{"id":24190,"date":"2015-02-20T12:41:52","date_gmt":"2015-02-20T10:41:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.allmytraveltips.ch\/?p=24190"},"modified":"2015-02-20T16:03:34","modified_gmt":"2015-02-20T14:03:34","slug":"kritische-fragen-zu-stellen-ist-adolf-muschgs-art-des-patriotismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.allmytraveltips.ch\/?p=24190","title":{"rendered":"Kritische Fragen zu stellen ist Adolf Muschgs Art des Patriotismus"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"webLead\">Bern, 19.02.2015 &#8211; Die Rede von Bundesrat Alain Berset anl\u00e4sslich der Verleihung der Schweizer Literaturpreise 2015 an Adolf Muschg.<\/h2>\n<div id=\"xmlWrapper\">\n<p>Ich gebe zu, ich habe Adolf Muschg, den Tr\u00e4ger des Grand Prix 2015, schon mehrfach zitiert, ohne ihn beim Namen zu nennen. Da muss man heutzutage ja vor allem als Politiker aufpassen. Aber mein fehlender Quellennachweis ist kein Fall f\u00fcr die Justiz, denn ich habe einfach unsere Verfassung zitiert: \u201eDie St\u00e4rke des Volkes bemisst sich am Wohl der Schwachen.&#8220; Diese Formulierungen aus der Pr\u00e4ambel sind dem Autor zugefallen, als er mit hohem Fieber in einem Hotelzimmer in Disentis lag.<\/p>\n<p>Disentis, das klingt fast wie Dissens. Was nicht schlecht passt: Adolf Muschg pflegte zeitlebens eine kritische Haltung zu seiner Heimat. Genauer, eine intime Halb-Distanz. Der Schweizer Illustrierten erkl\u00e4rte er vor 50 Jahren &#8211; er lebte damals in einer deutschen Universit\u00e4tsstadt &#8211; er verkehre nur selten mit anderen Ausland-Schweizern. Grund: \u201eSie bekommen immer so schnell Heimweh-Augen&#8220;.<\/p>\n<p><b>Die Schulen der Nation<\/b><\/p>\n<p>O seine Schweiz: Sie hat ihn trotzdem nie losgelassen. Nicht damals in Deutschland, nicht sp\u00e4ter in den USA oder in Japan. Und wenn nicht die Zeilen in seinen B\u00fcchern von der Schweiz handeln, dann schaut sie doch immer wieder zwischen diesen Zeilen hervor, selbst in den\u00a0Geschichten, die im Fernen Osten spielen.<\/p>\n<p>Kann ein Patriot ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu seiner Heimat haben? Ich antworte mit einer Gegenfrage: Kann ein Patriot <i>kein <\/i>schwieriges Verh\u00e4ltnis zu seiner Heimat haben? Deren Schicksal ist ihm nicht gleichg\u00fcltig. Eben <i>das<\/i> macht es ja schwierig.<\/p>\n<p>Der Geehrte startete ins Leben als \u201eSuper-Schweizer&#8220; &#8211; das sind seine eigenen Worte. Heute gilt er als \u201ean der Schweiz Leidender&#8220;.<\/p>\n<p>Dans l&#8217;intervalle, il est pass\u00e9 par les \u00e9coles de la nation. Ces \u00ab trois bonnes \u00e9coles suisses \u00bb n&#8217;\u00e9taient toutefois pas des \u00e9coles tout \u00e0 fait ordinaires. Voici la description qu&#8217;il en fait :<\/p>\n<p>\u00abLa premi\u00e8re \u00e9cole, c&#8217;\u00e9tait le service militaire, que j&#8217;ai toujours accompli \u00e0 Gen\u00e8ve, \u00e0 la plaine de Plainpalais. La seconde, le groupe d&#8217;Olten ou, pour la premi\u00e8re fois, j&#8217;ai vraiment connu des coll\u00e8gues suisses romands, comme Alexandre Voisard, qui est devenu un ami, mais aussi Franck Jotterand, de la Compagnie des Faux-Nez, dont j&#8217;\u00e9tais tr\u00e8s proche. Nicolas Bouvier en \u00e9tait aussi.\u00a0Ma troisi\u00e8me \u00ab bonne \u00bb \u00e9cole suisse fut la commission pour la Constitution. J&#8217;y connu Gilles Petitpierre, que j&#8217;aimais beaucoup. Nous travaillons tout naturellement de mani\u00e8re bilingue, pour ne pas dire trilingue : un s\u00e9minaire sup\u00e9rieur de premi\u00e8re qualit\u00e9, c&#8217;\u00e9tait merveilleux. \u00bb<\/p>\n<p>\u00d6d\u00f6n von Horvat \u00e9crivit un jour \u00ab Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu \u00bb, qu&#8217;il \u00e9tait au fond un autre, mais qu&#8217;il n&#8217;arrivait \u00e0 l&#8217;incarner que trop rarement. Cette citation qui \u00e9tait pour lui une mani\u00e8re de d\u00e9peindre la nostalgie li\u00e9e \u00e0 ses r\u00eaves inaboutis pourrait aujourd&#8217;hui illustrer nos vies si compartiment\u00e9es.<\/p>\n<p>Le laur\u00e9at du Grand Prix, lui, n&#8217;a pas ce probl\u00e8me : Il peut rester lui-m\u00eame et \u00eatre aussi ses autres. C&#8217;est-\u00e0-dire une personnalit\u00e9 dot\u00e9e d&#8217;une cr\u00e9ativit\u00e9 hors normes et d&#8217;une \u00e9rudition rare, \u00e0 la fois \u00e9crivain, professeur et fin connaisseur du monde politique.<\/p>\n<p>Was mich &#8211; gerade auch als Politiker &#8211; immer wieder beeindruckt: Adolf Muschg mutiert nicht zum Politiker, wenn er politisch argumentiert. Er bleibt stets Schriftsteller, er bleibt stets Gelehrter. Es geht ihm nicht um den Sieg in der Debatte und den Triumph \u00fcber den Gegner, sondern um den hartn\u00e4ckigen Hinweis, dass es vielleicht anders ist, anders sein k\u00f6nnte &#8211; oder anders sein sollte. Mehr will er nicht, aber auch nicht weniger.<\/p>\n<p><b>O sein Heimatland!<\/b><\/p>\n<p>Je apodiktischer die Stellungnahmen, desto h\u00f6her die Wiedererkennbarkeit, so lautet ja die heimliche Formel der medialen Kampf-Rituale. Adolf Muschg aber verweigert sich sanft entschlossen diesem Schlagabtausch. Wenn er sich politisch einmischt, dann aus dem Geiste der Literatur, also ohne seine Empathie einfach abzustreifen. Deshalb trifft er den Kern dessen, was heute relevant ist.<\/p>\n<p>Das grosse Ganze begreift nur, wer das Kleine und Konkrete ersp\u00fcrt und erkennt. Globalisierung, Krise der Mittelschicht, Niedergang des Westens: Je gr\u00f6sser die Schablonen unserer Wahrnehmung, desto wichtiger wird der genaue Blick auf die Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>O sein Heimatland &#8211; es l\u00e4sst Adolf Muschg nicht los. Und unser Land gibt ja auch viel her: Es ist hoch komplex auf kleinem Raum. So komplex, dass man es nicht schubladisieren kann. Auch wenn man es hin und wieder versucht, im In- und im Ausland.<\/p>\n<p>Die Schweiz ist eine sehr alte und eine sehr moderne Nation, in der seit jeher der Fall ist, was heute global gilt: Identit\u00e4ten fliessen, zerfliessen, verfestigen sich neu. Offenheit und st\u00e4ndige Neuerfindung geh\u00f6ren zur Schweizer DNA. Ebenso landestypisch ist aber auch die hartn\u00e4ckig vertretene Ansicht, dass unsere Identit\u00e4t unver\u00e4nderlich sei &#8211; durch Zeit und Raum, auf ewig. Wir k\u00f6nnen eben nicht nur Dialekt, wir k\u00f6nnen auch Dialektik.<\/p>\n<p><b>Ein anderes Schweiz-Narrativ<\/b><\/p>\n<p>Adolf Muschg sieht die Schweiz heute als Land, das nicht sein ganzes kulturelles und politisches Potenzial aussch\u00f6pft. Dies im Gegensatz zu gewissen historischen Phasen im 18. und 19. Jahrhundert, als die Schweiz f\u00fcr viele ein Land der Hoffnung war. Eine stolze Republik, ein Hort der Freiheit mit internationaler Ausstrahlung, ein Leuchtturm der Bildung auch &#8211; von Lavater \u00fcber Haller bis Rousseau.<\/p>\n<p>Muschg ist ein Anwalt eines Geschichtsbewusstseins, das im offiziellen Narrativ unseres Landes nur am Rande vorkommt. Und auch, nein gerade in einem Supergeschichtsjahr wie 2015 muss die Frage erlaubt sein: W\u00e4re diese Quelle unseres Selbstverst\u00e4ndnisses vielleicht<br \/>\nbesonders zukunftstr\u00e4chtig? Adolf Muschg hat nie auf die Selbsthinterfragung verzichtet, nur um es einfacher zu haben im politischen Schlagabtausch. Das ehrt ihn.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich das Gegenteil eines Schlagabtauschs? Ist es das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Biographie, die Weltsicht, das Weltempfinden des Gegen\u00fcbers? Ist es die Liebe? Jedenfalls handelt es sich kaum um einen Zufall, dass der Geehrte auch ein grosser Erz\u00e4hler von Liebesgeschichten ist.<\/p>\n<p>Ob Prosa oder Politik. Adolf Muschg bleibt stets ein Spezialist des Fragens, des Befragens, das Infrage-Stellens. Gute Fragen f\u00fchren ja nicht einfach zu schl\u00fcssigen Antworten, sondern zu noch mehr Fragen. Zu noch besseren Fragen.<\/p>\n<p>Das kann gar nicht anders sein, nicht beim Thema Liebe und nicht, wenn es um die Schweiz geht. Also um jenes komplexe Land, in dem alles selbstverst\u00e4ndlich <i>scheint<\/i>, aber kaum etwas selbstverst\u00e4ndlich <i>ist<\/i>.<\/p>\n<p>Noch bessere Fragen stellen: Das ist Adolf Muschgs Art des Patriotismus.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bern, 19.02.2015 &#8211; Die Rede von Bundesrat Alain Berset anl\u00e4sslich der Verleihung der Schweizer Literaturpreise 2015 an Adolf Muschg. Ich gebe zu, ich habe Adolf Muschg, den Tr\u00e4ger des Grand Prix 2015, schon mehrfach zitiert, ohne ihn beim Namen zu nennen. Da muss man heutzutage ja vor allem als Politiker aufpassen. 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