Legal? Illegal? „Scheissegal!“ war das Motto

Als nach monatelangen Protesten endlich das «AJZ» (Autonomes Jugendzentrum Zürich) auf dem heutigen Car-Parkplatz in einer alten Fabrikanlage aufging, entlud sich zu unserer Freude das ganze Kreativpotential, das so lange im Verborgenen schlummerte. Das war ein radikaler Schub für uns gebeutelte «StadtindianerInnen». Autonome sprossen aus allen WG-Löchern hervor, die Hippies lebten ihren Kult und ihre Musik nun hemmungslos in aller Öffentlichkeit aus. Zumindest im «AJZ» – einem in der Tat rechtsfreien Raum aber mit massiver Polizeiüberwachung durch Spitzel. Das Zürcher Polizeicorps wurde daraufhin «subito» um über 30 Personen nur zur Überwachung der „Bewegung“ aufgestockt und überdies ein weitaus grösseres Heer von Spitzeln rekrutiert, um die Hippie-Szene und alle anderen subversiven Elemente zu überwachen. Und deren waren viele. Zugegeben: Nach all den Repressionen und drakonischen Strafen wurden die Sprüche der Jugendlichen radikaler. „Macht aus dem Staat, Gurkensalat», war nur eine der unmissverständlichen Parolen, die überall an den Wänden prangten und bei den Demos lauthals skandiert wurden. Das war damals schon «Landesverrat» und so wurden wir Sympatisanten auf die Stufe von Terrorristen gestellt und wahlweise als Kommunisten, Maoisten oder Palästina-Freunde abgestempelt.

Der Staat ging mit aller Härte auf die Aktivistinnen und Aktivisten los. Es gab im Bildungssystem, in der Verwaltung und in Teilen der Wirtschaft geheime Absprachen über Arbeits- und Ausbildungsverbote von „Linken“ bei Tätigkeiten wie Lehrer und Pädagogen, Piloten, Ingenieure usw.. Auch den Militärdienstverweigerern wurden viele Berufsbildungstüren verschlossen und einige Tätigkeiten verwehrt. Es kam auch zu vielen subtilen Verstössen und weniger subtilen Gewaltexzessen seitens der Polizei. Ich erinnere mich an einen Vorfall, bei dem ich mit dem Moped und zwei Mädels vorne und hinten drauf vom Niederdorf zum AJZ rüber fahren wollte, dabei am Polizeiposten Urania vorbei kamen, worauf uns beim Landesmuseum ein Polizeifahrzeug den Weg abschnitt, indem der Fahrer das Auto unmittelbar vor uns quer stellte, halb auf der Strasse und halbwegs auf dem Trottoir schräg zum Stehen kam, worauf drei Türen aufgerissen wurden und drei Polizisten raus sprangen, gerade noch bevor ich mit dem Moped in die hintere, offene Tür rein fuhr. Eine hinreissend filmreife Aktion für drei Jugendliche auf einem lahmen Töffli, die nun wirklich keinen Fluchtweg hatten und doch wie eine hoch kriminelle, schwer bewaffnete Bande überwältigt wurden.

Während den Unruhen verlor einer meiner Freunde durch ein Gummigeschoss ein Auge und meine Freundin Lena schleiften sie an den Haaren herum bis ihr Gesicht danach arg zerschrammt war. Ich wurde einmal mit 300 anderen Personen verhaftet und während der 24 stündigen Untersuchungshaft illegal erkennungsdienstlich behandelt. Danach freigelassen und später mit Fr. 80.- für die Haft entschädigt. Weitere spektakuläre Guerilla-Aktionen, zeigten uns, dass die Demut und der Respekt vor der Obrigkeit am erodieren war. «Underground»-Bar’s und illegale Clubs schossen wie Pilze aus dem verdorrten Zürcher Boden. Gekifft wurde überall auch im Freien und in den Parks kreisten die Joints, sodass die Polizei gar nicht mehr nach, überall einzuschreiten. Die Marihuana- Euphorie» und der Duft der Freiheit waren einfach zu gross und der süssliche Gras-Geruch überströmte den Abgas und Dieselgeruch bei weitem. „Nie war die Freiheit lebendiger, grossartiger, vielfältiger und anarchistischer, als in den 80er Jahren“, einer Zeit, die ich als „Zenit des 20. und des 21. Jahr-tausends“ bezeichne.

Am Zürichsee-Ufer wurde weit verbreitet oben ohne gebadet und die Frauen genossen die Freiheit, mitunter auch die Freuden und die neue Unabhängigkeit, die Ihnen die Pille und damit die Möglichkeit zur autonomen Schwangerschaftsverhütung verschaffte voll auszuleben, was sich auch in ungehemmter Sexualität und Polygamie oder in Form der ersten Schwulen- und Trans-Parties ausdrückte. Es war damals unter uns kein Verbrechen und weder für Frauen noch für Männer verpönt, mit Dutzenden von Partner Sex zu haben und im Verlauf eines Jahres verschiedene Partnerschaftsmodelle auszuprobieren. «Sex, Drugs & Rock & Roll» oder lieber «Amore et Anarchia»? Nun, warum die Qual der Wahl? Am besten alles zusammen! Jede Art von Einschränkung wurde abgelehnt, Hedonismus pur war das Ziel und die Zeit der Paradiesvögel angebrochen. Wir wollten uneingeschränkt auf allen Ebenen experimentieren und die freie Liebe ausprobieren, derweil unverheiratete Paare damals gesetzlich noch nicht einmal zusammen leben durften.

So prüde war Zürich und die ganze Schweiz damals. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mädels dahin schmolzen, wie Eiscreme oder selbst das Zepter übernahmen, heftig flirteten und auf einen One Night Stand aus waren. Jedenfalls wurde man damals als junger Mann hin und wieder hemmungslos von Frauen angemacht, die nur ein Ziel hatten, die Lust und das Bett zu teilen und alle möglichen Sachen auszu-probieren. Eine ebenso aphrodisierende wie inspirierende Zeit, die ihres gleichen sucht! Die Frauen waren für uns Lichtgestalten, viele sehr selbstbewusst und experimentierfreudig. „Emanzipation, ja klar, sagten wir uns und führten endlich das Frauenstimmrecht ein. One (wo)man, one vote“, das galt bei der Jugendbewegung für Männer und Frauen gleichermassen. Es gab sehr viele Aktivistinnen, die sich entweder Gehör verschafften oder einfach taten, was sie wollten und wie sie es wollten und es störte sich aus unseren Kreisen niemand daran. Wir, also auch die Männer, schminkten uns gegenseitig und liefen öfters mit schwarz geschminkten Lippen, farbenfroh bemalten Gesichter und flatternden Haaren durch die Strassen zur «Roten Fabrik“, ins «Draht-schmidli» oder ins «AJZ» und haben so auch vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht unterstützt und schliesslich durchgesetzt.

In meiner frühen Jugend war ich begeistert von Pippi Langstrumpf, vom Buch und der TV-Serie. Das freche Mädel war revolutionär und mein anarchistisches, feministisches Vorbild für die „Befreiung von Kinder, Küche und Kirche“ damit vorgespurt. Die autonomeste und frechste Rotzgöre und der erste weibliche Punk, der mir begegnete, hat wohl auch mein Frauenbild geprägt. Sinnlich, frech, unkonventionell, unabhängig und voll geil drauf. Handkehrum waren Tom Sawyer und Huckley Berry Finn meine abenteuerlich, brüderlichen Vorbilder. Ich liebte ihre Lagerfeuer-Romantik und Streiche. Sie waren unsere Vorbilder und die Schreckgespenste unserer Eltern. Doch auch wir betrieben viel Unfug und loteten die Grenzen mächtig aus. Kitas gab es nicht, der Spielplatz war der grosse Wald mit all seinen Bewohnern und Geheimnissen. So verschwand ich den ganzen Tag im Gestrüpp des Zolliker Waldes, verweilte bei den Kaulquappen und Feuersalamander an den Teichen, kletterte bis in die Baumspitzen und baute Baumhütten und Staudämme wie die Biber und kam nur zum Mittagessen und Abends zurück. Eine Aufsicht gab es nicht, dafür jede Menge Abenteuer bis hin zu Schusswaffengebrauch, frisierten Floretts und Motocross-Töffs mit denen wir die Steilwände in den Kiesgruben hochfuhren und anderen wilden Spielchen. Wir konnten uns irre austoben, etwas was den Jugendlichen heute für die persönliche Entwicklung fehlt, da sie nur noch virtuell am Geschehen teilnehmen und schon da reizüberflutet durchdrehen. Ein weiteres Problem ist auch das abstrakte virtuelle Anbandeln und der digitale Austausch mit dem anderen Geschlecht sowie das heutige Sexual- und Rudelverhalten an sich, dass einerseits wieder ultra konservativ, andererseits extrem egozentrisch geworden ist. Da kommt kein Spass mehr auf, wenn man sich auf ein Rudel Jungs oder eine Mädchen-Traube einlassen muss, um in die Nähe des oder der Auserwählte/n zu kommen.

Zurück in die experimentell sehr bewegten 80er Jahre. Die ungehemmte Lust an der Befreiung von allen sexuellen Zwängen hielt bis zu den ersten HIV-Infektionen ab Mitte der 80er Jahre an und erschütterte dann vorerst einmal nur die Schwulenszene. «AIDS» war zu «AJZ»-Zeiten noch kein Thema und so entwickelten sich auch in der Horizontalen viele neue Experimente und Lebensentwürfe. Die ersten Teenager kamen gerade von Indien, von Baghwan aus Poona oder von Goa zurück und waren entweder spirituell total «high» oder ständig «stoned». Der Afghanistan Krieg dagegen spülte unendlich viel Afghan-Haschisch und Heroin, der Bürgerkrieg im Libanon den «roten Libanesen» in unsere verrauchten WG-Stuben und veränderte das Leben, das Stadtbild und auch die politische Weltanschauung. «Thai-Sticks» und «Acapulco Gold» aus Mexico oder «Durban Poison» aus Südafrika machten die Runde und «Zenzemillia» wurde zum geflügelten Wort in der Kifferszene.

Es war die Zeit der Rebellen, der freien Entfaltung, der Politisierung, der Sex- und Drogenorgien und Strassenschlachten, musikalisch untermalt von den «Rolling Stones», «Doors» oder «Deep Purple», die ebenso zu unseren Musikgöttern zählten wie Bob Dylan, Janis Joplin und Jil Scott Heron. Nichts war mehr wie früher und es gab auch kein zurück. Als Mitte der 1970er die «Punks» erst in New York und dann die Punkszene in London aufkam, schwappten die Ausläufer auch auf die Schweiz über. Die Sex Pistols und Talking Heads, Ramones oder under sex zählten zu den heissesten Bands, der damaligen Zeit. Bald entwickelten sich in lokale Szenen, allen voran in Zürich. 1977 gab es in Zürich einen harten Kern von etwa 50 Jugendlichen, welche die Schweizer Punk– und New Wave-Bewegung massgebend beeinflusste. Ihre ersten Treffpunkte waren der Punk-Kleiderladen «Booster» und der «Hey Club», die erste Punk-Disco in Zürich oder die Reithalle in Bern sowie bei Hausbesetzungen, bei denen die Punks an vorderster Front standen. Auch in Winterthur gab es politisierte Punks, die sich häufig als Gegenbewegung zum rechtsextremen Umfeld also zu den Skinheads in der Schweiz verstanden. Auch in Basel gab es ein «AJZ», indem die Punks und Autonomen sich trafen.

Mit dem Piratensender «Radio 24» von Roger Schawinski, der erst vom «Piz Gropera» aus Italien sendete, wurde auch die karge Medien-landschaft, bestehend aus «Radio Beromünster» (unsäglich) dem Schweizer Fernsehen (langweilig und einfältig), dem «ORF» (ebenso bieder) und der «ARD» (nicht viel besser), umgepflügt. «MTV» hielt Einzug mit den ersten Kultvideos revolutionierte nicht nur die Musik- und Medienwelt, sondern auch die Jugendszene und Subkultur. Und mit Radio DRS3kam noch ein ge-nialer Jugendsender in der Schweiz hinzu. Erst später bekamen dann auch Lokalradios eine Lizenz und bald gab es in jedem Kanton mindestens einen, wenn nicht zwei alternative Radio-Sender.

Die ersten Wohngemeinschaften zu Beginn der 70er Jahre bereicherten die neuen Lebensentwürfe und Formen der Jugendbewegung und schufen so auch viel Solidarität und Engagement mit anderen Untergrundbewegungen, Freiheitskämpfern und unterdrückten Staaten wie Palästina, Nicaragua und das von US-Soldaten besetzte Vietnam. Die Zeit war reif, für grosse gesellschaftspolitische Veränderungen. Zürich wurde zum Hot Spot für die aufblühende Jugendkultur, die gerade in allen Farben und Formen explodierte und die Grundlage für den un-glaublichen Liberalisierungsschub hinsichtlich kultureller Freiräume lieferten. „So ausgeflippt und trendy hat man die Städte Zürich, Bern und Basel nie zuvor und nie mehr danach gesehen“! Wir gingen neugierig und mit Respekt auf das andere Geschlecht ein und auf Anders-denkende oder Aussehende zu und das machte die Bewegung so einzigartig.

Es war die Zeit der Anarchisten und Utopisten. Wir debattierten und kritisierten heftig, stritten und solidarisierten uns mit anderen unterdrückten Völkern. Im Strudel der explosiven Befreiung und des grenzenlosen Lebens wurden rauschende Parties ohne Ende gefeiert, aber immer mehr harte Drogen, wie Heroin, kam dazu. Als das «AJZ» in einer alten Fabrikanlage beim Carparkplatz am Sihlquai aufging, spülte es allerlei schräge Vögel und Drogendealer mit rein. Bald lieferte sich die italienische Drogenmafia mit der türkischen einen Bandenkrieg, der teilweise auch im «AJZ» ausgetragen wurde. Eine Weile lang, war es richtig gefährlich, sich mit diesen Typen anzulegen und wir mussten einen Wachdienst aufziehen um die schlimmsten Eskalationen zu verhindern. In den frühen 80er Jahren starben Hunderte Jugendliche jährlich an einer Überdosis «Aitsch», der Slang-Name für Heroin. Die Situation verbesserte sich erst, als Emilie Lieberherr, die Frauenrechtsvorkämpferin und spätere Sozialvorsteherin und Stadträtin die Metha-don-Abgabe einführte und die Fixer, Dealer und Drogentoten von den Zürcher Strassen verschwanden und die Süchtigen sich in den Kontakt- und Methadon-Abgabestellen wieder trafen.

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Über gmc

1992 gründete der Zürcher Fotojournalist Gerd Müller die Presse- und Bildagentur GMC Photopress und reiste hernach als Agenturfotograf und Fotojournalist in über 80 Länder. Seine Reportagen wurden in zahlreichen Reise- und Spa-Magazinen publiziert. 2021 publizierte er Auszüge aus seinem Buch Highlights of a wild life -Metamorphosen politischer und ökologischer Natur.

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