DerFluch von Big Data und unsere vorsätzliche Fahrlässigkeit mit dem Datenumgang

VORWORT                                                                   

Das Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische und ökologische Vorgänge in Krisenregionen rund um den Globus. Er beleuchtet das Schicksal indigener Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf, rückt ökologische Aspekte und menschenliche Schicksale in den Vordergrund, analysiert scharfsichtig und gut informiert die politischen Transformationsprozesse. Müller prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen an, zeigt die Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Pointiert, hintergründig, spannend und erhellend. Eine Mischung aus globalen Polit-Thrillern, gehobener Reiseliteratur, gespickt mit sozialkritischen und abenteuerlichen Geschichten sowie persönlichen Essays – den Highlights und der Essenz seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben. Nach der Lektüre dieses Buchs zählen Sie zu den kulturell, ökologisch sowie politisch versierten Globetrotter.

Als Treibstoff des Informationskapitalismus etabliert Big Data die Diktatur von Techgiganten und Informationseliten, weil die Abieter über die Daten und Schlüsseltechnologien zur Analyse verfügen. Umso tragischer ist unsere sorglose Gleichgültigkeit gegenüber einer exzessiven Datensammelwut jeder Art. Da müssten sich alle Corona-Impfungs- und Verschwörungstheoretiker längst damit so intensiv befassen wie mit dem neuen Impfstoff. Die Gefahr, dass der Dreiklang aus Informations-, Gefühls- und Verhaltenskontrolle suma surum zu einer Risikotech-nologie für unsere Gesellschaft, Freiheit und Demokratie führt ist mehr als real.

Die Big Data Mogule und Datenkraken wie «Google», «Amazon», Facebook», Twitter» und Co, entziehen sich staatlicher Kontrolle. Regeln für die Informationsökonomie bestehen kaum. Genauso wenig gibt es eine gesellschaftliche oder politische Optik und Strategie für den Umgang mit Big Data und intelligenten Maschinen. Wir nehmen es einfach hin, dass unsere grundlegenden Menschenrechte wie das Recht auf Privatsphäre völlig ausgehebelt und unsere Daten völlig unnachvolziehbar kursieren und intransparent ausgeschlachtet werden und steuern mit unseren bedenkenlosen Blogs und Beiträgen fleissig zur Goldgräberstimmung und zugleich zur taktischen Vernebelung bei. Dabei wird immer klarer ersichtlich, dass intelligente Maschinen unseren Alltag und die Gesellschaft zunehmend radikal verändern werden, sowohl im zwischenmenschlichen Umgang, als auch unsere Werte- und Rechtssysteme als auch die Staatsformen und Kommunikation beeinflussen oder zerstören werden.

Jene Industrien, die Big Data Produkte mit Totalüberwachung zur Marktreife bringen, haben keine Gewissensbisse und kennen keine Gren-zen, wenn es um lukrative Geschäfte geht. George Orwell lässt grüssen. Seine damals schon gruseligen Fiktionen wurden bei weitem über-troffen. Fast geräuschlos hat sich der Informationskapitalismus in unsere Grundfeste und in unser Leben eingeschlichen. Das Hypertasking ist zu einem grotesken Hype verkommen. Bei der regelmässigen Beobachtung, wie flüchtig die User und wie oberflächlich die Infos sind wird mir übel. Immer mehr Daten sollen unseren Lifestyle verbessern beziehungsweise optimieren, nach dem Motto: Hedonismus, Egoismus und Subjektivismus sind gut. Me, mayself and I. What else? So funktioniert die Indoktrination mit faschistischen Ideologien und Manifesten am Besten. Die Spaltung der Gesellschaft hat sich schon in erschreckend disruptivem Mass vollzogen. Der Angriff auf die Solidarität der Ge-meinschaft und die Spaltung der Gesellschaft ist ebenfalls weit fortgeschritten. Die Alarmglocken schrillen, aber keiner hört hin. Wie beim Klimawandel wird auch dieses Problem gerne verdrängt.

Wir sind aber leider nicht einfach Opfer sondern aktive MittäterInnen. Es liegt in unserer Hand, wie naiv wir bleiben wollen, wie weit wir von der Vernunft Abstand nehmen und uns einlullen und in falscher Sicherheit wiegen wollen, in dem wir bei dem ganzen Datenkraken-Zirkus munter mitmachen. Persönlich habe ich daher 2013 schon alle meine Social Media Aktivitäten beendet und benutze auch auf dem Smart-Phone kein einziges App und schon gar nicht ist «Google» aktiviert. Das führt zwar einerseits zu einer Isolation und Abschottung, andererseits begünstig es die Weit- und Scharfsicht durch eine fokussiertere An- und Einsicht, als auch die Gelassenheit und die Dialogbe-reitschaft infolge der nicht ständig reizüberfluteten Echokammern–Apokalypse. Natürlich nimmt man für die friedliche Ruhe einige Ein-schränkungen in Kauf.

Im Takt unseres Pulsschlages geben wir unser Innerstes preis. Und auch wenn wir noch möglichst viel Kontrolle ausüben, was wir preis-geben, können wir uns dem Diktat der Ausforschung nicht mehr entziehen. Und die Güte der Systeme, die Beschaffenheit der über uns erhobenen Daten und die daraus gewonnen Erkenntnisse bleiben im Verborgen und können von uns nicht verifiziert werden. Leider ist auch unwissenschaftliches Vorgehen im Umgang mit den erhobenen Daten eher die Regel als die Ausnahme. Die Primärdaten, die wir selbst preisgeben, werden mit Sekundärdaten, also anderweitigen Hinweisen und Spuren die wir digital hinterlassen haben verknüpft.

Die Quellen werden von Sensoren überwacht und in diesem Sinne ist jeder der den Spion mit dem Smartphone in der Tasche trägt selbst eine Quelle der Datenfusion, wenn Telefonate, Chats, Kalender, Internet abgesaugt und von nnbekannten Mächten ausgewertert werden. Da man nicht genau weiss, wer welche Daten wie erhebt und an wen weiter gibt sowie nicht bekannt ist, was sich daraus letztlich ergibt, hat man auch keinen Einfluss auf Falschbewertungen und Fehleinschätzungen.

So gesehen müssten sich alle freiheitsliebenden Corona-Impfgegner schon seit gut zehn Jahren von ihrem Smartphone getrennt haben. Umso mehr, als das Leben vielschichtiger und komplexer ist, als algorythmische Logik-rätsel, auch können die erhobenen Daten veraltet, aus fragwürdigen Quellen, falsch oder unvollständig sein und das Bild verzerren. Dazu gibt es zwar widerum ein spezielles Verfahren die sogenannte Bayes‘sche Statistik, die mit bedingten Wahrscheinlichkeiten arbeitet, aber das wird weder bei vielen Datenschürfern angewandt noch ist es der Weisheit letzter Schluss. Im Gegensatz zur bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Individualisierung, sind es nun die intelligenten Maschinen, die uns zu standardisierten Menschen machen und je nach dem auch falsch klassifizieren und einordnen mit zuweilen fatalen Folgen. Ferner muss man wissen, dass die Datenfusion einer kontinuierlichen Anpassung unterworfen ist, weil sich die Welt rasch verändert und die Datenmenge exponentiell anwächst.

Die Anpassung kann auf zwei Arten erfolgen, entweder der Daten-Scientist passt die Algorythmen selbst an oder bei der künstlichen Intelli-genz, die Maschine passt sich den veränderten Bedingungen selbst an. Dass dieser Anpassungsprozess so fehlerhaft, wie der Mensch oder das menschliche Gehirn ist, sollte uns bewusst sein. Nützt uns aber herzlich wenig, weil wir und auch die Staaten kaum oder keinen Einfluss mehr über diesen Geschäftszweig haben. Lernende Maschinen sind reine Optimierer, bei Handelsgeschäften mag das ja noch durchgehen, ganz anders ist die Situation aber, wenn man Rückschlüsse auf Verhaltensprognosen von Individuen diesem starren Schema unterwirft. Bedeutet die zunehmende Quantifizierung und Vermessung etwa, dass wir uns lediglich genauer irren und die Menschlichkeit dafür opfern?

So hat «Google» nicht nur das Intrnet aus dem Weltraum für infrastrukturschwache, abgelegene Regionen geschaffen sondern handkehrum auch die militärische Schlüsseltechnologie zur Ueberwachung aus dem Weltraum, denn die Google»-Drohnen sind «HALE» Drohnen und fliegen in einer Höhe von gut 20 Kilometern über der Erde. «Googles» Drohnen können jahrelang über jeder beliebigen Zone der Welt kreisen und sind mit herkömmlichen Luftverteidigungssystemen nicht zu bekämpfen, denn durch die feine Struktur sind sie kaum dedektierbar. So eine «HALE» Drohne ist der Traum jedes Diktators und vieler Staaten, die Hoheit liegt aber bei einem privaten Unternehmen. Und das ist in vielen Bereichen der Big Data Schlüsseltechnologien heute so. Gewisse Unternehmen haben heute mehr macht als einflussreiche Staaten, auch das sollte uns zu denken geben.

Die Auswüchse und fatalen Folgen fehlgeleiteter Algorythmen für die Weltbevölkerung lässt sich erstmals in grossem Stil an der Banken-krise von 2008 erkennen. Bis dahin täuschten die finanzmathematischen Modelle vor, Verlustrisiken von Wertpapieren pulverisieren zu kön-nen, was aber nicht geschah und das Kartenhaus-System zusammenbrach. Dann hatten wir den Wirecard-Skandal ein ähnliches Konstrukt das auf Luftblasen und Betrug im grandiosen Ausmass fusste. Hat die Finanzindustrie oder die Welt was gelernt? Nein, denn der Zusammen-bruch des Finanzsystems aufgrund der Kapitalakkumulation war 2008 plötzlich «too big to fail» geworden, was ein fatales Signal an die Turbo-Kapitalisten aussendete. „Macht einfach weiter so, aber macht es ein bisschen besser“, lautete die Message. Ja, Halleluja, so sind der Hochfrequenzhandel und das Kapitalsystem weiterhin tickende Zeitbomben noch immer am Ticken und die Gier-Mentalität hat einen tiefen Graben durch die Gesellschaft gerisssen und sich abgrundtief von einer solidarischen und ausbalancierten Gesellschaft verabschiedet.

Als die Queen 2008 der School of Economics einen Besuch abstattete, fragte die Monarchin, weshalb die Wissenschaftler das globale Ban-kenbeben nicht hatten kommen sehen. Ein halbes Jahr später erhielt die Queen von den zwei Wissenschaftlern Tim Besley und Peter Hennessy die Antwort die folgerndermassen lautete: „Das Unvermögen, den Zeitpunkt, dass Ausmass und die Schwere der Kriste vorherzusagen und ihr zuvorzukommen, hatte zahlreiche Ursachen, doch insbesondere haben viele intelligente Menschen national und internationals kollek-tiv versagt, als es darum ging, die systemischen Risiken für das ganze System zu begreifen.“ Dieses Fazit lässt sich ebensogut auf weitere grosse Skandale (Wirecard/1MbdFund) aber auch auf den Klimawandel und den Umgang der Menschheit mit dem übergrossen Fussab-druck anwenden. Es ist immer wieder dieselbe Leier. Leider.

Früher hiess es, Gott sieht alles, aber das sind tempi passati. Gott wurde durch eine Tech-Dreigestirn ersetzt: die «NSA» sieht alles, «Google» weiss alles und «Apple» hört alles mit. Nur, wenn Privat-Unternehmen sich nun schon über die Hoheit von Staaten und Gesetzen stellen und unsere Grundrechte missachten, was kommt da auf uns zu? Wenn die ständige Pflichterfüllung, bedingungsloser Gehorsam, stete Optimierung und ein stromlinienförmiges, konformes und steriotypes Verhalten zur Hybris des Daseins wird. Sind wir blind, taub oder einfach fahrlässig blöd, um das ganze Spiel einfach so mitzumachen und uns selbst abzuschaffen? Das ist doch komplett schizophren!

Denken wir doch daran, dass ein Staat per Dekret oder eine fremde Macht durch Spionage und Sabotage, als auch Verbrecherbanden an die Daten herankommen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ganz abgesehen, welche verbrecherischen, erpresserischen und disruptiven Aktivitäten von den Unternehmen selbst aus geht. Es ist kein Wunder, dass sich die Spaltung der Gesellschaft durch die Digitalisierung extrem verschär-ft hat, dass Wahlen mit Boots manipuliert werden und soviele auf den social medias die Flut der Boots reinfallen. Je intelligenter die Maschi-nen werden, umso dümmer und unkritischer wir werden, weil wir nämlich gar nichts mehr verstehen und uns dem Sog oder der Magie der digitalen Götter nicht mehr entziehen können

Ich habe in der Tat kein App jemals auf dem Smartphone installiert, benutze keine Chats und habe 2013 alle Sozialen Medien-Auftritte eingestellt. Diese Lebensweise und diesen freiheitlichen Luxus können sich aber nur wenige leisten. Asketisches Verhalten beim Gebrauch digitaler Geräte und Apps ist zum Karrierekiller geworden. Wer nicht mitmacht, fällt aus der Gesellschaft heraus und wird zum Nichts degradiert. Hans Magnus Enzenberger machte sich mit seiner Aussage 2014 – wer ein Mobiltelfon hat werfe es weg – zum Spot, hatte jedoch mit seiner Einschätzung absolut recht. Nur eben mit der Vernuft des Menschen ist es nicht weit, er und sie sind der Verführung erlegen, jederzeit und überall erreichbar zu sein und den Spion ständig dabei zu haben.

Dieser Beitrag wurde am von unter News veröffentlicht.

Über gmc

1992 gründete der Zürcher Fotojournalist Gerd Müller die Presse- und Bildagentur GMC Photopress und reiste hernach als Agenturfotograf und Fotojournalist in über 80 Länder. Seine Reportagen wurden in zahlreichen Reise- und Spa-Magazinen publiziert. 2021 publizierte er Auszüge aus seinem Buch Highlights of a wild life -Metamorphosen politischer und ökologischer Natur.

Schreibe einen Kommentar