Highlights in Brasilien und Amazonas Expedition

Im Bundesstaat Maranhao gibt es endlose Dünenlandschaften mit Süsswasserseen. Bild: Gerd M. Müller

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62) reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus Politthriller, Reiseberichten und voll abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

DIe Aussicht von meinem Hotelzimmer an der Beira Mar beim Hafen und nahe der Praia do Futuro. Bild: GMC

2003  wurde ich für drei Monate als Resident Manager für ein Schweizer Reiseunternehmen in Fortalezza im Nordosten Brasilien stationiert und hatte eine verdammt gute Zeit. Relativ wenig Gäste, also keinen Stress, ein Hotelzimmer direkt an der Beira Mar, das ist wie in Rio an der Copacabana. Und ein gutes Fahrzeug, mit dem ich bis nach Jericoacoara zu den fantastischen Sanddünen kam und im Süden bis nach Moro Branco und nördlich von Ceara bis Jericoacoara fuhr.

Das war so der Aktionsradios, aber das brasilianische Lebensgefühl hat mich schon auf früheren Reisen sehr angezogen. Zuvor war ich schon in Rio de Janeiro, in Salvador de Bahia, auf der Ferieninsel Buzio und habe auch eifrig portugiesisch gelernt. Da ich recht gut spanisch sprach, viel mir der Einstieg leichter und die Sprache gefällt mir viel besser.

Auch die Musik Alle Latinamerikanischen Klänge verzaubern mich: Vom Tango in Argentinien über den «Bossa Nova» eines Gilberto Gil in Brasilien oder den Volkstanz «Forro», wie in Fortalezza, vom «Salsa» und «Son» auf Kuba zum «Merengue» auf der Dominikanischen Republik, all diese Musikstile und Tänzformen sprechen mich an. Die Erotik ist beispielslos verführerisch. Und die Frauen ebenso. „Mamma mia. Einfach scharf und zuckersüss zugleich“.

Eine Leidenschaft von mir. Ich war überall auf der Welt mit Pferden oder Dromedaren unterwegs.Nicht immer allein.

Ich verstand nie ganz, was soviele Schweizer Männer nach Thailand zog. Vielleicht unterschätze ich die Verführungskunst der Asiatinnen komplett, aber mir sind halt latinamerikanische und afrikanische Kulturen näher. Und da Fortalezza sozusagen das Bangkok Brasiliens ist und wöchentlich dutzende, vollbesetzte Billig-Charter-Flüge von Amsterdam und Rom einflogen und die Prostitution anfachten, kam auch ich so aus purer Langweile zu meinen feurigen Bekanntschaften und paradiesischen Amouren. So müsste es immer sein. Leider musste ich das Paradies wie vorgesehen nach drei Monaten verlassen und der nächste Einsatz hätte krasser und karger nicht sein können. Ein Kulturschock stand mir bevor. Wohin sollte die Reise nun gehen? In den Sinai. Und zwar für sechs Monate. Oh je.

Doch bevor ich Sie mit auf die Reise in den Sinai nehme und dann noch in den Libanon, möchte ich vorwegnehmen, dass ich nach Aegypten gleich wieder nach Brasilien zurückkehrte und weitere vier Monate dort lebte und 6000 Kilometer im Off-Roader bis zum Amazonas und zurück legte.

6000 Kilometer Off-road Trip von Fortalezza bis Manaus und retour

Unbeschreiblich schön diese Sanddünen-Landschaft an der brasilianischen Küste im Norden. Bild: Gerd M. Müller

Als ich meinen Reiseleiter-Einsatz im Sinai endlich beendet hatte, wollte ich gleich wieder nach Brasilien zurück. Zuvor sah ich noch meine Kinder in Zürich nach einen halben Jahr kurz wieder, dann war ich wieder weg. Roberta, also die Mutter meiner Kinder hatte damals eine Krise mit dem Verlust ihres Freundes und einer Fehlgeburt und wollte mir aus heiterem Himmel plötzlich das Besuchsrecht verweigern.

Statt zu Prozessieren und hernach einen Scherbenhaufen zu haben, teilte ich mir mit, dass wenn Sie meine Kinderbetreuung für überflüssig hält, ich wohl endlich mal wieder länger ins Ausland gehen könne. Und siehe da, es dauerte keine zwei Wochen und ich hatte den Job als Resident Manager in Fortalezza.

Also zurück in Fortalezza lebte ich erst Mal zwei Monate im Favela Serviluz nahe der Praia do Futuro bei einem Freund. Ich hatte ein simples Zimmer in seinem Backstein-Häuschen und mir war da ganz wohl. Bald kannte ich viele Leute und die Nachbarn im Favela kannten mich, sodass ich keine Probleme hatte mich dort frei zu bewegen. Es war eine gemütliche Hänger-Zeit, denn ich hatte im Sinai und schon zuvor in Brasilien gute Devisengeschäfte mit den Touristen gemacht. Das war eigentlich immer eine erträgliche Neben-Einnahmequelle bei dem Job. In Polen bin ich so ja fast Zloty-Millionär geworden.

Dann besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz und wie mieteten uns einen Highlux, um entlang der brasilianischen Küste von Fortalezza bis nach Manaus hochzufahren und im Inland die Rückreise zu vollziehen. Das sind gut 6000 Kilometer, die ich in 11 Tagen zurücklegte. Ehrlich gesagt, war die Reise im Offroader fast bequemer auf der Asphaltstrasse, die mit Löchern, die bis zu einem halben Meter tief waren, völlig übersät war. Die Strasse sah aus wie nach einem flächendeckenden Bombenbangriff. Dort gewöhnte ich mir an, permanent auf den Geröllstreifen rechts der Fahrbahn zu fahren. Da kommt man viel schneller vorwärts und wirbelt kräftig viel Staub auf. Das ist schon von weitem zu sehen.

Die Reise verlief über Jericoacoara, eine fantastische Dünnenlandschaft, die aber im nächsten Bundesstaat Maranhao noch übertroffen wurde von den Seen in den Sanddünen-Landschaften. Eine wahnsinnig faszinierende Gegend finde ich. Mir gefallen Wüsten besser wie Urwälder. Man kommt einfach besser voran. Im 4×4 wenigstens. Doch auch hier, wäre ich ohne die Hilfe der Einheimischen Fischer arg gestrandet. Es mussten zahlreiche Flüsse überquert werden und zumeist ging das ganz gut.

Doch dann kamen wir zu einem Fluss, der auf unserer Seite erst sehr breit und seicht war, dann gab es ein kleines sandinselchen vor der Stelle, wo der Fluss eine enge, reissende Mündung wie in einem Trichter durchfloss. Das konnte ich aus 40 Metern gut sehen. Das war eine sehr gefährliche Stelle. Wenn ich nicht mit Vollgas, die letzten acht bis zehn Meter würde durchqueren können. Also fuhr ich mit viel Schub durch die breite, seichte Stelle auf die Insel zu geriet bei der Insel ins Stocken und dadurch kam ich mit wenig Schwung im reissenden Durchfluss an und zwar mit der Motorhaube im 45 Grad winkel zu dreiviertel im Wasser feststeckend.

Nur dank einem Boot im Strömungskanal, das den Wagen ein wenig anhob und einem Auto, das uns von hinten mit dem Drahtseil über die seichte Flussstelle zurück zog, schaften wir es aus dem Fluss herauszukommen. Glück gehabt, dass dort in der Nähe Fischer waren und nach drei, vier Stunden auch noch ein Fahrzeug kam.

Ein anderes Mal, da war ich gerade in der brütenden Mittagshitze allein unterwegs und im tiefen Sand stecken geblieben. Es dauerte vier Stunden und unendlich viele Ruckelstösse für ein paar Zentimeter weiter, bis ich wieder weiter fahren konnte. Der Sand war glühend heiss und ich Schaufelte wie ein Verrückter. Ich dachte wirklich nicht, dass ich es noch schaffen würde, nachdem ich nach zwei Stunden schon komplett fix und fertig war und eine Pause einlegen musste.

MS Bremen Cruise von Iquitos (Peru) via Manaus nach Kuba  

Amazonas Cruise mit der MS Bremen und Wissenschaftler und Umweltexperten an Bord. Bild: Gerd M. Müller/GMC

Im Jahr 2006 hatte ich die einmalige Gelegenheit, an einer exklusiven Schiffsreise auf der «MS Bremen» teilzunehmen, die von der peruanischen Stadt Iquitos am Oberlauf des Amazonas bis nach Manaus fuhr mit Wissenschaftler, Natur- und Umweltexperten an Bord. Dank den Dingis konnte man so vom Schiff aus in die verschlungenen Seitenarme reinfahren und erfuhr viel über den Urwald und die Indios, die in diesen abgelegenen Öko-Refugien lebten. Abends gab es dann immer Vorträge und statistische Fakten zum Verlust der Biodiversität, von der schwindenen Fauna und Flora und den mit der globalen Erwärmung an diesem Ort verbundenen Auswirkungen, welche das Weltklima beeinflussen.

An Bord waren  Dr. John H. Harwood, Neotropikaner Amanzonas und Biomassen-Experte (INPA), Prof. Dr. Lothar Staeck von der Techischen Universität in Berlin, Experte für Biologier und Artenvielfallt, Dr. Harmut Roder, Historiker und Museumswissenschaftler und Lehrbeauftragter der Hochschule in Bremen, Dr. Thomas Henningsen, Experte für Meeresbiologie und Flussdelphine sowie Kampagnenleiter für die Bereiche Wälder und Meere bei Greenpeace Deutschland sowie Frau Dr. Claudia Roedel, Espertin für Biologie und tropische Ökologie. Also ein nahmhaftes Expertenteam. Das hat man nicht immer.

Hier sind wir beim Zusammentreffen der beiden grössten Flüsse die sich zum Amazonas Strom vereinigen. BIld: GMC

Eigentlich wollte ich ja in Iquitos an Bord der «MS Bremen» gehen und zwar von Cachamarca im Hochland von Peru bei den Inka-Thermalquellen via Lima kommend. Doch ich machte zum ersten Mal im Leben einen Terminfehler, mit drastischen Folgen. Die «MS Bremen» hatte schon vor Stunden abgelegt. Ohne mich. Nun stand ich da und versuchte während drei Tagen irgendein Boot zu chartern um dem Luxusdampfer hinterher zu fahren. Nichts ging. Als ich dann endlich auf einem kleinen Boot mit nach Manaus reisen konnte, dauert es schliesslich eine Woche, bis ich die «MS-Bremen» eingeholt hatte. Auf dem Boot wurde ein Rucksack von mir gestohlen und der Grenzübertritt von Peru nach Brasilien war abenteuerlich. Wir kamen in finsterster Nacht an der Grenze an. Dort gab es keine Hütte zum Schlafen. Auf der anderen Seite in Brasilien schon. Wir fanden einen alten Mann, der uns rüberfuhr und am nächsten Morgen wieder in Brasilien abholte und mit uns nach Peru zurückpaddelte, da wir einen ordentlichen Grenzübertritt machen mussten, um nicht illegal in Brasilien anzukommen.

Brazil: Die Landschaft an der Grenze der Bundesstaaten Maranhao und Piaui nahe Chaval. Bild. Gerd M. Müller/GMC

Nachdem die Operation Grenzübertritt gelungen und ich endlich 1000 Kilometer und sechs Tage später abgebrannt und am Ende meiner Kräfte von der Bootsfahrt an Bord der «MS Bremen» war, entspannte ich mich Mal auf dem Luxusdampfer und wurde wahrlich köstlich verpflegt. Nicht nur mit wertvollen Informationen und super Vorträgen, sondern auch mit fantastischen Büffets und niveauvollem Unterhaltungsangebot.

Zudem lernte ich die einzigen jüngeren Gäste an Bord kennen. Ein Anwalt aus München mit seiner noch jüngeren Frau. Und die hatten ein Kilo Koks im Gepäck und rupften das ganze Zeug bis zur Ankunft in Kuba in drei Wochen durch. Hin und wieder gab es auch für mich einen Schnupf und das war wahrlich ganz geiles Zeug. Kein Vergleich zu was in Europa letztlich auf der Strasse gehandelt wird. Also ein echt purer Genuss hochwertigsten Stoffes. Also dieser Anwalt machte so eine Reise viermal jährlich und pulverte dann irgendwie München voll. Was Anwälte nicht so alles tun? Anyway, wir hatten eine sau gute Zeit.

Körperkult und Keuschheit

Bei den Fremdenlegionären im Survival Camp

French Guyane: The headquarter of the 9th Marine-Infanterie-Regiment of France in the capital city Cayenne. Bild: GMC

Bevor wir Kuba ansteuerten war ein Zwischenstopp auf Französisch Guyana angesagt. Ich kannte das französische Departement doutre Mer schon. Vor Jahren besuchte ich die «ESA»-Raumfahrtstation in Kourou und fuhr sowohl nach Cayenne als auch auf die Teufelsinsel. Damals war ich mit einer kleinen Schweizer Journalisten-Truppe hier und nutzte die Zeit nach Ihrer Abreise um in das Survival Camp «CISAME» zu gehen und dort eine Woche den Ueberlebenskampf im Urwald üben. Das Camp hatten Ex-Söldner der Legion etrangere, also der Fremdenlegion gegründet. Zuerst um dort selbst das Ueberleben im Urwald zu trainieren, dann um Westlern dieses Existenzialisten-Abenteuer anzudienen.

The Centre Spacial of the European Union Space Mission in Kourou, South America: A huge transporter for the space shuttle

Und wahrlich, so ein «Survival Trip» wird dein Leben verändern. Und wenn du ihn überlebt hast, gehst du wie ein Bergsteiger und Marathonläufer die Dinge im Leben an. Nun hatte ich ja schon im Bush in Botswana und Südafrika mein Survival Training gehabt. Aber hier im Dickicht bei schweisstreibender Hitze und Feuchtigkeit war das ganz anders. Und dann das Lernen wie man Fallen errichtet und die Beute verspeist. Eine kurze Einführung über all die Gifttiere, von denen es hier nur so wimmelt. Tja und dann hiess es «tschüss» von unseren Instruktoren und: «versucht es Mal, für eine Woche hier im Urwald autark zu überleben». Eine echte Herausforderung, der ich nicht ganz gewachsen war.

French Guyane: Two monkey’s riding on a Tapir Bild: Gerd M. Müller/GMC Photopress

Tröstlich war, dass ich zuvor in der letzten Nacht, als meine Berufskollegen und ich Nachts spät betrunken durch die leeren Gassen von Cayenne stolperten und von drei oder vier Personen überfallen wurden. An einer kleinen Kreuzung sah ich plötzlich aus allen Richtungen Gestalten heran huschen und warnte meine Freunde. Beim Umdrehen erhielt ich eine Ladung Tränengas ins Gesicht und sah nichts mehr. Doch drehte ich mich mit geballten Fäusten und hochgezogenen Knien rasch um mich, drosch auf alle rein und verschaffte mir eine Lücke aus dem Kreis der Angreifer, sodass ich Vollgas flüchten konnte. Wir kamen mit dem Schrecken davon.

Doch fahren wir noch ein Stück weiter mit der MS Bremen von Französisch Guyana. Diesmal liegt die grösste Strecke übers Meer vor uns. Diese war ganz ruhig. Keine Welle zu sehen. Spiegelglatt das Meer und endlos der Horizont. Schön am Morgen bei Sonnenaufgang und noch schöner Abends bei Sonnenuntergang. Ansonsten aber langweilig, wenn man sich nicht den gesellschaftlichen Auftritten hin gab. Das Koks half perfekt über die Langeweile hinweg und reichte bis Kuba. Dort trennte ich mich von dem Münchner Pärchen und ging wieder meine eigen Wege.

French Guyane: The former political prison on devils island near Cayenne and Kourou

Zum ersten Mal bin ich per Schiff in Havanna angekommen und das ist schon ein ganz anderer Anblick. Viel besser als die der Bucht gegenüberliegenden Burg.

Blick:    Ein Land zum Abheben   

Mittelland Zeitung:  Guayana: Wo Europa im Amazonas ausufert

Auszug aus dem Buch «Nomadenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd M. Müller

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

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