahren wir weiter nach William Creek und obschon da nur neun Häuser stehen, gibt es eine, wahrscheinlich die teuerste Satelitenfunk-Telefonkabine sowie einen schattigen Parkplatz samt Parkuhr. Weiter geht es einem alten Aborginies Trail entlang unterirdischen, heissen Quellen und der «Great Overland Telegraph Linie» von London nach Sydney in das indigene Kaff. Bei Sonnenuntergang spielten wir noch eine Runde Wüstensand-Golf.

Südsee Perlen: An der Pforte zum Paradies

Ein Mosaik aus Licht und Farben umspielt die weit versprengten Inselkette. Jedes dieser von smaragdgrüner Vegetation überzogenen Inseln ist von türkisblauen und kranzförmigen Riffen umsäumt. Sie begrenzen die Tiefe des Meeres, kehren dessen opulente Unterwasserpracht nach oben und entfalten die Schönheit der farbenprächtigen Korallengärten mit grosser Artenfülle und schirmen die oft nur wenige Meter über der Meeresoberfläche gelegenen Inseln gegen die Brandung ab. .

Nach einem unendlich langen Flug von Zürich, via Paris, New-York, San Francisco und Hawaii landete ich an der «Pforte zum Paradies» auf Tahiti – auch «Insel der Liebe» genannt und Synonym für den Stoff aus dem die Träume sind. Das französische Übersee-Territorium mit seinen 118 Inseln ist aufgeteilt in die Austral- und die Gesellschaftsinseln, die Marquesas  und den Tuamotu-Archipel. Da fällt die Wahl schwer. Doch grundsätzlich stehen zwei sich zu einem fulminanten Ensemble vereinigender Inseltypen zur Auswahl: hohe Vulkaninseln wie Moorea, Huahine oder Tahiti und flache Atolle wie Tetiaroa.

Tahiti, die «Insel der vielfarbigen Wasser» ist auch Symbol für den verklärten Mythos, der die Südsee wie ihr funkelndes Firmament mit zauberhaften Impressionen überziehen. In der Südsee hat der Schöpfer einmal zeigen wollen, was er zu leisten vermag, hielt der Dichter Robert Brooke fest. Auch Gaugin geriet in einen malerisch impressionistischen Farben- und Sinnesrausch. Vorallem  Moorea die keine halbe Stunde mit dem Katamoran von Papeete entfernt ist, wird von vielen ins Herz geschlossen. Berühmt wurde die Ferieninsel, auf der etliche Vulkanspitzen wie Lanzen in den Himmel ragen, durch Dino de Laurentis Film „Meuterei auf der «Bounty» Gleich neben dem 900 Meter hoch aufragenden Mount Rotui liegt die berühmte Cook Bay.

In der Tat kommt man nicht umhin, die Südsee in den schönsten Farben zu malen und in den höchsten Tönen zu loben. Angesichts der sanftmütigen und straken Ausstrahlung der Insulaner, ist man versucht ihre Welt zum Paradies auf Erden hochzustilisieren. Wenn anmutige, kräftige Männer pfeilschnell mit ihren Kanus durch das Wasser rudern oder anmutige Geschöpfe unter den Kokospalmen, Mango-, Papaya-, Avocado- und Brotfruchtbäumen sitzen.  Seither messen die Europäer die Südsee mit der Elle ihrer Wünsche und Träume; phantasieren, fabulieren und dichten Poeten aller Couleur viel verrückt Schönes zusammen. Doch ein Ort der lasterhaften Vergnügen ist die Südsee trotz allen matriarchalischen Sitten und der freizügigen Sinnlichkeit nicht. Aber auffallend viele Transvestiten (raerae) geben sich in Papeete ein Stelldichein. Und eine polynesische Besonderheit sind die Marus – von klein auf von den Müttern feminisierte Söhne, zumeist die Letztgeborenen in einer Familie, die keine Töchter hat. Sie benehmen sich wie Frauen und verrichten die Hausarbeit. Beide Randgruppen erfreuen sich einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz.

30 Jahre nach der französischen Invasion auf Tahiti und Mururoa durch ein Heer von Atomphysikern, Ingenieuren und Militärs, kennen die Südsee-Insulaner nicht nur den Gott der Liebe, sondern auch den Gott und die Macht des Geldes. Das Leben im Paradies hat seinen Preis. Der Preis für den Luxus ist hoch. Probleme mit Alkohol und anderen Drogen sowie die Armut und Verslumung nehmen zu. Tatsächlich kommt man als Reiseberichterstatter nicht umhin, die Südsee in den schönsten Farben zu beschreiben und angesichts der sanftmütigen und beschaulichen Lebensart der überausgastfreundlichen Insulaner zum Paradies hochzustilisieren. Hohe Vulkaninseln wie Moorea, Huahine und Tahiti, flache Atolle wie Marlon Brandos Reich Tetiaroa. Huahine teilt sich wie Tahiti in eine grosse und eine kleine Insel auf. Dazwischen eine Meeresenge, die bei Surfern sehr beliebt ist. Bora Bora besitzt gewissermassen die spektakulärste und schönste Lagune der Welt. Fürwahr ist das nur 30 Quadratmeter kleine aber 30 Millionen Jahre alte Atoll ein kostbares Juwel im Pazifik. Auch Moorea hatten damals viele Touristen in ihr Herz geschlossen aufgrund des dort in der Oponohu-Bucht gedrehten Filmes «Die Meuterei auf der Bounty».  

Zu den Australien Printreportagen:

Australien-Spezial                                                                                          

Australiens Lockruf zieht Schwärme nach Downunder                                     

Melbourne zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt                                        

Australiens Top Spa’s und Gourmet-Lokale                                                                        

Die Hoffnung lebt im Untergrund                                                              

Downunder kannst du was erleben                                        

FOTOSTRECKE FRENCH POLYNESIA

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Zu den Südsee Printreportagen:

Südsee: An der Pforte zum Paradies  (Brückenbauer)    

Polynesien: Himmel auf Erden (Der Bund)     

Südsee: Eintauchen ins Paradies  (Aargauer Zeitung)                                                

Südsee der Himmel auf Erden (Vita Bella)

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND ÖKO-PROJEKTE

Im Strudel Schweizer Politskandale: «Fichenaffäre» und «P-26»

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller  

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund, prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend Eine gelungene Mischung aus gehobener Reiseliteratur, globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten und persönlichen Essays – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Der Autor publizierte Hunderte von Reportagen in deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen

Mit enfant terrible Niklaus Meienberg im Asylantenzentrum

In den 80er Jahren gab es noch hinreichend gute Jobs. Zuerst arbeitete ich bei der «Brauerei Hürlimann» im Export, danach für kurze Zeit bei einer Handelsfirma, der ich den gesamten Import von Getreidemehl aus Schweden vom Strassenverkehr auf die Bahn verlagerte und so ein ökologisches Ziel umsetzte als der Firma auch viel Geld sparte, da die Bahnlösung auch erheblich günstiger war. Danach kamen drei Reiseleiter-Einsätze für je drei Monate im Senegal, in Polen und in London ins Spiel. Daraufhin arbeitete ich beim «Media Daten Verlag», der die «Werbewoche» und das «Media Trend Journal» heraus gab und so wurde ich Anzeigenleiter der «Neuen Zürcher Zeitung» für die Bereiche Tourismus, Schulen und Institute sowie Verkaufsleiter der «Swiss Review of World Affairs», dem damaligen, hochkarätigen, englisch sprachigen Magazin der Neuen Zürcher Zeitung «NZZ». Später produzierte ich die Wälzer, der «Portraits der Schweizer Werbewirtschaft» und «Portraits der Schweizer Kommunikationswirtschaft» beim «Bertschi-Verlag». So rückte ich dem Journalismus immer näher und ich beschloss das Handwerk über eine PR-Ausbildung am «SAWI» zu erlernen.

Im Oktober 1989 nahm ich an einem einwöchigen Journalismus-Workshop mit dem linken Journalisten, Schriftsteller und Historiker Niklaus Meienberg teil, der kurze Zeit zuvor den «Villiger-Skandal» im 2. Weltkrieg aufdeckte. Dieser führte uns überraschend nach Kreuzlingen zur Asylantenempfangsstelle, bei der wir noch am selben Abend unserer Ankunft eine menschenunwürdige Situation vorfanden. Vor der geschlossenen Asylanten-Empfangsstelle hatten gut ein Dutzend frierender Flüchtlinge ein Feuer angezündet, um sich vor der bitteren Oktoberkälte zu schützen und aufzuwärmen, denn sie seien von der Asylanten-Empfangsstelle ausgeschlossen worden, erklärten sie uns. Die Polizei war gerade dabei das Feuer zu löschen, was uns in Rage brachte.

Niklaus Meienberg kam so richtig in Fahrt und der wortgewaltige Hühne orchestrierte eine verbale Schandtirade feinster Didaktik. Aber Meienberg wäre nicht Meienberg, wenn den Worten nicht auch Taten folgen würden und so wies er uns an, die Flüchtlinge in die Jugendherberge zu verschieben, die gerade noch geöffnet hatte. Der arme Herbergen-Verwalter fiel fast vom Stuhl als er das Dutzend Flüchtlinge im Schlepptau der JournalistInnen vor sich sah, Da ging das bürokratische Prozedere mit den Papieren los und musste nach den ersten fünf Personen, aufgrund fehlender Papiere, als hoffnungslos, abgebrochen werden und kurz darauf konnten die Flüchtlinge wenigsten diese Nacht in der Wärme verbringen.

Meienberg indes hatte schon am nächsten Morgen die halbe Deutschschweizer Presse auf den Plan gerufen und über die menschenunwürdigen Vorkommnisse und Praktiken vor der Flüchtlingsstelle (Strafaktion) hingewiesen. So sahen wir uns plötzlich im Presse-Trubel mit einer Schar Journalisten konfrontiert und belagerten so das Flüchtlingszentrum, bis wir mit dem Leiter der Empfangsstelle eine Aussprache hatten. Dann kamen die Politiker und Stadträte, die mauerten, Peter Arbenz, der Flüchtlingsdelegierte meldete sich zu Wort und stellte dem Empfangsstellenleiter einen Persilschein aus derweil die kirchlichen Organisationen mehr Menschenwürde einforderten. Und so war die ganze Woche action.

Der Kurs ging am Freitag-Abend zu Ende, jeder konnte über Nacht eine Story über das Geschehen der letzten Woche schreiben und sie Meienberg am Samstag Morgen zeigen, der dann einen kurzen Kommentar dazu abgab. Sein Kommentar war lausig. Doch hatte ich die Unverfrorenheit und das Glück, dass mein Beitrag in der «Weltwoche» mit der Essenz eines anderen Schreibwerkstatt-Teilnehmers an meinem 27. Geburtstag abgedruckt wurde. Der Einstieg war gelungen und der Ansporn, weiter in diese Richtung zu gehen da und weil Fotografieren zu einer Leidenschaft geworden war, wollte ich Journalismus und Fotografie miteinander kombinieren.

Der «Fichenskandal» und die «P-26 Geheimloge»

Im Jahre 1990 war ans Licht gekommen, dass sowohl die Bundesbehörden als auch die kantonalen Polizeikorps seit Beginn des Jahrhunderts rund 900’000 «Fichen» über politisch verdächtige Personen angelegt hatten. Laut offiziellen Angaben waren mehr als 700’000 Personen und Organisationen erfasst, also über ein Zehntel der Bevölkerung war subversiv. Der Beobachtungsradius erfasste zuerst ausländische Anarchisten, Schweizer Sozialisten und Gewerkschafter, Schriftsteller, unwillkommene politische Flüchtlinge und Ausländer, die oft wieder ausgewiesen wurden. Mit dem Aufkommen des Antikommunismus wurden vor allem linksstehende Politiker und Mitglieder von Gewerkschaften überwacht. Offizielles Ziel der «Fichierung» war es, das Land vor aus dem Ausland gesteuerten subversiven Aktivitäten zu schützen.

Die Bekämpfung der Subversion war während des Kalten Krieges ein weitverbreitetes Schlagwort. Die Parlamentarische Untersuchungskommission PUK brachte zu Tage, wie weit dieser schwammige Begriff aufgefasst wurde. Wie aus den Unterlagen der «Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr» (UNA) hervorging, empfanden eifrige Staatsschützer „Alternative“, „Grüne“, Friedensbewegte, Drittwelt-Aktivisten, Frauenbewegungen und Fremdarbeiterbetreuer, Anti-AKW-Aktivisten, „Linke“ aller Art also per se, als potentiell gefährlich einzustufen seien, denn sie könnten kommunistisch unterwandert, feind- oder fremdgesteuert oder sonst wie manipuliert sein.

Auch ich bestellte meine Fiche beim Polizei und Justizministerium, die dann doch detaillierter als angenommen war, was das Bewegungsprofil und die Kontakte angeht, aber ansonsten sehr belanglos war, bis auf die vielen schwarzen Stellen in dem 14 seitigen Protokoll, das wohl mehr die Spitzel-Identitäten verdecken und schützen sollte, als Staatsgeheimnisse, staatsfeindliche Aktivitäten oder einen «Landesverrat» des Überwachten zu Tage gebracht hätte. Es zeigte den blinden Eifer der Behörden und das traurige Abbild der Spitzel. Die wenigsten von uns waren Marxisten, Leninisten, Maoisten oder Kommunisten oder Staatsfeinde auch wenn das Motto: «Macht aus dem Staat Gurkensalat» skandiert wurden. Da wurde viel Staatspropaganda aufgefahren und mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Dann gab es noch einen weiteren Politskandal: Die «P-26» Geheimloge (Projekt 26) war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung. Sie wurde 1979/1981 als Nachfolgerin des Spezialdienstes in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) eingesetzt und 1990 nach der Bekanntmachung durch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) durch Bundesrat Moritz Leuenberger aufgelöst. Für die P-26-Mitglieder war in Friedenszeiten keine Bewaffnung vorgesehen, doch darum scherte sich der illustre Geheimbund nicht. Vorgesehen war, dass sie als Gruppe auf Befehl einer allenfalls im Ausland verbleibenden Exilregierung aktiv würden, um als Nachrichtenquelle zu dienen, ein Kampfauftrag war nicht vorgesehen, denn der war allein der Armee vorbehalten. Dennoch hortete die Untergrund-Organisation Waffen und legte grosse Munitionsdepots an.

Beruflich war ich zu Beginn der 90er Jahre mit meiner Public Relation Ausbildung und bei der PR-Agentur «Leipziger & partner» in Zumikon beschäftigt. Unser Dr. Emil S. war Chef war Oberst im Militär und ein kleiner Nazi und gehörte so betrachtet nicht zu meinen speziellen Freunden oder Vorbildern. Aber beruflich gesehen, war er ein Ass und bestens vernetzt wodurch ich viel von seinem Know-How und den Kontakten zum militärischen Kader und zu Zivilorganisationen wie «Helvetas» und dem «Europa Institut» profitierte. Bei der PR-Agentur organisierte ich u.a. das «Forum 91» und das «Colloquium Sicherheitspolitik & Medien» mit «NATO»-General Klaus Naumann, zwei hochpolitische Foren mit hochrangigen Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Medienvertretern.

Da prallten zwei Welten aufeinander: Hier der junge Freak, der Sympathie für die «Armee-Abschaffungs-Initiative» hatte und sich der Rekrutenschule entzog, dafür aber gerne Zivildienst leistete. Einer der auch mit der Anti-AKW-Bewegung sympathisierte Auf der anderen Seite das bürgerliche Establishment, die Spitze der Schweizer Armee bis hin zum Gastreferenten, «NATO»-General Klaus Naumann, der nur von drei Kantonspolizisten eskortiert herein geführt wurde. Insgeheim malte ich mir aus, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die Militärelite mit einem Schlag mit einem der 35mm Flabgeschosse aus meinem Lehrbetrieb Oerlikon Bührle hätte vernichten können.  Da habe ich gemerkt, dass man auch als Pazifist einige abgründige Szenarien in Erwägung ziehen kann, wenn man in militärischen Kategorien denkt, so wie das in Militär- und Spionagekreisen eben alltäglich und branchenüblich ist. Doch nun zurück zu einem weiteren Skandal, der die Schweiz erschütterte und perfide Geheimdienstoperationen ans Licht führte.

Die Schweiz als Apartheid-Gehilfe der Buren

Peter Regli war von 1991 bis 1999 Chef des schweizerischen Nachrichtendienstes und eine illustere, zwielichtige Geheim-dienst-Figur. Er organisierte in den frühen 1980er Jahren geheime Pilotenaustausche mit dem Apartheidregime. Laut dem ehemaligen Geheimdienstchef Südafrikas, Chris Thirion, vereinbarten die Geheimdienste der Schweiz und Südafrikas 1986 auch einen Know-how-Austausch über C-Waffen. Am 25. Januar 1988 traf der Leiter des südafrikanischen ABC-Waffen-Programmes, Wouter Basson, der später als «Doktor Tod» in die Geschichte einging, sowie Polizeigeneral Lothar Neethling mit Vertretern des «AC-Laboratoriums Spiez» in Bern zusammen. Unter dem «Project Coast» wollte der Militärarzt Basson mit B- und C-Waffen damals mögliche Aufstände der schwarzen Bevölkerung im Keim ersticken. Eine grauenhafte Vorste-llung, dass die Schweiz bei diesem teuflischen Plan im geheimen mitgewirkt hat und an der Vernichtung hätte Mitwirkende sein können.

Vor Reglis erzwungenen Rücktritt liess er 1999 sämtliche Akten über die nachrichtendienstliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Apartheidregime vernichten. 2003 reichte das (VBS) eine Strafanzeige und leitete eine Administrativuntersuchung gegen ihn ein im Zusammenhang mit den umstrittenen Kontakten des Geheimdienstes zum südafrikanischen Apartheid-Regime. Obwohl auch eine parlamentarische Untersuchungskommission diese Operation als unrechtmässig bezeichnete, wurde Regli 2007 vom Bundesrat vollständig rehabilitiert. Die Aktenvernichtungen im Geheimdienst sei im Interesse der Schweiz gewesen.

Die Rehabilitierung von Regli war umstritten, sie wurde von Hilfswerken und der politischen Linken (Sozialdemokraten, Partei der Arbeit, Grüne) mit Empörung zur Kenntnis genommen. Doch wie kam Regli überhaupt zu diesen hochrangigen ausländischen Kontakten zur «CIA», «Mossad» und zum südafrikanischen Geheimdienst? Quellen aus dem NDB»-Umfeld führen zu den geheheimen Sitzungen des «Club de Berne» teilnahm. Diese informelle Organisation wurde während des Kalten Kriegs 1971 in Bern gegründet. Sie vereinigt die Chefs aller Geheimdienste und der Bundespolizeien aus etwa zehn Ländern wie Deutschland, den USA, Grossbritannien und der Schweiz und ist auch heute noch operativ tätig. Ziel ist der regelmässige Informationsaustausch zwischen westlichen Geheimdiensten und Bundespolizeikorps über aktuelle Bedrohungen.

Aviva Guttmann, eine Historikerin am «King’s College» in London, ist eine der Forscherinnen mit Zugang zu den «Club-de-Berne»-Aufzeichnungen der 80er- und 90er-Jahren, die in ausländischen Archiven gelagert sind. Sie sagt, „dass Regli Kraft seines Amts Mitglied gewesen sein muss“. „Er verfügte stets über Wissen, das weit über seinen Dienstgrad hinausging“, sagt eine andere Quelle. Durch die Teilnahme am «Club de Berne» erhielt Regli Informationen der CIA» und des israelischen «Mossad» ein klassischer Modus Operandi für jeden Nachrichtendienstchef. Doch Regli sei dabei zu weit gegangen, «indem er das Risiko einging, die Sicherheit des Landes zu gefährden». Damit gemeint ist die Gefährdung internationalen Verpflichtungen und die Neutralität der politischen Schweiz.  Dass Regli sich autonom mit dem «CIA und «Mossad austauschen konnte, hat auch mit einer anderen Personen zu tun, die ihm den Rücken frei hielt und Türen öffnete, wie der Leiter des internen Nachrichtendiensts «DAP».

Urs von Daeniken, ebenfalls «Club-de-Berne»-Mitglied, umtriebig und ambitioniert. Von Daenikens Vorgesetzter, Peter Huber, auch ein Mitglied im Club de Berne», wurde nach der «Fichenaffäre» 1989 aufgrund von öffentlichem Druck entlassen. Alt-Bundesrat Adolf Ogi erinnert sich an diese Zeit zurück und erzählt, der Geheimdienstchef für ihn immer mehr zum „Problemdossier“ geworden sei, weil „Regli zu eng mit Personen aus der Apartheid verbandelt war, die ein chemischbiologisches Waffenprogramm aufgebaut hatten.“

Carla Del Ponte wollte Regli wegen seiner damals bekannt gewordenen Südafrika-Affäre verhaften. Doch so weit kam es nicht. Erst kam noch die Bellasi-Affäre, benannt nach dem ehemaligen Geheimdienstbuchhalter Dino Bellasi, der von Regli mit 8,9 Millionen Franken beauftragt wurde, ein geheimes Waffenarsenal aufzubauen. Als Bundesrat Ogi im November 1995 die Leitung des Militärdepartements übernahm und in sein Amt einarbeitete, hoffte er, von seinem Vorgänger, dem FDP-Bundesrat Kaspar Villiger Informationen zu erhalten. Doch Villiger liess seinen Nachfolger auflaufen. «Er gab ihm keine Informationen über die Abläufe des «SND» oder über die Amtsführung von Peter Regli. So kam es, dass Ogi bis zum 12. Februar 2020 nichts von der Kontrolle des «CIA» und «BND» über «Crypto AG» wusste, wie er selber sagt.

Regli half Wouter Basson alias «Doktor Tod» bei der Beschaffung von Mandrax

In der dunkelsten Zeit der Apartheid in Südafrika: in die 80er-Jahren organisierte Peter Regli, damals Chef der Luftwaffe, einen geheimen, Austausch von Militär-Piloten mit Südafrika. Laut Aussage des ehemaligen Chef des südafrikanischen Geheimdiensts Chris Thirion, pflegten die schweizerischen und südafrikanischen Dienste einen jahrelangen Informationsaustausch über chemische Waffen. Damals war Wouter Basson Leiter des südafrikanischen Chemiewaffenprogramms. Die südafrikanischen Medien gaben ihm den Übernamen «Doktor Tod».

Er leitete die «Operation Coast», ein streng geheimes und tödliches Programm der Apartheidregierung, das an politischen Gegnern und Schwarzafrikanern getestet werden sollte. All dies ist in einem klassifizierten Bericht von Professor Schweizer und in der Studie «Mit der Apartheidregierung gegen den Kommunismus» von Peter Hug festgehalten. Anfang 1988 trafen sich also Wouter Basson und der südafrikanische General Lothar Neethling in Bern mit Vertretern des AC-Labors Spiez. Gemäss Basson wurde das Treffen von Jürg Jacomet arrangiert. Der ominöse Waffenhändler war Reglis «Agent in Südafrika».

1991, ein Jahr nach dem Sturz des Apartheidregimes, statteten Basson und Neethling Bern einen weiteren Besuch ab, diesmal direkt im Büro von Regli. 1992 half Jacomet Basson, eine halbe Tonne «Mandrax zu beschaffen, ein extrem giftiges Lähmungsmittel. Ein Deal, der Regli fädelte. Zwei Jahre später konnte Regli im Gegenzug auf Jacomets Unterstützung beim Kauf von zwei russischen SA-18-Boden-Luft-Raketen zählen. Die «Operation Coast» wurde 1992 abgebrochen. Die parlamentarische Aufarbeitung dieser problematischen Beziehung begann viel zu spät und nur durch Medienberichte ausgelöst.

Der Bundesrat war blind auf beiden Augen und kaum informiert über die engen Verflechtungen Reglis mit Südafrika. Die Wahrheit kam Stück für Stück ans Licht. Nur ein Mitglied des Bundesrats wusste von Reglis Deals, gemäss der parlamentarischen Untersuchung von 2003, nämlich Kaspar Villiger. Professor Schweizer, der Villiger ebenfalls befragt hat, zweifelte aber an der Kooperationsbereitschaft des ehemaligen FDP-Bundesrats und sagte: „Sicher hat er mir gegenüber nicht alles gesagt“. Für den emeritierten Professor ist der Fall Regli und Südafrika nicht abgeschlossen auch wenn Reglis Beziehungen zu Südafrika offiziell abgeschlossen sind und 2007 zu seiner Rehabilitation führten. Irre, nicht? Trotz eindeutiger Kontakte, problematischer Kontakte, privater Geschäfte und mehrerer Kompetenzüberschreitungen konnte ihm keine direkte Beteiligung am «Projekt Coast» nachgewiesen werden, auch wenn Regli in Gegenwart seines Anwaltes zugegeben, hatte, dass er Wouter Basson, den Leiter des Chemiewaffenprogramms, mindestens sechs Mal getroffen und mit ihm vertrauliches besprochen habe.

Von den verbrecherischen Forschungen dieses Arztes hatte er also Kenntnis, sagt Schweizer. Aber diese gut dokumentierten Befunde blieben für Regli bisher folgenlos. Das lag vor allem daran, dass Regli sämtliche Akten und Memos über seine Besuche im September 1999 vernichtet hatte. Wenige Monate bevor er vom Bundesrat wegen der laufenden Untersuchung in Frühpension gedrängt wurde, wird Regli ins Armeearchiv versetzt. Dort nutzte er die Gelegenheit, alle Dokumente im Zusammenhang mit seinen Aktivitäten in Südafrika zu vernichten.

Er berief sich dabei ironischerweise auf den Datenschutz, seine Persönlichkeitsrechte und den «Fichenskandal» der damaligen Bundespolizei. Die Aktenvernichtung sei in den 70er- bis 90er-Jahren eine typische schweizerische Eigenheit gewesen, sagt Geheimdienst-historiker. Vor allem zu den Kooperationen mit ausländischen Intelligence Services seien Dokumente geschreddert worden, sofern überhaupt etwas schriftlich festgehalten worden sei. „Die Geheimdienste in den USA, Deutschland und England haben das nicht in diesem Ausmass gemacht.“

Zu den «Cryptoleaks». «SRF-Rundschau», «ZDF» und die «Washington Post» hatten gezeigt, dass die Zuger Exportfirma Crypto AG im Dienste des amerikanischen und deutschen Geheimdiensts über lange Jahre hinweg manipulierte Verschlüsselungsgeräte verkauft hatte. Die «Crypto AG» ist nur die Spitze des Eisbergs. Der gesamte Schweizer Nachrichtendienst war in den 1990er-Jahren geprägt von Dünkel, Intrigen und informellen Beziehungen zu westlichen und illusteren Geheimdiensten. Es gab einen kleinen Zirkel von Insidern an der Spitze, der unbeaufsichtigt von Bundesrat und Parlament den persönlichen Austausch mit amerikanischen, südafrikanischen oder israelischen Spionen pflegte.

Dank des 280-seitigen Dokuments namens «Minerva» wurde beweisen, dass der «BND» und die «CIA» zwischen1970 und 1993 ein Geheimbündnis hatten, um rund 100 Staaten auszuspionieren. Auch das Verfahren gegen die «Crypto AG» musste ergebnislos eingestellt werden. In den Medien sind diverse Namen aus dem bürgerlichen Lager aufgetaucht. Der geheime CIA-Bericht «Minerva» nannte als Mitwisser beispielsweise den Zuger FDP-Parlamentarier Georg Stucky, ein Mitglied des Verwaltungsrats von «Crypto AG» und Alt-Bundesrat Kaspar Villiger.

Die Affäre Bühler der 1992 beim Verkauf von Verschlüsselungsgeräten an das iranische Verteidigungsministerium ver-haftet wurde. Der Aussendienst-Mitarbeiter wurde der Spionage verdächtigt und sass neun Monate lang in einem iranischen Gefängnis. Der Fall Bühler zwang die Bundesanwaltschaft, eine Untersuchung zur «Crypto AG» durchzuführen. Diese kam fälschlicherweise zum Schluss, dass es keine Manipulation an Geräten gab. Mehrere Quellen aus dem «NDB»-Umfeld bezeugen aber, wie eng der Ex-Chef des Strategischen Nachrichtendiensts mit den Amerikanern zusammenarbeitete. Sie nannten ihn «den Souffleur» mit engem Draht zum damaligen «CIA»-Direktor William H. Webster, dem israelischen Geheimdienst «Mossad» oder dem südafrikanischen Geheimdienst – alles Protagonisten aus dem «Club de Berne».

Der militärisch ausgerichtete Nachrichtendienst «SND» punktete mit dem Satellitenabhörsystem «Onyx» in Leuk, Zimmerwald und Heimenschwand. Damit gelang es der Schweiz uneingeschränkt alle Datenübertragungen via Fax, E-Mail oder Telefon nach Suchkriterien abzuhören. Zudem gab es den Dienst für Analyse und Prävention (DAP). Dieser wurde nach der Fichenaffäre 1989 gegründet und war beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement angesiedelt.

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Namibia: EZA, HIV-Schule Oa Hera und im Reich der Geparde

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Das Pendel schlägt zurück» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund, prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend Eine gelungene Mischung aus gehobener Reiseliteratur, globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten und persönlichen Essays – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Der Autor publizierte Hunderte von Reportagen in deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen

Interteam/NAcobta: Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Namibia

«Oa Hera» HIV-Waisenkinder Chor in Maltahöhe

Durch die vielen Reisen und Konflikterfahrungen in zahlreichen Ländern wollte ich schliesslich in die Entwicklungszusammenarbeit («EZA») einsteigen und via «Interteam» (einer Schweizer Hilfsorganisation) nach Namibia fliegen um vor Ort ab 2011 stationär drei Jahre im Bereich Tourismus und Entwicklungszusam-menarbeit zu arbeiten. Konkret ging es um ein Projekt mit der lokalen halb-staatlichen Organisation «NACOBTA», welche die Ureinwohner ökologisch und nachhaltiger in die Tourismuswirtschaft integrieren wollten, um die indigenen Stämme an der Entwicklung teilhaben zu lassen. Leider kürzten kurz vor dem Einsatz ein paar ausländische Hilfsorganisationen ihr Budget für «NACOBTA» und so wurde der «EZA»-Einsatz in Namibia gestrichen. Dennoch wurde ich durch das «Interteam/NACOBTA»-Assessment neugierig auf das südwestafrikanische Land mit deutscher Kolonialvergangenheit und beschloss trotzdem hin zu reisen.

Ich verabredete mich erst mit dem lokalen «Interteam» Repräsentanten, um mir die Arbeit vor Ort und die Herausforderungen anzuschauen. Das erste was ich lernte ist, helfen ist nichts für Abenteurer, wie es in den 70er und 80er Jahren war, als scharenweise Personen in alle Welt aufbrachen und sich mit lokalen Bevölkerungsgruppen oder Befreiungsbewegungen solidarisierten. Besserwisser und Weltverbesserer sind bei dieser Arbeit fehl am Platz. Die Freiwilligenarbeit hat sich sehr professionalisiert, sagt, Martin Schreiber, der damalige Geschäftsführer von «Unite», des Dachverbandes der Entwicklungspolitischen Organisationen. Heute verfügen fast 80 Prozent der vor Ort tätigen über einen Hochschulabschluss, zudem gibt es Umweltexperten, Telekommunikations-spezialisten, Management-Coaches, Ernährungsberaterinnen und Sozialfachleute.

Während des einjährigen Assessment muss die Kandidatin oder der Kandidat nicht nur seinen Durchhaltewillen und seine Motivationsgründe reflektieren sondern er wird auch mit komplett anderen Wertvorstellungen, und Religionen konfrontiert. Auch gäbe es viele Hürden zu überwinden, wie Unzuverlässigkeit von Menschen, Technik und Kommunikation sowie die soziokulturellen Unterschiede. Schliesslich sei jede Person, die zum Einsatz kommt, Teil eines Ganzen, das sich laufend den Erfordernissen anpasst und mit den lokalen Partnern im beratenden Austausch steht, welche Strategien entwickelt werden. Der Erfolg des Einzelnen ist der Erfolg aller. Nach dieser Einführung traf ich mich mit Vertretern von «NACOBTA» in Windhoek und beschloss danach einem Spital in Rehoboth, dass von Schweizern finanziert wurde, einen Besuch abzustatten, bevor ich quer durch das riesige, menschenleere Land fuhr und die geschützten Wildlife-Reservate besuchte. Ich legte auch in Namibia gut 5000 Kilometer mit dem Auto zurück aber relativ wenig Off-Road, vom Caprivi-Streifen im Norden, der bis zum Vierländereck Botswana, Südafrika, Zimbabwe bei den Victoriafällen führt und vom Norden bis zum Fishriver-Canyon runter, dem zweittiefsten der Welt im Süden des Landes. Da war zunächst einmal der Etosha Nationalpark mit seinem fantastischen Tierreichtum, der sogar das Okavango Delta übertraf, was Giraffen, Antilopen und Zebras betraf.

Oa Hera HIV Kinderprojekt in Maltahöhe

Im Süden des Landes in Maltahöhe war die HIV-Sterblichkeit besonders hoch und es gab zu dieser Zeit beinahe 40 Prozent Waisenkinder, die in den 90er Jahren entweder einen oder auch beide Eltern verloren haben. Und so gibt es auch eine HIV-Waisenschule in Maltahöhe, wo die Armut und Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Es war ergreifend dem «Oa Hera»-Kinderchor zuzuhören, der von dem Backpacker-Camp unterstützt wird. Die hellen, ergreifenden Engelsstimmen der Waisenkinder haben mich genauso beeindruckt, wie der Fantasie-Reichtum und die Kreativität in der Schule bei Gestaltungsmitteln oder Kinderspielzeugen. Und wenn man bedenkt, welche Gefahren auf die Schulkinder bei ihren beträchtlich langen Anmärschen in dieser unwirtlichen Gegend drohen, erstaunt die Gelassenheit und Fröhlichkeit, der Kinder angesichts ihres schweren Schicksals.

Auch die «Cheetah Foundation» (CFF) in Ojjowaringo ist ein beeindruckendes Wildlife-Projekt mit einmaligen Erlebnissen. Zwar sah ich diese edlen, eleganten Tiere schon zum zweiten Mal in freier Wildnis, dafür aber auch gleich beim Jagen, als ein paar arme Kaninchen den Geparden als Frühstückshoppen zum Frass übergeben wurden. Die Populationsstudie des CCF für den namibischen Geparden läuft seit 1990, wobei bis heute über 750 Gewebeproben und 1000 Kotproben gesammelt wurden.

Diese Proben ermöglichen die Erforschung der namibischen Gepardenpopulationen über einen Zeitraum von 30 Jahren. Die Populationsüberwachung innerhalb des 50.000 Hektar großen Wildschutzgebiets wird durch die Kombination mit genetischen Analysen über Mikrosatellitenmarker ermöglicht. Das erlaubt den CCF-Forschern und Wildhütern die einzelnen Geparden sowohl anhand von visuellen als auch genetischen Merkmalen zu identifizieren. Im Rahmen dieser Studie promovierte Dr. Marker an der Universität Oxford, für die 322 Proben aus 7 nordzentralen namibischen Regionen genetisch untersucht und nach Herkunft verglichen wurden.

Um den illegalen Handel mit Wildtieren zu bekämpfen, hat CCF in Zusammenarbeit mit den Wildtierbehörden von Somaliland ein sicheres Haus in Somaliland eröffnet, das für Gepardenjunge gebaut wurde, die aus dem Heimtierhandel geborgen wurden. Allein im Jahr 2019 erhielt das Genetiklabor 146 Proben von 53 Personen. CCF erhielt auch Proben von verschiedenen Veterinär- und Zuchteinrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bis heute wurden 97 extrahiert und genotypisiert, um die Herkunft der Tiere zu ermitteln. Neben der genetischen Arbeit initiierte CCF eine Samenbank für die VAE und veranstaltete mehrere Workshops zur Sammlung und zum lebensfähigen Einfrieren von Spermien von erwachsenen männlichen Geparden, um die genetische Vielfalt der Ursprungspopulationen zu erhalten.

Eine zentrale Herausforderung in den ländlichen Gebieten Namibias ist der Aufbau von Kapazitäten zur Bewältigung des Konflikts zwischen Mensch und Wildtier. CCF hat mehrere Landschaften in Zentral-Nord- und Zentral-Ost-Namibia identifiziert, die einen dringenden Fokus auf wissenschaftsbasierte Lösungen zur Eindämmung des Konflikts menschlicher Wildtiere (HWC) benötigen.

Zu den wichtigsten Schwerpunktregionen gehören die Greater Waterberg Landscape, die Gobabis-Landschaft und weite Teile des Gemeindelandes im östlichen Namibias Kalahari-Ökosystem. In Namibia leben 80 Prozent der Wildtiere außerhalb von Schutzgebieten, aber in einigen Gebieten wie den östlichen Kommunalgebieten gefährdet das Fehlen von Wildtieren Arten wie Wildhunde, Geparden und Leoparden, die Nutztiere erbeuten. Eine der größten Herausforderungen in diesen ländlichen Gebieten ist die Bewältigung des Konflikts zwischen Mensch und Fleischfresser. Geparden und andere Raubtiere, darunter Leoparden, Afrikanische Wildhunde, Braune Hyänen und Schakale, leben in großen Revieren auf Viehzuchtflächen.

Um die Situation umzukehren, ist eine forschungsbasierte Lösung erforderlich, die die Community einbezieht. Zu diesem Zweck hat B2Gold, ein kanadisches Goldbergbauunternehmen mit Präsenz in Namibia, 50.000 US-Dollar zur Unterstützung von Naturschutzforschung und Outreach-Programmen für Gemeinden bereitgestellt, die mit Fleischfressern leben. Mit Unterstützung von B2Gold hat CCF ein umfangreiches Forschungsprojekt entwickelt, um die wichtigsten Strategien und Ansätze zur Reduzierung von Mensch-Fleisch-Konflikten zu bewerten. Die Forschung wird in die Erhaltungsmassnahmen einfließen, die darauf abzielen, das Weideland-, Vieh- und Wildtier-management zu verbessern, den Verlust von Vieh auf offenem Ackerland zu reduzieren und den Lebensraum wiederherzustellen.

Das CCF beherbergt eine in Afrika einzigartige Forschungseinrichtung von Weltrang. Das Life Technologies Conservation Genetics Laboratory ist das einzige voll ausgestattete Genetiklabor vor Ort in einer Naturschutzeinrichtung in Afrika. Von dieser Einrichtung aus arbeitet CCF mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zusammen. Die Forschung kommt nicht nur dem Gepard und seinem Ökosystem zugute, sondern auch anderen Großkatzen und Raubtieren. Dabei helfen auch ausgebildete Hunde zur Erkennung des Kot. Die Kothunde verwenden verschiedene Signale an ihren Hundeführer, um anzuzeigen, welche Art von Tierkot vorhanden ist. Sobald die Probe entnommen wurde, wird sie ins Labor gebracht. DNA wird extrahiert, um einzelne Geparden zu identifizieren und die Populationsstrukturen von Geparden und anderen Fleischfressern zu verstehen.

Später weiter unten im Süden beim Fish River Canyon und den Giants Playground fuhren wir mit einem Farmer auf seiner riesigen Farm herum und begegneten dort zwei prächtigen Geparden in der Wildnis, denen wir uns zu Fuss näherten und uns gegenseitig beschnuppern konnten, denn sie schlichen auf ihren Samtpfosten langsam und geschmeidig auf uns zu und hatten sich offensichtlich an Menschen gewöhnt und kannten keine Scheu. Dennoch verhielten sich nicht wie zahme Hauskatzen. Der hautnahe Kontakt mit den gefährlichen Schmusekatzen endete für mich mit Glücksgefühlen, da ich unter der Schnauze des Tieres lag und von dort Nahaufnahmen machte. Das kribbelnde Gefühl unter einer Wildkatze sozusagen als ihr Beutetier zu liegen, nur die Kamera schützend vor mein Gesicht haltend, war schon ein Adrenalin-schub erster Güte.

Auszug aus dem Buch «Das Pendel schlägt zurück» des Zürcher Fotojournalisten Gerd M. Müller

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Hilfsprojekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich erheblich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich sehr. Falls Sie einen Beitrag spenden wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Empfänger/innen.

Die Jugendunruhen zu Beginn der wilden der 80er

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Das Pendel schlägt zurück» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62), reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur, spannendem Politthriller, gespickt mit abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

1980 war das Jahr, das die biedere Gesellschaft in der Schweiz aufrütteln sollte und im Lauf der 80-Jahre umpflügen würde. Im Mai desselben Jahres begannen die «Zürcher Jugendunruhen». Auslöser dafür war die Unzufriedenheit der Jugend mit den für Junge zur Verfügung stehenden Freiräumen. Das manifestierte sich am augenfälligen Beispiel der bevorstehenden Abstimmung über einen Subventionsbeitrag von 60 Mio. Franken an das Opernhaus und im Gegenzug keine 10‘000 Franken für die «Rote Fabrik», damals das einzige Jugendkulturzentrum der Stadt Zürich.

Zu jener Zeit gab es die Sperrstunde für alle um Mitternacht. Eine halbe Stunde später mussten alle brav zu Hause sein. Der Freizeitspass und weitere kulturelle Angebote hielten sich in engen Grenzen. Freiräume für pupertierende Jugendliche gab es überhaupt keine. Einzig ein oder zwei Freizeitzentren, die auf Sport fokussiert waren. TV, Radio, Nightlife, Internet, Streaming komplett tote Hose. Gute Musik oder Filme absolut rar. Dann kamen Videotheken auf und der «Walkmen» verändert die Musikwelt. Aber ohne Handy, Labtop, PC, Social Media und Co. war das Leben so trist wie bei den Corona Lockdowns einfach ohne Internet, digitale Medien und Smartphones. Kein Wunder, dass es in der jugendlichen Szene schon länger brodelte. Und plötzlich entlud sich das Pulverfass, das die Gesellschaft nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa erschütterte. Nach den 68ern kam die nächste anarchistische Jugendrevolte.

In der Schweiz war es grau und trist in jeder Hinsicht. Die Bevölkerung verharrte in ihrem biederen, konservativen Korsett. Die Tristesse war weit verbreitet in Europa. Der «Kalte Krieg», die Mauer und die Bedrohung durch die Kommunisten, der Vietnamkrieg, der immer brutaler und grotesker wurde. Erst die flächendeckenden Napalm-Bombardements auf die Zivilbevölkerung. Die «Clockwork Orange» Entlaubungsaktionen, die grauenhaften Bilder von brennenden Menschen und Kindern, all die verstümmelten Toten und die Gefangenenlager.

Das Perverseste an diesem Vernichtungskrieg war, dass er jahrzehntelang nicht vom Kongress abgesegnet war, sondern von der «CIA» finanziert war. Und  wie hat die «CIA» die Kriegskosten bezahlt? Indem sie im Goldenen Dreieck das Opium tonnenweise in die leeren Bombenflugzeuge verfrachtete und nach Mexico brachte, wo das Opium zu Heroin verarbeitet wurde. So hat sich Amerika die Heroinflut vor die Haustüre gebracht und den Mexikanern die Drogenkartelle beschert. Bei dieser kafkaesken Operation ist der CIA definitv das «I» komplett abhanden gekommen.

Durch den «Kalten Krieg» kam die atomare Bedrohung hinzu und nicht zuletzt die Gefahr von den Atommeilern selbst. Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden. Im Zuge dieser irrwitzigen Absicht, ist es in der Schweiz im Januar 1969 zu einem Reaktorunfall in Lucens im Kanton Waadt gab. Und später haben die Gebrüder Tinner bewiesen, dass man das Know How auch exportieren kann. Die Schweiz hat nicht nur Pakistan sondern auch Südafrika mit Atom-Know-how versorgt.

Beim Versagen des Kühlsystems eines experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt gab es im Reaktor eine partielle Kernschmelze. Im Mai wurde der Reaktor in Betrieb genommen, aber bald bis wieder abgeschaltet. Während dieses Stillstandes lief Wasser über eine defekte Gebläse-Dichtung in den Kühlkreis des Reaktors. Die aus Magnesium bestehenden Brennstab-Umhüllungsrohre korrodierten. Als der Reaktor im Januar 1969 wieder in Betrieb genommen wurde, behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung. Der Brennstoff überhitzte, die Brennstäbe schmolzen und gerieten in Brand. Das brachte den Moderatortank zum Bersten. Dabei wurden 1100 kg Schweres Wasser geschmolzenes radioaktives Material und Kohlendioxid (Kühlmittel) in die Reaktorkaverne geschleudert.

Doch zurück nach Zürich zur hiesigen Lage: Schon im Vorfeld der Abstimmung für den Opernhauskredit am «Allmendfest», dem jährlich stattfindenden, dreitägigen Pfingstfest in der Allmend mit den ersten Open Air Konzerten, wurden Flyer für eine Demo verteilt und Jugendzentren gefordert. An diesem warmen und wunderschönen Pfingst-Wochenende wurde für mich die Bedeutung der Hippi-Bewegung so richtig vor Augen geführt. Natürlich kifften fast alle auf dem Gelände. Einige hatten auch einen LSD-Trip intus und die Stimmung war grandios. Die Musik war rockig, punkig und auf Rebellion getrimmt. Schliesslich brodelte es schon seit den 68er in der Subkultur unter den Jugendlichen. Da kam dieser Power-Sound gerade zur rechten Zeit.

Zufällig fuhr ich am Samstag-Nachmittag des 30. Mai 1980 mit dem Tram beim Zürcher Opernhaus vorbei, exakt in dem Moment, als Hundertschaften von Polizisten aus dem von Demonstranten blockierten Opernhaus-Eingang herausquollen und auf die am Boden liegenden Personen (die sogenannten «Kulturleichen») einschlugen. Sie traten auf Frauen und Männer gleichermassen ein. Diese brutalen Szenen verschlugen mir und auch anderen Passanten den Atem und liessen meinen Bauch explodieren. Sogleich stieg ich aus dem Tram, da brannten schon die ersten Container und die Scharmützel mit der Polizei begannen.

Als die Polizisten gleich mit aller Härte vorgingen und mit Tränengas und Gummigeschossen um sich schossen, als auch Wasserwerfer einsetzten, eskalierte die Situation innert wenigen Stunden, da sich an diesem frühen Samstagabend viele Jugendliche infolge des Bob Marley Konzert im Hallenstadion befanden und dann in die Innenstadat strömten. Viele nahmen spontan an den Protesten, die sich schon zu veritablen Strassenschlachten ausgeweitet hatten, teil. Von da an hatte die Polizei für drei, vier Tage nichts mehr unter Kontrolle und die Strassenkämpfe entluden sich mit voller Wucht.

Der Kantonspolizeiposten am Limmatquai wurde umzingelt, zwei der Polizei-Fahrzeuge brannten völlig aus. Auch der Eingang zum Rathaus sah übel aus. Die Stadtluft im Niederdorf war geschwängert mit beissenden Tränengasrauchschwaden, dichter, als London im November-Nebel. Das Ausmass der Zerstörung war ebenso unglaublich, wie die Ohnmacht der Sicherheitskräfte, als sich der jahrelang aufgestaute Frust der Jugendlichen und Alt-68er in blanke Wut verwandelte, angestachelt durch die Gewalt der Ordnungskräfte beim friedlichen Opernhaus-Protest, mit dem die Demonstranten den Opernhausbesucher die einseitige Subventionspolitik aufzeigen wollten.

Der ersten Krawallnacht folgten einige weitere Schlachten im Lauf dieses Jahres, in der sich die «Bewegig» der Autonomen jeweils Mittwoch‘s in den Volksversammlungen («VV‘s») im Volkshaus oder auch Mal auf dem Platzspitz formierte. Fast jeden Samstag waren Demonstrationen angesagt. Regelmässig verbarrikadierten die Geschäfte im Niederdorf um 14.00 Uhr ihre Schaufenster mit Brettern, weil die Proteste weiterhin an Fahrt aufnahmen und sich bis hin zu Grossdemonstrationen mit fast 20‘000 Personen formierten. Die Forderung der Jungend war schlicht und einfach: „Ein Autonomes Jugendzentrum!“, ein «AJZ» muss her! Und zwar „subito!“

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden. (Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren schlugen die Wogen bis zum Hudson River und wurden auch von der «New York Times» aufgegriffen. Die beiden vom Fernsehen eingeladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, im Gespräch mit Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten mit ihrer Persiflage die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen jene «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Ansonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Zuerst war ich auch verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Die überschäumende Kreativität der «Bewegig» und ihrer Aktivisten und Aktivistinnen gipfelte in einem weiteren Medien-Coup. Als der Tagesschausprecher Leon Huber 3. Mai 1981 die Nachrichten verlass, hielten ihm plötzlich zwei maskierte Männer das Schild «Freedom für Giorgio Bellini» (ein anarchistischer Tessiner Buchhändler, der Sprengstoffanschläge auf AKWs verübte und zuletzt einen Strommasten in die Luft sprengte, weil er mit einer Gruppe militanter Autonomer gegen die Atomkraftwerke war) vor die Brust und in die Kamera und verschwanden unerkannt. „Wir haben uns köstlich amüsiert über diese unverfrorene und medial spektakuläre Aktion“. Aber Bellini hat es nichts genützt. Er wurde verurteilt und inhaftiert.

Erst zu ein paar Details, wie die spektakuläre TV-Aktion ablief: Insgesamt drangen fünf Personen, zwei Frauen und drei Männer beteiligt, die als PolizistInnen verkleidet das Fernsehstudio betraten unter dem Vorwand eine Drogenrazzia zu machen, was damals offenbar beim Schweizer Fernsehen kein Stirnrunzeln oder einen Verdacht hervor rief. Zwei Personen drangen in den Regieraum ein und sorgten dort für Ablenkung und ein wenig Chaos. Zeitgleich drangen zwei weitere Personen in die Sprecherkabine ein und hielten Leon Huber das Schild vor die Nase in die Kamera der Hauptausgabe. Es kommt aber noch besser: Als die beiden Chaoten aus dem Regieraum angehalten und der Polizei übergeben werden sollten, holten die KollegInnen von der Sprecherkabine die beiden ab und sagten, sie nähmen sie gleich mit. So kamen alle fünf unerkannt davon. Zurück zu Giorgio Bellini, der in Zürich einen revolutionären Buchladen an der Engelstrasse betrieb.

Als das Schweizer Stimmvolk am 18. Februar 1979 die Atomschutzinitative mit einem knappen Anteil von 51,2 Prozent ablehnte machte sich eine kleine Gruppe von militanten AKW-Gegnern auf den Weg ins Fricktal. Die Gruppe „Do it yourself“ hatte acht Kilo Sprengstoff im VW-Bus und sprengte damit den Informations-Pavillion beim geplanten KKW Kaiseraugst in die Luft. Personen kamen keine zu Schaden, doch über den materiellen Schaden hinaus, entzündeten die AktivistInnen eine harsche politische Debatte, denn Sprengstoffanschläge haben in der Schweiz zum Glück Seltenheitswert. Nach dem Sprengstoffanschlag in Kaiseraugst folgten weitere Anschläge auf die AKWs Leibstadt und Gösgen.

Auf die Frage, wie die Gruppe an den Sprengstoff heran kam, sagte Bellini, dass dieser in der Landwirtschaft und auf dem Bau verfügbar war und zu seiner Zeit sowas wie das Spielzeug für „die dem Kindesalter entwachsenen war“. In der Tat kann ich das bestätigen und hinzu fügen, dass wir als Kinder auch mit Armee-Pistolen und anderen Waffen gespielt haben und schon als 14 jährige auf grösseren Motorrädern ohne Helm Jumps in der Kiesgruber übten. Das was damals alles nichts aussergewöhnliches. Natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Doch welch eine grossartige Freiheit unter vielen weiteren. Kein Vergleich zur heutigen Schisskultur und Risikoarmut. Doch gingen die AktivistInnen sehr professionell vor und lernten vom Klassenfeind und seinen Institutionen.

So wurde das berühmte Guerillia-Handbuch eines schweizer Geheimdienst-Offiziers «Der totale Widerstand – Kriegsanleitung für jedermann» zur Hilfe genommen und bei der Spurentilgung half die Fachzeitschrift «Kriminalistik» den militanten AKW-Gegnern weiter. Dann gab es auch noch den zum «Bündner Okoterroristen»abgestempelten Marco Camenisch, der 1979 ebenfalls zwei Sprengstoffanschläge auf Strommasten verübte und zu zehn Jahren Zuchthaus verbannt wurde. Die beiden waren aber nicht die einzigen radikalen AKW-Gegner. Einer ging noch weiter, Chaim Nissim, der später für die Grünen im Genfer Kantonsparlament sass griff mit einem Raketenwerfer sowjetischer Bauart, Typ RPG-7 1982 den Reaktor Creys-Malville im französischen Rhonetal an.

Dann gab es noch die Nacktdemos, auch dies ein bisher Undenkbares Ereignis im spiessigen Zürich, einer Stadt, die an Prüderie kaum zu überbieten war, ein Zürich mit einer Sperrstunde ab Mitternacht und einem ganz konservativen kulturellen und musikalischen Korsett. Für Jugendliche und ihre Musik gab es keine Orte, an denen sie sich ohne Konsumationszwang hätten treffen können. Dabei brodelte es schon seit 1968 unter der Betondecke, dieser selbstgefälligen Stadt.

Am 15. Juli 1980 sollte in der Sendung «CH-Magazin» einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens stattfinden und das Gesprächsthema Nr. 1 des Landes debattiert werden.  Die Zürcher Jugendunruhen, die mit solcher Heftigkeit über das biedere Land hereingebrochen waren und deren Wogen bis zum Hudson River schwappten und von der «New York Times» aufgegriffen wurden. Die beiden geladenen Vertreter/innen der Jugendbewegung, Herr und Frau Müller, liessen den beiden Stadtvertreter/innen, Stadträtin Emillie Lieberherr und dem Polizeikommandanten die Hosen runter.

Die Protagonisten der Jugendbewegung, „Herr und Frau Müller“, kehrten den Spiess nämlich um und präsentierten sich als stock konservatives Paar, dass die Politik geradezu unverschämt dazu aufforderte, mit aller Härte gegen die «Krawallanten» vorzugehen. Zur Option stünden viel grössere und härtere Geschosse z.B. aus Nord-Irland. Auch der Einsatz von Napalm müsse diskutiert werden. Amsonsten wäre es auch mit einem «Ticket nach Moskau“ ohne Rückfahrkarte getan. Auch ich war zuerst verblüfft und konsterniert, traute meinen Ohren nicht, verstand dann aber rasch die Persiflage und die Pointe des kafkaesken Auftritts, der Schweizweit für Entrüstung und Schlagzeilen sorgte. „Châpeau, fein gemacht, compatriots!“

Legal? Illegal? Scheissegal, so waren wir drauf

Als dann nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Automes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für die gebeutelten Stadtindianer/innen. Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde damals „subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt. Überdies wurde ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippi-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und das waren viele.

Zugegeben, nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos skandiert wurden. Das war damals schon „Landesverrat“ und so wir wurden auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Sympatisanten hingestellt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Und dann kam es auch zu vielen Verstössen und Gewaltexzessen seitens der Polizei.

Einer meiner Freunde verlor ein Auge durch ein Gummigeschoss. Meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum und ihr Gesicht war arg zerschrammt. Auch ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt.

Einige weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war. «Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints und Bongs und die Polizei kam nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuanna «Duftsäckli-Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süsse Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. Nie war die Freiheit lebendiger und grösser, als in den 80er Jahren, einer Zeit, die ich als «Zenit des letzten und dieses Jahrtausends» bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Schwangerschaftsverhütung verschaffte, voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form von Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia». Was darf es denn sein?

Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonimus war unser Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare noch nicht einmal zusammen leben durften. So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen «One Night» Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten. mit dir das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszuprobieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirerende Zeit.

Kurz gesagt: Die Frauen waren für uns Lichtgestalten. Sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „One man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und ich lief öfters mal mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemaltem Gesicht und flatterndem Haar durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Drahtschmidli» oder ins «AJZ». Einer der vielen Stadtindianer eben.

Diese ungehemmte Lust an der Befreiung von allen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ-Zeiten aber noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus «Poona» zurück und waren entweder total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, als auch das Stadtbild und zugleich die politische Weltanschauung.

Es war die Zeit der «Rolling Stones», der «Doors», «Deep Purple», von Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Es war die Zeit der «Punks», der Rebellion, der freien Entfaltung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück.

Sex, Drugs oder «Amore et Anarchia»

Als Mitte der 1970er eine Punkszene in New York und folgend in London entstand, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Schnell entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk- und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» mit und der «Club Hey» mit den ersten Punk-Discos.

Im Umfeld verschiedener autonomer Netzwerke wie der Reithalle in Bern oder bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. So findet man zum Beispiel auch in Winterthur politisierte Punks., die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld in der Schweiz verstehen.

Mit dem Piratensender «Radio 24“ von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medienlandschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «M-TV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos und revolutionierte nicht nur die Musikwelt sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen, die nicht zuletzt auch durch die musikalischen Protagonisten unserer Zeit zu denen nebst den «Rolling Stones», «Queens»,, David Bowie Janis Joplin und Jimi Hendrix oder «The Scorpions» auch massgeblich auch durch die «Punk-Bands» angefacht wurde. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den unglaublichen Liberalisierungsschub lieferten. So ausgeflippt und trendy hat man die Stadt Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen.

Jährlich starben Hunderte an Heroin

Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Andersdenkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig. Es war die Zeit der Paradiesvögel und der Anarchisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu.

Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen gnadenlosen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern.

In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch». Die Situation verbesserte sich erst, als die Methadon-Abgabe eingeführt wurde und die Fixer und Drogentoten von den Zürcher Strasse verschwanden und sich in den Kontakt- und Methadonabgabestellen wieder trafen.

Ich bin damals mit 17 Jahren aus der Elternwohnung aus- und in eine Wohngemeinschaft (WG) an der Forchstrasse gezogen, in der Rico Bilger und Tommy Müller, zwei Literaten wohnten und die Kulturzeitschrift «Babayga» herausgaben, die in der Spinnerei Wettingen von Kaspar Pfenninger gedruckt wurde. Ein weiterer Wohngenosse arbeitete im grössen Plattenladen von Zürich und er hatte über 900 LPs (Schallplatten) in die WG verfrachtet. Dadurch eröffnete sich so ein musikalisches Universum für uns alle und wir schwebten im Siebten Himmel.

Von da an ging die Post ab. Wir alle waren „subversive“ Elemente in den Augen der Obrigkeit. „Also lieber subversiv, als konservativ“, sagten wir uns gelassen. Unverheiratete Paare durften damals noch nicht zusammen leben. Da uns das offensichtlich „Wurscht“ war, sah die Polizei öfters mal ungebeten in der WG rein. Da sich dort in der untersten 5-Zimmer Wohnung zumeist Tag und Nacht 10-15 Leute aufhielten, waren die Zweier-Patrouillen leicht überfordert und zogen unter Hundegebell und Beifall rasch wieder ab. Umso mehr wurden wir dafür bespitzelt, da hier auch viele «AJZ»-Aktivistinnen und Aktivisten ein und aus gingen.

Doch anstatt «aus dem Staat Gurkensalat“ zu machen, explodierte das Kreativpotential in der Gastronomie, Clubszene und in der Medienlandschaft. Schliesslich ging uns ja nicht um die eine Konterrevolution und Abschaffung der Demokratie oder der Etablierung einer Anarchie anstelle von Parlament und Bundesrat, sondern schlicht um mehr Freiheit in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, bei der Sexualität, beim Drogenkonsum und dem Nachtleben. So wurden die Bewegten medial sehr kreativ, gaben Strassenzeitungen heraus, druckten Flyer und Poster, hängten sie auch auf (Wildplakatierung) und probierten allerlei auch Mist aus. Zürich entwickelte sich von einem Provinznest zur Weltstadt und führte zu einem der bedeutendsten, gesellschaftspolitischen und kulturellen Wandel der letzten 50 Jahre in der Schweiz.

Sobald das «AJZ» beim heutigen Carparkplatz aufging, machten wir uns daran, das alte Fabrikareal und Gebäude umzubauen und einzurichten. Es wurden allerlei Gruppen gebildet: Handwerkergruppen,  die «Beizengruppe», die «Frauengruppe», die «Drogengruppe» und die «Kurvengruppe», also für Jugendliche, die von zu Hause ausgebüxt und polizeilich ausgeschrieben waren. Zwei meiner Freunde, die Rimoldi-Brüder, waren in der «Beizengruppe», meine Freundin Michele in der «Kurvengruppe» und ich bei der „Drogengruppe“.

Es war eine rauhe, aber herrliche Zeit, eine grandiose Aufbruchstimmung. Das «AJZ» war in der Tat sehr autonom und wir  alle eine grosse bunte Familie von kreativen Individualisten, Alchemisten, Anarchisten und Überlebenskünstler. Die Heroinschwemme führte auch zu sehr jungen Toten. Die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt. Das war «too much». Die unmenschliche Misere dauerte so lange, bis das Methadon-Programm auch infolge von HIV-Infektionen zum Zug kam und Dr. Uchtenhagen die Junkies von der Gasse holte und sie nun endlich menschlich betreut wurden.

Einer der Höhepunkte zu dieser Zeit war das spontane Konzert von Jimmy Cliff auf dem Carparkplatz. Er kam eines Morgens ins «AJZ» mit seiner Entourage und war begeistert von der Zürcher Jugend Bewegung und dem «AJZ». Und zwar so sehr, dass er sich zu einem spontanen Konzert hinreissen liess und wir in Windeseile versuchten eine Bühne zu bauen und die Installationen für die Musikanlage und die Lautsprecher vorzunehmen.

Radio 24, Schawinskis Piratensender auf dem Piz Gropero erfuhr davon und so sprach sich das Spontankonzert schnell in der ganzen Stadt rum. Ab 16.00 Uhr strömten immer mehr Jugendliche zum AJZ und brachten den Tram und Strassenverkehr am Sihlquai zum Erliegen. Auf dem Platz fanden sich an die 3000 Personen zusammen, die frenetisch und voll berauscht mit Jimmy Cliff in Ekstase gerieten. „Unforgetable times, indeed – prägend für viele meiner Generation.

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

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Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Vorgänge in Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund, prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend Eine gelungene Mischung aus gehobener Reiseliteratur, globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten und persönlichen Essays – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Der Autor publizierte Hunderte von Reportagen in deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen.

2003 wurde ich für drei Monate als Resident Manager für ein Schweizer Reiseunternehmen in Fortalezza im Nordosten Brasilien stationiert und hatte dort eine verdammt gute Zeit. Wenig Gäste, also keinen Stress, ein Hotelzimmer direkt an der Beira Mar (das ist wie in Rio an der Copacabana) und ein gutes Fahrzeug, mit dem ich bis nach Jericoacoara zu den fantastischen Sanddünen oder in den Süden bis nach Moro Branco fahren konnte. Das brasilianische Lebensgefühl hat mich schon auf früheren Reisen sehr angezogen. Zuvor war ich schon in Rio de Janeiro, am Karneval in Salvador de Bahia, auf der Ferieninsel Buzio und hatte dadurch auch ein wenig portugiesisch gelernt. Da ich gut spanisch sprach, viel mir der Einstieg leichter aber die brasilianischen Dialekte gefallen mir besser. Auch die Musik vieler lateinamerikanische Klänge verzaubern mich: Vom Tango in Argentinien über den Bossa Nova eines Gilberto Gil in Brasilien oder den Volkstanz Forro, wie in Fortalezza, vom Salsa und Son auf Kuba zum Merengue auf der Dominikanischen Republik, all diese Musikstile und Tanzformen sprechen mich an.

In Fortalezza lebte ich während der Zeit als Station Manager in einem Hotel an der Beira Mar, was sehr praktisch für die Touristenbetreuung vor Ort war. Dann nach dem Einsatz im Sinai, als ich wieder nach Fortalezza zurückkehrte, wohnte ich erst zwei Monate im Favela «Serviluz» nahe der «Praia do Futuro» bei einem Freund und hatte ein Zimmer in seinem Backstein-Häuschen nahe der Praia do Futuro und ich fühlte mich da ganz wohl. Bald kannte ich via Heldon und seinen Freund Joaquin viele Leute und die Nachbarn im Favela kannten mich, sodass ich mich dort Tag und Nachts frei bewegen konnte. Es war eine gemütliche Zeit, denn ich hatte im Sinai und schon zuvor in Brasilien gute Devisengeschäfte mit den Touristen gemacht. Das war immer eine erträgliche Neben-Einnahmequelle bei dem Job. In Polen bin ich so ja fast Zloty-Millionär geworden.

Dann besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz und wir mieteten uns einen «Highlux», also einen Offroader, um entlang der brasilianischen Küste von Fortalezza im Staat Ceara via die Bundesstaaten Maranhao und Piaui bis nach Manaus hochzufahren und im Inland die Rückreise zu vollziehen. Das sind gut 6000 Kilometer, die ich in 11 Tagen zurücklegte. die Die Geländefahrten waren bequemer, als die Fahrt auf der Asphaltstrasse, die mit Löcher bis zu einem halben Meter tief völlig übersät war. Der Asphalt sah aus, wie nach einem flächendeckenden Bombenbangriff! Deshalb fuhr ich oft auf dem Geröllstreifen rechts der Fahrbahn. Da kommt man grundsätzlich schneller voran und wirbelte kräftig Staub auf, was schon von weitem zu sehen ist und der Unfallgefahr vorbeugt.

Die Reise verlief über Jericoacoara, mit seiner fantastischen Dünnenlandschaft, die aber im nächsten Bundesstaat Maranhao noch an Schönheit übertroffen wurde von den Seen in den Sanddünen-Landschaften. Eine äusserst faszinierende Gegend. Der azur- oder tiefblaue Atlantik zur Linken durch den gigantischen Sanddünenstreifen und im Inland der esmeraldgrüne Dschungel. Wüsten gefallen mir besser, als Urwälder. Man kommt besser voran. Im 4×4 wenigstens. Doch auch hier, wäre ich ohne die Hilfe der einheimischen Fischer arg gestrandet, denn auf der Reise mussten zahlreiche Flüsse überquert werden und zumeist ging das ganz gut.

Doch dann kamen wir zu einem Fluss, der auf unserer Seite erst ca. 30 Meter weit seicht war, dann gab es ein kleines Sandinselchen vor der Stelle, wo der Fluss eine enge, reissende Mündung wie in einem Trichter durchfloss. Das konnte man aus 40 Metern Entfernung gerade noch erkennen und war wohl die gefährlichste Stelle. Wenn ich nicht mit Vollgas die letzten acht bis zehn Meter nach der winzigen Flussinsel würde durchqueren können, sähe es schlecht aus. Und genau so war es dann auch. Also fuhr ich mit viel Speed durch den gut 30 Meter breiten, seichten Flussverlauf auf die Insel zu geriet dort ins Stocken und dadurch kam ich mit wenig Schwung im reissenden Durchfluss an und zwar mit der Motorhaube im 45 Grad winkel zu dreiviertel im Wasser feststeckend. Nur dank eines Bootes im Strömungskanal, das den Wagen ein wenig anhob und einem Auto, das uns von hinten mit dem Drahtseil über die seichte Flussstelle zurück zog, schaften wir es aus dem Fluss herauszukommen.

Glück gehabt, dass Fischer in der Nähe waren und nach vier Stunden auch noch ein Fahrzeug hinzu kam. Das war die Rettung. Ein anderes Mal, alleine in der brütenden Mittagshitze unterwegs blieb ich im tiefen Treibsand stecken. Es dauerte vier Stunden, viele Schweisstropfen und unendlich viele Ruckelstösse für ein paar Zentimeter weiter. Der Sand war glühend heiss ich schaufelte stundenlang wie ein Verrückter und dachte nicht, dass ich es schaffen würde. Nach ein paar Tagen fuhren wir in den nächsten Bundesstaat nach Piaui und von dort nach Manaus weiter. Danach nochmals gut 3000 Kilometer im Inland retour nach Fortalezza.

Ein anderes Mal, da war ich gerade in der brütenden Mittagshitze allein unterwegs und im tiefen Sand stecken geblieben. Es dauerte vier Stunden und unendlich viele Ruckelstösse für ein paar Zentimeter weiter, bis ich wieder weiter fahren konnte. Der Sand war glühend heiss und ich Schaufelte wie ein Verrückter. Ich dachte wirklich nicht, dass ich es noch schaffen würde, nachdem ich nach zwei Stunden schon komplett fix und fertig war und eine Pause einlegen musste.

MS Bremen Cruise von Iquitos (Peru) via Manaus nach Kuba  

Im Jahr 2006 hatte ich die einmalige Gelegenheit, an einer exklusiven Schiffsreise auf der «MS Bremen» teilzunehmen, die von der peruanischen Stadt Iquitos am Oberlauf des Amazonas bis nach Manaus fuhr mit Wissenschaftler, Natur- und Umweltexperten an Bord. Dank den Schlauchbooten, konnte man vom Schiff aus bequem in die verschlungenen Seitenarme reinfahren und erfuhr dabei von den Wissenschaftlern und Umweltaktivisten viel über den Urwald und die Indios, die in diesen abgelegenen Öko-Refugien lebten. Abends gab es immer Vorträge und statistische Fakten zum Verlust der Biodiversität und dem Aussterben von kleinsten, aber für das Ökosystem ebenso wichtigen Insekten bis hin zu grossen Raubkatzen wie dem Jaguar, von der schwindenden Fauna und Flora und den mit der globalen Erwärmung an diesem Ort verbundenen Auswirkungen, welche das Weltklima nachhaltig beeinflussen.

An Bord dabei waren Dr. John H. Harwood, Neotropikaner der Amanzonas-Region und Biomassen-Experte (INPA), dann Prof. Dr. Lothar Staeck von der Technischen Universität in Berlin, Experte für Biologier und Artenvielfallt, ebenso Dr. Harmut Roder, Historiker und Museumswissenschaftler und Lehrbeauftragter der Hochschule in Bremen, Dr. Thomas Henningsen, Experte für Meeresbiologie und Flussdelphine sowie Kampagnenleiter für die Bereiche Wälder und Meere bei «Greenpeace» Deutschland sowie Frau Dr. Claudia Roedel, Expertin für Biologie und tropische Ökologie. Also ein wahrhaft nahmhaftes Expertenteam, das in solch einer breit diversifizierten und hochkarätigen Besetzung selten auf einer Amazonas-Kreuzfahrt zu finden ist.

Geplant war, in Iquitos an Bord der «MS Bremen» zu gehen und zwar von Cachamarca im Hochland von Peru bei den Inka-Thermalquellen aus via Stoppover in Lima her kommend. Doch infolge eines Terminfehlers, hatte die «MS Bremen» schon vor Stunden ohne mich abgelegt. Nun stand ich da und versuchte während drei Tagen ein Boot zu chartern, um dem Luxusdampfer hinterher zu fahren. Es dauerte eine ganze Woche lang, bis ich endlich mit kleinen Speed-Booten in Manaus ankam und die «MS-Bremen» endlich eingeholt hatte. Auf der abenteuerlichen Bootsreise wurde mir ein Rucksack gestohlen und der Grenzübertritt von Peru nach Brasilien war auch nicht ohne. Wir kamen in finsterster Nacht an der Grenze an. Vor Ort gab es keine Hütte zum Schlafen. Auf der anderen Seite in Brasilien schon. Zwei Mitreisende und ich fanden einen alten Mann, der uns in der stockfinsteren Nacht über den Grenzfluss fuhr und am nächsten Morgen wieder in Brasilien abholte und uns nach Peru zurück brachte, da wir einen ordentlichen Grenzübertritt machen mussten, um nicht illegal in Brasilien anzukommen.

Nachdem die Operation Grenzübertritt soweit gelungen und ich bald darauf nach 1000 Kilometer abenteuerlicher Bootsfahrt und sechs Tage später abgebrannt sowie am Ende meiner Kräfte an Bord der «MS Bremen» war, entspannte ich mich erst einmal auf dem Luxusdampfer und wurde wahrlich köstlich und exotisch verpflegt. Nicht nur mit wertvollen Informationen und super Vorträgen, sondern auch mit fantastischen Büffets und niveauvollem Unterhaltungsangebot. Und das ganze Programm wurde noch mit einigen Prisen Koks garniert und getoppt, durch einen Anwalt aus München, der sich in Kolumbien ein Kilo des weissen Pulvers gekauft und für sich und seine attraktive Partnerin eine gute Reiseportion beiseite gelegt hat.

Zudem lernte ich die einzigen jüngeren Gäste an Bord kennen. Ein Anwalt aus München mit seiner noch jüngeren Frau. Und die hatten ein Kilo Koks im Gepäck und rupften das ganze Zeug bis zur Ankunft in Kuba in drei Wochen durch. Hin und wieder gab es auch für mich einen Schnupf und das war wahrlich ganz geiler Stoff. So rein und pur, kein Vergleich zu dem Zeug, das in Europa letztlich auf der Strasse gehandelt wird. Also ein echt purer Genuss hochwertigsten Stoffes. Also dieser Anwalt machte so eine Reise viermal jährlich und pulverte dann irgendwie München voll. Was Anwälte nicht so alles tun? Anyway, wir hatten eine sau gute Zeit. Aber Schiffsreisen übers offene Meer sind nicht mein Ding. Eine Flussreise, wie ich sie im Norden Laos gemacht habe, schon eher.

Dergestalt ging die Reise auf dem Luxusdampfer weiter bis Französisch Guyana als Zwischenhalt vor Kuba und der grössten Strecke übers offene Meer vor uns. Die Überfahrt war ganz ruhig, keine Welle zu sehen, spiegelglatt das Meer und endlos der Horizont. Schön, am Morgen bei Sonnenaufgang und noch schöner Abends bei Sonnenuntergang. Ansonsten aber langweilig, wenn man sich nicht den gesellschaftlichen Auftritten hin gab. Das Koks half perfekt über die Langeweile hinweg und reichte bis Kuba. Dort trennte ich mich von dem illustren Münchner Pärchen und ging wieder meine eigen Wege. Zum ersten Mal bin ich mit einem grossen Kreuzschiff in Havanna angekommen und das ist schon ein ganz anderer, erhabener Anblick und eine andere Form der Begrüssung. Viel besser als die der Bucht gegenüberliegenden Burg.

Körperkult und Keuschheit

Bei den Fremdenlegionären im Survival Camp

Bevor wir Kuba ansteuerten war ein Zwischenstopp auf Französisch Guyana angesagt. Ich kannte das französische Departement doutre Mer schon. Vor Jahren besuchte ich die «ESA»-Raumfahrtstation in Kourou und fuhr sowohl nach Cayenne als auch auf die Teufelsinsel. Damals war ich mit einer kleinen Schweizer Journalisten-Truppe hier und nutzte die Zeit nach Ihrer Abreise um in das Survival Camp «CISAME» zu gehen und dort eine Woche den Ueberlebenskampf im Urwald üben. Das Camp hatten Ex-Söldner der Legion etrangere, also der Fremdenlegion gegründet. Zuerst um dort selbst das Ueberleben im Urwald zu trainieren, dann um Westlern dieses Existenzialisten-Abenteuer anzudienen.

Dank der Kooperation mit der «AOM», welche die französischen Departements doutre Mer, also Französisch Guyana, Guadeloupe, Martinique, die Südsee oder Neu-Kaledonien mit Paris verband, konnte ich fast jährlich einmal nach Kuba fliegen und war auch kurz auf Guadeloupe, drei Wochen in der Südsee und nun auf dem Flug nach Französisch Guyana in den Hinterhof der Grande Nation, „wo der Pfeffer wächst“, wo politische Gefangene auf einer Insel verbannt wurden und die Europäische Weltraumstation (ESA) sich in Kourou niedergelassen hat. Das exotischste aller EU-Mitglieder ist bestenfalls durch den Film „Papillon“, als einstige Strafkolonie bekannt und so ist das Bild von Französisch Guyana auch von diffusen Vorstellungen und schillernden Legenden geprägt. Guyanas Ruf als gemeingefährliches Land, das mit Heerschaaren von giftigen Insekten, fürchterlichen Vogelspinnen, tödlichen Schlangen, meterlangen Aligatoren und Piranhas bevölkert ist, stimmt wohl, aber darüber hinaus, ist das Land, wo Europa ausläuft, verdampft und im grünen Urwald-Dickicht verschwindet, eines der stabilsten in der Region.

«Das gefährlichste Wesen hier ist der Mensch, gefolgt von den Wespen», relativiert Philippe Gilabert, der Gründer von «CISAME» (Centre Initiation Survie et Aventure au Millieu Equatorial), einem idyllischen Camp inmitten der grünen Hölle nach ungefähr 60 Kilometern Pirogenfahrt flussaufwärts am Ufer des Approuague nahe der brasilianischen Grenze gelegen. „Die Menschen“, so erzählt der einstige Fallschirmspringer der «Legion Etrangere» und Terrorismusexperte Gilabert, „ist die schädlichste Kreatur für den fragilen Ökokreislauf des Primärwaldes. Dann kämen die Wespen, die aber nur für den unachtsamen Menschen eine Bedrohung seien, fügte der damals 43-jährige Franzose ironisch hinzu. Er und Manoel, ein Karipuna-Urwald-Indio müssen es wissen, denn sie haben sich darauf spezialisiert, möglichst vielen Zivilisierten den wilden Urwald näher zu bringen (als ihnen lieb ist) und den Härtesten ein 10 Tage Survival Training anzubieten. Also übt sich der Zivilisationsgeschädigte erst einmal in Bogenschiessen, Fallen stellen, Klettern, Kanufahren, Fischen, Feuermachen und Behausungen bauen, bevor er seine eigenen Erfahrungen macht, wie es ist, im Urwald überleben zu müssen.

«Das gefährlichste Wesen hier ist der Mensch, gefolgt von den Wespen», relativiert Philippe Gilabert, der Gründer von «CISAME» (Centre Initiation Survie et Aventure au Millieu Equatorial), einem idyllischen Camp inmitten der grünen Hölle nach ungefähr 60 Kilometern Pirogenfahrt flussaufwärts am Ufer des Approuague nahe der brasilianischen Grenze gelegen. „Die Menschen“, so erzählt der einstige Fallschirmspringer der «Legion Etrangere» und Terrorismusexperte Gilabert, „ist die schädlichste Kreatur für den fragilen Ökokreislauf des Primärwaldes. Dann kämen die Wespen, die aber nur für den unachtsamen Menschen eine Bedrohung seien, fügte der damals 43-jährige Franzose ironisch hinzu. Er und Manoel, ein Karipuna-Urwald-Indio müssen es wissen, denn sie haben sich darauf spezialisiert, möglichst vielen Zivilisierten den wilden Urwald näher zu bringen (als ihnen lieb ist) und den Härtesten ein 10 Tage Survival Training anzubieten. Also übt sich der Zivilisationsgeschädigte erst einmal in Bogenschiessen, Fallen stellen, Klettern, Kanufahren, Fischen, Feuermachen und Behausungen bauen, bevor er seine eigenen Erfahrungen macht, wie es ist, im Urwald überleben zu müssen.

Zum ersten Mal bin ich per Schiff in Havanna angekommen und das ist schon ein ganz anderer Anblick. Viel besser als die der Bucht gegenüberliegenden Burg.

Blick:    Ein Land zum Abheben   

Mittelland Zeitung:  Guayana: Wo Europa im Amazonas ausufert

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie einen Beitrag spenden wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Empfänger/innen.

Die Buschmänner, deren Leben im Einklang mit der Natur bald Geschichte ist

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Von den Tsodillo Hills im Nordwesten Botswana’s überfliegen wir den Garten Eden der Kalahari, das Okavango-Delta mit seinem opulenten Farbenspektakel samt abwechslungsreicher Fauna und Flora und sind zwei Stunden später mit der Propeller-Maschine mitten in der Zentral-Kalahari gelandet. Hier tauchen wir für ein paar Tage in das Bushmen-Leben der Ureinwohner ein. Nahe Ghanzi öffnet uns Neetljie (Njoki) Bower von der Grassland Safari Lodge das Tor zur Buschmänner-Welt. Ihre Familie ist seit 1890 hier in der Gegend sesshaft und die junge Mutter als auch ihre beiden blonden Töchter sprechen die Klicklaut-Sprache der Naro-San perfekt. Sie sind mit den Bushmen aufgewachsen.

In der Zentral-Kalahari leben damals rund 16‘000 Buschmänner. Und im gesamten südlichen Afrika schätzt man ihre Zahl auf rund 100‘000. Sie sind meisterhafte Spurenleser, berüchtigte Jäger, begnadete Bogenschützen – und wahre Ökologen. Sie leben nach dem Eros-Prinzip, das alles mit allem verbindet: «Alles gehört Mutter Natur und Mutter Erde. Keiner besitzt etwas. Alles wird geteilt», erklärt mir der junge San Suruka die Weltanschauung der San am Fusse der Tsodillo-Hills mit den uralten Felszeichnungen.

Neetljie bringt mich zu einer Naro-Bushmen-Sippe und erklärt mir an zwei Tagen, die Pflanzenwelt der San und ihre Verwendung als Nahrung oder für medizinische Zwecke. Die letzten der noch rund 16‘000 Ureinwohner Afrikas leben zurückgezogen in der Zentral-Kalahari im Süden des Okavango-Deltas oder bei den Tsodillo-Hills noch immer ihre eine Jahrtausende alte Jäger- und Nomadenkultur, die es in wenigen Jahren schon nicht mehr geben wird.

Alles gehört der Mutter Natur, das ist die Kultur der Buschmänner und Frauen. Die San sind meisterhafte Spurenleser, berüchtigte Jäger, begnadete Bogenschützen und wahre Ökologen. Nichts wird verschwendet. Alles gehört Mutter Natur und Erde. Keiner besitzt irgendetwas. Alles, was gebraucht oder erlegt wird, wird geteilt, erklärt und Neltjie, was die Bushmänner-Sippe uns erzählt. Für die San ist alles Geist und Materie – göttlich zugleich.

Das ist das Bushmen-Lebensprinzip. Auch Eros-Prinzip – das alles mit allem verbindet, genannt. „Da wir Buschmänner kein Privateigentum, weder Zäune noch Grenzen kennen, unser Leben von der Wanderung der Tiere und der Gezeiten abhängt und wir nach dem Prinzip leben, das die Natur allen Menschen gehört und sie sich nur das nehmen, was sie brauchen, hat man uns wie Freiwild gejagt, vertrieben und erschossen, erzählt uns Suruka auf der Fahrt über die Sümpfe.

Alles gehört der Mutter Natur, das ist die Kultur der Buschmänner und Frauen. Die San sind meisterhafte Spurenleser, berüchtigte Jäger, begnadete Bogenschützen und wahre Ökologen. Nichts wird verschwendet. Alles gehört Mutter Natur und Erde. Keiner besitzt irgendetwas. Alles, was gebraucht oder erlegt wird, wird geteilt, erklärt und Neltjie, was die Bushmänner-Sippe uns erzählt. Für die San ist alles Geist und Materie – göttlich zugleich.

Um dies zu verdeutlichen, erzählen uns die kleinwüchsigen, zähen Menschen mit den kurzen, pechschwarzen Locken und pfirsichfarbenen Hauttönen von der Jagd. Sie bestreichen den Schaft ihrer Pfeile mit einem Gift, das sie aus Raupen gewinnen. Die Dosis des Gifts wird je nach Tier, das erlegt wird, exakt gewählt. Nichts wird verschwendet – nicht einmal ein Tropfen Giftes. Die San haben gelernt, auch in den unwirtlichsten Gegenden des Kontinents zu überleben.

„Nicht die Pfeilspitze sondern der nur Schaft wird mit dem tödlichen Gift bestrichen, um die Verletzungsgefahr zu verringern“, erklärt uns ein anderer Naro-Bushmen und zeigt uns, dass die Pfeilspitzen sind so konstruiert, dass im Fell des Tiers stecken bleiben, der Schaft jedoch abfällt und wiederverwendet werden kann. Auch die Dosis wird je nach Tier exakt gewählt. Die Buschmänner verschwenden nichts, auch keinen Gift-Tropfen. Das vergiftete Fleischstück wird später herausgeschnitten und den Geiern überlassen. Tierisches Eiweiss ist eine wichtige Nahrungsquelle für die Buschmen.

Diese Anpassungsfähigkeit wurde aus der Not geboren, wie uns Suruka weiter erzählt: „Wir Buschmänner kennen kein Privateigentum, weder Zäune noch Grenzen. Unser Lebensrhythmus ist auf die Wanderung der Tiere und Gezeiten abgestimmt. Wir leben nach dem Prinzip, dass die Natur allen Menschen gehört und jeder sich nur das nehmen soll, was er braucht. Dies hatte zur Folge, dass man unser Volk während Jahrhunderten wie Freiwild gejagt, vertrieben und getötet hat.“ Täter waren sowohl andere afrikanische Stämme als auch die europäischen Kolonialherren unter ihnen die Deutschen im damaligen Südwest-Afrika und heutigen Namibia.

Ein weiteres mystisches Erlebnis hatte ich dann beim Aufstieg zu den über 6000 Jahre alten Felszeichnungen in den zerklüfteten Felsen. Suruka versuchte mir in seiner Klicklaut-Sprache irgendetwas zu sagen, so in der Art, dass wir auf Wächter stossen werden, vor denen ich mich aber nicht fürchten sollte. Die Wächter waren wohl die beiden Klapperschlangen, die vor unseren Augen quer von einem Felsvorsprung auf den anderen rüber glitten und zwar gleichzeitig von zwei Seiten. Wäre ich allein gewesen, wäre ich wohl nicht weitergegangen. Mit Suruka fühlte ich mich sicher und durfte mit ihm die magischen, uralten Felsmalereien bestaunen. Etwa 12 Jahre später sah ich dann einen Film auf «BBC» bei dem Suruka wieder auftauchte und die Filmcrew zu den Tsodillo-Hills führte.

In der Tat gab es früher sogar Lizenzen für das Töten von Buschmännern. Sie wurde gejagt wie wild. „Nach und nach wurden wir in die Wüste gedrängt und haben sich den unwirtlichen Bedingungen angepasst. „Wir haben mit Wasser gefüllte Straußeneier im Sand vergraben und Wasserdepots in der Wüste angelegt, an Orten, die über kein Grundwasser verfügen. So wurden wir zu Überlebenskünstler in der Wüste“, schließt Suruka seinen Diskurs über die letzten trüben 300 Jahre Bushmen-Geschichte. Doch kommen wir noch zu ein paar Köstlichkeiten aus der Bushmen-Küche.

Ein weiteres mystisches Erlebnis hatte ich dann beim Aufstieg zu den über 6000 Jahre alten Felszeichnungen in den zerklüfteten Felsen. Suruka versuchte mir in seiner Klicklaut-Sprache irgendetwas zu sagen, so in der Art, dass wir auf Wächter stossen werden, vor denen ich mich aber nicht fürchten sollte. Die Wächter waren wohl die beiden Klapperschlangen, die vor unseren Augen quer von einem Felsvorsprung auf den anderen rüber glitten und zwar gleichzeitig von zwei Seiten. Wäre ich allein gewesen, wäre ich wohl nicht weitergegangen. Mit Suruka fühlte ich mich sicher und durfte mit ihm die magischen, uralten Felsmalereien bestaunen. Etwa 12 Jahre später sah ich dann einen Film auf «BBC» bei dem Suruka wieder auftauchte und die Filmcrew zu den Tsodillo-Hills führte.

In der Tat gab es früher sogar Lizenzen für das Töten von Buschmännern. Sie wurde gejagt wie wild. „Nach und nach wurden wir in die Wüste gedrängt und haben sich den unwirtlichen Bedingungen angepasst. „Wir haben mit Wasser gefüllte Straußeneier im Sand vergraben und Wasserdepots in der Wüste angelegt, an Orten, die über kein Grundwasser verfügen. So wurden wir zu Überlebenskünstler in der Wüste“, schließt Suruka seinen Diskurs über die letzten trüben 300 Jahre Bushmen-Geschichte. Doch kommen wir noch zu ein paar Köstlichkeiten aus der Bushmen-Küche.

„Nicht die Pfeilspitze sondern der nur Schaft wird mit dem tödlichen Gift bestrichen, um die Verletzungsgefahr zu verringern“, erklärt uns ein anderer Naro-Bushmen und zeigt uns, dass die Pfeilspitzen sind so konstruiert, dass im Fell des Tiers stecken bleiben, der Schaft jedoch abfällt und wiederverwendet werden kann. Auch die Dosis wird je nach Tier exakt gewählt. Die Buschmänner verschwenden nichts, auch keinen Gift-Tropfen. Das vergiftete Fleischstück wird später herausgeschnitten und den Geiern überlassen. Tierisches Eiweiss ist eine wichtige Nahrungsquelle für die Buschmen.

Die erlegte junge Oryx-Antilope ist daher ein Glücksfall, für die sich sonst nur von Tsi-Bohne, Mongongo-Nüssen, Melonen, Wurzeln und Früchten im Bush ernähren. So spendet der Boscia albitruna Früchte, die mit Wasser vermischt einen Jus geben oder auch so verzehrt werden können. Geröstet schmecken sie dann wie Kaffebohnen. Auch der Traubenbusch (Grewia flava) gibt viel her: Die Früchte sind essbar oder für ein Bier-ähnliches Getränk geeignet. Sie spendet auch Zucker und die Stäbe, die zum ausgraben der Wurzeln und als Gehstock gebraucht werden.

Der Kalahari taaibos (Rhus tenuineruis) hat die richtigen Blätter, damit das Wasser frisch in den Strausseneiern bleibt, die in der Wüste als Wasserdepot vergraben wurden. Als Snack rösten die San die Bohnen der Tylosema esculentu oder eine Citerillus lanchus.

Mit dem Untergang der San geht auch ein hierzulande eher unbekanntes Stück Geschichte Afrika’s verloren. „Lange kann es nicht mehr dauern, bis wir von der Mutter Erde endgültig verschwunden sind, sinniert Suruka, ein junger San vor sich hin. „Das Schicksal unseres Volkes ist besiegelt. Der Sternenhimmel zeugt von Vergänglichem und Ewig währendem“, fährt Suruku gedankenverloren fort. Und wie vergänglich ein Stück Menschheitsgeschichte dazu ist – vielleicht bald einmal auch die unsrige Geschichte ist, fällt mir dazu spontan ein. Schliesslich sind fast alle Hochkulturen nach spätestens 2000 Jahren untergegangen. Nicht nur unser Resourcenverbrauch ist beängstigend, auch die sich häufenden Pandemien fallen auf. Da könnte noch mehr auf uns zukommen.

Auszug aus dem Buch «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd M. Müller

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Zu den Berichten über die Buschmänner und Frauen

Okavango Delta: Grandioses Wüsten-Biotop unter Wasser  

HIV-Kinder- und Oekoprojekte in 7 afrikanischen Ländern

Paradiesische Landschaft – gefährdetes Leben  (L&G)            

Afrikas Ureinwohner sterben aus  (Mittelland Zeitung)                              

Die Okavango-Sümpfe – bedrohtes Paradies in der Wüste (Basler Zeitung)  

Okavango-Delta, der Garten Eden der Kalahari  (Brückenbauer)                          

Botswana: Biotop in der Wüste  (AT/BT)                              

IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie einen Beitrag spenden wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch.