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Stets sozial und ökologisch engagiert und interveniert

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

93/94: IKRK-Einsätze im ANC-IFP Bürgerkrieg

Nach dem das Apartheid-Regime durch den UNO-Boykott und den südafrikanischen Widerstand zusammenbrach, kam es zu einem erbittertem Machtkampf zwischen dem «ANC» (African National Congress) und Buthelezi`s «IFP» (Inkhata Freedom Party). Der Bürgerkrieg forderte X-tausend Opfer und machte Zehntausende zu Flüchtlingen. Eine weitere Tragödie, denn zuvor hatte das weisse Regime im Zuge der Rassentrennung Hundertausende von schwarzen Menschen wie Vieh zwangsumgesiedelt.

Im Südafrika der Nach-Apartheid beschäftigten die Menschen vor allem eins: die ständig wachsende Gewalt-Kriminalität. Hatte die Polizei früher in erster Linie die Verfolgung politischer Gegner zum Ziel, fechteten die Sicherheitskräfte und Politiker nun einen fast aussichtslosen Kampf gegen die Brutalität und Kriminalität aus. Der «Taxi-/Minibus-Krieg» in Durban forderte seit Jahren zahlreiche unschuldige Menschenleben. In Kapstadt tobte ein Bandenkrieg unter 80000 Jugendlichen, auch Johannesburg war Schauplatz zahlreicher Verbrechen. Als Tourist oder Geschäftsreisender spürte man die «Atmosphäre der Angst» intensiv. Die Polizeikräfte operierten wie paramilitärische Organisationen und hatten einen üblen Ruf, in den jeweiligen Städten

Die Arbeitslosigkeit betrug fast 40 Prozent und liess so die weit verbreitete Armut und die Kriminalität in die Höhe schnellen, begünstigt durch die Ohnmacht und Korruption des mit sich selbst beschäftigten Justiz- und Polizeiapparates, der im Zuge des radikalen Umbaus gelähmt war. Täglich wurden in Südafrika über 60 Menschen, also jährlich insgesamt gegen 20‘000 Personen umgebracht. Südafrikas Gefängnisse platzten aus allen Nähten. Strafuntersuchungen bleiben jahrelang unbearbeitet liegen. Auch Jugendliche unter 14 Jahren sind vielfach lange Zeit inhaftiert.

1993begleitete ich einen Freund von mir, Daniel S., der als IKRK-/Rotkreuz Südafrika-Delegierter in Johannesburg stationiert war, auf seiner Reise in die Flüchtlingslager, um die dortige Lage zu sondieren, den Opfern zu helfen und die Friedensbemühungen zur Stabilisierung des Landes im Hinblick auf eine demokratische Verfassung und Regierung der «Regenbogen-Nation» zu unterstützen. Wir fuhren zu den damaligen Hotspots «Margate» und «Ladysmith», «Ezakhweni» und «Emphangeni», «Mfung» und «Obizo» sowie «Empendle» protokollierten die abgebrannen Häuser und die Toten. Führten Gespräche mit Hinterbliebenen und versuchten zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Eine schwierige, wenn nicht fast aussichtslose Aufgabe. Damals kam es alle 40 Minuten zu einem Mord, 20‘000 pro Jahr insgesamt.

Zulu Heiler und Bantu-Schriftsteller Credo Vusama Mutwa

Im Februar 1996 begann die von Mandela eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. mit der Aufarbeitung der Verbrechen zur Zeit der Apartheid. Einigen Gruppen gingen die in Mandelas Amtszeit erreichten sozialen Verbesserungen auch in Bezug auf die AIDS-Krise, nicht weit genug. Kritiker bemängelten ebenso, dass die Verbrechen des Apartheid-Regimes nicht strafrechtlich genug gesühnt wurden.

Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter erhielten eine kostenlose Gesundheitsfürsorge; 1996 wurde die Gesundheitsfürsorge für alle Südafrikaner kostenfrei. Mit dem «Land Restitution Act» (1994) und dem «Land Reform Act 3» (1996) wurden Schritte zu einer Landreform unternommen. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche Gesetze der Apartheit-Zeit widerrufen. Armee und Polizei wurden neu aufgestellt.

Im Rahmen meines humanitären Engagements in Südafrika konnte ich dank dem Zulu-Heiler Credo Vusama Mutwa 1997 auch das Poolsmoor-Gefängnis in Kapstadt (in dem Nelson Mandela die letzten Jahre seiner Haft verbrachte) mit einem kanadischen UN-Gesundheitsinspektorenteam besuchen. In dem für 3‘000 Häftlinge konzipierten Gefängnis waren rund 7‘000 Häftlinge inhaftiert. Fast 30% der Insassen waren damals HIV-positiv und viele Häftlinge wurden jahrelang ohne Anklage festgehalten. Etliche verstarben. Es waren schockierende Zustände, die wir da antrafen. Ein Esslöffel Kostprobe in der Gefängnisküche reichte aus, dass ich hernach Staphylokokken/Streptokokken hatte. Pädagogisch befremdend war auch, dass es im Kinderspielzimmer einzig eine Plastik-Schusswaffe als Spielzeug gab. So züchtet man von Kindesbeinen an eine neue nachwachsende Generation von Armut getriebener Krimineller heran.

Zu dieser einmaligen Gefängnis-Inspektion stiess ich aufgrund einer spirituellen Kapazität in Südafrika. Der Zulu-Sangoma (Heiler), Bantu-Schriftsteller & Historiker Credo Vusama Mutwa, den ich im «Shamwari Game Reserve» kennen lernte zusammen mit Dr. Jan Player, dem Rhinozeros-Retter und «Wilderness-Leadership-School»-Gründer. Die ganze Nacht über erzählte mir der unglaublich gebildete Mensch die spirituellen Geheimnisse und ethnischen Zusammenhänge, die kulturellen Eigenschaften und Besonderheiten der Bantu-Völker von Nord- bis Südafrika. Es war faszinierend und sehr lehrreich. Nur war ich gerade mit meiner zweieinhalb jährigen Tochter Aiala und ihrer Mutter Roberta unterwegs und hatte noch einige Pläne, Termine und Treffen bezüglich anderen Wildlife und Ökoprojekte und konnte nicht einfach hier bleiben und Credo beim Projekt «Kaya Lendaba» helfen. Ich war echt hin und her gerissen.

Wegbegleiter wegweisender Wildlife & Ökoprojekte

Der Zulu-Heiler wollte die Wunden der Regenbogennation heilen und beim «Shamwari Game Reserve» ein multikulturelles Dorf bauen, in dem alle südafrikanischen Ethnien vertreten sein würden. Es sollte als Leuchtpfahl für die Wiedervereinigung Südafrikas dienen und helfen, die Konflikte zu beenden. Gerne hätte ich die Ausbildung zu einem «Sangoma», also einem Heiler gemacht, da Credo mir die Qualifikationen und die geistig-spirituelle Weltsicht zutraute. Dies erfüllte mich mit Stolz und wäre wohl eine wegweisende Weiche in meinem Leben gewesen. Denn ursprünglich wollte ich als Game Ranger in einem dieser neu entstehenden Wildlife-Reservate arbeiten. Ich konnte mir nichts Schöneres vor stellen, als Wildlife-Manager in einem intakten und geschützten oder schützenswerten Umfeld zu arbeiten. Daher reiste ich immer wieder nach Botswana, Südafrika und Namibia.

Neben dem Long Lee Manor House hat das Shamwari Game Reserve fünf weitere exklusive Lodges geschaffen, zu dem neben dem Eagles Crag und der Bushmen River Lodge auch noch die Lobengula Spa Lodge gehörte. Im November 2005 erhielt Adrian Gardiner zum sechsten Mal die internationale Auszeichnung am «Word Travel Market» in London (WTM) als «weltbester privater Tierpark mit den höchsten ökologischen Anforderungen». Zudem wurde das «Shamwari Game Reserve» auch als «zweitwichtigstes Projekt der südlichen Hemisphäre» eingestuft und mit dem «British Airways for tomorrow-Award» ausgezeichnet.

Nicht nur dieses, auch andere wegweisende Öko- und Wildlife-Projekte in Südafrika und Botswana begleitete oder vertrat ich fast ein Jahrzehnt lang und berichtete immer wieder über die Fortschritte und Hindernisse, weil ich ja jedes Jahr in Südafrika war und dort auch immer die südafrikanische Tourismusfachmesse «INDABA» in Durban besuchte. Beim Londolozi Game Reserve der Varty Brothers, die spektakuläre Tierfilme drehten, war ich von Anbeginn dabei und hatte auch hier den richtigen Riecher, wie an den verschiedensten Orten in der ganzen Welt.

Auch in Australien bewiese ich mit der Daintree Forest Lodge und in Botswana mit der «Wilderness Leadership School» ein feines Gespür und lag ich bei den absoluten Top Performers der damaligen Zeit. Hinzu kamen das «Mara Mara», «Sabi Sabi» und «Phinda Game Reserve» und schliesslich noch das «The Pezula in Knysna, wo das Schweizer Tennis-Ass Roger Federer seine Villa hat. Im noblen Mount Nelson Hotel in Kapstadt, sass plötzlich Margret Thatcher neben mir im Coiffeur-Salon, was das Gespräch mit der ehemaligen britischen Permierministerin sehr einfach machte. Nur die alte Dame der britischen Politikmachte machte einen dementen Eindruck

Aufgrund meiner vielen Kontakte in Südafrika, erhielt ich vom südafrikanischen Fremdenverkehrsamt (SATOUR) über den Botschaftskontakt den Auftrag Südafrika in der Schweiz mit PR-Kampagnen zu vertreten, wodurch ich auch noch an das «South African Airways»-Mandat heran kam und in der Folge meiner vielen Südafrika-Besuche zwei Reiseführer über Südafrika schrieb. Ob es sich nun um «Ökotourismus – und seine soziale Bedeutung» (Bund), um den aufrüttelnden Bericht und die erfolgreiche Spendenaktion für die bedrohten «Orang Utan im Regenwald von Borneo» («Brückenbauer»), um die «Rettung der Wale» (in der «SonntagsZeitung») oder die «Klimakatastrophe in den Alpen» («Südostschweiz») geht, stets hatte ich meine markante Nase im (Gegen-)wind und war meiner Zeit oft weit voraus.

So auch bei der «Swissair», deren Untergang ich schon 1997 im «Der Bund» mit dem Bericht «Wird die Swissair überleben?» und bei zwei anderen Zeitungen vorwegnahm. Der Klimawandel, der heute fast 30 Jahre später immer noch ein brandaktuelles Thema und das grösste Problem auf dem Planeten Erde ist, beschäftigte mich schon sehr früh und ich zog daraus  Konsequenzen und verzichtete weitgehend auf Flugreisen.

Ob es sich nun um «Ökotourismus – und seine soziale Bedeutung» (Bund), um einen aufrüttelnden Bericht und erfolgreiche Spendenaktion für die «Orang Utan im Regenwald von Borneo bedroht» (im «Brückenbauer»), um die «Rettung der Wale» (in der «SonntagsZeitung») oder die «Klimakatastrophe in den Alpen» (in der «Südostschweiz») geht, stets hatte ich meine markante Nase im (Gegen-)wind und war meiner Zeit oft weit voraus. So auch bei der «Swissair» deren Untergang, deren Ende ich schon 1997 im «Bund» mit dem Bericht «Wird die Swissair überleben?» vorwegnahm.

Der Klimawandel wurde zum Thema

Auch beim Klimawandel, der heute immer noch ein ungelöstes brandaktuelles Thema und das grösste Problem auf unserem Planeten ist, könnte ich heulen über all die irrelevanten Labels, CO2-Kompensationen, politischen Bekenntnisse, leeren Versprechen und Todsünden wie die Billig-Airlines und die «SUVs» die in den letzten 20 Jahren – wohlwissend um den schlechten Zustand des Planeten-, getätigt wurden. Die Billig-Airlines verurteilte ich damals aufs schärfste. Die Generation «Easy Jet» war mir zu wieder.

In Europa habe ich nie ein Flugzeug genommen. Da war die Bahn angesagt. Natürlich kann man mir zu Recht vorwerfen, dass ich als Reisejournalist mit meinen Reisereportagen den globalen Flugverkehr angekurbelt habe. Das kann ich nicht bestreiten. Doch habe ich mir immer die Mühe genommen, ökologisch nachhaltige Projekte und umweltverträgliches Reisen zu fördern. Und als Konsequenz auf den IPPC-Bericht habe ich das «Tourismus und Umwelt Forum Schweiz gegründet».

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie einen Beitrag spenden wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Empfänger/innen.

Beim Kampf gegen die Apartheid im südafrikanischen Untergrund

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK!» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

VORWORT

Dieses Buch des Zürcher Foto-Journalisten Gerd Michael Müller nimmt Sie ab den wilden 80er Jahren mit auf eine spannende Zeitreise durch 30 Länder und 40 Jahre Zeitgeschichte mit Fokus auf viele politische Hot-Spots und Krisenregionen. Er beleuchtet das Schicksal der indigenen Völker, zeigt die Zerstörung ihres Lebensraumes auf und rückt ökologische Aspekte und menschenrechtliche Schicksale in den Vordergrund. Er prangert den masslosen Konsum und die gnadenlose Ausbeutung der Resourcen an, zeigt die Schmetterlingseffekte der Hedge Funds und Auswirkungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Prozesse auf und skizziert Ansätze zur Bewältigung des Klimawandels. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur und globalem Polit-Thriller, gespickt mit abenteuerlichen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie eben.

Weil Südafrika in den 80er Jahren international geächtet war, erteilte die südafrikanische Botschaft in der Schweiz ein «loose leaflet visa», dass heisst ein Papiervisum, dass nicht im Pass eingetragen war, damit es später keine Probleme bei der Einreise in andere Länder gab. Erst lebten wir einige Wochen im Nobelquartier der Weissen in Hillbrow. Gewöhnungsbedürftig waren zunächst einmal die schwarze Haushälterin, die im Mietpreis inbegriffen war! Dann natürlich die Beschränkungen für die schwarze Bevölkerung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, jene menschenverachtende Rassentrennung und -diskriminierung eben, mit den entsprechenden Passgesetzen für die jeweiligen Ethnien. Es gab auch eine indische Community in Durban und die malayischen Mischlinge in Kapstadt, was ganz schön kompliziert war, vor allem die Umsiedlungspläne, die auch in die Tat umgesetzt wurden. So wurde gemäss Angaben des Innenministeriums und der NGO Black Sash, über eine halbe Million Schwarze Menschen in die Homelands zwangsumgesiedelt und de facto enteignet. Damit kamen die weissen Farmer zu ihren grossen Farmen in ertragsreichen Regionen.

Behutsam machte ich mich mit den lokalen Verhältnissen vertraut, besuchte das «Khotso House» in dem einige Widerstandsorganisationen wie die «Black Sash» aber auch die «UDF» Gewerkschaft ihre Büro’s hatte. Das Haus wurde rund um die Uhr bespitzelt und öfters von der Polizei durchsucht und viele engagierte Leute wurden verhaftet, gefoltert oder ohne Anklage eingesperrt. Eines der prominentesten Opfer des Apartheid-Regimes, neben Nelson Mandela war Stephen Biko.

Stephen Biko beteiligte sich 1972 an der Gründung der Graswurzelbewegung Black Community Programmes (BCP), die von der Regierung mit einem Bann belegt wurde. Auch war er an der Gründung des Zimele Trust Fund, einem Fond für die Opfer des Apartheid-Regimes beteiligt. Im August 1977 wurde er von der Sicherheitspolizei verhaftet, weil er gegen Auflagen verstossen hatte. Sie verhörten und folterten Biko und schleppten ihn bewusstlos 1000 Kilometer nach Pretoria, wo er am 13. September 1977 verstarb.  Die gewaltsame Tötung Bikos führte zu einem internationalen Eklat. Biko wurde zu einem Symbol der Widerstandsbewegung gegen das Apartheid-Regime.

Ich kam just zu dem Zeitpunkt in Südafrika an, als die «New Nation», eines der letzten liberalen, kritischen Blätter der katholischen Bischofskonferenz unter Desmond Tutu verboten und geschlossen wurde und führte mit dem soeben entlassenen Chefredaktor Gabu Tugwana ein letztes Interview, das damals in der «WOZ» (Wochenzeitung) erschien und war der erste ausländische Journalist, der das Dekret des verhassten Innenministers sah und fotografierte. Das Apartheid-Regimes zensurierte oder verbot viele Zeitungen, bis alle möglichen kritischen Stimmen verstummt waren. Die Ausgaben für die Innere Sicherheit, das heisst für die Aufrechterhaltung des rassistischen Apartheidsystems verschlang über 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Dann getraute ich mich, mit dem Vororts-Zug von Down town Johannesburg nach Soweto, also in die schwarzen Townships zu fahren, damals eine äusserst gefährliche Sache. In Soweto angekommen, war man als Weisser zu dieser Zeit ziemlich allein und auffällig unterwegs. Zum Glück hatte ich lange Haare und sah weder wie ein Bure noch wie ein Engländer aus, was wohl viele davon abhielt, mich nicht gleich umzulegen. Da wuchs dann doch die Neugier in ihnen, was ich denn hier zu suchen hatte und so konnte ich sie dann dank meinen in London und Zürich geknüpften «ANC»-Kontakte beruhigen, sodass sie mir vertrauten und mich in die Town Ships einführten.

Vor den SADF-Panzerfahrzeugen in Soweto aufgelaufen

Mandelas Freilassung bedeutete das Ende der Apartheid

Aus dieser ersten Reise entstand eine tiefe Verbindung mit dem Land, dass ich über 20 Mal besuchte und dabei Nelson Mandela zwei Mal traf. Das erste Mal kurz nach seiner Freilassung hier in Soweto, das zweite Mal, als Präsident von Südafrika und frisch gekürter Nobelpreisträger im Zürcher «Dolder Hotel» vor der «class politique» und wirtschaftlichen Elite (Nationalbankpräsident und Bankenvertreter) über seine Vision eines neuen Südafrikas sprach. Auch ich war zu diesem historischen Treffen eingeladen und machte ein paar Bilder von Mandela.

Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass er infolge seines durch die lange Haft eingebüssten Augenlichts durch Blitzlicht geblendet würde und hatte ohne Blitzlicht die falsche Filmempfindlichkeit im Kasten. Als Mandela sich nach seiner Ansprache beim Apero unter die Menge mischte, hielt ich mich im Hintergrund auf. Doch offensichtlich hatte Mandela ein gutes Gedächtnis und sehr aufmerksame Augen, vielleicht erinnerte er sich sogar, wo und wann in Soweto ich in der Menge der Schwarzen stand kurz nach seiner Freilassung. Auf jeden Fall veranlasste ihn das, auf mich zuzutreten und mich darauf anzusprechen, ob wir uns schon mal getroffen hätten. Da war ich erstaunt. Und als ich ihm antwortete, „ja in Soweto“, reichte er mir verblüffender weise beide Hände.

Das war sehr berührend! Das Gefühl, vielleicht etwas bewirkt zu haben und dafür einen prominenten Dank samt unglaublicher Wertschätzung erfahren zu haben. Daraufhin starrten mich alle im Raum an und fragten sich, wer wohl der langhaarige Freak hier sei. Das blieb zum Glück ein Geheimnis von mir, Mandela und der südafrikanischen Botschafterin in Bern, Frau Dr. Konji Sebati, bei der ich einst zu Gast in der Botschaft in Bern bei einem hochrangig besetzten Anlass war. Durch diesen Kontakt kam ich als Reisejournalist und PR-Berater zu dieser Zeit tätig zu einem PR-Mandat für das südafrikanische Fremdenverkehrsamt («SATOUR») und erhielt dazu das PR-Mandat der südafrikanischen Fluggesellschaft («SAA») über Jahre hinweg.

Das hatte ich dem diplomatischen Spagat zwischen den Untergrund-Kontakten (von denen nur wenige wussten) und den Kontakten zur weissen Elite, die ebenfalls sehr diskret abliefen, zu verdanken. Und dem traurigen Umstand, dass die Schweizer in Südafrika eine zentrale Rolle beim Goldrausch, bei den «AKW’s», bei militärischer Unterstützung des Apartheid-Regimes und schliesslich bei der Umschuldung und beim Transformationsprozess spielten und nebenbei den ganzen Goldhandel übernahmen.

Blenden wir kurz zurück, zum 5. August 1962 als Mandela zusammen mit Cecil Williams während einer Autofahrt nahe Howick in Natal unter dem Vorwurf festgenommen wurde, er führe den verbotenen «ANC» im Untergrund an. Die Verhaftung erfolgte, nachdem er knapp eineinhalb Jahre in Freiheit und im politischen Untergrund gearbeitet hatte, unterbrochen von öffentlichen Auftritten für den ANC im Ausland. Der Prozessauftakt wurde auf den 15. Oktober 1962 festgesetzt.

Die Folge war Mandelas Verurteilung am 7. November 1962 zu fünf Jahren Gefängnis wegen Aufruf zur öffentlichen Unruhe (drei Jahre Haft) und Auslandsreisen ohne Reisepass (zwei Jahre). Er übernahm in dieser Gerichtsverhandlung seine Verteidigung selbst. Nach Verkündigung des Urteils wurde er Ende Mai 1963 auf die Gefängnisinsel Robben Island geschafft, aber schon bald wieder nach Pretoria geholt, nachdem am 11. Juli die übrige «ANC» Führungsspitze festgenommen worden war.

Ab dem 7. Oktober 1963 stand Mandela in Pretoria im «Rivonia»-Prozess mit zehn Mitangeklagten wegen «Sabotage und Planung bewaffneten Kampfes» vor Gericht. Am 20. April 1964, dem letzten Prozesstag vor der Urteilsverkündung, begründete Mandela in seiner vierstündigen, vorbereiteten Rede ausführlich die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes, weil die Regierung weder auf Appelle noch auf den gewaltlosen Widerstand der nicht-weißen Bevölkerung in ihrem Bestreben nach Gleichbehandlung eingegangen sei und stattdessen immer repressivere Gesetze erlassen habe.

Am 11. Februar 1990 wurde Mandela nach 26 Jahren aus der Haft entlassen. Staatspräsident Frederik de Klerk hatte dies veranlasst und Tage zuvor das Verbot des «African National Congress» (ANC) aufgehoben. Mandela und de Klerk erhielten 1993 den Friedensnobelpreis für ihre Verdienste. Am Tage seiner Freilassung hielt Mandela eine Rede vom Balkon des Rathauses in Kapstadt aus, Tage später richtete er einen weiteren Appell an die gut 120‘000 Zuhörerinnen und Zuhörer im Fussballstadion in Johannesburg. Dort stellte er seine Politik der Versöhnung («reconciliation») vor, indem er «alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben», zur Mitarbeit an einem «nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle» einlud.

Im Juli 1992 wurde Mandela einstimmig zum Präsidenten des «ANC» gewählt. So konnte er die Verhandlungen mit der Regierung über die Beseitigung der Apartheid und Schaffung eines neuen Südafrikas an die Hand nehmen. 1994 erschien seine Autobiographie «Der lange Weg zur Freiheit» und schrieb dort:«Während dieser langen, einsamen Jahre der Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz».

Hier ein paar Dokumente aus dieser Zeit zur Umsiedlungspolitik des Regimes:

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Links zu einige Printpublikationen über Südafrika:

Ökopioniere und sozial Engagierte   (Relax & Style)

Sanfter Tourismus ist von grosser sozialer Bedeutung  (Der Bund)

Der neue Feind heisst Kriminalität (Aargauer Zeitung)

Beim Büffel auf den Baum   (Südostschweiz:          

Tierparks so gross wie die Schweiz  (Sonntags Blick)

Nächster Halt am Zebrastreifen  (Reiseplaner)                          

African Healer (On Trip)        

Bushmen-Medizin am schönsten Ende der Welt (Wellness live)

Südafrika steht ein Bombenjahr bevor (Tages Anzeiger)

Alle 40 Minuten wird ein Mensch getötet (Tages-Anzeiger)

Vom ANC-Aktivist zum Tourismuspromotor (Travel Inside)

Demokratie in den Untergrund       (WoZ)                                              

Guerrissseurs Africaines  (OnTrip)                            

                                                                        

Ein Plakat in Soweto zur Zeit der Apartheid. Bild: Gerd M. Müller /GMC Photopress

IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE UND OEKO-PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie dies tun wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Hilfsprojekt-Empfänger/innen.

Libanon: Im Palästinenser-Flüchtlingscamp «Schatila»

Auszug aus der noch unveröffentlichten Autobiografie «Nomandenleben für die Reportage-Fotografie» des Zürcher Fotojournalisten Gerd Michael Müller

Politische und religiöse Botschaften im palästinensischen Flüchtlingszentrum Schatila in Beirut. Bild: © Gerd Müller/GMC Photopress

VORWORT

Der Zürcher Autor, Gerd Michael Müller (Jg. 62), reiste als Fotojournalist durch mehr als 50 Nationen und lebte in sieben Ländern, darunter auch in Südafrika im Untergrund während der Apartheid. In den 80er Jahren war er Politaktivist bei den Zürcher Jugendunruhen und im «AJZ». Dann engagierte er sich für wegweisende Wildlife & Ökoprojekte im südlichen Afrika und humanitäre Projekte andernorts auf der Welt. Schon 1993 berichtet Müller über den Klimawandel und 1999 gründete er das «Tourismus & Umwelt Forum Schweiz». Durch seine humanitären Einsätze lernte er Nelson Mandela, den Dalai Lama und weitere Lichtgestalten kennen. Sein Buch ist eine spannende Mischung aus gehobener Reiseliteratur, spannendem Politthriller, gespickt mit abgefahrenen Geschichten – den Highlights seines abenteuerlich wilden Nomaden-Lebens für die Reportage-Fotografie.

Es war wieder einmal eine alte „Airline-Connection“ die mich in den Libanon verfrachtete. Ich wollte schon immer dorthin. In meiner Jugend war der Libanon die «Schweiz des Nahen Ostens». Also eine Hochblüte im Orient. Ausserdem kam von der Beeka Ebene in meinen Augen der weltbeste Shit, also Haschisch aus den Hanfblüten von Hand geernteten, von feinstem Geschmack und bestem Feeling sowie mit einer besonderen Geschmacksnote versehen. Tempi passati, als ich endlich in den Libanon kam. Da war das Land schon vom Krieg mit Israel gezeichnet und wirtschaftlich am Boden, sowie zu tiefst gespalten zwischen den ethnischen Gruppen wie den Shiiten, Suniten, Drusen und anderen Ethnien. Das war schon ein heisser Boden und eine heikle Mission, selbst für einen krisenerprobten Reporter. Das grösste Problem war, dass ich kein Wort arabisch sprach oder verstand.

Beirut: Im palästinensischem Flüchtlingszentrum Schatila leben weit übr 100’000 Personen. Bild: © Gerd Müller/GMC Photopress

Ich habe ja schon viele Konfliktregionen besucht und heisse Phasen erlebt, aber in die Hisbollah-Quartiere vorzustossen habe ich mich ohne entsprechende Kontakte und Verbindungen nicht getraut. Und dazu war die Zeit bis zur Abreise innert wenigen Tagen zu kurz. Ausserdem einer der wichtigsten Schutz-Faktoren in meiner Tätigkeit, nicht nur die Sprache der Bevölkerung zu sprechen sondern wenn möglich schon gar nicht als Ausländer oder Fremdling erkannt zu werden. Diese Asse konnte ich nicht einsetzen.

Während meines kurzen Aufenthaltes wurde ich drei Mal von der libanesischen Armee angehalten und verhört. Und in den Hisbollah Quartieren war es noch ungemütlicher. Fast an jeder dritten Ecke wurde man angehalten und gefragt, wer man sei und was man hier wolle. Also zog ich mich ohne Kontaktpersonen und einen gewissen Schutz aus diesem Quartier zurück und kam stattdessen im Palästinenser-Flüchtlingscamp «Schatila»  an. Dort zeigte man mir die drei Massakerstätten.

Beirut: Propaganda im Palästinensischen Flüchtlingscamp mit über 200’000 Einwohnern im Herzen Beiruts. Bild: © Gerd Müller/GMC Photopress

Als Massaker von «Sabra» und «Schatila» wird eine Aktion von phalangistischen Milizen , also maronitisch-katholischen Leuten bezeichnet, die gegen die im Süden von Beirut lebenden palästinensischen Flüchtlinge gerichtet war. Im September 1982 – mitten im libanesischen Bürgerkrieg – wurden die Flüchtlingslager «Sabra» und «Schatila» gestürmt, die zu jener Zeit von israelischen Soldaten umstellt und Hunderte von Zivilisten massakriert.

Da es sich bei der Kampfhandlung um einen Konflikt zwischen christlichen Milizen und palästinensischen Kämpfern handelte, entzündete sich die internationale Empörung an der israelischen Mitverantwortung. Denn nach dem Abzug des israelischen Militärs in eine Sicherheitszone vor der israelischen Grenze übernahm Syrien die militärische Kontrolle des Gebiets rund um das Flüchtlingslager. Da auch Syrien daran interessiert war, die im Libanon verbliebenen «PLO»-Kämpfer und palästinensischen Nationalisten zu schwächen, verbesserte sich die Lage der Menschen im Flüchtlingslager nicht. Im Zuge der Lager-Kriege verübte die schiitische Amal-Miliz im Mai 1985 ein von libanesischen und syrischen Armeeverbänden geduldetes Massaker an Zivilisten in denselben palästinensischen Flüchtlingslagern von «Sabra» und «Schatila». Der libanesische Bürgerkrieg dauerte noch bis 1990. Das Massaker wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 16. Dezember 1982 als Genozid gewertet.

Fotoausstellung vom des Massaker in Tel Al Zatar im palästinenser Flüchtlingscamp in Schatila . Bild: © Gerd Müller/GMC Photopress

Wenn man bedenkt, dass der Libanon ein sehr liberales Land in den 70er und frühen80er Jahren war und hier als auch übrigens in Kabul in Afghanistan die Hochburgen des Vergnügens waren und den internationalen Jet-Set ebenso wie Aussteiger anzog, strahlte Beirut nun nur noch einen erbärmlichen, heruntergekommen Glanz aus. Die Spuren der Kriege und Bombenattentate sind unübersehbar und bedrückend. Als dann im 2020 auch noch der ganze Hafen in die Luft flog und das umliegende Quartier pulverisiert wurde, war der von einigen Clans ausgeblutete Staat total am Ende. Zudem beherbergt der Libanon über eineinhalb Millionen syrischer Flüchtlinge.

Syrien-Regimetreue Bashir-Anhänger fahren entlagn des Beirutur Corniche. Bild: © Gerd Müller/GMC Photopress

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IN EIGENER SACHE: IHR BEITRAG AN HUMANITAERE PROJEKTE

Geschätzte Leserin, werter Leser

Der Autor unterstützt noch immer zahlreiche Projekte. Infolge der COVID-19 Pandemie ist es aber für den Autor selbst für und zahlreiche Projekte schwieriger geworden. Die Situation hat sich verschärft. Für Ihre Spende, die einem der im Buch genannten Projekte zufliesst, bedanke ich mich. Falls Sie einen Beitrag spenden wollen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir gmc1(at) gmx.ch. Vielen Dank im Namen der Empfänger/innen.

Grundrechte und Rechtsstaat auf Kollateralschaden-Kurs

Die Eingriffe des Staates werden nicht nur durch Covid-19 sondern auch durch das umstrittene Antiterror-Gesetz noch verschärft, die Grundrechte mit Füssen getreten, so sehen es Menschenrechtsorganisationen. Bild: GMC/Gerd Müller

Bern – Die Mehrheit des Parlaments hat die umstrittenen Antiterror-Gesetze in der Schlussabstimmung angenommen und nimmt damit die Kollision mit Grundrechten und rechtsstaatlichen Prinzipien in Kauf. Die NGO-Plattform Menschenrechte Schweiz wird die Anwendung der Gesetze kritisch verfolgen und die Rechte von betroffenen Personen auch juristisch verteidigen.

Trotz scharfer Kritik an den Vorlagen im Parlament sowie von Organisationen und Fachpersonen aus dem In- und Ausland, hat die Mehrheit der Parlamentarier*innen den beiden Gesetzen zugestimmt. Bedenklich ist dabei die politische Polarisierung im Parlament.

«Es ist enttäuschend, dass die bürgerlichen Parteien heute offenbar bereit sind, die Prinzipien des liberalen Rechtstaates über Bord zu werden», stellt Patrick Walder von Amnesty International fest. «Grundrechte und rechtsstaatliche Prinzipien gehören zu den Fundamenten einer freiheitlichen Rechtsordnung. Sie zu schwächen bringt keine Sicherheit, sondern öffnet der Willkür Tür und Tor.»

Kritik von Fachpersonen aus dem In- und Ausland

Die NGO-Plattform Menschenrechte Schweiz hatte bereits letztes Jahr Änderungen an beiden Vorlagen gefordert, damit die Gesetze den in der Schweiz garantierten Grund- und Menschenrechten entsprechen. In den letzten Monaten kam weitere Kritik von verschiedenen Seiten dazu: Stellungnahmen der Menschenrechtsbeauftragen des Europarates, der Uno-Sonderbeauftragten für Menschenrechte, der Schweizer Mitglieder des Uno-Ausschusses für die Rechte des Kindes und des Netzwerk Kinderrechte Schweiz sowie zuletzt ein offener Brief von über sechzig Rechtsprofessor*innen von allen Schweizer Universitäten.

«Internationale und nationale Organisationen haben bestätigt: Diese Gesetze bedrohen die Grund- und Menschenrechte. Schweizer Rechtsprofessorinnen und Rechtsprofessoren kamen zum gleichen Schluss. Aber die Mehrheit des Parlaments liess sich von den Fachpersonen nicht beirren und setzte auf symbolische Law and Order-Politik», erklärt Patrick Walder.

Die Grundrechte werden mit dem umstrittenen Antiterrorgesetz massiv verletzt. Bild: GMC Photopress/Gerd Müller
Vage Definition mit weitreichenden Folgen

Mit der extrem weit gefassten Definition kann selbst eine friedliche und legitime politische Betätigung als «terroristische Aktivität» verfolgt werden.

Als «terroristische Aktivität» gilt fortan in der Schweiz die «Bestrebungen zur Beeinflussung oder Veränderung der staatlichen Ordnung», die «mit der Verbreitung von Furcht und Schrecken verwirklicht oder begünstigt» werden sollen. Gewalt-, die Androhung von Gewalt oder Straftaten werden nicht mehr vorausgesetzt, um eine Aktivität als «terroristisch» zu qualifizieren. Mit dieser extrem weit gefassten Definition kann selbst eine friedliche und legitime politische Betätigung als «terroristische Aktivität» verfolgt werden.

Die Gesetze brechen zudem mit der bewährten Tradition der Schweiz, Organisationen nur aufgrund eines Uno-Beschlusses zu verbieten und sie ansonsten bloss für ihre (illegalen) Taten strafrechtlich zu verfolgen. Neu werden Richter*innen entscheiden, ob eine Organisation als terroristisch – und damit als verboten – einzustufen ist. Jegliche Unterstützung einer als verboten deklarierten Organisation, auch in ihrer nichtkriminellen Tätigkeit, kann zukünftig strafrechtlich geahndet werden.

«Diese Gesetze werden Probleme schaffen für die politische Neutralität der Schweiz und für die Schweizer Rolle als Mediatorin in Konflikten», kritisiert Patrick Walder. «Sie verschaffen der Schweiz nicht mehr Sicherheit, sondern mehr aussenpolitische Schwierigkeiten. Die Schweiz begibt sich so auf einen gefährlichen Weg in der Terrorbekämpfung, in dem sämtliche Mittel als gerechtfertigt erscheinen und Unrecht mit Unrecht bekämpft wird.»

Amnesty International und die NGO-Plattform Menschenrechte werden die Anwendung der Gesetze kritisch verfolgen und die Rechte von betroffenen Personen auch juristisch verteidigen, notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR).

Bund gründet Netzwerk für Klimadienstleistungen

Bern, 16.11.2015 – Bei Entscheiden das Wissen zum Klima einbeziehen – aber wie? Die Klimadienstleistungen des National Centre for Climate Services NCCS helfen Behörden, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft klimabedingte Risiken und Chancen zu erkennen. Damit können Risiken reduziert, Chancen genutzt und Kosten optimiert werden. Die vom NCCS und den verschiedenen Fachstellen bereitgestellten Grundlagen tragen dazu bei, angesichts des Klimawandels die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.

Klimadienstleistungen (Climate Services) sind wissenschaftlich basierte Informationen über das vergangene, heutige und zukünftige Klima und seine Folgen. Sie sind Grundlage für Entscheide zum Umgang mit den Auswirkungen des Klimas. Klimadienstleistungen sind auch Vorrausetzung dafür, dem Klimawandel bereits bei der Planung und Umsetzung von Massnahmen zu berücksichtigen und somit langfristig Kosten zu sparen.

Das NCCS des Bundes mit Sitz an der MeteoSchweiz koordiniert die Erarbeitung und Verbreitung von Climate Services und stellt sie in verständlicher Form zur Verfügung. Als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis fördert es den Dialog und die gemeinsame und interdisziplinäre Entwicklung der Klimadienstleistungen. Dabei sorgt das Netzwerk dafür, dass diese auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer ausgerichtet sind.

Schwerpunktthemen

Das NCCS erarbeitet Klimadienstleistungen zu mehreren Schwerpunktthemen. So sollen die heutige Variabilität des Klimas in der Schweiz und die möglichen künftigen Veränderungen aufgezeigt werden. Weiter wird untersucht, wie sich der Klimawandel beispielsweise auf die Wasserressourcen, die Naturgefahren wie Hochwasser oder Rutschungen, die Waldgesundheit, die Verbreitung von Baumarten oder von Schädlingen in der Landwirtschaft auswirkt. Anschauliche Szenarien für extreme Wetterereignisse sollen nicht zuletzt neben notwendigen Präventionsmassnahmen die Ereignisbewältigung und auch den Bevölkerungsschutz weiter verbessern.

Auf verschiedenen Ebenen den Dialog fördern

Alle praxisnahen und regelmässig aufdatierten Informationen und Grundlagen zum Klima werden im Rahmen des NCCS an einem Ort verfügbar sein. Die Webseite www.nccs.ch wird zu einer Webplattform für Behörden, Entscheidungsträger und -trägerinnen aus Politik und Wirtschaft, Verbände sowie für die Gesellschaft ausgebaut. Ergänzend  finden Vernetzungsanlässe statt, die den Austausch fördern und mögliche Forschungslücken identifizieren. Dieser Dialog bildet die Grundlage für die Erarbeitung und Weiterentwicklung der bestmöglichen Klimadienstleistungen. Bei Bedarf organisiert das NCCS interdisziplinäre Workshops für einzelne Sektoren wie die Landwirtschaft oder zu spezifischen Themen wie beispielsweise den Klimaszenarien.

Das NCCS – Kurz erklärt

Im Rahmen des vom Bundesrat verabschiedeten Aktionsplans zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz übernimmt das NCCS die Stärkung der sektorübergreifenden Zusammenarbeit bei der Erarbeitung der Daten und Informationen und verbessert damit die gemeinsamen, praxisnahen Grundlagen. Der Bund folgt mit dem NCCS der Empfehlung aus dem Globalen Rahmenwerk für Klimadienste (Global Framework for Climate Services GFCS), welches 2009 von der Weltorganisation für Meteorologie WMO an der dritten Weltklimakonferenz in Genf lanciert wurde.

Am NCCS sind das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, das Bundesamt für Umwelt BAFU, das Bundesamt für Landwirtschaft BLW, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, die ETH Zürich und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL beteiligt. Die Geschäftsstelle ist bei MeteoSchweiz in Zürich angesiedelt.

Neben den genannten Bundesämtern und Forschungsinstitutionen sind zurzeit die Agroscope, das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL und die Universität Bern mitbeteiligt. Ziel ist, weitere Institutionen für die Mitarbeit zu gewinnen.

Diese und weitere Fragen stehen im Fokus des NCCS:

  • Wird es stärker regnen und deswegen grössere Hochwasser geben? Was bedeutet dies für meine Gemeinde?
  • Verursachen Schädlinge im Obst-, Wein- und Ackerbau künftig mehr Verluste? Was bedeutet dies für den Pflanzenschutz?
  • Wie stark werden die Hitzewellen zunehmen? Was bedeutet dies für die Bevölkerung?
  • Welche Baumarten sollen wir heute fördern? Welche liefern trotz höheren Temperaturen und grösserer Trockenheit guten Holzertrag und Lebensraum für Tiere und Pflanzen?
  • Wie werden sich die Wasserressourcen verändern? Was bedeutet dies für die Gesellschaft?

Verfolgt auf Schritt und Tritt? Datenschutztag 2015 gibt Aufschluss

Welche Veränderungen kommen durch GesundheitsApps und Wearables im Gesundheitsbereich auf uns zu? Welche Chancen und Risiken entstehen für Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft? Über diese Fragen diskutieren heute am 9. Internationalen Datenschutztag Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit dem Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten Hanspeter Thür.

Die Interessen an unseren Gesundheitsdaten sind vielfältig, und oftmals gehen wir unachtsam damit um. Dass es sich dabei um hochsensible Informationen handelt, wird gerne bewusst vernachlässigt, wenn sich damit Geld verdienen lässt. – Wer darf bestimmen, welche Daten in wessen Hände geraten? – Hinsichtlich der Sensibilität der Gesundheitsdaten muss das Recht auf informationelle Selbstbestimmung im Zuge des technologischen Fortschritts auch im Gesundheitsbereich gewährleistet bleiben.

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte, Hanspeter Thür, diskutiert heute mit Vertretern der verschiedenen sektoriellen Interessen in einem Podiumsgespräch. Die Diskussion mit Jean Christophe Schwaab, Nationalrat SP/VD, Prof. Henning Müller, eHealth-Experte und Professor an der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), und Marc Lounis, Senior Product Manager für innovative Accessoires bei Swisscom, findet heute Vormittag in Bern statt. Moderiert wird der Anlass von Michael Marti, Verantwortlicher Online und Newsnet beim Tagesanzeiger.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger können ihre Meinung zum Thema Datensicherheit und Datenschutz von GesundheitsApps und Wearables auf dem Blog des EDÖB äussern. Der Blog wird heute um 9 Uhr aufgeschaltet: http://www.blog.edoeb.admin.ch.

Der Internationale Datenschutztag wird jährlich auf Initiative des Europarats ausgerichtet. Er hat zum Ziel, das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für den Schutz der Privatsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu stärken. Er findet dieses Jahr zum neunten Mal statt.

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Das Programm der Mitglieder des Bundesrates am WEF-Jahrestreffen 2015

Bern, 20.01.2015 – Das Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) hat nach Ansicht des Bundesrates für Davos und die Schweiz einen hohen Stellenwert. Am Jahrestreffen, das dem informellen Meinungsaustausch dient, versammeln sich alljährlich führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik. Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer Zeit ist eine solche direkte Kontaktmöglichkeit unter Entscheidungsträgern sehr wichtig.

Für den Bundesrat bietet das WEF-Jahrestreffen die einmalige Möglichkeit, die Beziehungen zu zahlreichen hochrangigen Persönlichkeiten zu pflegen. Dieses Jahr besteht dabei insbesondere auch die Gelegenheit zum Austausch mit Mitgliedern der neu bestellten EU-Kommission. Alle Mitglieder des Bundesrates nehmen in Davos Termine wahr; es dürften rund 60 bilaterale Treffen stattfinden.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD), eröffnet das Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) in Davos am Mittwoch, 21. Januar, zusammen mit Prof. Klaus Schwab. Am Tag der Eröffnung wird sie mit Chinas Premierminister Li Keqiang zusammenkommen. Auch Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Bundesrat Alain Berset werden an diesem Treffen teilnehmen. Auf dem Terminplan von Bundespräsidentin Sommaruga in Davos stehen des Weiteren Gespräche mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, mit Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven, mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und mit dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière. Vereinbart wurden ausserdem Treffen mit Präsident Abdel Fattah al-Sisi (Ägypten), Präsident Ilcham Alijew (Aserbaidschan) und Ministerpräsident Mehdi Jomaa (Tunesien).

Am Donnerstagmittag werden die Bundespräsidentin, der italienische Aussenminister Paolo Gentiloni und weitere Gäste an einer „SRF Live Debate“ zum Thema „Escaping from Poverty“ teilnehmen. Am Donnerstagabend ist ein Auftritt der Bundespräsidentin am Open Forum zum Thema „Offene Grenzen: Unvermeidbar oder unnötig?“ vorgesehen.

Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann, Vizepräsident des Bundesrates und Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), ist von Mittwoch bis am Samstag, 24. Januar, in Davos. Während seines Aufenthalts trifft er sich mit Premierministern sowie verschiedenen Wirtschafts-, Industrie- und Handelsministern.

Zu den Gesprächspartnern von Vizepräsident Schneider-Ammann zählen die lettische Premierministerin Laimdota Straujuma, welche derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, und Deutschlands Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Unter anderem wird der WBF-Vorsteher ausserdem gemeinsam mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf mit EU-Arbeits- und Wachstumskommissar Jyrki Katainen zusammenkommen.

Mit dem indonesischen Handelsminister Rachmat Gobel wird Vizepräsident Schneider-Ammann zudem über die Verhandlung für ein Freihandelsabkommen sprechen. Am Samstag ist Bundesrat Schneider-Ammann Gastgeber eines informellen WTO-Ministertreffens mit rund 25 Teilnehmern, das der Umsetzung des an der Welthandelskonferenz 2013 in Bali beschlossenen Pakets dient.

Bundesrat Didier Burkhalter, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), sieht während seines Aufenthalts von Mittwochabend bis Freitag Gespräche unter anderem mit dem stellvertretenden EU-Kommissionspräsidenten Frans Timmermanns sowie der EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini vor. Auch mit seinen Amtskollegen Laurent Fabius (Frankreich) und Mohammed Dschawad Sarif (Iran), seiner Amtskollegin Tamar Berutschaschwili (Georgien) sowie mit Tony Blair, dem Sondergesandten des Nahost-Quartetts, wird der Schweizer Aussenminister in Davos sprechen. Ausserdem werden Bundesrat Burkhalter und Prof. Klaus Schwab am Freitag eine Vereinbarung zwischen der Schweiz und dem WEF unterzeichnen. Die auf dem Gaststaatgesetz basierende Übereinkunft sieht eine verstärkte Zusammenarbeit vor.

Bundesrat Alain Berset, Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern, wird das Treffen mit der Delegation aus China nutzen, um ein bilaterales Abkommen zu den Bereichen Gesundheit und Lebensmittel zu unterzeichnen. In Davos wird er auch auf den deutschen Vizekanzler Sigmar Gabriel, den deutschen Gesundheitsminister Hermann Gröhe und den Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz treffen.

Bundesrat Ueli Maurer, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), wird am Rande des WEF-Jahrestreffens am Donnerstag mit seiner deutschen Amtskollegin Ursula von der Leyen zusammenkommen.

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD), bespricht in Davos – zusätzlich zu den erwähnten Terminen -finanzpolitische Fragen mit Finanzminister Pier Carlo Padoan (Italien), EU-Kommissar Pierre Moscovici und Zentralbankgouverneur Agustín Carstens (Mexiko). Zusammen mit Bundesrat Schneider-Ammann trifft sie zudem den indischen Finanzminister Arun Jaitley.

Bundesrätin Doris Leuthard, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), nutzt ihren Aufenthalt in Davos am Donnerstag und Freitag vor allem für Gespräche zu energiepolitischen Fragestellungen. So trifft sie sich mit dem für die Energieunion zuständigen EU-Kommissar Maroš Šefčovič, mit Österreichs Vizekanzler und Energieminister Reinhold Mitterlehner sowie mit Deutschlands Vizekanzler und Energieminister Sigmar Gabriel. Zudem wird Bundesrätin Leuthard an zwei Veranstaltungen der WEF-Reihe „Energy Summit“ teilnehmen.

Das Jahrestreffen des WEF in Davos bietet darüber hinaus Gelegenheit für viele weitere Kontakte und Gespräche; Programmänderungen sind daher auch in letzter Minute noch möglich. Die oben stehenden Angaben erfolgen deshalb unter Vorbehalt.

Weitere Informationen zum WEF-Jahrestreffen unter www.news.admin.ch > Dokumentation > World Economic Forum.

„Ohne Inländervorrang geht es nicht mehr“

Appelle an die Freiwilligkeit der Unternehmen, mehr inländische Arbeitnehmer anzustellen reichen offensichtlich nicht aus. Da hilft nur die Peistsche. Das Zuckerbrot war gestern. Denn: Die Beschwörungsformeln für mehr Selbstverantwortung greifen ins Leere und seien längst zu unglaubwürdigen Worthülsen geworden, konstatiert Rudolf Strahm, der einstige Preisüberwacher in seiner Kolumne im Tages Anzeiger. Der Fachkräftemangel sei nur «ein Vorwand, um jüngere und billiger Arbeitskräfte ins Land zu holen» und die Ü50 Generation in den vorzeitigen Ruhestand beim Sozialamt zu spedieren.

«Wir haben es schon länger mit einem schleichenden und versteckten Verdrängungseffekt von ausländischen gegenüber schweizerischen Arbeitskräften im Inland zu tun». Strahm spricht damit aus, was zig zehntausende von Arbeitnehmern schon lange vermutet haben. «Die steigende Sockelarbeitslosigkeit ist ein Beweis dafür», konstatiert der ehemalige Preisüberwacher.

Strahm zieht für seine These die Statistiken zur Hand und zeigt auf, dass im Dezember 5300 Gesundheitsfachleute arbeitslos seien, derweil die Spitäler lauthals den Mangel an Pflegepersonal beklagen. Auch die Banken und Informatikbranche sagt, sie könne nur noch Fachkräfte im Ausland rekrutieren, im Inland sei dieser erschöpft. Gleichzeitig sind aber 3717 Bankenfachleute und 3061 IT-Fachleute als arbeitslos registriert. Die RAV melden 13814 Arbeitslose aus dem Gastgewerbe und 19951 arbeitslose Baukräfte. Auch diese Branchen zeichnen sich durch einen exzessiv hochen Ausländeranteil aus.

Auch Tourismus- und Kommunikationsbranche will keine älteren Schweizer

Zwei weitere Beispiele aus der Tourismus- und Kommunikationsbranche. In vielen Schweizer Hotels werden die Gäste von einem deutschen Receptionisten empfangen, von einem deutschen Koch bekocht und von einer deutschen Spa-Therapeutin betreut. Weit über 50% Prozent aller Kommunikationsstellen in der gehobenen Hotellerie und in der Industrie sind mit deutschen PR-Damen besetzt.

Auch in den PR-Agenturen und Medienhäusern gibt es einen hohen Anteil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem nördlichen Nachbarland. Dieser Trend hat schon vor der Finanzkrise Einzug gehalten. Damals schon konnte man als Kommunikationsfachmann beobachten, wir monatlich ein oder zwei PR-Mitarbeiterinnen aus den Metropolen und Hamburg ein Mail schrieben, sie kämen jetzt auch in die Schweiz arbeiten und hätten eine Stelle in einem Hotel erhalten.

Für einen Ü50 jährigen Schweizer PR- und Kommunikationsspezialisten gibt es aber keine Jobs mehr. Schon lange nicht mehr. Rund 50‘000 Beschäftigte sind in den letzten fünf Jahren ausgesteuert geworden. Kaum einer wird je wieder einen Job finden, wenn die Politik nicht endlich handelt und die künstliche Verteuerung älterer Arbeitskräfte aufgrund der höheren Sozialabgaben nicht endlich abschafft. Ausgesteuerte und Ausgegliederte werden gar nicht mehr in der Statistik erfasst. Daher sind die der Öffentlichkeit präsentierten Zahlen falsch und wiederspiegeln keineswegs die reale Situation.

Diskriminierung und Augenwischerei mit System

Die Diskriminerung lässt sich auch bei den Medien und in der Kommunikationsbranche relativ einfach nachvollziehen. Probe auf’s Exempel: Wenn man als gut gebildeter Arbeitssuchender mit einer kaufmännischen Ausbildung samt einem PR-Abschluss und einer Webpublisher-Weiterbildung sowohl von den Stellenbüro’s als auch von den HR-Damen bei der Nennung des Jahrganges und der Frage, ob man da ein Handicap habe, klar als nicht vermittelbar beziehungsweise chancenlos gilt, ist die düstere Ausgangslage schon glasklar. Auch beim Tages-Anzeiger war man so offen, zu sagen, dass man im Cross-Media-Bereich als Ü50 chanchenlos dasteht.

Würden alle Stellensuchenden über 50 Jahre die Frage des Alters und des Lohns gleich direkt ansprechen und notieren, dann könnte man eine reale Statistik und eine Realsatire über die Absagegründe und Vorwände erstellen, die ein ganz anderes Bild ergeben würden, als das uns von Politikern, Wirtschaftsverbänden und Arbeitgebern servierte Szenario.

Inländervorrang mit Indikationsmodell und Schutzklausel verknüpfen

Ein weiteres Indiz, dass über 55 Jährige chancenlos auf dem Arbeitsmarkt sind, ist die Tatsache, dass jedes Jahr rund 6000 Arbeitnehmer vor ihrer Pensionierung ausgesteuert werden. Auf die ganze Altersgruppe hochgerechnet seien dass über 30‘000 Personen, schreibt Strahm in seiner Kolumne. Er schlägt vor, dass den Inländervorranges mit einem Indikatorenmodell zu verknüpfen, welches den echten Fachkräftemangel branchenweise viel exakter erfasst. Man könne diesen auch mit der von den Industrieverbänden geforderten Schutzklausel verbinden. Strahm verweist darauf, dass auch andere Länder de facto einen Inländervorrang kennen und anwenden. Wir dürfen uns nicht von dem Dogma der totalen Marktliberalisierung einschüchtern lassen.

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„Gesunde Paranoia“ vor Datenbank, die „vor Misstrauen krank macht“

Der Kanton Zürich schafft eine Datenbank, in der Patientendaten zusammengeführt erfasst werden. Darin sollen die Patientendaten von Computerdaten der Spitäler, Ärzte und Apotheker über mehrere Register miteinander verlinkt sein. Die Immunabwehr im Zeitalter von NSA und BIG-Data schaltet da automatisch auf Abwehr feindlicher Angriffe von Aussen.

Jeder Bürger soll dabei frei entscheiden können, ob er eine E-Akte will und welche Angaben er dieser anvertraut. Er allein soll Zugriff auf die Daten haben? Schon dieser Satz macht stutzig, liegt doch das Daten-Hoheitsgebiet nicht beim Patienten, sondern bei den Datenlieferanten und –sammlern. Immerhin darf ich dann als E-Akten-Informationsspender sehen, wer meine Daten eingesehen hat. Wunderbar, erst ritze ich mir alle Poren auf, dann darf ich überall Pflästerchen auflegen, wo es angezeigt ist.

Gesunde Paranoia zur Zwangspsychose und politischen Manipulation

So eine Gesundheitsdatenbank ist brandgefährlich, weil da so viele substanzielle Informationen über meinen geistigen und psychischen Gesundheitszustand drin stehen, dass mir schlecht werden könnte, auch wenn ich ein kerngesunder Mensch bin. Denn wir alle wissen, dass die Pathologisierung des Menschen nun schon bei den Spermien und im prenatalen Zustand fortschreitet, dass Zappelphilippe heute mit Ritalin und Anti-Depressiva ruhig gestellt werden. Von der bedenklichen Tatsache, dass jeder Vierte in den Psychiatrien zwangsintegriert wurde und eingesperrt ist und oft gegen seinen freien Willen mit Medikamenten vollgestopft wird. Und wir wissen geflissentlich auch, dass keine Datenbank jemals sicher ist und auch kein Recht auf Vergessen herrscht. Bewusst ist uns auch, dass Big Data bewirtschaftet und kommerziell genutzt werden will. Alles andere kann man nicht einmal mehr einem Blinden oder Gehörlosen andrehen – ohne diese Betroffenen desavouiren zu wollen.

Kamikazie-Projekt für E-Akteninhaber

Was wir aber nicht so genau wissen, ist, wie in ein paar Jahren mit diesen Daten umgegangen wird. Administrativ, politisch wie technisch und auch aus krimineller Sicht gesehen. Da ist nur eins gewiss: Wir werden noch unser blaues Wunder erleben. Zum Beispiel: Werden Krankenkassen uns ablehnen, weil wir zuviele Kosten verursachen oder noch einfacher, weil wir mit einer Erbkrankheit oder einer auto-immunschwäche ausgestattet sind? Werden wir einen Job nicht erhalten, weil der Arbeitgeber rausfindet, dass wir ein Alkoholproblem haben oder regelmässig Psychopharma zu uns nehmen?  Wird uns das Autobilett entwendet weil wir hin und wieder einen Joint rauchen? Wissen nun alle über unseren Schwangerschaftstest oder den -abbruch oder den HIV-Test Bescheid?

Statt heile Welt und Prävention, Ausgrenzung und Repression

So wie jedes Computersystem zu knacken ist, können auch Schutzwälle und Intimsphären unter politischem oder privatem Druck erodieren und zum tickenden Pulverfass werden. Die Freiwilligkeit endet heute sehr schnell beim kollektiven Zwang. Und wer keine E-Akte will, könnte schon bald ebenso ausgeschlossen werden, wie diejenigen, die auf Kreditkarten und Smartphones verzichten oder den ganzen Social-Media-Zirkus in die Wüste schicken. So gesehen, entblösen sich Risikopatienten gleich selber.  Daher gleich nochmals die Frage: Wollen wir das? Dass irgend einer in 20 Jahren veröffentlich, der hat schon mit 15 und dann mit 23 in die Hosen gepinklt und dass die da schon mit 15 Geschlechtsverkehr oder -krankheiten hatte und ähnliches dann flugs auch die Runde in den Social Media’s machen?

Politische Kundgebung, Kommunisten, Ahmedabad, Gujarat | political celebration, communist party, masses of peoples. © GMC Photopress, gmc1@gmx.ch

Narenda Modi halftert die Ghandi-Dynastie ab

Indiens Bevölkerung hat eine historischen Regierungswechsel vollzogen. Der Wahlsieg der hindunationalistischen BJP-Partei katapultiert das Land mit 1,2 Milliarden Menschen in ein neues Zeitalter. Narenda Modi, der vom Westen infolge des Massakers an Muslimen lange Geächtete, wird nun wieder von allen Staatschefs umworben. Vor allem die Beziehungen zwischen Indien und China dürften enger werden. Wer ist Narenda Modi und wohin steuert er sein Land? Allmytraveltips-Herausgeber Gerd Müller hat den BJP-Führer in vor einem Jahr in Ahmedabad, der Hauptstadt Gujarats getroffen.

Narenda Modi zelebriert und zementiert seine Macht auf der Basis des hindu-nationalistischen Fundamentes. Bild: GMC/Gerd Müller Narenda Modi zelebriert und zementiert seine Macht auf der Basis des hindu-nationalistischen Fundamentes. Bild: GMC/Gerd Müller

Der 63 jährige Narenda Modi aus dem Ghandi-Bundesstaat Gujarat tritt auf wie ein Heiliger und hält sich die Journalisten und Besucher mit zwei Dutzend schwerbewaffneten Soldaten und einigen Leibwächtern vom Leib, als er im neu gebauten Kongresszentrum in Ahmedabad im April 2013 vor die versammelten Gäste tritt. Rund 100 ausgewählte Journalisten und Top-Reiseveranstalter aus der ganzen Welt wurden damals auf Geheiss Modi’s nach Gujarat eingeladen, um den trockensten Bundesstaat und seine Reize kennenzulernen.

Der erste Eindruck für die meisten der ausländischen Besucher beginnt damit, dass man ihnen den Alkohol am Flughafen abnimmt. Denn Alkoholkonsum ist in Gujarat schon seit vielen Jahren verboten. Die Handschrift und Stossrichtung Modi’s wird schon bei Ankunft klar. Disziplin und Drill sind zwei Tugenden, die sich der Sohn eines Teeverkäufers schon früh verinnerlicht hat. Denn früh war er Mitglied bei der RSS, dem nationalistischen Freiwilligen-Corps, die auch eine grosse Verehrung für die Nazi’s und Hitler gezeigt hatten.

Narenda Modi und Gujarat's Tourismusminister in Ahmedabad im April 2013 am Gujarat Travel Mart. Bild: GMC/Gerd Müller

Narenda Modi und Gujarat’s Tourismusminister in Ahmedabad im April 2013 am Gujarat Travel Mart. Bild: GMC/Gerd Müller

Der aus armen Verhältnissen stammende junge Hindu hat sich mit eisernem Willen hoch gearbeitet und in den letzten zehn Jahren hat Modi Gujarat wie ein Unternehmen regiert und einer der ärmsten Bundesstaaten im Westen Indiens reformiert. Dabei half ihm sein Sarkasmus und sein Image als Winnertyp, der auch durch schlechte Zeiten gut hindurch kommt und auch durchgreifen kann. Modi ist ein ausgeprägter Machtmensch, der seine natürliche Autorität mit dem Pathos eines Heiligen geschickt kombiniert. Modi zementiert seine Macht auf der Basis der hinduistischen Religion. Das hinterlässt bei den 13 Prozent Muslimen im Land ein schaurig kribbelndes Gefühl.

Der Schandfleck des heiligen Aufsteigers

Doch dieser Aufsteiger trägt eine schweres Erbe mit sich herum, für das er seit Februar 2002 verantworten muss. In Godhra ging am 27.Februar ein Zug mit Hindu-Pilgern in Flammen auf. 58 Insassen kamen ums Leben. Der Verdacht einer Brandstiftung durch Muslime kam auf und ein wütender Hindu-Mob löschte kurzerhand mehr als 1000 Menschenleben aus. Modi wollte oder konnte dieser Tragödie nicht Einhalt gebieten und es blieb der Verdacht, dass er den Konflikt noch geschürt hat. Jedenfalls griff die Polizei nicht durch und liess den Mob gewähren.

Modi unnahbar: Narenda umgibt sich mit schwerbewaffneten Soldaten und Bodyguards. Bild: GMC Photopress/Gerd Müller

Modi unnahbar: Narenda umgibt sich mit schwerbewaffneten Soldaten und Bodyguards. Bild: GMC Photopress/Gerd Müller

Narenda Modi wird Indien dank seiner komfortablen Mehrheit gewiss viel straffer und organisierter führen, als sein Vorgänger Rahul Ghandi. Der Mann hat die Fähigkeit die Ghandi-Dynastie, die Indien wie keine andere geprägt hat, in den Schatten zu stellen. Rahul Ghandi, Sohn von Premier Rajiv, Enkel von Indira und Urenkel des Staatsgründers Jawaharal Nehru hat es nicht geschafft, dem Aufsteiger aus Gujarat die Stirn zu bieten.

Modi hat die Ghandi-Dynastie abgehalftert

Dem BJP-Spitzenkandidaten gelang es, die Mehrheit der Muslime und viele Bürger der Unterschicht hinter sich zu scharen. Er macht die Religion zur Politik und wählte den heiligsten Kral der Hindus, Varanasi, zu seinem Wahlkreis. Der Ort am Ganges gilt als heiligste Stätte des Hinduismus. Modi ist kein säkularer Politiker, er ist mehr ein Prophet, der seinem Land einen Weg in die Moderne verspricht. Und genau diesen Kurs fordert die wachsende Mittelschicht Indien’s. Sie wünschen sich ein von vielen religiösen Zwängen befreites Land und holen sich dazu paradoxerweise einen religiösen Führer ins Boot.

Modi unnahbar: Narenda umgibt sich mit schwerbewaffneten Soldaten und Bodyguards. Bild: GMC Photopress/Gerd Müller

GujaratsTourismus-,Transport-, Chief Minister Nahredra Modi, Gujarat Travel Mart, Ahmedabad | Gujarats Tourism-, Transport-, Chief-Minister Nahredra Modi, Gujarat Travel Mart, Ahmedabad-City. © GMC Photopress/Gerd Müller

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