«Green Palm»-Zertifikate: Grün ist nicht gleich grün

Nachhaltigkeit ist heute für Unternehmen ein zentrales Thema. Dennoch scheint es kaum Jobs für Nachhaltigkeitsexperten in der freien Wirtschaft zu geben. Ohne Expertenwissen können aber auch die ernsthaftesten Bemühungen der Konzerne ins Leere laufen. Ein Beispiel zur Nachhaltigkeitszertifizierung von Palmöl, den sogenannten «Green Palm»-Zertifikaten, die weit weniger nachhaltig sind, als sie vorgeben. Von Gastautor Tim Reutemann.

Während meines Doktorats habe ich mich auf tropische Abholzung spezialisiert und möchte daher ein Beispiel aus diesem Bereich bringen. Lebensmittelkonzerne sind in der Regel Grosseinkäufer von Palmöl, und viele Grossunternehmen haben heute das Ziel «100-Prozent nachhaltiges» Palmöl zu verwenden. Dafür setzen derzeit die meisten auf sogenannte «Green Palm»-Zertifikate.

Nachdem Palmölplantagen einmal angelegt sind, produzieren sie für viele Jahrzehnte hohe Erträge. Die lokalen Umweltauswirkungen sind dabei vergleichbar mit denen anderer Monokulturen. Das eigentliche Umweltproblem ist daher nicht die Produktion des Öls an sich sondern die Zunahme der Plantagenfläche von circa 5 Prozent pro Jahr auf Kosten von tropischen Regenwäldern. Ein Nachhaltigkeits-Zertifikat sollte also zum Ziel haben, effektiv gegen die fortschreitende Abholzung zu wirken.

«Green Palm» geht auf den ersten Blick in die richtige Richtung: Es zertifiziert «nachhaltig» produziertes Palmöl; das heisst unter anderem, dass es nicht von Plantagen stammen darf, auf denen 2005 noch Regenwald stand. Alle davor gerodeten Flächen sind für das Zertifikat zulässig.

Auf den zweiten Blick entpuppt sich das Zertifikat allerdings als wenig wirksam, und zwar durch etwas, das Umweltökonomen als «Re-Shuffeling Effekt» bezeichnen: Gäbe es das Zertifikat nicht, würden alle Palmölkonsumenten einen kleinen Anteil Öl von frisch gerodeten Flächen und einen grossen Teil von alten Plantagen kaufen. Wenn nun einige wenige Grossunternehmen ausschliesslich «Green Palm»-zertifiziertes Öl von alten Plantagen kaufen, landet einfach etwas mehr Öl von frisch gerodeten Flächen bei allen anderen Abnehmern (siehe Grafik). Die Verteilung auf die Konsumentengruppen ändert sich, die Zusammensetzung des Gesamtmarkts bleibt gleich und es wird kein Hektar weniger abgeholzt.

Grafik zum Re-shuffeling Effekt
Re-shuffeling Effekt: Die Zusammensetzung des Angebots bleibt gleich, obwohl einige Käufer ausschliesslich zertifiziert nachhaltige Produkte kaufen. Rot = Palmöl von frisch abgeholzten Flächen, Grün = aus alten Plantagen. (Grafik: T. Reutemann)

Alternativen zu unwirksamen Zertifikaten

Wirklich nachhaltiges Palmöl müsste bei der Zunahme der Gesamtproduktion ansetzen, zum Beispiel durch Intensivierung der Palmöl-Produktion durch kleinbäuerliche Betriebe und durch Re-Kultivierung von Brachflächen. Für beides gibt es Projekte, die aber auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. Wollen Unternehmen diese Projekte mit dem Kauf des so produzierten Palmöls unterstützen, sind die Mehrkosten jedoch deutlich höher als bei «Green Palm»-zertifiziertem Öl – dort betragen die Mehrkosten gerademal knapp 1 Prozent. Dennoch wäre es sinnvoller, zumindest einen Teil des gesamten Palmöls auf nachhaltige Quellen umzustellen anstatt die gleiche Summe für ineffektive Zertifikate auszugeben.

Die «Green Palm»-Zertifikaten sind nur ein Beispiel für die vielen Stolpersteine, die Grossunternehmen erkennen und meiden müssen, um tatsächlich und effektiv nachhaltig zu handeln. Zertifikate wie dieses klingen erstmal gut, aber helfen nicht unbedingt, das eigentliche Nachhaltigkeits-Problem zu lösen. Jedes Jahr schliessen über 100 junge Expertinnen und Experten ihr Studium an der ETH ab. Sie sind ausgebildet, solche Tücken zu erkennen und wirksame Massnahmen zu entwickeln. Und sie brennen darauf, Unternehmen dabei zu helfen die Worthülse «Nachhaltigkeit» mit Inhalt zu füllen.

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Tim Reutemann

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